Welche Sprache spricht man in der Ukraine?

Russisch oder Ukrainisch? Welche Sprache spricht man in der Ukraine?

Vor dem Hintergrund der jüngsten politischen Ereignisse, stellen sich immer mehr Menschen die Frage, welche Sprache nun eigentlich in der Ukraine gesprochen wird. Ich habe das Glück mit einem wundervollen Ukrainer aus Kiew liiert zu sein und habe in der Vergangenheit oft mitbekommen, dass mein Umfeld ihn – mal mehr, mal weniger wohlwollend- als Russen bezeichnet hat. Irgendwie war das da im Osten ja auch mal alles Sowjetunion. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben mehr Deutsche die Landkarte studiert und dieses Missverständnis scheint erstmal ausgeräumt.

Landkarte Ukraine mit Friedenstaube

Dabei verstehen die meisten Ukrainer sich durchaus als Brudervolk der Russen und verzehren gerne sowohl die russischen “Pelmeni” als auch die typisch ukrainischen “Wareniki”. Ich denke die kulturelle und geopolitische Verbindung der beiden Länder kann in Bezug auf Deutschland am ehesten mit unserer Nähe zu den Niederlanden in Verbindung gebracht werden. Ähnlich verhält es sich mit der Sprachverwandtschaft. Russisch ist in der Ukraine sehr weit verbreitet. Dabei wird vor allem in der Hauptstadt Kiew von ihren rund 3 Millionen Einwohnern Russisch gesprochen. Auch die größeren Radiokanäle liefen, meinen Beobachtungen nach, zumindest vor dem Krieg auf russischer Sprache.

Nach dem Fall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der Ukraine wurde im Jahr 1991 Ukrainisch als Landes- und alleinige Amtssprache festgelegt. Fast alle bis dahin russischsprachigen Schulen wurden in Ukrainischsprachige umgewandelt. In Kiew und im Osten und Süden der Ukraine war jedoch Russisch weiterhin die vorrangig gesprochene Sprache. Untersuchungen um das Jahr 2012 zeigten, dass rund 40-50% der Ukrainer angab, dass Russisch ihr Mutter- bzw. bevorzugte Sprache sei. Daraufhin wurde 2012 Russisch in 9 Bezirken der Ukraine als zweite Amtssprache eingeführt. Auch mein Mann und seine Familie sind russische Muttersprachler, beherrschen jedoch auch die ukrainische Sprache hervorragend. Im Zuge der Zuspitzung des “Ukraine-Konflikts” wurde im Jahr 2019 ein Sprachengesetz verabschiedet, mit dem Ziel der Förderung der ukrainischen Sprache, die vor allem verbindlich von Beamten während der Ausübung ihrer dienstlichen Pflichten verwendet werden sollte. Die dreijährige Übergangsfrist ist im Januar 2022 ausgelaufen und das Gesetz wurde in den russischen Medien oftmals mit einem “Verbot der russischen Sprache” gleichgesetzt. 

Ukrainer und Ukrainerin in Tracht in den Karpaten

Bei einer Reise in die Karpaten merkte ich plötzlich, dass sich die Sprachmelodie veränderte und ich trotz vertrauter Klänge noch weniger verstand als sonst. Das war natürlich bevor ich Tatjanas Kurse besucht habe 🙂 Ich erkannte ein ständig wiederkehrendes ”..treba…” und “…ne treba..”. Als ich meinen Mann darauf ansprach entgegnete er, dass er mit dem Eintritt in die ländlichen Gebiete auf Ukrainisch gewechselt habe und das häufig verwendete “Treba/ne treba” hieße so viel wie brauchen/nicht brauchen. Interessanterweise versteht mein Mann durch seine ukrainischen Sprachkenntnisse ausgezeichnet Polnisch. Polnisch und Ukrainisch seien wie Niederländisch und Deutsch. Man versteht die grundsätzliche Richtung, feilt an einer möglichst authentischen Aussprache und verpasst aber leider die Details des Gesprächs 🙂

Können Russen Ukrainisch verstehen?

Russen scheinen Ukrainisch jedoch nicht zu verstehen. Es verstehen und sprechen also fast alle Ukrainer Russisch, andersherum klappt es leider nicht. Auch die Aussprache einiger typisch ukrainischer Wörter stellt Russen (und andere “Ausländer”) vor eine Herausforderung. Dies ist so sprichwörtlich, dass bereits während des Zweiten Weltkriegs Spione dadurch überführt wurden, dass sie bestimmte Wörter aussprechen sollten. In Putins Krieg sind aus diesen Wörtern bekannte Memes geworden, die das Internet überschwemmen. Darunter z.B. das Wort „Paljanyzja“ [ein Leib Brot], welches in den russischen Medien oft fälschlicherweise mit “Erdbeere” übersetzt wird und das Wort лохина, welches Blaubeere bedeutet. Die Ukrainer können mit Hilfe dieser Wörter, die Ausländer zwangsläufig falsch aussprechen oder nicht kennen, russische Soldaten und Saboteure schnell überführen.

