Galina (60, Kropyvnytskyi) – Flüchtlinge aus der Ukraine berichten ihr Schicksal

Teil 2: Interviewreihe mit ukrainischen Flüchtlingen

Dies ist das zweite Interview unserer neuen Reihe, die in Kooperation mit dem Dortmunder Künstler und Fotografen Klaus Pfeiffer (www.klauspfeiffer.com) entstanden ist. Gemeinsam möchten wir den geflüchteten Menschen aus der Ukraine ein Gesicht und eine Stimme geben, ihnen die Möglichkeit geben ihre Erlebnisse zu teilen und den Leser*innen neue Blickwinkel zu eröffnen! Weiter unten findest du den Text in der russischen Version. Вы можете найти русский перевод ниже!  (Danke an Galina für das Interview und an Lisa B. für die Übersetzung!)

Galina, 60, Kropyvnytskyi (Zentralukraine) über ihr Leben zwischen Moskau und der Ukraine

Mir gegenüber sitzt Galina. Funkelnde wache Augen bringen Bewegung in das ebenmäßige, ruhige Gesicht mit dem perfekten Teint. Galina ist Grenzgängerin. Beruflich zwischen der langjährigen Tätigkeit im Strafvollzug und der Erziehung von Kindern sowohl in der Ukraine als auch als Kindermädchen in Moskau bei russischen Familien. Im Ukraine-Konflikt kennt sie beide Kriegsparteien, die Länder, deren Kultur und deren Kinder. Galina ist nun 60 geworden. Ihre Mutter stammt aus Sibirien. Ihre teilweise russische Abstammung reibt sie nun zwischen den Brudervölkern auf, wird gegen sie ausgelegt. Nachdem sie ihr Leben lang nie vor etwas Angst hatte, fürchtet sie sich nun vor dem Gefühl der absoluten Verständnislosigkeit, des Nicht-Begreifen-Könnens, der Fassungslosigkeit angesichts des Schreckens, der in der Ukraine passiert. Nach einem aufrüttelnden Schlüsselmoment während der ersten Kriegstage, verlässt sie trotz aller Bedenken die Ukraine…

Galina, Ukrainische Flüchtlinge erzählen vom Krieg

Galinas Arbeit im Strafvollzug während der sowjetischen Zeit und danach

Nach Schule und Ausbildung arbeitete Galina als Erzieherin in einem Kindergarten ihres Wohnortes in Kropyvnytskyi in der Zentral-Ukraine. Durch den Mangel an Wohnraum in dem damals sowjetischen System, wechselte sie umständehalber in den Strafvollzug. Die Stelle als Verwaltungsmitarbeiterin im Strafvollzug lockte mit einer dazugehörigen Arbeitswohnung. Zu einer Zeit, in der es gang und gäbe war, dass sich ganze Familien ein 12 m² großes Zimmer teilen und Sanitäranlagen sowie Küche gemeinschaftlich mit den Nachbarn im Haus genutzt werden, war dies ein unschätzbares Privileg. Galina hat 4 Kinder. 3 Töchter und einen Sohn. Sie sagte der Kontrast beim Jobwechsel ins Gefängnis sei einprägsam gewesen. Dennoch sei sie im Umgang mit den Menschen selbst vorrangig menschlich geblieben, gleichwohl ob sie einem Kind im Kindergarten oder einem Häftling in seiner Zelle gegenübergestanden habe. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt lag im wirtschaftlichen Teil der Haftanstalt. Ihr oblag der Einkauf des benötigten Inventars und die dazu notwendigen Bestandsprüfungen führten sie täglich durch die Zellen, in denen sie z.B. die Matratzen inspizierte, um die Anzahl der notwendigen Neukäufe zu berechnen.

Sie machte dort viele Bekanntschaften und lernte fürs Leben. Die größte Herausforderung war die ständige Wachsamkeit und das vorausschauende Denken, welche sie sich für ihr Überleben an ihrer Arbeitsstelle antrainieren musste.

In der Untersuchungshaft belegten 4-25 Häftlinge eine Sammelzelle. Ein Wärter bewachte die Zellentür, während sie umgeben von Dieben, Vergewaltigern, Mördern und Menschen die Kinderfleisch gegessen hatten, das Inventar inspizierte.
Die Insassen hatten viel Zeit und enorme Kreativität. In mühsamer Arbeit wurden Aluminiumlöffel auf den Betonböden der Zellen zu Waffen geschliffen. Obwohl sie selbst miterlebte, wie Mitarbeiter des Gefängnisses Opfer blutiger Angriffe durch Häftlinge wurden und so auch einer dieser Löffel aus der Nierengegend ihres Kollegen ragte, während er in Sicherheit getragen wurde, spürte sie nie Angst oder erlaubte es sich vielleicht nicht, darüber nachzudenken.  Aber immer und überall musste sie höchst wachsam sein.
Bestechungsversuche aller Art waren an der Tagesordnung. Dem Personal war lebhaft bewusst, dass nur ein angenommenes „Geschenk“ oder auch nur ein herausgeschmuggelter Liebesbrief sie umgehend selbst zu Inhaftierten in ebendieser Haftanstalt werden lassen könnte. Mitarbeiter die „die Seite wechseln“ sind in keiner Strafanstalt der Welt vor ihren Mithäftlingen sicher.

Galina, 60, Ukrainische Flüchtlinge erzählen vom Krieg

Galina ging, wie sie sagt auch mit Kompromittierungsversuchen „frech“ und geradeheraus um. Als den Häftlingen klar war, dass sie keine Bestechungen würde annehmen, gingen sie dazu über ihr heimlich Schmuck und Geld als „umgedrehten“ Taschendiebstahl in die Kleidung zu stecken. Leicht wäre es dann für die Häftlinge sie später wegen der vermeintlich angenommenen Güter beim Direktorat zu melden und darauf zu hoffen, dass sie zukünftig durch kooperativere Mitarbeiter ersetzt werden würde. Doch Galina erkannte das gefährliche Spiel und gewöhnte sich an, beim Verlassen jeder Zelle an sich selbst eine Leibesvisitation durchzuführen und jegliche „Geschenke“ mit einem freundlichen Lachen und einem scherzhaften „Hier, sortiert euren Plunder selber“ zurück in die Zelle zu werfen.

Die letzten 9 Jahre arbeitete sie in Moskau und betreute dort russische Kinder als privates Kindermädchen in deren Familien. Sie schildert viele schöne Momente mit den Kindern, die sie liebgewonnen hat und scheint ihre Tätigkeit dort gerne ausgeübt zu haben. Jeweils drei Monate verbrachte sie in Moskau, bevor sie für jeweils 3 Monate in die Ukraine zurückkehrte. So habe sie ihr halbes Leben der letzten Dekade in Russland gelebt.

Kriegsbeginn in der Ukraine und der Entschluss zu fliehen

Der Kriegsbeginn fiel in einen ihrer 3-monatigen Aufenthalten zu Hause. Eine der höchsten Fliegerschulen der Ukraine befindet sich in Kropyvnytskyi, ihrer Heimatstadt, die bekannt ist für den militärischen Ausbildungsstützpunkt. Wie kampfbereite Hornissen schwärmten alle verfügbaren Flugzeuge zur Verteidigung aus. Galina erinnert sich vor allem an den ohrenbetäubenden Lärm dieser Flugzeuge, das Dröhnen, dass jegliche Gedanken betäubte und das Beben im frühen Morgen, das sie zunächst glauben lies es sei ein Erdbeben.

Eine russische Militärkolonne mit Panzern sollte auf dem Weg in die Stadt sein, die wegen des elitären militären Ausbildungszentrums ein primäres Ziel der Russen darstellt. Sie macht sich mit ihrer Tochter, dem Schwiegersohn und ihrem 4-jährigen Enkel auf den Weg in ein privates Haus, dessen Keller als Schutzraum zur Verfügung gestellt wurde. Dort ereignete sich ein Erlebnis, dass ihre Einstellung zur Flucht grundlegend änderte: Dicht zusammengekauert warten sie unter dem Dröhnen der Flugzeuge im dunklen Keller auf das Eintreffen der feindlichen Panzer in wenigen Stunden. Ihr Schwiegersohn hatte mit einer Axt bewaffnet Posten an der Kellertür bezogen, um jeglichen Aggressor, der seiner Familie Leid zuzuführen gedenkt, rechtzeitig zu töten. Die Absurdität und Unverhältnismäßigkeit dieser Situation ließ etwas in Galina zerbrechen. Ihr wurde klar, dass er trotz seines eisernen Willens keine Chance hätte seine Familie mit dieser Axt zu schützen, würde die es die russische Kolonne nach Kropyvnytskyi schaffen. Sie fasste den Entschluss zu fliehen, würde sie diesen Keller lebend verlassen können.
Galina, Zentralukraine, Ukrainische Flüchtlinge im Interview zum Ukraine Krieg

Das Schicksal war ihr gnädig, der ukrainische Hornissenschwarm hatte es mit Hilfe von Bodentruppen geschafft den Vormarsch der russischen Panzer ein, zwei Stunden vor Erreichen der Stadt zu vereiteln. Sie floh mit Tochter und Enkel nach Deutschland, in Dortmund arbeitet eine weitere Tochter von ihr, die sie überglücklich in Empfang nahm.
In Deutschland fühlt sie sich durch die Sprachbarriere noch nicht richtig frei, überhaupt hat sie Schwierigkeiten die Situation in Gänze zu begreifen. Es fühlt sich immer noch unwirklich an. Nur wenn ihre Tochter bei ihr ist, fühlt sich für den Moment ungezwungen und kann es genießen spazieren zu gehen, zu bummeln, sich abzulenken. Sie hat endlich eine eigene kleine Wohnung bezogen. Eher ein Studio mit 20m², aber sie sagt es reiche ihr, um ein wenig zur Ruhe zu kommen und die Dinge zu verarbeiten soweit das überhaupt möglich sei. An Deutschland fasziniert sie, dass „bis in die tiefste Seele Menschlichkeit“ herrsche, sogar im Verwaltungsapparat sei man ihr als Mensch auf Augenhöhe begegnet, während sie in der Ukraine oft familiäre Beziehung hätte nutzen müssen um Dinge überhaupt geregelt zu bekommen.

Ihre Kinder seien nun alle im Ausland, ihr Sohn hatte zum Glück schon vor dem Krieg im Ausland gearbeitet, so dass er nun in Sicherheit sei. Durch engen Kontakt mit Familie und Freunden in der Ukraine bekommt sie jedoch weiterhin täglich den Schrecken des Kriegs und den Verlauf der Kampfhandlungen hautnah mit. Der Mann ihrer Schwester wurde von einer Granate schwer verwundet und ihre Hilflosigkeit angesichts dieses Leides macht ihr schwer zu schaffen.

Mitten in unserem Gespräch erreicht uns über die sozialen Netzwerke die Nachricht, dass entgegen allen Befürchtungen, einige der Kämpfer des Asow-Stahlwerks in einem Gefangenenaustausch in die Ukraine zurückgekehrt sind. Nach der langen Sorge um die tapferen Kämpfer, Angst vor Folter, lebenslanger Kriegsgefangenschaft oder möglicher Exekutionen in Russland, brachte diese Nachricht eine Wendung in unser Interview.

Reaktionen aus Russland – Auswirkungen Putins Kriegs Propaganda

Galina seufzt, dass das Militär, dass Putin so einen schrecklichen Fehler mit dem Angriff der Ukraine begangen habe. Niemand in Russland würde bis jetzt begreifen, dass der Punkt der Unumkehrbarkeit längst überschritten sei. Über 100 Jahre würde die russischen Schreckenstaten niemand auf der Welt verzeihen können.

Viele Gedanken steigen in ihr hoch. Bilder, wie die Eltern der Kinder die sie half großzuziehen und die Großeltern zombiert vor ihren Fernsehern sitzen und trinken. Sie habe sich immer gewundert, wie diese privilegierten Familien, die sich ein privates ukrainisches Kindermädchen leisten können, so wenig reflektiert auf die Welt schauen würden. In Moskau sei das kulturelle Angebot riesig, was sie jedoch beobachtet habe sei, dass vor allem die über 40-jährigen dem Wodka verfallen seien und ihre Freizeit vor dem Fernseher zubrächten. Später wenn die Protagonisten angetrunken genug gewesen seien, habe sie häufig Lobreden auf das alte Zarenreich und Phantasien über ein Großrussland mitbekommen.

Selbst mit einer sibirischen Mutter teilweise russischstämmig, habe sie jeher verletzt, dass die Russen den Ukrainern wie „Menschen zweiter Klasse“ begegnen würden. Ukrainern werde die volle Menschenwürde abgesprochen, sie seien gut genug, um für die Russen die niederen Arbeiten zu erledigen, sonst würde ihnen jede Kompetenz abgesprochen.
Als Galina Bilder von der Zerstörung und dem Krieg in der Ukraine in den sozialen Netzwerken hochlud und versuchte ein Bewusstsein für das geschehene Unrecht zu schaffen, brachen sogar Verwandte in Usbekistan den Kontakt mit ihr ab. Immer stehe der Vorwurf im Raum, sie als „zumindest“ halb-Russin wäre eine Nestbeschmutzerin, nachdem Russland ihr durch ihre Arbeitsstelle und Herkunft ihrer Mutter aus Sibirien so viel gegeben habe. Unverständnis, wieso sie zwischen Russland und der Ukraine, die Ukraine wählt, wenn sie per Abstammung doch die Möglichkeit hätte „etwas Besseres (im Sinne von „eine Russin“)“ zu sein.
 
Auch die Familien, die sie in Russland durch die Arbeit kennen gelernt hatte versuchte sie zu informieren und ihnen Bilder der aktuellen ukrainischen Realität zu vermitteln. Dabei ist sie sich ganz sicher, dass zumindest die jüngere Generation „ganz genau“ wisse und verstehe, was sich unter dem Vorwand der „Spezialoperation“ abspiele.
 