лохина und Paljanyzja ukrainische Wörter die Russen nicht kennen

Das deutschlandweite Interesse, die ukrainische Sprache zu lernen ist seit Kriegsbeginn rasant angestiegen und ich kann das eben aufgrund der Fluchtbewegung und auch der Schönheit der ukrainischen Sprache absolut nachvollziehen. “Meine” Ukrainer sprechen jedoch alle Russisch. Also werde ich zunächst weiterhin an meinem Plan festhalten, zunächst Russisch, die Muttersprache meines ukrainischen Mannes weiterzulernen. Trotz allem entstandenen Leid und unfassbarem Unrecht, welches durch Putins Krieg zwischen den Brudervölkern der Russen und Ukrainer entstanden ist, vertraue ich auf die Fähigkeit der Menschen zwischen Sprache und Agressor zu differenzieren. Für mich ist die Sprache in erster Linie ein verbindendes Element und ich bete und hoffe täglich auf Frieden und dass mir der Zugang zur russischen Sprache hilft, zu Menschen beider Völker eine Verbindung aufzubauen. 

 

Pasca / Paska: Rezept für ukrainisches Osterbrot

Rezept für ukrainische / russische Paska (auch manchmal Kulitsch Кули́ч)

Die Pasca oder auch Paska (russisch/ukrainisch: паска, Bedeutung Ostern), darf am orthodoxen Ostern auf keinem Ostertisch fehlen. Es handelt sich hierbei um ein fluffiges Milchgebäck mit Hefe, welches idealerweise mit Rosinen oder Zuccharde gespickt sein sollte. In Osteuropa und dem Kaukasus ist dieses Gebäck zu Ostern unter verschiedenen Namen sehr verbreitet, wobei es regionale Unterschiede in der Namensgebung und den Details der Zubereitung und Dekoration geht. So heißt das Gebäck in Russland z.B. Kulitsch und wird häufig mit Zuckerguss gefüllt, während Pa´sha (wie Paska gesprochen) in Russland oft eine österliche Quarkspeise bezeichnet, in Rumänien wird es häufig mit Symbolen aus Hefeteig (Blätter oder Kreuze) geschmückt. 

Da wir dieses Jahr -aufgrund des verheerenden Krieges- einen Teil unserer ukrainischen Familie und Freunde hier bei uns in Deutschland haben, haben wir beschlossen gleich zweimal zu feiern. Immerhin ist Ostern wirklich ein Fest der Hoffnung und der Wiederauferstehung und damit auch ein bisschen der Glaube an ein eigentlich unmögliches Wunder! Ich denke, dass ist es was die Ukraine, die Ukrainer*innen und wir alle brauchen: Frieden auf der Welt!
Nachdem vorangegangenes Wochenende sozusagen der Probelauf für die orthodoxe Osterbäckerei war (es gab auch traditionelles deutsches Hefegebäck), so geht es dieses Wochenende in die Vollen. Die Fotos der hübschen “Pasotschki” haben im Deutsch-Kurs meiner Schwägerin die Runde gemacht und nun, für das orthodoxe Osterfest, möchten alle ein Stück “verzehrbare Heimat” erhalten. 

Pasca und Osterkörbchen

Durch den Krieg ist es sogar hierzulande schwer, an gewisse Zutaten zu kommen (An dieser Stelle einen schönen Gruß an alle Hamsterkäufer da draußen ;). Da mittlerweile durch Mundpropaganda über 100 Leute eine Paska haben wollen, hatten wir außergewöhnliches Glück in einem türkischen Lebensmittelladen über 25kg Säcke mit Mehl zu stolpern. Abgabe in haushaltsüblichen Mengen: 1 Stück. Wir schleppten unsere Beute nach Hause und Olena und Lilia haben sich sofort an die Arbeit gemacht. 

Wirklich wichtig bei der Paska ist nämlich, dass sie auf keinen Fall an Karfreitag gebacken werden darf, der ähnlich wie bei Evangelen und Katholiken ein absolut stiller Feiertag ist! Auch gilt -ähnlich wie beim Einkochen von Obst- und Gemüsekonserven- die Regel, dass Frauen während ihrer Regelblutung nicht am Backprozess teilnehmen. 

Um die Zubereitung der Paska ranken sich vielerlei Mythen und Erzählungen. So berichtete meine Schwiegermutter aus ihrer Kindheit (die sie ja in Kiew, zur Zeit der vermeintlich religionsfreien Sowjetunion erlebte), dass während der Gehzeit und dem kompletten Backprozess absolute Ruhe in der Küche und im Haus herrschen mussten. Die Kinder schlichen auf Zehenspitzen um die Mutter und Großmutter herum, um den Teig nicht zu verderben. 

Ruhe gibt es situationsbedingt bei uns zu Hause gerade nicht. In jedem verfügbaren Zimmer wohnen Ukrainer*innen und wir. Und mit Hund und Kindern ist es immer ein wenig laut. Umso bemerkenswerter, dass Olena bereits letztes Wochenende absolut vorzeigbare Exemplare kreiert hat. Wir denken es ist ihre innerliche Ruhe und Ausstrahlung, die das Gelingen des Teigs maßgeblich trotz äußerem Chaos beeinflusst haben. Da es unwahrscheinlich ist (morgen am orthodoxen Karfreitag wird nicht gebacken), alle Anfragen nach “Pasotschki” zu befriedigen, habe ich Olena gebeten den Backprozess begleiten zu dürfen, so dass ein paar Kurzentschlossene mit Zugang zu einer Küche (und Mehl) vielleicht noch selbst tätig werden können.