Doch von all den Familien, mit denen sie über die Jahre guten Kontakt aufgebaut hat, deren Kinder sie jahrelang liebevoll begleitet hat, hat sich keine einzige ihr gegenüber in irgendeiner Weise geäußert, zurückgemeldet, erkundigt. Alles was als Antwort auf ihre Nachrichten kam war tiefes, unaushaltbares Schweigen. 
Ich spüre tiefe Trauer bei Galina über so viel Ungerechtigkeit, mangelnde Empathie und Ignoranz.
Einzig ihr Vermieter aus Moskau meldete sich nach Wochen der Stille. Nach unzähligen Versuchen ihm Bilder des Kriegs, Zerstörung und Butscha zuzuschicken (etliche Bilder werden nach Galinas Aussage auch durch die russische Medienüberwachung und Algorhythmen abgefangen, so dass es nur ein Bruchteil der gesendeten Bilder zum Empfänger schaffe) reagierte er endlich auf ein Bild vom Borussiastadion in Dortmund, vor dem Galina mit ihrem kleinen Enkel posiert. Sie erhält eine kurze Nachricht aufrichtigen Bedauerns und der Klarheit: „Sehr beruhigt, dass Sie in Sicherheit sind. Es schmerzt mein Herz, dass mein Land als Aggressor auftritt.“

Endlich zumindest ein Mensch in Moskau, der die Situation in Galinas Sinne einzuschätzen weiß. Dennoch übermannt sie die Wut der Verzweiflung. Parallelen zum Zweiten Weltkrieg und dem „Nicht-Gewusst-haben“ der Bevölkerung kommen mir in den Sinn, vielleicht verstärkt, weil Galinas Familie jüdisch ist und mich das Paradoxon an den Rand der Hirnschmelze treibt, dass Putin in der Ukraine vorgeblich die „Entnazifizierung“ vorantreibt.

Galina 60 flieht vor Putins Krieg

Galina beschreibt Schicksale des Kriegs: „Ein Mann ging in Odessa Milch holen und muss bei der Rückkehr feststellen, dass sein Haus mit Frau, Schwiegermutter und seiner 3-monatigen Tochter einfach einem riesigen Krater gewichen ist.“ Galina ist rasend über die Feigheit der Vergewaltiger und Mörder von Butscha, die ihren Opfern noch die Hände verbanden, bevor sie ihre Gräueltaten an ihren verrichteten und sie töteten. Auch wenn sie daran zweifelt, selbst die Kraft zu haben einen anderen Menschen umzubringen, so wünscht sich Galina doch zumindest „den Feiglingen und Bestien die Babys und Kinder getötet haben, stellvertretend für die Mütter, die ihre Kinder nicht schützen konnten, die Augen auszukratzen“. Sie kann sich nach allem was sie gesehen und mitbekommen hat, nicht immer gegen den in ihr aufsteigenden Hass schützen, einem Hass der phasenweise so groß werde, dass sie in ihrer Verzweiflung „manchmal am liebsten das ganze Volk beerdigen würde“.

Das historische Unverständnis und der Vorwurf der Russen an die Ukrainer „die Ukrainer seien immer unter der Herrschaft von Polen, Zaren oder irgendjemanden gewesen und wüssten überhaupt nicht, was Freiheit sei“, während sie selbst in Russland im Spinnennetz einer fingierten Nachrichten-Landschaft mit totalitären politischen Strukturen in Unfreiheit lebten, empfindet Galina umso mehr als Anmaßung gegenüber den Ukrainern.

Galina erlebt die Ukrainer im Gegensatz zu den Russen als durch und durch freies Volk und ist überzeugt von der einigenden Wirkung des Krieges auf die Ukrainer. Diese manifestierten sich gerade zu nie dagewesener Einigkeit und Stärke. Sie ist sich sicher, dass es für die russischen Soldaten, die in der Ukraine waren, kein Leben in Frieden mehr geben wird. So viele ukrainische Männer und Soldaten hätten ihre Frauen, Kinder, Kameraden, einfach alles verloren und nicht nur einer habe geschworen, den Rest seines Lebens damit zu verbringen jeden einzelnen Kriegsverbrecher und auch die Verräter unter den Ukrainern zu finden. Jedem werde sein persönliches Urteil überbracht werden. Kein Befehlshaber, kein Kollaborateur, kein Rädchen im Getriebe des Aggressors werde zu unbedeutend sein um von der Rache der Überlenden verschont zu bleiben und die einzige Möglichkeit vor dieser Rache verschont zu bleiben, sei es jetzt auf Seite der Ukrainer zu kämpfen.

Die Ukraine sei wie ein Wespenvolk gewesen, das friedlich vor sich hin gelebt habe, bis die russische Armee es angegriffen habe.

Vom Westen würde sie sich schnellere und umfassendere Waffenlieferungen wünschen. Gerade Waffen mit Reichweite könnten aus Galinas Sicht helfen, zumindest strategische Stützpunkte der Russen außer Gefecht zu setzen und Nachschub zu unterbinden und damit den Krieg zu verkürzen.

Nach dem russischen Angriff bleibt Angst und Hilflosigkeit

Nachdem sie ihr Leben lang nie vor etwas Angst hatte, steht Galina nun vor der Angst des Nicht-Begreifen-Könnens, dem Abgrund der Hilflosigkeit angesichts einer Situation die sich jeglicher Kontrolle entzieht. Sie erschrickt selbst vor ihrem Hass, nachdem sie wirklich jedem noch so brutalen Straftäter in ihrem Beruf mit Menschlichkeit begegnet sei. Jedoch sagt sie dieser Hass, sei ja von den Russen durch ihre Taten und ihre Ignoranz selbst in den Ukrainern erzeugt worden. Vorher sei dort ja seitens der Ukrainer Brüderlichkeit gewesen.
Galina führt an, dass auf ukrainischer Seite rund 7 Millionen Menschen geflohen sein, vor allem Mütter mit Kindern. Auf russischer Seite seien rund 5 Millionen Menschen geflohen. Sie hätte sich gewünscht, dass diese Menschen in Russland auf die Straße gegangen wären. Putin hätte sie nicht alle verhaften können.

Sinnbildlich für die ihrer Meinung nach komplette Unterschätzung der Ukrainer durch die Russen und ein absolutes Armutszeugnis für Russland seien Bilder von den Plünderungen ukrainischer Dörfer durch russische Soldaten gewesen. Selbst in den ärmsten ukrainischen Ortschaften wären noch die ältesten Kloschüsseln, Waschmaschinen und sogar Hundehütten geklaut worden und die russischen Besatzer hätten sich verwundert darüber aufgeregt „Warum leben die hier besser als wir ???“

Das stehe symbolisch dafür wie wenig Wissensvermittlung über den Tellerrand und Aufarbeitung in Russland auch seit dem Zweiten Weltkrieg und der Sowjetzeit stattgefunden haben. Seit Stalin habe sich wenig verändert „Wer seine Meinung kundtut wird niedergeknüppelt“. Es habe historisch immer nur die Darstellung als Siegermacht gegeben, eigene Fehler und auch Verbrechen seien durch die nachfolgende Politik nie eingeräumt und aufgearbeitet worden.

Die Ukraine hingegen habe durch Selenskyi den alle, auch das eigene Volk  unterschätzt haben eine echte Chance bekommen. Galina wagt einen optimistischen Blick in die Zukunft. Sie denkt, dass Russland durch die eigene Ignoranz selbst zerfallen könnte und unser aller Kinder eine Verschiebung der Grenzen wahrnehmen können.

Als ich Galina frage, ob sie noch eine Botschaft habe, die sie den Lesern abschließend mit auf den Weg geben wolle, überlegt sie kurz. „Fernsehen ist ein Narkosemittel. Die Menschen müssen weniger Fernsehen und mehr Nachdenken.“


Галина, 60 лет, Кропивницкий 

(Русскоязычную версию можно найти здесь. Если вы можете предложить украинский перевод, пожалуйста, свяжитесь со мной. Даже если вы знаете кого-то, кто хотел бы дать интервью. Я буду счастлив)

Галина садится напротив меня. Сверкающие, настороженные глаза привносят движение в ровное, спокойное лицо с идеальным цветом. Галина пересекает границу. Профессионально между многолетней работой в СИЗО и воспитанием детей как в Украине, так и няней в Москве в русских семьях.
 
В украинском конфликте она знает обе противостоящие стороны страны, их культуру и их детей.
 
Галине исполнилось 60 лет. Ее мать из Сибири. Ее частичное русское происхождение теперь утомляет  и используется против нее. Никогда в жизни ничего не боявшаяся, теперь она боится ощущений совершенной непонятности, что сбивает с толку от ужасов происходящих в Украине.
 
После ключевого момента первых дней войны она уехала из Украины, несмотря навсе свои опасения…
 
После получения образования,  Галина работала воспитателем в детском саду в своем родном городе Кропивницкий (центральная Украина). Из-за нехватки жизненного пространства в тогдашней советской системе она в силу обстоятельств перешла работать в уголовно-исполнительную систему.  Должность административного работника в СИЗО манила сопутствующим получением квартиры.
 
В то время, когда целые семьи делили комнату площадью 12 м², а санузел и кухню делили с соседями по дому, это было бесценной привилегией.
 
У Галины четверо детей. 3 дочери и сын. Она сказала, что контраст между сменой работы и тюрьмой был незабываемым. Тем не менее, она оставалась прежде всего человеком при общении с людьми, независимо от того, сталкивалась ли она с ребенком в детском саду или с заключенной в его камере.
 
В тюрьме она отвечала за хоз. часть. В ее обязанности входили покупка необходимого инвентаря, и необходимые инвентарные проверки, которые она проводила каждый день в камерах заключенных.  Например, наличие матрасов в камере, чтобы подсчитать количество необходимых новых покупок. На работе она завела много знакомств и выучилась на всю жизнь.
 
Самой большой проблемой была постоянная бдительность и дальновидность, которые ей приходилось тренировать, чтобы выжить. В СИЗО от 4 до 25 заключенных занимали общую камеру. Во время ее обходов, обычно охранник оставался у двери, а она заходила сама в камеры с совершенно разнообразным контингентом.
 
У заключенных было много времени и огромный творческий потенциал. Алюминиевые ложки кропотливо перемалывались в оружие на бетонных полах камер. Однажды она стала свидетелем того, как одного из ее коллег вынесли из камеры с торчащей ложкой в области почек.
 
Она никогда не боялась или, возможно, не позволяла себе думать об этом, но всегда и везде ей приходилось быть очень бдительной. Попытки подкупа всех видов были в порядке вещей. Персонал был в курсе что всего лишь принятый «подарок» или даже любовное письмо, вывезенное контрабандой, может привести к тому, что их мгновенно посадят в ту же самую тюрьму. Сотрудники, которые «переходят на другую сторону», не защищены от своих сокамерников ни в одной тюрьме мира. Галина, по ее словам, была «дерзкой» и прямолинейной в попытках пойти на компромисс. Как только сокамерники поняли, что она не будет брать взяток, они стали тайно засовывать драгоценности и деньги в ее одежду в качестве «обратного» карманника. Тогда заключенным было бы легко сообщить о них в управление позже из-за якобы принятых товаров и надеяться, что в будущем их заменят более сговорчивыми сотрудниками. Но Галина распознала опасную игру и при выходе из камеры отдавала все, что находила с дружеским смехом и словами: “Вот, забирайте свое барахло сами!”.
 
Последние 9 лет она работала в Москве, заботясь о русских детях в качестве частной няни в их семьях. Она описывает много прекрасных моментов с детьми, которых она полюбила и, кажется, наслаждалась своей работой там. Она проводила три месяца в Москве, возвращаясь  в Украину на три месяца. Так она прожила последние 10 лет.
 
Начало войны совпало с одним из 3-х месячных пребываний дома. Одна из высших авиационных школ Украины находится в Кропивницком, в ее родном городе, который известен военной тренировочной базой. В начале войны вся имевшаяся авиация готовилась к обороне, как готовые к бою шершни. Галина больше всего
 
помнит оглушительный шум этих самолетов, грохот, от которого онемели все мысли, и утреннюю дрожь, которая сначала заставила ее поверить в то, что это землетрясение.
 
Чтобы она не оставалась одна, ее зять забрал в частный дом, чтобы держаться всем вместе, для чего оборудовал там подвал, чтобы прятаться во время воздушной тревоги. Там произошел случай, в корне изменивший ее отношение к побегу. Из новостей они узнали, что к городу движется колонна российских танков, которая должна была проходить мимо их дома. Галина вместе с дочерью, зятем и 4-х летним
внуком, решили переждать в подвале.
 
Они жались друг к другу в темном подвале под рев самолетов, ожидая прибытия вражеских танков через несколько часов. Ее зять дежурил у дверей подвала, вооруженный топором, готовый убить любого агрессора, планирующего причинить вред его семье. Абсурдность и непропорциональность этой ситуации что-то надломила в Галине. Она понимала, что, несмотря на его железную волю, у него не будет шансов защитить этим топором свою семью, если русская колонна доберется до Кропивницкого. Именно в тот момент, она решила уехать, если сможет выбраться из этого подвала живой.
 
Судьба была к ней благосклонна, украинской армии с помощью наземных войск удалось остановить наступление русских танков, после чего она забрала дочь с внуком и уехала. Выбор пал на Германию, т.к. там жила ее старшая дочь (г. Дортмунд).
 
Находясь в Германии Галина не чувствует себя по-настоящему свободной из-за языкового барьера, ей сложно до конца разобраться в ситуации. Это все еще кажется нереальным. Только когда ее старшая дочь с ней, она чувствует себя спокойно на данный момент и может наслаждаться прогулкой по городу и отвлекаться. Наконец-то она получила свою маленькую квартиру. Больше похоже на студию площадью 20 м², но она говорит, что ей этого достаточно, чтобы немного успокоиться и обработать все, насколько это возможно.
 
Что ее очаровывает в Германии, так это то, что «человечность преобладает до самой глубины души», даже в административном аппарате к ней относились как к человеку на равных, а на Украине ей часто приходилось использовать родственные связи, чтобы решить хоть малейшую проблему. Ее дети сейчас все за границей, к счастью, ее сын работал за границей до войны, так что теперь он в безопасности. Однако, благодаря тесному общению с семьей и друзьями в Украине, она продолжает ежедневно переживать ужасы военных и боевых действий.
 
Свекр ее дочери был контужен и ей больно за все, что там происходит дома. В середине нашей беседы через социальные сети до нас дошла новость, что, вопреки всем опасениям, часть бойцов Азовского металлургического комбината вернулась в Украину в рамках обмена пленными. После долгого беспокойства за отважных бойцов, страха перед пытками, пожизненным заключением или возможными
 
расстрелами в России эта новость внесла изюминку в наше интервью. Галина вздыхает, что такую ужасную ошибку совершили военные и Путин, напав на Украину. Никто в России еще не осознал, что точка необратимости давно пройдена. Более 100 лет никто в мире не смог бы простить зверства русских. В ней возникает множество мыслей. Фотографии родителей детей, которых она помогла воспитать, а также бабушек и дедушек, сидящих зомбированными перед своими телевизорами и постоянно пьющих. Она всегда задавалась вопросом, как эти привилегированные семьи кто может позволить себе частную украинскую няню, смотрят на мир настолько ограниченно.
 
Большинство людей старше 40, проводят вечера с алкоголем и смотря бесконечные новости. Очень часто она слышала совершенно не правдивые факты о истории России, которые рассказывали ей в России.  Даже мать-сибирячка, частично русского происхождения, всегда обижалась на то, что русские относятся к украинцам как к
«людям второго сорта». Украинцам отказывают в полном человеческом достоинстве, они достаточно хороши, чтобы выполнять черную работу за русских, иначе они были бы лишены всякой компетенции. Когда Галина выкладывала в социальные сети фотографии разрушений и войны в Украине и пыталась привлечь внимание к случившейся несправедливости, с ней разорвали связь даже родственники в Узбекистане. Обвинение в том, что она «как минимум» наполовину русская, что Россия дала ей так много благодаря ее работе и сибирскому происхождению ее матери. 
 
Они не понимали, почему Галина поддерживает Украину, когда у нее есть возможность быть чем-то лучше (в смысле русской); из-за ее происхождения. Она также пыталась информировать семьи, с которыми познакомилась по работе в России, и дать им представление о нынешней украинской действительности. При этом она уверена что хотя бы молодое поколение знает и понимает точно, что происходит под предлогом “спецопераций”. Но из всех семей, с которыми у нее установился хороший контакт за эти годы, о детях которых она с любовью заботилась на протяжении многих лет, никто не написал и даже не спросил как она.  Все, что приходило в ответ на ее сообщения, было глубокой, невыносимой тишиной.
 
Я чувствую глубокую печаль в Галине из-за такой несправедливости, отсутствия сочувствия и невежества. Только ее арендодатель из Москвы вышел на связь после нескольких недель молчания. После бесчисленных попыток прислать ему снимки войны, разрушений и Бучи (по словам Галины, несколько снимков также перехвачены слежкой и алгоритмами российских СМИ, так что до адресата
 
доходит лишь часть присланных снимков) наконец-то он отреагировал на снимок стадиона «Боруссия» в Дортмунде, на фоне которого Галина позировала с маленьким внуком. Она получила от него краткое сообщение искреннего сожаления и ясности: «Я очень рад, что вы в безопасности. У меня болит сердце, что моя страна выступает в роли агрессора». Наконец-то хоть один человек в Москве, к которому она пыталась достучаться, понял все. Тем не менее, ее одолевает ярость отчаяния. На ум приходят параллели со Второй мировой войной и парадокс ситуации доводит ее  до грани расплавления мозга. Что в голове у Путина, что он якобы продвигает «денацификацию» в Украине.
 
Галина описывает судьбы войны: «Мужчина в Одессе вышел за молоком, а вернувшись, обнаружил, что его дом с женой, свекровью и 3-месячной дочерью разрушен. Или сколько замученных и искалеченных людей с перевязанными руками просто валяются на улицах городов. Хотя она сомневается, что у нее хватит сил убить хоть одного человека, Галина желает хотя бы «выцарапать глаза трусам и зверям, убивающим младенцев и детей, особенно на глазах матерей, не сумевших защитить своих детей». После всего увиденного и услышанного она не всегда может защитить себя от поднимающейся в ней ненависти. 
 
Ненависть, которая временами растет так сильно что в своем отчаянии она «хочет иногда похоронить весь (русский) народ».
 
Историческое непонимание и обвинение русских в адрес украинцев, в то время как вся Россия сидит в паутине фейковых новостей с тоталитарными политическими структурами, живущими в рабстве. Глядя на это все, Галина тем более ощущает высокомерие по отношению к украинцам.
 
В отличие от русских Галина видит в украинцах вполне свободный народ и убеждена в объединяющем влиянии войны на украинцев. Они проявились в беспрецедентном единстве и силе. Она уверена, что для российских солдат, которые были в Украине, спокойной жизни больше не будет. Столько украинских мужчин и солдат потеряли своих жен, детей, товарищей. Многие поклялись провести остаток своей жизни, отыскивая каждого военного преступника и предателя среди украинцев. Каждому из них будет дана личная оценка. Ни один командир, ни коллаборационист, ни один винтик в машине агрессора не были бы слишком незначительными, чтобы избежать мести выживших, и единственный способ избежать этой мести – сражаться на стороне украинцев сейчас.
 
Украина была как счастливый народ, который мирно жил, пока на них не напала российская армия. Она хотела бы видеть более быстрые и масштабные поставки оружия с Запада. С точки зрения Галины, именно оружие большой дальности могло бы помочь вывести из строя российские стратегические базы и перекрыть снабжение, тем самым сократив войну. Никогда в жизни ничего не боясь, Галина сейчас сталкивается со страхом непонимания, бездной беспомощности перед
лицом сложившейся ситуации. Она потрясена собственной ненавистью после того, как гуманно относилась к каждому преступнику в своей профессии, каким бы жестоким он ни был. Однако, по ее словам, эта ненависть в конечном счете была создана русскими своими действиями. До этого было братство со стороны украинцев.
 
Галина говорит, что с украинской стороны бежало около 7 миллионов человек, в основном матери с детьми. С российской стороны бежало около 5 миллионов человек.
 
Ей бы эти люди  вышли на улицы в России, этого ужаса могло и не быть. Она также задается вопросом, как некоторые мальчики, которых она с любовью воспитывала почти 10 лет назад, теперь относятся к войне. Сейчас они молодые люди.
 
Помнят ли они свою украинскую няню, прекрасные моменты, песни, рассказы? Или они тоже маршировали в сторону Украины, Бучи, бомбили, насиловали, грабили?
 
Фотографии разграбления украинских сел русскими солдатами символизировали то, что она считала полной недооценкой украинцев русскими. Даже в самых бедных украинских городах стоят самые обычные унитазы. Были украдены стиральные машины и даже собачьи конуры, чему русские оккупанты были удивлены: «Почему они
здесь живут лучше, чем мы???»
 
Абсолютный признак бедности для России. Это символизирует о том, что со времен Сталина мало что изменилось: «Всякий, кто выскажет свое мнение, будет забит дубинкой». Исторически всегда было только изображение победоносной державы, собственные ошибки и преступления никогда не признавались и не разбирались с последующей политикой. Украине же реальный шанс дал Зеленский, которого недооценили все, в том числе и его собственный народ. Галина смеет смотреть в будущее с оптимизмом. Она думает, что сама
Россия может распасться по собственному невежеству и что все наши дети могут почувствовать изменение границ. Когда я спрашиваю Галину, есть ли у нее последнее сообщение, которое она хотела бы передать читателям, она на мгновение задумывается. «Телевидение — это наркотик. Люди должны меньше смотреть телевизор и больше думать».

Спасибо Галине за интервью и Спасибо Елизавете Б. за перевод!

Putins Propaganda – „Großrussland“, Zarenreich und Orthodoxie

Neurussland

Putin führt seinen Krieg mit allen Mitteln. Auf dem Territorium der Ukraine mit Waffen und aller dazugehöriger Brutalität wie auch systematischen Vergewaltigungen, Folter und Plünderungen. Bei sich zu Hause in Russland und gegenüber allen im Ausland sitzenden Zuschauern der russischen Medien, gehört die umfassende Propaganda zur Kriegstreiberei seines Machtapparats. Fake-News, Geschichtsverdrehung und Weglassen von Informationen gehören -unter anderem- zu seinem Repertoire. Besonders das Narrativ der Zugehörigkeit der Ukraine zu Russland und das konstante Negieren eines souveränen ukrainischen Staates haben es ihm angetan. 

Putins Propaganda

Die Russen identifizieren sich, trotz des langen Religionsverbots während der sowjetischen Zeit, stark mit dem orthodoxen Glauben. Mindestens 75 % der Russen geben an orthodox zu sein, wobei es vor allem für viele Jüngere eher eine Frage der kulturellen Identität, als eine Frage des Glaubens ist (Bundeszentrale f. politische Bildung, Rolle der Religion in Russland, 2011).

Russisches Zarenreich

Dass die Orthodoxie während der Sowjetzeit als Stütze des Zarismus und zu bekämpfen galt, macht sich Putin in seinem Propagandakrieg nun nach Kräften zu nutzen. Er knüpft mit seiner Rhetorik immer wieder an zaristische Zeiten an und versucht in den Russen Bilder und vor allem Sehnsüchte nach alter Stärke und Größe (“Groß-Russland”) zu schüren. Dabei stilisiert er sein Image bereits seit Beginn seiner Amtszeit zum Alleinherrscher und “starken Mann”. Unbedingt Willens, ein politisches Erbe zu hinterlassen.

Wie die Recherchen des derzeit inhaftierten oppositionellen Journalisten und Regimekritikers Alexander Nawalny  bereits eindrucksvoll gezeigt haben, scheint sich Putin in der direkten Nachfolge der Zaren zu sehen, was er eindrucksvoll durch den größenwahnsinnigen Bau seines eigenen Palastes im zaristischen Stil in Sotschi unterstrichen hat (Der Spiegel, 2021). Diese These hat Putin durch den selbstgezogenen Vergleich  seiner Politik, mit der des Zaren Peters des Großen, bewahrheitet (09. Juni 2022, anlässlich des 350. Geburtstags Peters des Großen).
Dieser eroberte die Vorläufer von St. Petersburg unter schweren Verlusten von den Schweden zurück, um sich einen Zugang zur Ostsee als “Fenster zu Europa” zu sichern und baute es zur präsentablen Millionenstadt auf. Seinem Vorbild gleich, will Putin das Schwarze Meer durch die Annexion der Krim und nun dem Ukraine-Krieg zu einem “russischen Binnenmeer” machen(Welt, 2021)!

Russisch Orthodoxe Kirche 

Damit die Bevölkerung bei seinem verheerenden Plan mitmacht, muss sich Putin ja starker Bilder bedienen. Bei der riesigen Anzahl an “Kultur- Orthodoxen” in Russland, sind diese natürlich eine lohnenswerte Zielgruppe, bei denen sich Orthodoxie als Türöffner für weitere Themen anbietet. Interessant ist, dass in den letzten 20 Jahren Kirchen in Russland wie Pilze aus dem Boden schießen. Unnötig zu erwähnen, dass die Gläubigen viel Geld in den zahlreichen Kirchen lassen, im Opferstock, beim Kerzenkauf, Erwerb von Ikonen und so weiter. Kyrill I. als oberster Geistlicher, ist ein langjähriger Vertrauter Putins mit einem geschätzten Privatvermögen von mittlerweile rund 4 Milliarden Euro. Und auch so ein Angriffs-Krieg ist verdammt teuer! Ein Schelm wer Böses dabei denkt! 

Kirchenspenden und Patriarch Kyrill I.

Kyrill ist Patriarch von Moskau und der ganzen Rus. Nun ist die “Rus” aber geographisch und historisch aus der “Kiewer Rus”, die Verbreitung der Orthodoxie aus der “Taufe der Rus”, im Zuge der Taufe des Kiewer Großfürsten Wladimir am 28.Juli 988 n.Chr. entstanden (s. Artikel zum umstrittenen Gedenktag “Tag der Taufe der Rus”)).

Neurussland 

Dieser Gründungsmythos spielt seit der Annexion der ukrainischen Krim (vermeintlicher Ort der Taufe Wladimirs) und jetzt im Ukraine-Krieg eine wichtige Rolle für Putins Propaganda. Auch wenn die damaligen Landes- bzw. Reichsgrenzen sich nicht mit den heutigen vergleichen lassen, leitet seine Propaganda daraus die Zugehörigkeit der Ukraine und vor allem der Krim zu einem “Großrussischen Reich” ab, wofür er nun die Ukraine mit aller Brutalität zu erobern und unterwerfen versucht. Ziel: Neurussland (russisch Новороссия Noworossija) Die Kiewer Rus sieht er als “Ur-Zelle” der slawisch-orthodoxen Kultur und beschreibt die “Wiederherstellung des Großrussischen Reichs” mit einer “Dreieinigkeit, bestehend aus Russland, Weißrussland und Kleinrussland” (Russlandverstehen, 2022). 

Das “Kleinrussland” sich dabei auf die Ukraine bezieht, spricht für sich und die Nennung in der Dreieinigkeit sollte den Weißrussen gehörig Angst machen. Was die vermeintliche Abtrünnigkeit vom “Großrussischen Reich” für Putin bedeutet, haben wir schließlich alle auf Bildern der zerstörten Landstriche und Gräbern getöteter Kinder aus der Ukraine gesehen. Dabei bekommt er für seine „Noworossija“ Pläne, einem einheitlichen Kulturraum für slawisch-orthodoxe Russen, Unterstützung von rechtsradikalen Ideologen wie Alexander Dugin und dessen Tochter Darja Dugina, die nun bei einer Autoexplosion getötet wurde. 