Pasca und traditionelle orthodoxe Osterkörbe

Hier zum Rezept für traditionelle ukrainische “Pasca”. Die Mengenangabe ist bewusst groß gerechnet (ca. 4,5 kg “Endprodukt”), da es sich so gehört, dass man seinen Nachbarn, Freunden und Familie eine Pasca mitbringt. In Frischhaltefolie gewickelt halten sie eine ganze Weile und können auch wenn sie trocken sind mit Milch genossen werden. Wenn dein Bekanntenkreis kleiner ist, empfehle ich den klassischen Dreisatz anzuwenden :). Mit Zubereitungs-, Geh- und Backzeit benötigt das Rezept rund 5 Stunden. Dementsprechend lohnt es sich wirklich eine größere Menge zu produzieren.

Zutaten für ukrainische Oster Paska

Vorteig für die Paska:

  • 3 Päckchen frische Hefe
  • 1 l Milch
  • 1 kg Mehl
  • 1 Prise Salz 

Hauptteig für die Paska:

  • 12 Eier (trennen, beide Bestandteile werden benötigt!)
  • 600 g Zucker 
  • 400 g flüssige Butter
  • 1 kg Mehl 
  • Vanillezucker oder gemahlene Vanille (1 TL)
  • Rosinen (oder Cranberries oder Orangeat/Zitronat)

Verzierung der ukrainischen Paska

  • 1 Eiweiß
  • 1/2 Glas Puderzucker 
  • Saft einer halben Zitrone
  • Zuckerstreusel
  • Ostermotive aus Oblaten
  • Schokostreusel….

Zubereitung der orthodoxen Osterspeise Paska: 

Den Vorteig bereitest du zu, indem du die Milch erwärmst (lauwarm!) und darin die frische Hefe auflöst. Das Mehl vermischt du mit dem Salz und siebst es in den Vorteig. Dieser muss dann eine Stunde an einem warmen Ort aufgehen. 

In der Zwischenzeit weichst du die Rosinen in heißem Wasser ein. 

Für den Hauptteig nimmst du zunächst die 12 Eigelb und rührst diese mit dem Zucker und der Vanille glatt. Hier hinein hebst du den Vorteig unter. Nun muss die flüssige Butter eingerührt werden. Das komplette Eiweiß wird steif geschlagen und ebenfalls vorsichtig unter die Masse gehoben. Zuletzt wird noch ein Kilo Mehl in den Teig gesiebt, alles gründlich mit einem Holzlöffel gerührt und eine weitere Stunde an einem warmen Ort gehen lassen.

In der Zwischenzeit schüttest du die Rosinen ab, lässt sie abtropfen und bestäubst sie mit Mehl. Nun kannst du auch die Vorbereitungen für die Förmchen treffen. Wir haben zu diesem Zweck allerlei saubere, leere Konserven-Dosen aufbewahrt, die wir nun sorgfältig mit zugeschnittenem Backpapier auskleiden. Feuerbeständige Töpfe erfüllen denselben Zweck. Normale Springformen eignen sich nicht besonders, da sie nicht hoch genug sind und die typische zylindrische Form nicht erreicht wird. Die Pasotschki gehen im Ofen nochmal ordentlich hoch! 

Den Teig erneut durchrühren, die Rosinen oder das Orangeat hinzufügen und den Teig auf die Förmchen aufteilen. Hierbei sollten die Förmchen maximal bis zur Hälfte gefüllt werden, da der Teig im Ofen noch hochgehen sollte. 

Nun werden die Pasotschki bei 150°C Ober-/Unterhitze in den Ofen geschoben. Dabei kommt es nun sehr auf die Größe deiner Formen an wie lange der Backspaß dauert. 

Die kleinen Dosen können nach einer guten Stunde entnommen werden, die mittleren nach 90 Minuten und die ganz großen benötigen rund 2 Stunden. Es empfiehlt sich in der Nähe zu bleiben und im Zweifel die berühmte Stäbchenprobe vorzunehmen. 

Nach dem Backen sollten die Pasotschki zum Abkühlen aus den Förmchen entnommen werden. Sobald sie kalt sind werden sie mit Zucker-Eischnee bedeckt und nach Lust und Laune verziert. Dazu trennst du erst das Ei, schlägst das Eiweiß steif und lässt langsam Zucker und Zitronensaft einrühren und lange lange mit dem Mixer rühren! Ich empfehle kleine Mengen Guss nach Bedarf anzurühren (immer ein Eiweiß), da der Guss schnell fest wird und dann schlecht zu verarbeiten ist. Christos Woskres! – Gesegnete Ostern!

Orthodoxe Ostern – Osterbräuche

Wie wird das Ukrainisch-Orthodoxe Ostern gefeiert?

Dieses Jahr sind kriegsbedingt unsere Verwandten und Freunde teilweise bei uns im noch sicheren Deutschland, so dass wir in den Genuss kommen das Osterfest zweimal zu feiern, dieses Jahr direkt zwei Wochenenden hintereinander. Ich denke unter den deutschen Familien, die Ukrainer*innen bei sich aufgenommen haben, stellen sich viele die Frage:

“Wie geht ukrainisch-orthodoxes Ostern?”