Weißrussland - Bald Teil von Groß Russland ?

Ukrainisch orthodoxe Kirche 

Seit 2018 bis zu diesem Jahr, gab es in der Ukraine zwei orthodoxe Hauptkirchen: die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche, die dem Moskauer Patriarchat unterstellt war und die Orthodoxe Kirche der Ukraine, die seit 2018 dem Patriarchen von Konstantinopel zugehörig ist. Im Jahr 2018 emanzipierte sich die Orthodoxe Kirche der Ukraine (UOK) von der russisch-orthodoxen Kirche (ROK) und schrieb damit Kirchengeschichte. Die Autokephalie, also die kirchliche Unabhängigkeit der UOK als Nationalkirche wurde am 6. Januar 2019 erstmals durch den Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., Ehrenoberhaupt der Welt-Orthodoxie, anerkannt. Es folgte die Anerkennung durch andere Kirchen, nur seitens der ROK gab es bisher keine Bewegung. 
Bis zu diesem Jahr existierten die beide Kirchen in der Ukraine nebeneinander. Insgesamt ist die Frage nach einer von der ROK unabhängigen UOK höchst politisch und aktueller den je. Umso interessanter und so begrüßenswerter daher die kürzliche Wendung, der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats! Während des russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Ukrainisch-orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats gründete sich bereits nach dem Zerfall der Sowjetunion fast zeitgleich (1990) mit der Unabhängigkeit der Ukraine (1991).  Am 27. Mai 2022 sagte sich diese Kirche nun vom Moskauer Patriarchat los und nennt sich seither nur noch Ukrainisch-Orthodoxe Kirche (UOK). Das Kiewer Oberhaupt, Metropolit Onufrij und seine Kirchen Genoss*innen aus dem Gebiet des Weltkulturerbes des Kiewer Höhlenklosters, waren unzufrieden. Sowohl mit der Haltung des Moskauer Patriarchen Kyrill I., als auch mit Putins Einmarsch in die Ukraine und zogen mit diesem Schritt die logische (und meiner Ansicht nach überfällige) Konsequenz.  
 
Es bleibt nach wie vor zu hoffen, dass auch die orthodoxen Gläubigen und “kulturell”-Orthodoxen Russlands aufwachen, erkennen und für den Frieden beten, auf die eigenen Straßen gehen bzw. falls militärisch einberufen, zu Hause bleiben. Auch im orthodoxen Glauben gelten die alt bekannten 10 Gebote.

Ich habe mir in Ermangelung einer orthodoxen Bibel erlaubt, diese von der Homepage der Russisch-Orthodoxen Kirche Krefeld, Stand 2022  zu kopieren: 
 
“Die zehn Gebote des Herrn“
(Exodus 20, 1-17)
  1. Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!
  2. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was in den Wassern, unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!
  3. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen!
  4. Gedenke des siebten Tages und heilige ihn! Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun; aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun.
  5. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!
  6. Du sollst nicht töten!
  7. Du sollst nicht ehebrechen!
  8. Du sollst nicht stehlen!
  9. Du sollst kein falsches Zeugnis reden gegen deinen Nächsten!
  10. Du sollst nicht begehren das Haus deines Nächsten Hab und Gut!” (Stand: 2022 Russische Orthodoxe Kirche Krefeld)
 
Auch wenn ich keine Geistliche bin, finde ich der Name des Herrn wird durch die Segnung von Panzern und anderen Waffen zu Angriffs-Zwecken durch Kyrill I. massiv missbraucht. Auch denke ich, dass das 6. Gebot ebenso eindeutig gegen einen Angriffs-Krieg spricht, wie auch die übrigen Gebote nicht mit Vergewaltigungen, Plünderungen und Verbreitungen von Fake-News konform gehen. Ich bin dankbar, dass die beiden großen Kirchen der Ukraine sich nun endlich beide vom Moskauer Patriarchat losgelöst haben. Ich hoffe und bete für einen Sieg der Ukraine über den Aggressor. Als souveräner Staat und freies Volk! Amen ?!?
Amen - Hände zum Gebet

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Brombeer Schokoladen Sahne Torte – Einfaches Rezept

Brombeer Torte mit Schokoladen Sahne Füllung

Teil 2 der sommerlichen Brombeer Rezept Challenge

Meine Ukrainer*innen lieben “deutsche” Torten und Kuchen! Ich liebe es, dass mein Schwiegervater aus der Ukraine genauso fleißig wildes Obst sammelt wie ich, unser inoffizieller und freundschaftlicher Wettstreit um die größte gesammelte Menge Brombeeren hat vor 2 Wochen begonnen. Ich denke gemeinsam haben wir bereits rund 15 Kilo geerntet, wobei “nur” 5 Kilo bisher den Weg in die Tiefkühltruhe gefunden haben. Der Rest wurde direkt verputzt, bei den Nachbarn gegen selbstgegärtnerte Gurken und Tomaten (nebst Basilikum, für Tomate Mozzarella 🙂 eingetauscht und in Salaten, Smoothies und ukrainischem Kompott (s. Rezept für Ukrainisch / Russisches Kompott) verwertet. 

Meine diesjährige Blog-Challenge sieht vor 5 Brombeertorten – und Kuchen Rezepte auszuprobieren und herauszufinden, welche davon “meinen” Ukrainer*innen und meiner Familie am besten schmeckt. Bisher habe ich eine vorzügliche Brombeer-Sahne Torte ausprobiert (Rezept findest du hier), bei der mich vor allem die Raffinesse der einzeln gebackenen Baiser-Böden, der leichte Zimt-Geschmack und die Feinheit der gerösteten Mandelblätter überzeugt hat. 
Diesmal hatte ich allerdings einen absoluten Schokoladen-Jieper und wollte etwas Massives, etwas das “Sonntag”, etwas das “Kaffee und Kuchen” schreit kreieren.  
Da ich nicht rechtzeitig geplant und eingekauft habe, habe ich mich für ein Rezept ohne Gelatine oder AgarAgar entschieden, einfach da ich “nur” Sahnesteif und rauhe Mengen Sahne zu Hause hatte. Angeschmolzene Konfitüre, auf die meine Küken schon des öfteren ein Auge geworfen haben, gab es auch noch, also habe ich einfach einen köstlichen und easy peasy Biskuitboden gebacken, ein wenig Brombeer -Püree, “normale Sahne” und Schoko-Sahne gezaubert und alles fein geschichtet. Voila! Massiv und cremig und lecker! 
Das Rezept und die Mengen sind für eine Springform von 26 cm Durchmesser ausgelegt. Die Torte wird durch die verschiedenen Schichten schön hoch und bei 12 Stücken schaffte bisher keiner ein zweites 🙂
 

Zutaten Schoko-Biskuit Tortenboden:

  • 6 Eier (M)
  • 1 Pr. Salz
  • 200 g Zucker 
  • 1 Msp. Vanille gemahlen oder 2 Beutel Vanillezucker
  • 150 g Mehl
  • 1 Pck. Backpulver
  • 30 g Speisestärke
  • 40 g Backkakao
Zutaten Schoko-Sahne:
  • 400 ml Sahne
  • 200 g Konfitüre Zartbitter
  • 2 Pck. Sahnesteif
Brombeer- Creme und Sahne-Schicht
  • 400 ml Sahne 
  • 600-800 g Brombeeren (je nachdem wie ernst du das Thema Brombeeren nimmst 🙂 
  • 100 g Zucker 
  • 2 Pck. Sahnesteif 

Zubereitung Schoko-Sahne Füllung für Torte

Sahne und Konfitüre im Topf unter ständigem Rühren verrühren, bis sich Kuvertüre vollständig aufgelöst hat. Abdecken, z.B. mit Frischhaltefolie und ca. 3 Stunden oder über Nacht im Kühlschrank kalt stellen. 

Zubereitung Biskuit: 
Backofen auf 175 °C vorheizen und Springform mit Dauerbackfolie auslegen oder fetten. Eier trennen, Eiweiß mit Prise Salz sehr steif schlagen. Zucker und Vanille vermischen und in das steife Eiweiß rieseln lassen. In einer anderen Schüssel Eigelb verquirlen und portionsweise zum Eiweiß geben. Mehl, Backpulver, Kakao und Stärke vermengen und vorsichtig unter die Eiweißmasse geben. Ca. 30 Minuten auf mittlerer Schiene backen, nach bestandener Stäbchenprobe vollständig abkühlen lassen. Nach dem vollständigen Auskühlen (!!!) waagerecht in drei Scheiben schneiden. 

Zubereitung Brombeer-Creme und Sahne Schicht für Torte 

Du pürierst 400 Gramm der Brombeeren mit 60 Gramm Zucker und 50 Millilitern Sahne zu einer geschmeidigen Creme.  Die restliche Sahne schlägst du mit dem restlichen Zucker und dem Sahnesteif steif!

Schoko Sahne Rezept und Brombeer Creme

Schichten!
Zeit deine Torte auf den finalen Platz ihrer Bestimmung zu begeben und fachmännisch zu schichten. Leg also nun einen Tortenring auf einen Tortenteller und lege die vormals oberste Schicht als erste Tortenboden verkehrtherum in den Ring. Das hat den Vorteil, dass die Unregelmäßigkeit des Biskuits nicht so auffällt, ich schneid nie was ab um etwas zu begradigen kommt einfach mehr Creme drauf 🙂
Buiskuit  mit Schoko Sahne auf Brombeeren

Auf den Boden kommt erst die Hälfte der Brombeer-Creme, dann etwas weniger als die Hälfte der restlichen frischen Brombeeren (hebe dir die Schönsten für das Topping / Deko auf!). Die frischen Brombeeren versenkst du in der Hälfte der weißen Sahne. Darauf kommt der mittlere Boden. Hier auch wieder Creme, frische Beeren, weiße Sahne. Den letzten, den ehemaligen untersten Boden, lege ich verkehrt herum, also mit der glatten Seite nach oben auf die Torte. Dann versauen einem die Krümel nicht die letzte Schicht 🙂 
Jetzt muss die Schoko-Sahne steif geschlagen werden und fachmenschlich auf und um die Torte geschmiert werden. Dazu empfiehlt es sich zunächst den Tortenring zu lösen 🙂 Die Deko hat bei mir mein ältestes Küken übernehmen wollen. Er hat mit großer Hingabe die restlichen Brombeeren oben auf die Schoko-Sahne gedrückt. 
Die Torte sollte bis zum Verzehr unbedingt kalt stehen, ich finde sie schmeckt einen Tag nach der Schichtung am besten, wenn sie durchgezogen ist.

Brombeer Torte Rezept mit Schoko Sahne

Hier sind meine Empfehlungen, die ich standardmäßig fürs Backen nutze: Echte Vanille ist teuer (sauteuer) hält aber bei den winzigen Mengen die man benötigt ewig und das Aroma macht einfach wirklich einen Unterschied. Dauerbackfolie erspart mir das lästige Zuschneiden und oder einfetten und einen Tortenring braucht ja nunmal wirklich jeder 🙂 Alles sind Affiliate Links bei denen ich eine kleine Provision bekomme, ohne dass es dich mehr kostet. 
 

28.Juli -Taufe Kiewer Rus + Tag der Staatlichkeit der Ukraine

Zunächst wollte ich diesen Beitrag unter “Kulturelles” listen, wie auch andere Feier- und Gedenktage. Nachdem ich mich ausführlich mit den Hintergründen auseinandergesetzt habe, bin ich der Meinung, dass er in die Spalte Ukraine-Krieg gehört. Entscheide selbst: 

Welchem Anlass wird am „Tag der Taufe der Rus“ gedacht?

Am 28. Juli wird in der Ukraine und Russland dem Tag der Taufe der Rus gedacht. Auf Bestreben der russisch-orthodoxen Kirche 2008 in der Ukraine (День хрещення Київської Русі) und 2010 in Russland (День Крещения Руси) als Gedenktag eingeführt, soll der Tag vor allem der Christianisierung der bis dahin heidnischen Reiche gedenken. 
Seinen Ursprung hat der Gedenktag in der Taufe des Kiewer Großfürsten Wladimir I., der sich am 28.Juli 988 n. Chr.  nach byzantinischem Ritus in Chersones, Krim, hatte christlich Taufen lassen. Um die Taufe ranken sich viele Legenden, am wahrscheinlichsten ist, dass die Vermählung mit der christlichen Prinzessin Anna von Byzanz den Anlass zum Konfessionswechsel gab. 

Wladimir I. Statue in Kiew, Ukraine

Warum ist der Gedenktag Taufe der Kiewer Rus problematisch?

Seit Jahrhunderten gibt die Kiewer Rus Anlass zu Streitigkeiten, vor allem zwischen der heutigen Ukraine und dem heutigen Russland. Aus der Rus, die ursprünglich im 9. Jahrhundert von normannischen Kriegern aufgebaut wurde, entstanden später die Reiche, welche man heute als Weißrussland, Russland und Ukraine kennt. Russland hat vor allem in jüngster Zeit stets betont, dass Kiew damit die Wiege Russlands sei und insbesondere der Ukraine damit stets ihr unabhängiges Existenzrecht abgesprochen. Russland sieht Kiew und die Ukraine als Teil der russischen Nationalgeschichte. Wenn wir uns Äußerungen von Putin im Verlauf der letzten Jahre anschauen und diese im Kontext der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim und vor allem des verheerenden Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine seit dem 24.Februar 2022 sehen, wird klar, dass Putin die “Vereinigung eines Groß- Russlands” seit langer Hand angestrebt und geplant hat. 

Die Ukraine erhebt Anspruch auf eine eigene, von Russland getrennte Geschichte. Dadurch, dass das Territorium der heutigen Ukraine seit jeher begehrt war (Fruchtbarkeit, geopolitische Lage, Bodenschätze) und es durch zahlreiche Angriffe, Macht- und Herrscherwechsel keinen kontinuierlichen ukrainischen Nationalstaat gab, ist die Kiewer Rus als Ausgangspunkt der heutigen Ukraine umso wichtiger für die ukrainische Staatssymbolik. Seit 1991 ist die Ukraine unabhängig und schafft eine starke Identifizierung der heutigen Ukraine mit der Kiewer Rus! So mit dem Verweis auf die “tausendjährige Staatlichkeit” (seit der Kiewer Rus), der Nationalwährung Hrywnja, deren Namen von der alten Währung der Kiewer Rus stammt und den Bildern der Kiewer Rus Fürsten Wolodymyr und Jaroslaw auf den Geldnoten, sowie dem “Dreizack” als Wappen der bereits im 11.Jahrhundert gebräuchliches Symbol der Kiewer Rus darstellte. 

Hryvna / Grivna mit Wladimir I. und Jaroslaw dem Weisen

Die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) hat einen sehr lesenswerten Artikel über das schwierige Erbe der Kiewer Rus veröffentlicht. Eine Kernthese des Artikels fand ich besonders erwähnenswert, nämlich das Streitigkeiten um die “Nationalzugehörigkeit” der Kiewer Rus insofern keinen Sinn machen, da heutige Grenzen, Nationalitäten und auch Bezeichnungen wie “Ukrainer” oder “Russen” auf mittelalterliche Gegebenheiten nicht anwendbar sind, da es nach damaligen Kategorien weder “Ukrainer” noch “Russen” gab.  
Hinzu kommt der Konflikt um die religiösen Stätten Kiews. Das Kiewer Höhlenkloster (ukrainisch Києво-Печерська лавра; russisch Киево-Печерская лавра) ist eine der bedeutendsten Ansammlungen von orthodoxen Kirchen, Klöstern und Kapellen seit 1990 UNESCO Weltkulturerbe und am Westufer der Dnepr beheimatet. Hier streiten sich die Ukrainische Orthodoxe Kirche,die dem Moskauer Patriarchat unterstellt ist  und die Orthodoxe Kirche der Ukraine, die dem Patriarchen von Konstantinopel unterstellt ist, um die Zugehörigkeit der Glaubensstätten. 

Dies ist insbesondere relevant, da durch die Spenden der Gläubigen und die Zugänglichkeit für Touristen ein nicht unerheblicher Geldfluss entsteht. Spitze Zungen behaupteten seit jeher, dass ganze Geld der Ukrainisch Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, fließe nach Russland. 

Dazu gibt es übrigens ein super spannendes Buch, welches die engen Machenschaften des “Heiligen” Milliardärs, Hasspredigers, ehemaligem KGB Agent  und oberstem Patriarch Moskaus, Kyrill I. und Putin offenlegt (s. Link* unten). 

Statue Wladimir I., Taufe der Rus Denkmal in Russland, Moskau

Dekoder-Lab, ein Projekt der Universität Basel und der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, hat dazu einen hervorragenden analytischen Beitrag (kremlin.dekoder.org) veröffentlicht. Das Projekt untersuchte genau, wie Fürst Wladimir I. welcher bis vor Kurzem absolut keine Rolle im russischen Bewusstsein gespielt hat, gezielt von Putin und seinem Machtumfeld in den Jahren vor und während der Annexion der Krim dazu genutzt wurde, eine Zwangseingliederung der Ukraine an “Groß-Russland” vorzubereiten. Die Annexion der Krim, versuchte Putin dadurch zu begründen, dass die Krim durch die Taufe des Fürsten Wladimir in der antiken Stadt Chersones, ähnlichen “sakralen Charakter” habe, wie der Tempelberg in Jerusalem für Juden und Muslime. Während Fürst Wladimir I. es bei Umfragen in Russland im Jahr 2008 nicht mal unter die Top 50 wichtigsten Persönlichkeiten der russischen Geschichte schaffte, forcierte Putin vor allem seit 2014 gezielt mit Briefmarken, Ausstellungen, Historienfilme und populärwissenschaftlichen Geschichtsbüchern die Allgegenwart seines Namensvetters im russischen Bewusstsein. Zum 1000. Todestags Wladimir I. ließ Putin ein umfangreiches und kostspieliges Festprogramm auffahren. Eine imposante Skulptur des Fürsten wurde in Auftrag geben, die nun seit 2016 auf dem Borowitzki-Platz in Moskau steht. In ganz Russland entstehen seit 2013/2014 (Annexion der Krim) Wladimir I.- Monumente am Fließband. 2017 kam eine neue 200 Rubel Banknote in Umlauf, die die antike Stadt Chersones und die annektierte ukrainische (!) Halbinsel Krim zeigen! Die Russen sollten unter Berufung auf den weit verbreiteten orthodoxen Glauben auf die Rechtmäßigkeit der Annexion eingeschworen werden und nachträglich betrachtet, wohl auch auf den Angriffskrieg auf die Ukraine mit dem Ziel der “Wiedervereinigung” vorbereitet werden. 
Russische Briefmarken zum Gedenken der Taufe der Kiewer Rus

Putin nutzt die mangelnde Kontinuität der ukrainischen Nationalstaatlichkeit bewusst als Argument für seinen Angriffskrieg, mit dem Ziel der “Wiedervereinigung”. Angrenzende Staaten, in denen Putin ebenfalls durch gezielte Propaganda seinen Keil eingeschlagen hat, wie z.B. Moldawien (Transnistrien) oder Georgien (Süd Abschasien und Ossetien) wissen, was dieser Narrativ für die Sicherheit ihrer Nationalstaatlichkeit bedeuten kann. Mit dem Narrativ eines Großrusslands oder einer neuen “Sowjetunion” könnte er zahlreiche Länder angreifen und sich auf alte Landesgrenzen und Zusammengehörigkeit berufen. 

Zu glauben, Putin würde nach einer gegebenenfalls erfolgreichen Eroberung der Ukraine einfach zufrieden aufgeben, halte ich für brandgefährlich und naiv. 

Als ich “meine” Ukrainer fragte, ob sie den Tag der Taufe der Rus zu feiern gedächten, wurden sie nachdenklich. Insbesondere in diesem Jahr sei es schwieriger denn je. Der Angriff auf Kiew durch die Russen wurde zwar bisher erfolgreich abgewehrt, aber was will man feiern? Der eigentliche Anlass, die Taufe Wladimirs, hatte die  Zwangschristianisierung der slawischen und bis dahin “heidnischen” Bevölkerung zum Anlass. Chronisten berichten, dass die Dnepr, der riesige Fluss der durch Russland, Weißrussland, die Ukraine und die Stadt Kiew fließt, tagelang rot vom Blut der Heiden gefärbt war. So oder so steht dieser Gedenktag also nicht gerade für Toleranz, Völkerverständigung und Einigkeit. “Meine” Ukrainer sagten, als reiner Gedenktag (im Gegensatz zu einem “Feiertag”) sei der Tag dennoch sehr wichtig, eher im Sinne eines Karfreitags, um sich der Geschichte bewusst zu sein und aus ihr zu lernen. 

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Horilka Saufen Ukraine- Was isst man, um dem Kater vorzubeugen?

Dem Kater vorbeugen

Horilka – Was isst man zum ukrainischen Schnaps? 

Nur die Härtesten trinken hochprozentigen Schnaps pur. In den Trinkkulturen rund um den Globus sind nicht umsonst viele Rituale und Rezepte rund um den Alkoholkonsum entstanden, die meistens darauf abzielen, den Genuss angenehmer zu gestalten und die allseits bekannten Nebenwirkungen zu mildern. 
In der Ukraine heißen die beim Trinken servierten Snacks liebevoll “Nachbeißerchen”. 
Dies sind standardmäßig Snacks die auf den Tisch kommen wenn Besuch da ist und der Horilka hervorgeholt wird. Den Fall, dass Besuch da ist, ohne dass auch Schnaps (mit Nachbeißerchen) auf dem Tisch landen habe ich persönlich noch nicht erlebt. Es sei denn, man ist explizit zum Essen eingeladen, dann gibt es das “normale” Abendessen, also meistens eine Borschtsch – Variante mit Smetana, Brot, Krautsalat und eingelegtem Gemüse und der Horilka ist dann einfach das Getränk was zum Essen gereicht wird und auf dem Tisch stehen bleibt, wenn der Hauptgang abgeschlossen ist. 

Schnaps & rohes Gemüse

Frühlingszwiebeln, Radieschen und Dill stehen meistens schon zum Knabbern während der Hauptmahlzeiten auf dem Tisch. Auch feingeschnittene rote Zwiebeln mit Salz oder gesalzener roher Knoblauch werden bereits zum Borschtsch serviert (zu dem ja auch schon getrunken wird), so dass man zwischen einem Löffel Borschtsch ein wenig an einer gesalzenen Knoblauchzehe knabbert und das ganze mit cто грамм (100 Gramm, typische ukrainische Einheit für Schnaps 🙂 begleitet. 

Schnaps & Eingelegtes Gemüse und Pilze

Eingelegtes Gemüse, v.a. Tomaten und Gurken in Salzlake (Essiggurken sind nicht populär in der Ukraine), Paprika in Öl eingelegt, Pilze in wohlschmeckendem, dezentem Essigsud stehen in irgendeiner Form immer auf der Speisekarte und werden im privatem Bereich entweder selbst oder von Verwandten produziert, oder lokal auf dem Markt erworben. 
Eingelegtes Gemüse und Pilze als Beilage und Snack zum Schnaps trinken in der Ukraine!

Schnaps & Kaviar und Auberginenkaviar auf Brot

Kaviar in allen Variationen, auch pflanzlich aus Auberginen oder Zucchini, schmeckt pur gelöffelt oder auf kleinen Blinys oder etwas Brot mit Smetana darunter fantastisch zwischen den Trinksprüchen.

Schnaps & Sauerkraut 

Sauerkraut aus Weißkohl, meist mit ein wenig roter Beete appetitlich gefärbt, ist ein weiterer populärer Happen. 

Schnaps & Ukrainischer Salo

Das inoffizielle Wappentier der Ukraine ist ein Schwein. Dem Salo, salzigem, rein weißem Schweinespeck werden nahezu himmlische Attribute zugeschrieben. Tatsächlich war ich nie ein Fan von fettigem Fleisch oder Aufschnitt, der zähe Glibber hatte mich stets geekelt. Als ein Bekannter meines Falken völlig illegal (Schwein von außerhalb der EU zu importieren ist schon ein richtiges Verbrechen 🙂 ukrainischen Salo mitbrachte, wollte ich zunächst nicht mal probieren. Das Verzücken meines Falken jedoch, als er feine weiße Streifchen schnitt und großzügig den ebenfalls illegal (selbst gebrannt und unverzollt!) importierten Horilka einschenkte, brachte meine Abwehrhaltung ins Schwanken. Als er gierig ein Stückchen Salo verzehrte und seine Augenlider vor Glück flatterten (Richtigen Salo gibt es in Deutschland einfach nirgendwo zu kaufen. Wir haben es probiert – Punkt!) wollte ich dann doch. Ich war absolut irritiert! Statt dem erwarteten ranzigen und zähen Schwabbel war es purer Geschmack. Salzig, buttrig schmolz der Salo von allein auf der Zunge, es war kein Kauen nötig. Auch meine Augenlieder flatterten ein wenig. Ich musste mich kurz schütteln um es zu verarbeiten. “Wir brauchen mehr glückliche und vor allem richtig fette Schweine! – Slava Ukraini!”  sagte ich. Es folgte nur “Hoch die Tassen” und zu Dritt dezimierten wir das gewaltige Stück Salo und leerten die Flasche mit dem guten Horilka. Ich denke Salo ist für Trinker, dass was ein Airbag für Autofahrer ist. Es macht den Aufprall nicht ungeschehen, aber er ist weich, weiß und schützt das nackte Leben. 

Schnaps & Hering (Silotka)

Ein kleiner Heringshappen auf schwarzem Brot, gerne mit ein paar Ringen roter Zwiebel genossen, ist ein herzhaftes Nachbeißerchen. 

Ukrainischer Salo und Hering auf Brot (Silotka) werden traditionell zum ukrainischen Schnaps, Horilka serviert

Grundsätzlich empfiehlt es sich beim Trinken mit seinen Gastgebern gehörig bei den Nachbeißerchen zuzulangen und zwischendurch viel Wasser zu trinken, um halbwegs unbeschadet aus der Nummer rauszukommen! Wer trinkt braucht eine Grundlage! 
 

Was trinkt man in der Ukraine?

Was trinkt man in der Ukraine?

Zu einigen der unten genannten Getränke habe ich bereits einen ausführlichen Artikel geschrieben oder ein Rezept hier auf dem Blog gepostet. Angenehm finde ich, dass man die meisten Getränke problemlos selbst herstellen kann, aus regionalen und saisonalen Zutaten. 
Schnaps und Fruchtwein

Wodka / Horilka / Schnaps

Bei Getränken und der Ukraine fällt den meisten sofort der Wodka ein, für den Osteuropa so berüchtigt ist. Dieser heißt in der Ukraine Horilka und wird meistens 100 Gramm Weise verkauft. Wenn ein Freund zu Besuch kommt und ein bekümmertes Gesicht macht, wird er meist mit der Frage „Cто грамм? (Hundert Gramm?)“ empfangen. Wenn ein Freund beschwingt und gut gelaunt zur Tür reinkommt, kann die Frage allerdings auch „Sto Gramm?“ lauten, denn scheinbar gibt es einen Grund zu feiern. Alkoholische Getränke abzulehnen ist völlig in Ordnung, solange man offensichtlich unter 5 Jahre alt ist oder in der Schwangerschaft den 7.Monat sichtbar hinter sich gelassen hat. Sonst sind sich alle einig, dass ein ganz bisschen zum Probieren (tschüt tschüt par probei) unmöglich schaden kann. 