Wir hatten 2021 das Glück während der Osterzeit die Ukraine bereisen zu können. Abgesehen davon, dass die Landschaften unfassbar Blütenreich und üppig in den Landesfarben der Ukraine erstrahlten (alles gelb von Milliarden Löwenzahnblüten, darüber leuchtend blauer Himmel, der jedem Horizont zum Trotz unerreichbar schien), überraschte mich vor allem die weit verbreiteten Fastenspeisen in der Vorosterzeit. Jedes noch so kleine Restaurant hatte fastentaugliche Speisen im Angebot oder konnte sofort darauf umschwenken. Als Selbstexperiment waren wir zu dem Zeitpunkt vegan unterwegs und kämpften mit einigen Schwierigkeiten diesen Begriff zu vermitteln. Nachdem meinem Falken eingefallen ist, dass das orthodoxe Fasten ja überwiegend ein Verzicht auf tierische Produkte ist, bestellte er immer fastentaugliche Speisen und plötzlich bekamen wir selbst im tiefsten Bukowina, wo noch nie der Begriff “vegan” gehört wurde delikate Menüs aufgetischt, die einmal sogar veganen “Käse” aus Nüssen beinhalteten! Durch dieses Erlebnis wurde mir noch deutlicher bewusst, wie tief verwurzelt die Ukrainer in ihrem orthodoxen Glauben sind und wie weit verbreitet auch der gelebte Glaube, die Bräuche und Traditionen wie die Fastenzeit (zusammengenommen rund 180 Tage im Jahr!) sind. Veganes Essen in der Ukraine Orthodoxe Fastenspeisen

Unterschiede und Gemeinsamkeiten beim Ostern feiern westliche Kirchen und östliche Kirchen

In vielen Bereichen ähneln sich die orthodoxen und evangelisch-katholischen Bräuche, stammen doch viele noch aus einer Zeit vor der Christianisierung. So dreht sich auch im orthodoxen Brauchtum alles um Hefegebäck, bunt bemalte, versteckte Eier und Zeit mit der Familie aber eben auch noch mehr um den Glauben (zumindest was ich in meinem überwiegend konfessionslosen, deutschen Umfeld im Vergleich zu meinem ukrainischen Umfeld beobachten konnte).

Ein ukrainisch-orthodoxer Gottesdienst beginnt traditionell noch in der Nacht zum Ostersonntag um 23:30 Uhr. Übrigens gibt es in der ukrainisch-orthodoxen (wie auch in der russisch orthodoxen) Kirche keine Sitzplätze, so dass während der gesamten Feierlichkeiten gestanden wird. Der Gottesdienst dauert bis morgens 3:00 Uhr, jedoch kann man während der gesamten Zeit kommen und gehen und sich vorsichtig zwischen den Betenden und den Ikonen bewegen und Kerzen anzünden. Die österliche Begrüßungsformel des Würdenträgers an die Gemeinde lautet: “Christos woskres!” (Christus ist auferstanden!). Die einstimmige Antwort der Gläubigen erfolgt durch ein: “Wo istinu woskres!” (Er ist fürwahr auferstanden!). An Ostern ist es gegenüber gläubigen orthodoxen Ukrainern üblich diese Formel zur Begrüßung dreimal zu wiederholen. Wenn Dich also ein Ukrainer an Ostern (egal welchem Ostern 🙂 mit “Christos woskres!” begrüßt, erfreust Du ihn mit einem ”Wo istinu woskres!”. Dieses hin und her wird traditionell dreimal wiederholt. 

Orthodoxe Frau in der Kirche Kopfbedeckung orthodoxe Kirche

Die Gläubigen bringen zumeist Körbe mit den österlichen Speisen (Osterkuchen “Pasca” manchmal auch „Kulitsch“, Osterbrot und gefärbte Eier) mit, die während der zeremoniellen Prozession um die Kirche, die den Leidensweg Christus darstellt, gesegnet werden. Weit verbreitet ist der Glaube Wasser segnen zu lassen. Dieses Osterwasser soll daraufhin das ganze Jahr sicher verwahrt werden, bleibt frisch und soll bei zahlreichen Krankheiten helfen. Ein Freund meines Falken hat uns vor einer schwierigen Fahrt in die Ukraine mit solchem heiligen Oster Wasser gesegnet und besprenkelt und wir sind tatsächlich heile aus allen Schwierigkeiten rausgekommen. 
Rein Ukrainisch-orthodoxe Gemeinden, die nicht dem Moskauer Patriarchat unterstehen, gibt es in Deutschland meiner Recherche nach wenige. In Köln ist die uns am nächsten gelegene, die dem Kiewer Patriarchat angehörig ist. Der Ostergottesdienst findet dort am Ostersonntag auch familienfreundlich am Vormittag statt, so dass man auch bei weiterer Anreise mit Kindern (und “Pasca” 🙂 nicht auf den Ostergottesdienst in einem ukrainisch-orthodoxen Gotteshaus verzichten muss. (Update: Inzwischen haben sich in Folge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine beide ukrainisch-orthodoxen Kirchen vom Moskauer Patriarchat losgelöst. Dazu habe ich hier einen spannenden Artikel verfasst!)