Varenukha – Gebackener Schnaps 

Varenukha ist bei niedrigen Temperaturen mit getrockneten Früchten angesetzter Horilka, der in einem Tongefäß, welches mit Teig verschlossen wird, 6-12 Stunden gebacken wird. Im Anschluss an den Backprozess wird der aromatische Trunk dann wahlweise warm oder kalt genossen, nachdem er durchgesiebt wurde.

Ukrainischer Fruchtwein und Honigbier

Ansonsten werden dir im Fall einer Einladung mit leuchtenden Augen Tante Ludas selbstgemachter Himbeerwein und Opas Stanislaws Honigbier (Medowucha/ Медову́ха), der vor Gewürzen oder wahlweise Beeren nur so strotz, serviert. Tante Ludas wundervoller Wein ist selbstverständlich mehr Vitamin als alkoholisches Getränk und wird dir in jedem Fall aufgenötigt, auch wenn du noch vorhast Auto zu fahren. 

Krimwein und Krimsekt

Die berühmten Massandra-Weine von der Südküste der mittlerweile durch Putler annektierten Halbinsel Krim haben einen vorzüglichen Ruf. Tatsächlich wurde das Massandra-Weingut nur zu dem Zweck erbaut, die Sommerresidenz des letzten russischen Zaren Nikolaus II. mit Wein und Krimsekt zu versorgen. Auf 2.500 Hektar Rebfläche wachsen in dem begünstigten Klima schwere und süßliche Weiß-, Rot- und Portweine heran. 

Birkensaft

Wenn man einmal weiß, wie es gemacht wird, ist es eine leichte Angelegenheit eine Birke anzuzapfen. Und Ehrensache für die Ukrainer. Im Frühling stehen im ländlichen Raum überall PET-Flaschen mit dem milchigen Saft an der Straße vor den Häusern zum Verkauf. Wir haben uns oft für sehr kleines Geld mit dem dezenten, köstlichen und mineralstoffhaltigem Baumsaft bei den Einheimischen versorgt. Für sie ist es eine kleine Einkommensquelle und für uns auf Reisen eine willkommene, natürliche Erfrischung. 

Birkensaft und Kwass

Kompott zum Trinken

Getränk aus frischen oder im Winter aus tiefgefrorenen Früchten. Oft gezuckert, manchmal so süß, dass ich erst dachte es sei aus Marmelade hergestellt 🙂

Uswar oder Uzvar

Uswar ist ein honigfarbener Aufguss aus gedörrten und anschließend aufgekochten getrockneten Früchten, vor allem Äpfel, Birnen, Pflaumen. Typischerweise werden die Früchte im Räucherhäuschen gedörrt, wodurch der Uswar eine leichte Rauchnote hat. Mit Honig gesüßt und möglichst dick gekocht (also wenig Wasser- viel Frucht) mein absolutes Lieblingsgetränk im Winter! In der Ukraine kann man die dazu benötigten gedörrten Früchte an jeder Straßenecke für ein paar Kopeken kaufen.

Kissel (кисель)

Mit Stärke angedickter Kompott bzw. Uzvar der entweder so flüssig serviert wird, dass er “Bubble”-Tea ähnelt und bevorzugt von Kindern getrunken wird, oder auch manchmal so sehr angedickt, dass er wie Kaltschale als Dessert serviert wird. 

Kaffee

Ich muss hier mal wieder über den grünen Klee loben, aber nirgendwo sonst auf der Welt habe ich bisher so eine überzeugend hohe Dichte von ausgebildeten Baristas angetroffen, die wissen was sie tun. An unzähligen kleinen Coffee-To Go Ständen erhielt man vor dem Krieg die besten Kaffee-Spezialitäten. In den letzten Jahren sogar mit geschäumter Kokos- oder Sojamilch, wenn man Wert auf einen fastentauglichen, bzw. veganen „Milch“-Kaffee gelegt hat. Grundsätzlich hat wohl Lemberg (Lwiw) den besten Ruf hinsichtlich der Dichte an Cafes, Backwaren und Bohnenkaffee 🙂

Tee (чай)

In der Ukraine wird viel Tee getrunken. Nicht nur schwarzer Tee, der gerne bitter und mit sehr süßer Marmelade bzw. Warenje (Варенье, zum nebenher pur  löffeln!) serviert wird. Auch der “echte” chinesische Tee, also die 6 Teesorten und das Wissen darum (weiß, gelb, grün, blau, rot, schwarz und Pu-Erh) sind weit verbreitet. So haben wir z.B. in Kiew mehrere Tee-Häuser besucht, die traditionelle und moderne Varianten der Teebretter und eine erstaunliche Auswahl chinesischer Tees hatten. Ein, in frischem weiß-grün gehaltener, moderner Tee-Club im Kiewer Distrikt Obolon hatte einen raffinierten Wasser Zu- und Abfluss an den kleinen Tischen, so dass das Wasser direkt am Tisch gekocht wurde und die Tee-Reste im Untertisch-Abfluss verschwanden. 

Früchte-Tee aus frischen Früchten „Schneeball Beeren Tee“

In Restaurants bekommt man im Winter in der Ukraine viele Früchtetee Sorten, die jedoch überhaupt nicht dem widerlichen Jugendherberge-Gesöff aus den traurigen Beuteln entsprechen. Sanddorn-Tee, Himbeer-Tee und Kalina Beeren Tee werden aus frischen bzw. gefrorenen bzw. angetrockneten Früchten hergestellt. So wird für eine kleine Kanne Himbeertee (Малиновий чай) eine handvoll Himbeeren mit kochendem Wasser übergossen, ggf. mit ein paar frischen Minzblättern und ein paar Scheibchen Zitrone aromatisiert und dann ordentlich gesüßt serviert. Das ist lecker und wärmt gut durch 🙂 Auch die Früchte des hier als giftig geltenden “Gewöhnlichen Schneeballs” (lat.Viburnum opulus)
werden überall nach dem ersten Frost verkauft. Die glasig roten Beeren ergeben ein säuerlichen leicht astringierenden Tee und sollen vorbeugend und kurativ bei Erkältungskrankheiten helfen. Übrigens ist das bekannte russische Volkslied “Kalinka” nach diesen Beeren benannt.

Kwas oder Kwass

Kwas ist ein leicht fermentiertes Getränk aus altem Schwarz- bzw. Roggenbrot, dass mit Rosinen, Zucker und Wasser angesetzt wird. Da die Hefen eine kuschelige Temperatur für ihre Arbeit benötigen und der Kwas am besten kalt schmeckt, ist er ein bevorzugtes Getränk im Sommer. Er wird seit sowjetischen Zeiten aus gelben Tankwagen portionsweise verkauft.

Kefir

Kefir (Кефи́р) ist ein Milch-Pilz der sich, ursprünglich aus dem Kaukasus stammend, in der Ukraine größter Beliebtheit erfreut. Viele Ukrainer*innen hegen und pflegen ihren eigenen frischen “Pilz” (bzw. Kefirknollen) mit dem sie selbst Kefir zubereiten.

Kefir und Uzwar

Rjaschenka – Gebackene Milch

Rjaschenka ist gebackene Milch, die durch die lange Backzeit bei niedrigen Temperaturen eine süßliche Karamellnote und durch späteres Ansetzen mit saurer Sahne eine dickliche Konsistenz erhält. Originär in der Ukraine erfunden, hat sich Rjaschenka in Osteuropa vor allem in Russland verbreitet und mittlerweile kann man mit russischer Folklore bemalte Rjaschenka aus Polen bei uns im Supermarkt kaufen.

Dickmilch (Prostokwascha)

Dickmilch entsteht, wenn die natürlich in Rohmilch enthaltenen Bakterien bei Zimmertemperatur arbeiten dürfen. In Deutschland habe ich oft versucht Dickmilch aus frischer, unbehandelter Kuhmilch anzusetzen, das Ergebnis war oft bitter. Ein Professor der ökologischen Agrarwissenschaften klärte mich darüber auf, dass in der industriellen Tierhaltung aufgrund der ganzen Reinigungs- und Desinfektionsmittel auch die benötigten “guten” Bakterien sterben würden. So überlebten oft nur die fiesesten ihrer Art, die die rohe Milch dann verdürben. Er sagte schlicht: “Mit unserer falschen Hygiene haben wir uns die natürlichen Wunder der Mikrobiotik zerstört!” Ich war entsetzt. Als mein Falke und ich vorletztes Jahr im Winter im abgelegen Sommerhaus einer Jugendfreundin meines Falken tief, tief in den verschneiten Karpaten residieren durften, brachte uns die eigens für uns bestellte Haushälterin bei ihrer Visite alle paar Tage zwei 3-Liter Gläser mit frischer Milch mit. Diese war von Hand gemolken und unglaublich sahnig, da die Kuh frisch gekalbt hatte und die Milch daher besonders reichhaltig. Bei den gemütlichen Temperaturen, am immerzu brennenden Ofen, bildeten sich die Reste zu säuerlich frischer Dickmilch, die wir statt Schmand zu Deruni (Reibeplätzchen) oder einfach mit Zucker bestreut verzehrten. 

Preiselbeer Mors 

Mors ist ein Getränk aus zerstampften, aufgekochten, abgesiebten und gesüßten Preiselbeeren (auch andere Beeren). Lecker und hilfreich bei Blasen- und Nierenerkrankungen sowie Erkältung. 

 

Frischgepresste Säfte und Wasser

In größeren Städten gibt es in fast jedem Restaurant die Möglichkeit sich frischen Saft (vor allem Möhren-, Apfel- und Selleriesaft) für ca. 1€ das Glas pressen zu lassen. Wie bei uns auch gibt es in ukrainischen Supermärkten eine schier unüberschaubare Menge an Säften. Mein Lieblingssaft ist der Pflaumensaft einer Traditionsfirma aus Odessa (wahrscheinlich muss ich das hiermit als unbezahlte Werbung markieren, aber der Saft ist einfach unglaublich dick, süß und pur :). Wasser aus der Leitung kann man in der Ukraine leider nicht trinken, was ich an Deutschland wirklich absolut feier! Sämtliche Tees, Getränke und eben auch Wasser -pur als Getränk- stammen meistens aus Kanistern, die man sich selbst kauft, oder aus riesigen Gallonen, welche in eine Spender-Apparatur eingesetzt werden. Die Gallonen kann man sich vom Lieferdienst in die Hochhäuser bringen lassen, wobei viele der riesigen Wohnanlagen Trinkwasserspender zum Auffüllen der 5 und 10 Liter Kanister im Eingangsbereich haben. Dort kann man sich für wenige Kopeken mit Trinkwasser versorgen und dieses mit in seine Wohnung nehmen. 

Okroschka – Kalte Gurkensuppe für heiße Tage

Gurkensuppe: Rezept für Okroschka!

Das erste Mal als ich Okroschka gesehen habe, waren wir bei russisch / ukrainischen Freunden zum Grillen und ich dachte ich der Zatziki wäre zu flüssig geraten. Große Mengen Gurken in milchiger Sauce kannte ich bis dahin nur von dem griechischen Klassiker. Allerdings ist diese Sommersuppe das ideale Hauptgericht für heiße Tage und keineswegs eine reine Beilage sondern eines der sowjetischen Nationalgerichte für heiße Tage. Mit etwas frischem Weißbrot schmeckt die Gurkensuppe besonders lecker. Für ein sommerliches Grillfest auch eine ideale Vorspeise, die nicht “schon wieder” aus Salat besteht. Ich behaupte jeder weißrußland-, russland- oder ukrainestämmige wird den Geschmack von Okroschka aus seiner Kindheit kennen und ihn mit heißen trockenen Sommertagen und endlosen Sommerferien verbinden. Manche bezeichnen diese Sommersuppe auch als das postsowjetische Gazpacho. In jeder Familie wird Okroschka anders zubereitet, die Hauptzutaten sind jedoch stets Kartoffeln, Gurke, Radieschen, Dill, Frühlingszwiebeln, gekochte Eier und einer milchige Komponente. Bei der milchigen Komponente kann man etwas ausflippen und das nehmen, was der Kühlschrank gerade so her gibt. Klassisch wären Buttermilch, Kefir oder Sauerrahm sonst gerne auch griechischen Joghurt (10% Fettgehalt, weils lecker ist!) oder Creme legere mit etwas Mineralwasser auf die benötigte Konsistenz runterverdünnen. Für die richtige Würze kannst du alles mit Salz, Pfeffer, (körnigem) Senf ggf. einem Schluck Essig und etwas Knoblauch abschmecken.
Okroschka - Russische kalte Gurkensuppe für heiße Tage

Es gibt auch eine milchfreie Variante mit Kwas, die habe ich aber leider noch nicht ausprobieren können bzw. wollen. Ich hatte leider noch nicht das Vergnügen “echten Kwas”, der in der Ukraine und überall im postsowjetischen Raum, aus gelben Wagen heraus als Erfrischungsgetränk auf Brotbasis verkauft wird probieren zu dürfen. Das was ich bisher an Kwas getrunken habe, kam in PET-Flaschen aus dem Russenladen, war pappsüß und geschmacklich zwar lecker, aber sehr nah am Malzbier. Mein Falke sagte die ursprüngliche Variante sei viel weniger süß, bisher hat er aber sein Versprechen noch nicht eingehalten mir echten Kwas zu Hause zuzubereiten! Sobald ich “echten” Kwas habe, versuche ich mal eine milchfreie Okroschka. Manche gönnen sich auch ordentlich Fleischwurst in der Okroschka, ich persönlich finde die mittlerweile vegetarisch erhältlichen Fleischwürste leckerer als das Original, aber das ist jedem selbst überlassen. Ich werde mich zeitnah mal ein einer veganen, bzw. fastentauglichen Okroschka Variante versuchen, da die längere August-Fastenzeit zu Ehren Maria Entschlafen näher rückt und ich gerne gemeinsam mit “meinen” Ukrainern ein wenig fasten möchte, nach dem ganzen Gegrille ist ein bisschen Entsagung bitter nötig ;). Das Ganze dauert etwa 30 Minuten, wenn man schon alles würfelt während Kartoffeln und Eier garen. Die Okroschka lässt sich wunderbar vorbereiten und am nächsten Tag schön mit zur Arbeit nehmen. Aus dem Kühlschrank mit etwas Brot- Eine leichte und erfrischende Mahlzeit! Mal wieder gilt: Erlaubt ist was gefällt! Die Milchprodukte können variieren – ob Sauerrahm, Buttermilch, Joghurt, Kefir, halbe halbe oder vegan. Wichtig ist, dass du schmeckst wie sich diese kühle, würzige Erfrischung einen Platz in deine Sommerrezepte bahnt! Sehr deutsch aber ok falls du keinen Dill magst- Dill durch Schnittlauch ersetzen.

Zutaten für Gurkensuppe Okroschka (4 Portionen):

  • 400 g Kartoffeln (festkochend)
  • 4 Eier 
  • 2 Frühlingszwiebeln / Lauchzwiebeln
  • 1 Salatgurke 
  • 1 Bund Radieschen
  • 1 Bund Dill / Schnittlauch
  • 1 Pck. Schmand (250 g) oder gr. Joghurt (10% Fett)
  • 1 l Buttermilch
  • 3-4 EL grober Senf 
  • 1-2 Knoblauchzehen 
  • Salz
  • Pfeffer 
  • evtl. etwas Essig / Zitronensaft

Zubereitung der Gurkensuppe Okroschka

Kartoffeln waschen und im Topf mit Salzwasser zum Kochen aufsetzen. Eier ebenfalls kochen, bitte mindestens 7 Minuten, sie sollten hart sein! In der Zwischenzeit Frühlingszwiebeln, Gurke und Radieschen fein würfeln. Den Dill gründlich waschen, fein hacken und hinzugeben. Die Eier abschrecken, pellen und ebenfalls klein hacken. Alles mit Buttermilch und Schmand übergießen und kräftig mit Senf, Salz und Pfeffer würzen. Die geschälten Knoblauchzehen pressen und hinzugeben. Kartoffeln abkühlen lassen, pellen und gewürfelt in die Sommersuppe geben. Alles verrühren. Konsistenzcheck -> falls zu dick kann mit etwas Mineralwasser verdünnt werden, Geschmackscheck-> mit etwas Essig oder Zitronensaft eine angenehm frische Säure erzeugen. Gut gekühlt mit etwas frischem Brot als Vorspeise oder leichte Hauptmahlzeit servieren. Смачного!

Wenn du auf den Geschmack gekommen bist und tiefer in die ukrainische Kulinarik eintauchen willst habe ich dir hier ein paar wundervolle Kochbücher verlinkt. Dies sind Affiliate Links- Du bezahlst den regulären Preis und ich bekomme eine kleine Provision die mir hilft den Blog weiter voran zu bringen. Die Autoren geben z.T. einen Teil ihres Erlöses an geflüchtete aus der Ukraine weiter: 

Horilka – Der ukrainische Schnaps!

Horilka – Fast alles was du über den ukrainischen Schnaps wissen musst!

 Was trinkt man in der Ukraine? Wer jetzt Wodka sagt ist nicht ganz richtig, nicht ganz falsch! Natürlich verschmähte ein Ukrainer -bisher zumindest- auch keinen Wodka. Traditionell heißt der bevorzugte Schnaps aus der Ukraine aber Horilka. Die heutige Bezeichnung wird seit dem 18. Jahrhundert verwendet und kommt vom ukrainischen Wort „hority“ was so viel wie „brennen“ bedeutet. Stimmte der Alkoholgehalt und damit die Qualität, so brannte das Getränk nicht nur in der Kehle, sondern auch beim Anzünden! Im 15. Bis 16. Jahrhundert zur Zeit der Saporoger Kossacken verbreitete sich das Getränk zunächst unter der Bezeichnung „Brot-Wein“ und „Brannt-Wein“. Erstere Bezeichnung, entstand wohl vor allem daher, dass der Schnaps aus Getreide hergestellt wurde. Während Vodka damals jedoch aus einer Mischung von Roggen, Hafer und Gerste produziert wurde, verließ man sich bei „gutem“ Horilka seit jeher auf den Weizen als Hauptzutat!
Ein guter Horilka wird jedoch vielfach destilliert und mit reinem Wasser auf 40 % Alkohol runter verdünnt, so dass er fast keinen Geschmack außer dem typischen brennenden Mundgefühl hinterlässt. So gilt er als eines der reinsten Getränke der Welt. Gegebenenfalls wird der Horilka nachträglich aromatisiert. Beliebt und verbreitet ist z.B. Horilka mit Chillies und Honig.
Der wohl bekannteste Ukrainische Horilka „Nemiroff“ wurde nach seiner Heimatstadt Nemyriv benannte hat sich seit dem Gründungsjahr der Marke (1872) zu einem der größten „Wodka“-Produzenten der Welt entwickelt und rangiert zwischen den Marken Smirnoff, Stolichnaya und Absolut.
Schnapsproduktion Ukraine
Meiner Erfahrung nach kauft man in der Ukraine -zumindest im ländlichen Bereich- jedoch niemals Marken Horilka. Meistens wird zum gemeinsamen Abendessen (wenn man Glück bzw. Pech hat auch bereits zum Mittagessen oder zum Frühstück) eine selbst befüllte Glas- oder Plastikflasche aus dem Kühlschrank gezaubert, an deren Oberfläche sich direkt das Kondenswasser niederschlägt, so wie dem Trinker nach ein paar Gläschen der Schweiß auf die Stirn tritt. Dieser Horilka stammt dann zumeist aus der eigenen Produktion, der von der Tante oder dem Onkel, oder irgendeinem Nachbarn. Wirklich weit laufen muss man nie, wenn man Nachschub benötigt, das Wissen um die Herstellung ist weit verbreitet und wird quasi nebenbei an die nächste Generation weitergegeben. Außerdem wird ja meist auf Vorrat produziert, denn wie wir alle wissen, kommt der nächste Winter bestimmt!
 
Eine ganz besondere Rolle hat der Horilka nun während des völkerrechtswidrigen und brutalen Angriffskriegs durch Putin auf die Ukraine bekommen: In den ersten Kriegstagen herrschte ein Konsumverbot für hochprozentigen Schnaps, denn sämtlicher Horilka wurde nun zur Selbstverteidigung benötigt. Guerilla-Kämpfer bauten unermüdlich Molotov-Cocktails sich bis zum letzten Tropfen gegen die russischen Aggressoren zu Wehr zur setzen. Diese Anekdote zeigt den Mut der Verzweiflung, aber auch die unfassbare Willensstärke und Kreativität der ukrainischen Verteidiger*innen.
Ukrainische Molotow Cockatils Ukraine Krieg
Ich muss an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es in Deutschland seit dem 01.01.2018 ein Straftatbestand ist, privat Schnaps zu brennen. Davor gab es für Kleinstdestillen mit 0,5 Liter Brennvolumen noch eine Ausnahmeregelung, diese ist nun hinfällig. Es geht vor allem um Steuerhinterziehung, da die Branntweinsteuer bei privatem Destillieren nicht einkassiert werden kann. Dies ist übrigens eines der deutschen Gesetze, was die Ukrainer absolut fasziniert, da es in der Ukraine so unsinnig wäre, wie das Essen oder Atmen zu verbieten.
Die überall beiläufige Herstellung hat mich bei meinen Ukraine-Besuchen jedoch beeindruckt und vor allem die Kreativität beim Bau der Anlagen und beim Ansetzen der Maische.
 
Die Maische wird traditionell mit Weizen, Zucker und Hefe angesetzt. Im Endeffekt kann alles mit einem Zuckergehalt vergoren werden. Viele setzen auch nur Zucker mit Hefe an und nutzen nur ein wenig Getreide, um das Überschäumen der Hefe zu verhindern. Der Gärverschluss fängt an zu blubbern, sobald die Hefe aktiv wird und hört auf, wenn die Maische bereit zum „brennen“ ist. Das ist je nach Temperatur nach ein bis zwei Wochen der Fall, wobei der Gärbehälter schön auf angenehmer Zimmertemperatur stehen sollte. Beim Brennen wird die Maische gesiebt und erhitzt, so dass das Kondensat aufsteigt, in einem Zwischenschritt setzen sich milchige Unreinheiten in einem Auffangglas ab, der Rest steigt gasförmig weiter bis es in einer Wasserkühlung kondensiert. Auch bei den Wasserkühlungen gibt es verrückte Konstruktionen. Glücklich ist, wer auf dem Land lebt und einen Bach neben seiner Brau-Apparatur hat! Alle anderen lassen entweder konstant kaltes Wasser aus dem Hahn dazulaufen, oder holen im Winter konstant Schnee und Eis von draußen!
 Destille für Horilka, Schnaps brennen in der Ukraine

Nach dem ersten Destillat sollte der fertige Horilka noch mindestens einmal „gebrannt“ werden um minderwertige Alkohole und Verschmutzungen rauszufiltern. Tatsächlich erkennt man einen guten Horilka daran, dass man trotz geraumer Mengen am nächsten Tag keinen Kater hat. Wobei das auch der Menge der meist sehr nahrhaften „Nachbeißerchen“ liegt, die man zum Horilka genießt und die ebenfalls die Auswirkungen des übermäßigen Konsums begrenzen können.
 
Die ideale ukrainische Variante von „Prost“ lautet übrigens: Будьмо! (Budymo!). Wenn du beim Russischen bleiben möchtest, solltest du darauf achten, dass es „Sa sdorowje“ heißt, was so viel bedeutet wie „Auf die Gesundheit!“. Das in Deutschland bekannte und viel im Beisein von Russen und vermeintlich russischen Ukrainern ausgerufene Na sdorowje“ ist eher als Dank zum Essen verwendet und die konsequente falsche Nutzung durch Ausländer ist peinlich. Also „Будьмо!“!

Achtung Affiliate Links*: Wer nicht im Ausland lebt und selbst destillieren darf oder ab und an das Glück hat ein wenig Horilka mitgebracht zu bekommen, der kann hier bei Amazon den guten Nemiroff aus der Ukraine bestellen und probieren (Drink responsible!): 

Tee trinken – Welche Farben und Sorten gibt es beim Tee?

Chinesischer Tee: Welche Sorten und Farben gibt es ?

Abwarten und Tee trinken… Es gibt unzählige Redewendungen, die die Bedeutung des Tees nicht nur als Getränk, sondern auch als Ritual, Zeremonie und gesellschaftliches oder persönliches Ereignis hervorheben.  Welcher Tee jeweils gemeint ist wird zunächst nicht klar. Ob man nun Früchtetee, Nieren- und Blasentee, Schietwettertee mit Karamellnote meint, Ostfriesentee der ja immerhin schonmal „Schwarz“-Tee enthält oder eben echten chinesischen Tee in seiner ursprünglichen Form. 

Wenn wir von Tee-Trinken reden oder offiziell zum Tee laden, beziehen wir uns auf den chinesischen Tee. Vor etlichen Jahren haben mein Falke und ich uns beim Tee kennen gelernt, inmitten eines höchst überfüllten Raves, hatte er mit seinem liebevoll und detailreich bestücktem Teebrett eine Oase der Ruhe zwischen den zuckenden Leibern geschaffen. In einer modernen Weiterführung der chinesischen Teetradition erzählte er gute Geschichten und schaffte es mit einer heiteren Leichtigkeit geistreiche Gespräche anzuregen. Mich faszinierte, wie dieses Ritual verschiedenste Menschen zusammenführte, die größten Rüpel die winzigen Tässchen achtsam zwischen ihren Fingern balancierten und die kleinen Porzellan- und Tonfigürchen mit großer Neugier musterten. Wie von selbst hob sich die Redekultur, sonst verbreitete Schimpf- und Füllwörter verschwanden wie von alleine und auch die Themen kreisten um qualitative Themen deren Tiefe mich für die fortgeschrittene Uhrzeit und des verbreiteten Suchtmittelkonsums doch überraschten. 
Die unten stehenden Links sind Affiliated Links. Wenn ich dir (unbezahlte Werbung) jedoch empfehlen darf: Bezieh deinen Tee über Gerhard im Cha Dao, dann bekommst du den besten Tee, die beste Beratung und eine unbezahlbare Erfahrung 🙂
Keep Calm and drink Tea

Ein Mord mag verziehen werden, eine Unhöflichkeit beim Tee nie.
Chinesisches Sprichwort

Es ist, als ob dieses alte chinesische Sprichwort sich global in den Herzen der Menschen verankert hat und sie sich prophylaktisch schonmal besser benehmen als sonst, wenn sie Tee trinken. 
Einer Legende nach wehte der Wind einige Blätter des wilden Teestrauches in die mit heißem Wasser gefüllte Tasse des Kaisers Shen Nung. Dies soll über 2700 Jahre v.Chr. die Entdeckung des Tees als belebende, wohlschmeckende und heilende Pflanze gewesen sein. Wenn wir von Tee reden, so meinen wir immer Blätter der Pflanze Camellia sinensis.
Diese existiert als Teebaum, der bis zu 1000 Jahre alt werden kann (Camellia sinensis var sinensis) und als Teestrauch, der „nur“ rund 100 Jahre alt wird (Camellia sinensis var assamica). 

Der normale handelsübliche Tee stammt von den kultivierten Teesträuchern, die kommerziell sowohl in China als auch Indien angebaut werden. 
Der Tee-Händler unseres Vertrauens, Gerhard vom „Cha Dao“ im schönen Odenwald kennt seine Zulieferer größtenteils persönlich und hat etliche Meilen hinter sich gebracht, um auch die uralten Teebäume im Hochland zu besichtigen, von denen einzigartiger und sehr kräftiger Tee geerntet werden kann. 

Taiwan auf chinesischem Tee Brett

Es gibt 6 Hauptsorten chinesischen Tees, von denen es jeweils etliche Untersorten gibt. 