Osterspeisen Pasca Paska Osterbrot Hefezopf Osterfest

Der restliche Ostersonntag wird -ähnlich wie in Deutschland- im Kreis der Familie verbracht, wobei es im Gegensatz zum hiesigen Familienverständnis in der Ukraine durchaus üblich ist, das Familienpicknick auf dem Friedhof am Grab der verstorbenen Verwandten abzuhalten. Vermutlich daher finden sich auf vielen orthodoxen Friedhöfen in der Ukraine kleine Bänke und auch Tischchen an den Gräbern. Es ist gute Sitte ein Becherchen oder Tellerchen mit ein paar Happen der gesegneten Ostergaben auf dem Grab zu platzieren. Nachdem sich die Seelen der Verstorbenen an Ostergebäck, Paska, Braten und Eiern gelabt haben und alle Gäste heimgekehrt sind, übernehmen Vögel und Ameisen die Kontrolle über das Buffet. Ihr Ostermal beginnt traditionell in den Abendstunden des Ostersonntags ;). 
Übrigens nennt man in unserer ukrainischen Familie die Hauptbestandteile der Osterspeisen (Kalter Braten, “Pasca” und Eier) liebevoll die “Österliche heilige Dreifaltigkeit” und der üppig genossene Horilka (ukrainischer Schnaps) wird euphemistisch als “Osterwässerchen” umschrieben. 

Der Ostermontag spielt im ukrainisch-orthodoxen Glauben, soweit ich in Erfahrung bringen konnte, keine oder zumindest keine große Rolle als Feiertag. 

Du möchtest mehr über ukrainische Bräuche und Traditionen erfahren?

Hier auf dem Blog findest du weitere Berichte von unseren Reisen , den Menschen die aus der Ukraine zu uns gekommen sind, einem traditionellen Oster Rezept für ukrainische “Pasca” und noch einiges mehr. Wir freuen uns, wenn du immer mal wieder vorbeischaust!

Orthodoxe Ostern – Osterzeit

Wie feiert man Ostern in der Ukraine?

Teil 1 – Hintergründe und orthodoxe Osterzeit

Vorab möchte ich sagen, dass ich nicht alle orthodoxen Religionen im Detail kenne und viele Informationen von meinen ukrainischen Anverwandten und Freunden erfragt habe. Die orthodoxen Kirchen in der Ukraine sind einen eigenen Beitrag wert, gibt es mittlerweile zwei ukrainisch-orthodoxe Kirchen, von denen jedoch eine dem Moskauer Patriarchat unterstellt ist. Ich versuche die mir fehlenden Informationen bestmöglich zu recherchieren, wenn Dir aus orthodoxer oder anderer Sichtweise etwas auffällt oder Du Ergänzungen hast, so freu ich mich auf eine Nachricht von Dir!

Jesus am Kreuz Ukrainisch Orthodoxe Ostern

Was wird am Ukrainisch-Orthodoxen Ostern gefeiert?

Wie am katholisch-evangelischen Ostern auch, wird während der orthodoxen Osterzeit dem Leid, der Kreuzigung und der Wiederauferstehung Jesus gedacht. Häufig wird das Osterfest größer gefeiert als Weihnachten, es bildet das wichtigste Fest im Jahresverlauf (ukrainisch-) orthodoxer Christen.

Grab Jesu Christi Auferstehung Symbolbild

Wann ist die Ukrainisch-Orthodoxe Fastenzeit vor Ostern?

Im Evangelisch-Katholischen Glauben beginnt die Fastenzeit am Aschermittwoch, nach Karneval und endet am Gründonnerstag, wenn die Kirche dem letzten Abendmahl von Jesus und seinen 12 Jüngern vor seiner Kreuzigung am Karfreitag gedenkt. 

Das ukrainische bzw. ostslawische Equivalent zum Karneval ist die “Masleniza” (russisch Масленица), die  “Butterwoche”. Ähnlich wie der Karneval ist sie heidnischen Ursprungs und eine Verabschiedung des Winters. Dieses Brauchtum ist mit der Christianisierung der Rus ebenfalls in den orthodoxen Festzyklus eingebettet worden. Dies ist eine Zeit der ausgelassenen “Völlerei” (Fleisch ist bereits untersagt, der Verzehr von Milchprodukten (Butter!), Eiern und Fisch jedoch noch gestattet) vor der orthodoxen Fastenzeit. Nach einer Woche der Genüsse wird ab dem ersten Montag nach der Butterwoche sieben Wochen lang gefastet. Dies ist die längste und wichtigste Fastenzeit im orthodoxen Kirchenjahr, das sogenannte “Große Fasten” (“Великий пост” [welikij poßt]). In diesem Jahr bedeutet das eine Fastenzeit vom 7. März bis zum 23. April. Beim Fasten kommt es vor allem auf die geistige Reinigung an (Vertreibung böser Gedanken, Zähmung seines Zorns, nicht Lügen, Verzicht auf körperliche Gelüste und Ablenkung). Ende der orthodoxen Fastenzeit ist der Ostersonntag. 

Maslenitza Butterwoche Pfannkuchenwoche

Wann wird das Ukrainisch-Orthodoxe Ostern gefeiert?

Im Gegensatz zur westlichen Christenheit (gregorianischer Kalender), wird für die Berechnung des orthodoxen Osterns der julianische Kalender verwendet und auch der Mondzyklus zu Grunde gelegt. Meistens folgt der julianische Kalender dem gregorianischen um 13 Tage nach, durch den Mondzyklus kann es jedoch in Ausnahmen sogar zu einer Überschneidung der beiden Feste kommen. Im 4.Jahrhundert wurde nämlich festgelegt, dass Ostern auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang stattfindet.  In diesem geschichtsträchtigen Jahr, 2022, ist das orthodoxe Osterfest genau eine Woche nach dem “deutschen” bzw. Evangelisch-Katholisch-Gregorianischem Ostern angesetzt (Ostersonntag Orthodox: 24.04.2022). Dieses Datum teilen sie sich mit anderen orthodoxen Religionen wie der Russisch-Orthodoxen oder der Griechisch-Orthodoxen Religion.

Ukraine Krieg und Flucht – Plötzlich Großfamilie

Ukraine Krieg bring ukrainische Verwandte und Freunde nach Deutschland

Ich möchte hier nach langer Pause weiter berichten. Mich bewegen die Schicksale. Für mich sind das nicht Nachrichten die mich schockieren, so wie die Bilder aus Kriegsgebieten wo ich die Länder noch nicht selbst bereist habe, vielleicht nicht einmal Menschen kenne die dort her kommen. Das ist schon schlimm und man spendet und überlegt sich Hilfsangebote. Doch irgendwie ist es abstrakter. Diesmal ist es für mich ein persönlicher Angriff auf meine Familie auf meine Werte. Putin hat die Heimat meines Falkens, das zweite Heimatland meiner Küken angegriffen. Städte und Menschen zerstört und getötet die ich kennen und lieben lernen durfte. 

Symbolbild Russland Ukraine Krieg und Flucht

Nach fast drei Wochen der Ungewissheit, des Hoffens und Bangens hatten wir endlich die (Stief-)Schwester meines Falkens zur Flucht “überreden” können. Sie war noch nie in Deutschland gewesen, ihr einziger Auslandsaufenthalt, in Tschechien bei einer Tante, war ihr schlecht in Erinnerung geblieben und zudem groß ihre Heimatverbundenheit und das Unrechtsempfinden, dass mit diesem Überfall auf ihr Zuhause einhergeht. Irgendwann überwog vermutlich die rationale Überlegung, dass Deutschland für sie und ihre Tochter der sicherere Ort ist. “Dort können wir nichts für dich tun!- Idi ka me (komm zu mir)!” Dieser verzweifelte Satz unter Tränen brach in einem Gespräch aus meinem Falken raus zusammen mit dem Versprechen ihre Flucht zu organisieren und sie in Polen abzuholen. 

Mit finanzieller Unterstützung aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis konnten wir in kürzester Zeit einen 9 Sitzer organisieren und mein Falke fuhr mit seinem Schwiegervater los. Durch einige – im Nachhinein unglückliche – Entscheidungen war auch meine in Deutschland wohnende Schwiegermutter zum Zeit des Kriegsbeginns in Kiew zu Besuch bei ihren Freundinnen. 

Ich organisierte in Windeseile die Küken zu meinen Eltern und fing wie manisch an, weiter aufzuräumen, Bettwäsche von Bekannten und Nachbarn zu erfragen, die neuen Gästezimmer herzurichten und einige Kleinmöbel- wie Kommoden zu kaufen. Mein Falke fuhr in dem Moment los, als Schwester, Mutter und seine 5-jährige Nichte nach 8 stündiger nervenaufreibender Fahrt von Kiev in Lemberg angekommen waren und erwarteten, sich Richtung polnischer Grenze zu begeben. Wie durch ein Wunder kamen sie schnell durch die Grenze und keine 25 Stunden nach dem Losfahren, kam der Sprinter voller Ukrainer wieder zurück nach Dortmund. Es war sogar noch Platz für eine weitere ukrainische Mutter mit ihren zwei Söhnen (8 und 16 Jahre alt) gewesen. Sie fuhren direkt weiter, um erstmal bei der Mutter meines Falken und seinem Stiefvater, ihrem Mann, unterzukommen. 

Kaum hatten wir Schwester und Nichte die Dusche gezeigt, sie gefüttert und mit dem Nötigsten versorgt, fielen die beiden und mein Falke in einen tiefen Schlaf. Groß war die Erschöpfung und die ganze Aufregung. Das war Donnerstag Abend. In der Zwischenzeit hatte sich für uns recht überraschend mein Schwiegervater mit seiner jetzigen Frau inklusive kleinem Kätzchen („Babulka“) angekündigt. Sie kamen nachts im eigenen Auto jedoch ohne Navi, ohne Internet irgendwo in Dortmund an und mussten bis zum Morgen warten, bis sie in Erfahrung bringen konnten, wo genau sie sich befanden, so dass wir sie endlich einsammeln konnten. Freitag morgens, im Morgengrauen, tranken wir ein wenig Tee zusammen und machten uns nachdem Schwester und Nichte wach waren, direkt auf um sie als Geflüchtete zu registrieren. 

Unsere Wohnung war nun quasi über Nacht das Zuhause einer Großfamilie im Patchwork Stil geworden. 