Oolong Tee (chin. Blauer Tee) auch Wulong

Oolong Tee, eigentlich „Wulong“ (Schwarzer Drache) wird vor allem im Südosten Chinas und Taiwan angebaut, klar und geruchlich dem grünen Tee sehr ähnlich, doch im Geschmack so kräftig wie Schwarzer Tee. Der Fermentationsgrad entscheidet erheblich über den Geschmack. Je hochwertiger der Tee, desto länger der Nachgeschmack, „Nachhall“ im Mund. Ihm wird nachgesagt Proteine und Fett schnell abzubauen und eine gewichtsreduzierende Wirkung zu haben. Tie Guan Yin (25-30% Oxidationsgrad, die mittel bis stark oxidierten „Phönix“-Wulongs oder die mit 80% recht stark oxidierten „Stein“-Tees aus dem Wuyi Shan sowie der Dong Ding Oolong (der Name ist kein Witz 🙂 sind bekannte Vertreter dieser Sorte. 

Grüner Tee

Der wohl am längsten bekannte und in China verbreitetste Tee ist der grüne Tee. Die Bezeichnung leitet sich einfacherweise von der grünen Farbe der Blätter und des Aufgusses ab. Grüner Tee wird nach der Ernte erhitzt, gerollt und ohne Fermentation getrocknet, so dass die ursprüngliche Farbe der Blätter beibehalten wird und die berühmten Antioxidantien geschont werden. 

Gelber Tee

Gelber Tee ist eng mit dem grünen Tee verwandt, nur dass sein Aufguss ein klares Gelb annimmt. Er ist so selten und kostbar, dass er in China eigentlich nur zum Verschenken gekauft wird. Früher war die Farbe Gelb dem Kaiser vorbehalten und heute gilt es noch als besondere Ehrerbietung, Geschenke an einen besonderen Menschen in gelbem Geschenkpapier einzupacken. Ich denke dieser Umstand hat dazu beigetragen, dem gelben Tee seine Exklusivität zu verleihen.

Weißer Tee

Weißer Tee wird aus den Knospen und jungen Blättern der Teepflanzen im Südosten der chinesischen Fujian Provinz hergestellt. Durch ein besonders schonendes Trocknungsverfahren behalten sie den ursprünglichen Zustand mit feiner Behaarung, die das silbrig-weiße Aussehen der Blätter und die Namensgebung des Tees bestimmt. 
Weißer Tee hat z.B. gegenüber grünem Tee einen erhöhten Koffeingehalt, da die jungen Teeblätter mehr davon enthalten. Deshalb wurde er zeitweilig als Musen-Tee der Künstler und Schöngeister gehypt. Tatsächlich erfrischt er zuverlässig und macht einen klaren und fokussierten Zustand. 

Schwarzer Tee (chin. Roter Tee)

Was bei uns als schwarzer Tee bezeichnet wird und im Westen die populärste Teesorte ist, läuft in China unter der Farbe „roter“ Tee. In Wirklichkeit ist der Aufguss hellbraun, aber wer streitet schon über Farben? Die Blätter für die Schwarztee Zubereitung werden nach der Ernte fermentiert und anschließend „gebacken“.

Pu-Erh-Tee (chin. Schwarzer Tee)

Einer langen und aufwendigen Fermentation wird der „postfermentierte“ Tee, der Pu-Erh-Tee unterzogen. Für diesen Prozess bedarf es einen erfahrenen Teemeister, dass Endergebnis ist ein dunkelbrauner Tee, ein Tee der in China dann die Bezeichnung „Schwarzer Tee“ erhält. Ähnlich einem Wein reift er mit dem Alter und z.T. werden sehr hochwertige Tees vor allem in China sorgfältig verpackt in speziellen „Tee-Banken“  als Wertanlage gelagert. Pu-Erh-Tee aus der chinesischen Yunnan Provinz ist wegen seiner großen Blätter sehr speziell und beliebt.

Mein Falke hat mich öfter auf die Probe gestellt und mir ihm namentlich bekannte Teesorten im Gaiwan zubereitet. Immer wieder bei einer Sorte geriet ich in Verzückung: Tie Guan Yin (铁观音 – Die Eiserne Göttin der Barmherzigkeit). Scheinbar stehen wir beide auf „blaue“ Tees (Wulong bzw. Oolong) in unterschiedlichen Fermentationsgraden. Egal was der Teemeister Gerhard im Cha Dao ihm an Tee-Spezialitäten zubereitete, ihm gefiel stets der Wu Yi Da Hong Pao (Große Rote Robe aus dem Wuyishan) am besten. Dies ist ein „Stein“-Tee also ein sehr stark oxidierter Oolong/Blauer Tee mit unverwechselbarem rauchigem Aroma. 
Preise dieser „Da Hong Paos“ liegen je Untersorte und Kilo zwischen umgerechnet 600 und 6000 Euro. Da ist es wirklich großartig, dass man nur kleine Mengen benötigt und diese auch mit jedem Aufguss besser werden. Wirklich hochwertige Sorten vertragen über 10 Aufgüsse!

Buchweizen Brei Kascha – Ukrainisches Rezept

Buchweizen-Grütze: Die wohl beliebteste „Beilage“ der Ukrainer!

Bei der Überschrift spielt manch ein Ukrainer vermutlich bereits mit dem Gedanken mich zu steinigen. “Beilage?!?!?” Kascha (каша) ist vielerorts praktisch bereits ein Hauptgericht, schlicht, schmackhaft, nahrhaft und irgendwie orthodox. Nach Russland und der Volksrepublik China ist die Ukraine immerhin der drittgrößte Buchweizenproduzent der Welt mit knapp 100.000 Tonnen jährlicher Produktion. 

Mit Kascha wird im Russischen allgemein Brei oder Grütze bezeichnet. Der morgendliche Haferbrei aus gerösteten Haferflocken, den mein Falke so sehr liebt (auch wenn er ihn leider mit Thunfisch verzehrt, was mich wirklich, wirklich abstößt 🙂 ist ebenso Kascha, wie Grießbrei, Hirsebrei oder eben Buchweizen Grütze. 

Wenn jedoch keine nähere Spezifikation in der Speisekarte oder vom Gastgeber angegeben wird, kannst du dir meistens sicher sein, dass dir Buchweizen (гречневая каша) serviert werden wird, einfach weil er äußerst beliebt und auch als landwirtschaftliche Pflanze recht anspruchslos ist – dass heißt Buchweizen wächst auch da, wo es für echte Getreidearten bereits zu trocken ist. Buchweizen ist ein Knöterichgewächs und damit “nur” ein sogenanntes “Pseudogetreide” was leider richtig abwertend klingt. Buchweizenforscher (?!?) gehen davon aus, dass das Gewächs seinen Ursprung – wie fast alles – in China hat und durch die Mongolen nach Mitteleuropa gebracht wurden. Für Deutschland gibt es ab dem 13. Jahrhundert gesicherte Quellen dafür, dass Buchweizen als Bereicherung der Nahrungsvielfalt kultiviert wurde, bis er dann Jahrhunderte später durch den Siegeszug unserer geliebten Kartoffel in hiesigen Gefilden in Vergessenheit geriet. Im österreichischen Burgenland ist er noch unter der Bezeichnung “Heidenkorn” oder “Türkenkorn” allgemeinhin bekannt und aus seinem Mehl wird “Heidensterz”, ein gebackender Klops als Beilage zur Suppe zubereitet, was ich dringend mal ausprobieren möchte!! 

Unter den Deutschen kennen ihn jedoch heute eigentlich nur die ganz harten Ökos. Als ich während meines Studiums in einem Bio-Hofladen gejobbt habe, dachte ich auch plötzlich ich müsse jetzt mal Buchweizen essen. Die blassen Körner, die ich dort mit Mitarbeiterrabatt kaufen konnte, waren aber im gekochten Zustand leider einfach nur widerlich und haben mir die Lust auf den alten Knöterich für einige Zeit verdorben. 

Buchweizen Pflanze ungeröstet und geröstete Körner

Bei einem Imkerei-Praktikum in Transsilvanien, Rumänien kam mir der Buchweizen dann in einer sehr aufregenden Form über den Teller: Buchweizen-Honig! Ein höchst ungewöhnlicher Honig, wohl der Honig für Leute die keinen Honig essen. Der Imker ließ potenzielle Neukunden des Buchweizenhonigs auf dem Markt immer erst probieren, weil er spätere Beschwerden und Reklamationen vermeiden wollte. Die Krönung war das frisch gebackene, noch warme Weißbrot, was in der benachbarten Bäckerei in den Abendstunden, verlockend duftend aus dem Steinofen kam, dick mit Butter und dem Buchweizen-Honig zu bestreichen und darauf frisch geröstete Buchweizen-Körner aus der Pfanne zu geben. Ein absoluter “Crunch” mit nussiger Note irgendwie herb, rauchig und süß. Ich hatte mich mit dem Buchweizen zunächst versöhnt. 

Als mir jedoch mein Falke zu Beginn unserer Beziehung beim Betreten seiner Wohnung fröhlich zuflötete: ”Liebste, es gibt Buchweizen!”, wäre ich am liebsten postwendend zur nächsten Pizzeria gelaufen. Döner, Pommes, Graupensuppe- egal nur nicht Buchweizen als Brei oder Grütze! Aber die Beziehung war frisch und ich gut erzogen, also rang ich mir mein spezielles Lächeln für solche Fälle ab, interessiert – distanziert mit schmalen Lippen, trippelte ich nach einer flüchtigen Begrüßung zum Herd und schnupperte vorsichtig. Es schien Schwein zum Buchweizen zu geben, also würde ich zumindest nicht hungern müssen. Ich seufzte erleichtert. 

Als er mir trotz meiner Proteste eine große Portion Kascha auf den Teller lud, stutze ich und musste mich kurz rückversichern, dass er denselben Buchweizen meint wie ich. Dieser hier war erdbraun, ähnelte Vollkornreis und duftete appetitlich. Während die zerlaufende Butter auf den zarten Körnern verführerische Bäche bildete und ich mich dennoch erstmal dem Schwein widmete, schmolz mein Widerstand als in mir mit dem nussigen Geruch die Erinnerung an gerösteten Buchweizen auf Honig in Rumänien aufstieg. Ein heißer Sommer, viel Arbeit von Bienen umschwärmt, in Schweiß getränkt, die schweren, süßlich-klebenden Honigräume in den alten LKW schleppend und Blütenmeere bis zum Horizont der Dobrudscha – und Buchweizen. 

Beherzt löffelte ich die Kascha in den Mund und war nicht enttäuscht. – Wir redeten zwar von derselben Pflanze, nicht jedoch vom selben Produkt. In Osteuropa, fern von Birkenstock-Sandalen, wird der Buchweizen selbst geröstet oder eben vorgeröstet verkauft, so dass das nussige Aroma quasi mitgeliefert wird. Kein Vergleich zu den blassen Körnchen aus meinem Hofladen, die eine leicht schleimige Konsistenz und grünliche Optik beim Kochen entwickelten.

Rezept! Die Buchweizen Kascha ist so einfach zu kochen, dass ein Rezept fast lachhaft ist:

Buchweizen Rezept als Beilage – Kascha für 4 Personen: 

  • 2 Tassen Buchweizen (bräunlich! im “Russenladen” erhältlich)
  • 4 Tassen Wasser 
  • 1 EL Butter
  • 1 geh. TL Salz 
Mein Falke gibt immer hinzu: 
  • 4 Kardamom Kapseln
  • 3 Piment Körner

Zubereitung von Buchweizen Kascha:

Butter schmelzen lassen (ggf. Gewürze mit anrösten), Buchweizen unter stetigem Rühren hinzufügen und kurz glasig werden lassen, auf keinen Fall zu sehr bräunen, dann bleibt er hart!! Salz und Wasser hinzufügen. Aufkochen, 5 Minuten köcheln, dann unter minimalster Hitze noch 15-20 Minuten ausgaren lassen. 
Gerne mit einem ordentlichen Stich Butter servieren. Meine Küken lieben es, die Reste der Kascha am Morgen mit Milch aufgewärmt zu verzehren. Deshalb machen wir nur sehr selten Zwiebeln in unseren Buchweizen. 
In der orthodoxen Fastenzeit kann man Kascha einfach ohne das Fett zubereiten und ZACK hat man eine fastentaugliche Mahlzeit/ Beilage 🙂 

Buchweizen Kascha mit glasierten Möhrchen

Ich glasiere dazu gerne ein bisschen Gemüse mit Honig, ein leichtes Abendbrot welches meine Küken sehr schätzen! 
Dazu röste ich eine Zwiebel in etwas Fett (Fastenzeit ggf. ohne Fett), gebe ca. 6 gestiftelte Möhren hinzu und vielleicht einen Pak Choi, einen Fenchel oder was noch so weg muss, einen kleinen Schluck Wasser und lasse das 5 Minütchen mit Deckel drauf vor sich hin dünsten, bevor ich einen dicken Teelöffel Honig und einen halben Teelöffel Gemüsebrühe hinzufüge. Der Honig unterstreicht die Süße der Möhren und macht das Ganze sehr leicht, rund und lecker 🙂 

Falls du keinen “Russenladen” erreichbar hast, habe ich dir hier mal meine favorisierten Buchweizenprodukte hochgeladen, damit du nicht aus Versehen das blasse Mistzeug kaufst, was mir damals fast die Freude am Buchweizen verdorben hätte. Das sind Affiliate Links  (ich bekomme Provision, sage dir artig “Danke” – du zahlst nur den regulären Preis und unterstützt nebenbei meine Arbeit ;-). Falls du irgendwo den gerösteten Buchweizen für weniger als 4,50€ das Kilo bekommst, schreib mir bitte eine Nachricht- Ich hätte Interesse! Ansonsten habe ich hier ein 5x 1 Kilo Paket verlinkt was bei uns 2-3 Monate vorhält und bisher das beste Preis-Leistungsverhältnis bietet.