Ukrainische Familie in Deutschland Flüchtlinge Ukraine

Zusammenleben mit geflüchteten Ukrainern

Groß die Wiedersehensfreude, ein riesen Stück Erleichterung, schlechtes Gewissen den Zurückgebliebenen gegenüber, Unsicherheit im Umgang und Nachfrage mit den traumatisierenden Erlebnissen, die Sorge uns zur Last zu fallen – ein Potpourri der Gefühle und Gedanken. Stellvertretend für unsere Gehirne brachen erstmal sämtliche Rohrleitungen in unserer Wohnung zusammen. Alle Leitungen verstopften abwechselnd, das Treppengeländer brach ab und zeigte sinnbildlich unseren persönlichen Zustand.

Wir haben -im Gegensatz zu anderen- das unfassbare Glück unsere Familie größtenteils nun hier zu haben. Es ist schön, laut, traurig und lustig, entlastend und anstrengend. Herzzerreißend und von wahnsinniger Ohnmacht, wenn neue Nachrichten eintreffen und wieder jemand aus dem Bekanntenkreis von diesem sinnlosen Krieg aus dem Leben gerissen oder schwer verwundet wird. Es bleibt das unumstößlichen Versprechen, dass wir alles in unserer Macht stehende tun werden, um den Menschen zumindest hier zu helfen. 

UPDATE: Nach über 4 Monaten ist „unsere letzte“ Ukrainerin ausgezogen. Nun haben wir wieder mehr Privatsphäre, Zeit für uns und wie mein Küken betont „mehr Platz“. Trotz nervlicher Überbelastung bin ich froh, dass wir helfen konnten, auch wenn die Enge und blank liegenden Nerven zum Hochkochen einiger alter Konflikte geführt hat. Wir haben für 6 Menschen ein komplett neues Leben eingerichtet. Eine möblierte Wohnung für zwei gefunden, eine weitere Wohnung die wir selbst komplett eingerichtet haben, eine Dame ist mittlerweile zu Verwandten nach Tschechien weitergereist, eine Dame hat eine neue Liebe gefunden und ist bei dem sympathischen Herrn den wir uns genau angesehen haben eingezogen, eine jüngere Studentin haben wir in einer befreundeten WG untergebracht wo sie sich wohl fühlt und bereits die komplette Konversation (nach 4 Monaten Sprachkurs und täglichem exzessiven Lernens!) auf Deutsch führen kann. Es ist eine Erleichterung weitestgehend den Behördenkram abgearbeitet zu haben und zu sehen, wie die Ukrainer mittlerweile recht selbstständig in unserer Stadt unterwegs sind und sich trotz der Nachrichten aus der Heimat weitestgehend eingelebt haben. 

Als Ukrainisch-Deutsche Familie den Kriegsbeginn erleben

Die Ukraine vor dem Krieg

Lange war es still auf unserem kleinen Blog. Erst im Herbst letzten Jahres hatte ich alle meine wenigen Computerkenntnisse zusammengenommen und endlich meinen Traum eines Kultur und Reiseblogs verwirklicht. Schwerpunkt als Ukrainisch-Deutsche Familie, natürlich Osteuropa und vor allem die Ukraine. Als die Deutsche in unserer Familie war es mir ein besonderes Anliegen, dass hier zu Lande oftmals vorherrschende Bild über die Ukraine aufzubessern. “Das ist doch ein furchtbar armes Land?”, “Ihr wollt da hinfahren, im 5. Monat schwanger? Was ist wenn du zum Arzt musst?”, “Ist es dort überhaupt sicher?”, “Die Straßen da sind doch katastrophal, wie wollt ihr da mit eurem alten T3 durchkommen?” “Ist das nicht ein Teil von Russland?”… Nach etlichen, zum Teil längeren Aufenthalten kann ich rückblickend sagen, dass die Ukraine für mich ein kleines Paradies war.

Natürlich gab es Korruption, vor allem die Grenzbeamten waren jedes Mal enttäuscht, wenn sie von uns keinen Beitrag zur “Teekasse” herauspressen konnten. Und ja die Straßen waren zum Teil schlecht, jedoch konnte man die letzten 5 Jahre merken, dass alle Anstrengungen unternommen wurden die Situation zu verbessern. Jedes Jahr aufs Neue fuhren wir zum Teil mehrmals in die Ukraine und erfreuten uns sowohl an den neuen Straßen, als auch an den löchrigen Rumpelpisten auf denen unser Bulli wie ein altes Dampfschiff ins Schaukeln geriet und unsere Küken zuverlässig einwog. Es gab viele arme Menschen, doch auf dem Land hatten zumindest viele ein eigenes Haus und konnten den Großteil ihrer Lebensmittel aus Subsistenzwirtschaft decken. In den Städten verdienten sich viele Menschen ihr Zubrot zur Rente durch Flohmärkte am Straßenrand und den vielfältigsten Handel. Die Ukraine war bestimmt noch nicht dort angekommen wo sie sein sollte und meiner Ansicht nach hatte sie auch noch lange nicht den Platz in der Welt eingenommen der ihr zusteht. Nun gab es den Konflikt in der Ukraine schon so lange ich meinen Falken kenne und in die Ukraine mit ihm reise. Der Anblick von Soldaten, Truppen und manchmal auch Kriegsversehrten war mir in diesem Kontext in der Ukraine vertraut, aber wir hatten stets den Gedanken an eine mögliche Zuspitzung des Konflikts beiseite geschoben. Das fiel angesichts der Gastlichkeit, des Wiedersehens mit Freunden und Familie, der schönen Ausblicke und Ausflüge nicht schwer. 

Friedensdemo gegen Putins Krieg für Frieden in der Ukraine

Kriegsbeginn in der Ukraine

Als Putin am 24.02.2022 die Ukraine überfiel, stiegen in mir alle Bilder der letzten Jahre hoch. Die Nachrichten über Luhansk und Donezk. Soldaten und Panzer die Richtung Ostukraine zusammengezogen wurden. Die Einschusslöcher, die Gedenktafeln, die Blumen am Maidan in Kiew. Die beiden verwundeten Soldaten, die wir im Riesenrad in Kiew getroffen hatten. Ihr Blick. Die Verschärfung von Putins Wortwahl im vergangenen Jahr. Die Familien vom Bulli-Treffen in Odessa im Sommer. Die Familienväter, größtenteils der ukrainischen Armee zugehörig, selbst in der Sonne voll dunkler Vorahnung. Mein Gehirn mühte sich ab die alten und neuen Bilder in Einklang zu bringen. Völlig ungläubig ging ich mit meinem Falken die Neuigkeiten durch. Über russischsprachige und ukrainische Netzwerke bekommt er die Informationen rund 4-6 Stunden, bevor ich sie auf deutschen oder englischen Nachrichtenseiten finde. Bereits in den Wochen vor dem Krieg, als sich alles zuzuspitzen schien und wir unseren geplanten Besuch in Kiew vorsichtshalber absagten, gingen wir grob durch, wie wir Freunde und Familie im Zweifelsfall zu uns, nach Deutschland in Sicherheit bringen könnten. Zu dem Zeitpunkt glaubte von unseren Bekannten niemand ernsthaft, dass Putin und seine Berater einen offenen Krieg wagen würden. 

Karte der Ukraine mit russischen Panzern im Donbass

Als dann der Krieg in aller Brutalität und trotz etwaiger Vorzeichen völlig unvermittelt losging, setzte bei uns Fassungslosigkeit und eine absolute Hilflosigkeit, ja Ohnmacht ein. Wir versuchten alle Bekannten abzutelefonieren und herauszufinden, was wir tun könnten. 
Während die einen noch recht entspannt waren, auf Datschen fuhren, in der Hoffnung die Situation würde sich schnell beruhigen, waren andere schon längst im Zentrum der Gefechte, beantworteten Anrufe nur mit “Slava Ukraine- Schickt 4-Wheel-Drives und Munition”, waren andere bereits in Keller und Bunker geflüchtet, saßen andere in ihren Wohnzimmern und filmten scheinbar seelenruhig die Bombenangriffe auf den gegenüberliegenden Häuserblock. 
Es war aus der Ferne, hier aus dem sicheren Deutschland schon beinahe unerträglich sich Sorgen zu machen und so hilflos zusehen zu müssen. Wie Marionetten bewegten wir uns einige Tage wie ferngesteuert, versorgten unsere Kinder, redeten nur das Nötigste, erledigten irgendwie unsere Arbeit. Zwischendurch Nachrichten. Abends, die Kinder im Bett, kauerten wir uns auf dem Sofa zusammen, gingen weiter die Nachrichten durch, versuchten Kontakt mit Freunden und Familie aufzunehmen. Als ob man sie beschützen kann, indem man ihre Stimmen immer wieder hört. Die Nachrichten waren knapp. Krisenmodus, schlechter Empfang in den Kellern, keine nervlichen Kapazitäten zu reden. Geld konnte man schon keines mehr schicken um eine spätere Flucht vorzubereiten, die Banken und Geldgeschäfte waren- wie alles andere auch- geschlossen. Niemand wollte fliehen. “Das ist unser Zuhause!” – Diesen Satz hörten und lasen wir unzählige Male. 

Ukrainisches Mädchen in traditioneller ukrainischer Tracht

Menschen in und aus der Ukraine helfen

Ich weiß nicht wie lange diese unwirkliche Lähmung andauerte. Ich raffte mich irgendwann auf, ahnend, dass Menschen aus der Ukraine in Deutschland würden ankommen werden. Ich räumte das Rümpelzimmer auf dem Dachboden auf. Ich entschied, dass mein Arbeitszimmer (bestehend aus meinem Schreibtisch, etlichen Aktenordnern und einem unsortierten Haufen Papiere bestehend) eben so gut im Durchgangszimmer zum Flur aufgehoben wäre. Freunde meines Falkens halfen mir beim Möbelschleppen. 

Nun haben wir endlich ein paar Verwandte und Freunde zu uns holen können. Hier werden wir über ihre und unsere Erfahrungen berichten. Wir hoffen so weiter Mut machen zu können, einen Weg aus der Ohnmacht zu finden und weiter den Fokus auf das furchtbare Geschehen aus einem persönlichen Blickwinkel zu lenken und irgendwie Hilfe zu leisten, die ankommt.