Wareniki- Traditionelles Ukrainisches Rezept mit Kartoffelfüllung

Wareniki – Ukrainisches Rezept für traditionelle ukrainische Teigtaschen

Wareniki, manchmal auch Vareniki genannt, sind eine ukrainische Spezialität aus Teig, der unterschiedliche Füllungen haben kann. Ukrainer streiten sich gerne darum, welches Gericht den größten “Nationalgericht” Charakter hat, Borschtsch, Wareniki oder einfach Salo (ja- Einfach pur!) aber da es zumindest Borschtsch und Wareniki gefühlt jeweils an drei Tagen in der Woche gibt und beides mit Smetana (Schmand) gegessen wird, ist diese Frage für mich persönlich unerheblich. Die ukrainische Küche bietet ein unüberschaubares Bouquet an herrlichen Gerichten, die meiner Ansicht nach alle Anspruch auf den Titel “Nationalgericht” hätten. Was solls? Einfach öfter mal was anderes kochen und Freunde einladen 🙂

Wareniki eignen sich ebenso wie die russischen Pelmeni ganz hervorragend zum Vorbereiten und Einfrieren im großen Maßstab. An irgendeinem schäbbigen Herbsttag, an dem man einfach nur ein bisschen in eine Decke eingewickelt auf dem Sofa rumhängen will, finden sich die liebevoll wartenden Teigtaschen im Tiefkühlfach wieder und bezaubern durch ihr tröstendes, wärmendes Wesen – Ein echtes Soulfood! 

Verschiedene Füllungen für Wareniki

Im Gegensatz zu Pelmeni, die ich persönlich ausschließlich mit Fleischfüllung kenne, kommen Wareniki mit ganz verschiedenen Füllungen einher und eignen sich – veganisiert auch hervorragend für die orthodoxe Fastenzeit oder den beliebten “Veganuary”. Klassischste aller Wareniki-Füllungen ist vermutlich die Kartoffelfüllung. Danach kommt die Kohl-Füllung, die mir persönlich am leckersten schmeckt, einfach weil alles was die Ukrainer mit Kohl zubereiten ausgezeichnet schmeckt! Auf Platz drei der Füllungen ist eine Pilz-Kräuter-Füllung, die auch sehr köstlich ist. Am meisten freue ich mich wenn wir alle drei Füllungen zubereiten und man bei den identisch aussehenden Wareniki auf dem Teller nicht erahnt, welche Füllung mit dem nächsten Biss kommt. Im Frühjahr sind fruchtig-süß gefüllte Wareniki mit Erdbeer oder Rhabarberfüllung der Renner in Restaurants.

A propos Biss: Das im Teig enthaltene Ei verleiht den Wareniki ein gewisses “Al dente” – Wer auf weichere Teigwaren steht, sollte die vegane / fastentaugliche Variante ausprobieren, sie ist ebenfalls lecker aber eben flauschiger. 

Den Teig kannst du mit jeder runden Form oder einfach einem Wasserglas ausstechen, wir haben letztes Jahr extra Wareniki Ausstecher aus der Ukraine vom Markt mitgebracht. Die hatten einfach den Vorteil, dass unsere kleinen Helfer sie nicht in einem unvorsichtigen Moment kaputt schmeißen können und der Teig nicht am Glasrand festklebt (Luxusprobleme :). 
Ukrainische Wareniki mit Kartoffelfüllung in der Zubereitung

Wenn du extra schnell und ordentlich arbeiten möchtest empfehle ich dir die Wareniki-Füllgeräte (s.Affilate Link unten) die sich auch für polnische Piroggen eignen, sonst lad dir die Schwiegermutter und die Nachbarn ein, verteile großzügig Horilka und die Füllerei mit Löffel und Händen kann beginnen! 
Die Zutaten sind für etwa 40 -50 Wareniki je nach Größe (10 machen mit Schmand recht gut satt, so dass die Menge in etwa 4 Portionen entspricht – Wir machen ohnehin immer die doppelte Portion und frieren eine “für schlechte Zeiten” beiseite:)

Zutaten Teig für ukrainische Wareniki: 

  • 500 g helles Mehl (Weizen oder Dinkel)
  • 1 TL Salz
  • 1 Ei
  • 160 ml Wasser
  • 1,5 EL Öl (Sonnenblumenöl – Wer sichs gerade leisten kann und welches findet)

Zutaten Kartoffel- Füllung für ukrainische Wareniki:

  • 800 g Kartoffeln (mehlig)
  • 125 g (Kräuter-) quark
  • 2 gr. Zwiebeln
  • ½ Bund Dill
Zutaten zum Garnieren
  • 100 g Speckwürfel
  • 2 gr. Zwiebeln oder ½ Bund Frühlingszwiebeln
  • 200 g Schmand oder griechischen Joghurt (10% Fett 🙂
  • ½ Bund Dill

Zubereitung ukrainischer Wareniki

Kartoffeln in ausreichend Salzwasser schön weich kochen. In der Zwischenzeit den Teig vorbereiten: Mehl und Salz vermischen, Kuhle ins Mehl formen, Ei reingeben und mit Öl und Wasser zu einem geschmeidigen Teig verkneten. Wenn er zu klebrig oder trocken ist gib noch etwas Mehl bzw. Wasser hinzu, dann lass ihn ihn ein Handtuch eingeschlagen 30 Minuten ruhen.  

Gekochte Kartoffeln abkühlen lassen. In der Zwischenzeit 2 Zwiebeln sehr fein würfeln und mit etwas Fett anbraten. Kartoffeln pellen und mit einem Stampfer zerdrücken. Mit Quark, den angebratenen Zwiebeln und dem feingehackten Dill vermischen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. 
Teig dünn ausrollen, mit bemehltem Wasserglas (sonst klebts!) oder mit Teigtaschenform runde Formen ausstechen. Etwa 1 Esslöffel Füllung auf den Teig geben und zu Halbkreis zusammenlegen und die Ränder (ggf. mit etwas Wasser) zusammendrücken. Hübsch ist es immer den Teig dabei etwas zu verdrehen, so dass eine süße Wellenform entsteht. Benutzt ihr die Teigtaschenformer entsteht diese automatisch. 

Während ihr die Wareniki klebt, könnt ihr rund 2 Liter Salzwasser oder Gemüsebrühe zum Sieden bringen. Ihr könnt die Wareniki immer portionsweise ins Wasser geben. Sie sind fertig, wenn sie an der Oberfläche schwimmen. 

Ihr könnt nun die übrigen Zwiebeln würfeln und gemeinsam mit dem Speck knusprig anbraten. Falls ihr Frühlingszwiebeln verwendet, gebt diese später roh dazu und lasst den Dill weg. Ansonsten gebt Zwiebeln und Speck auf den Schmand auf die Wareniki auf den Teller streut ordentlich fein geschnittenen Dill über die Kreation – und genießt 🙂 

Wenn ihr Wareniki auf Vorrat zubereiten möchtet, solltet ihr sie dennoch auf jeden Fall vorher kurz abkochen, da sonst die Füllung den rohen Teig aufweicht und eure Arbeit umsonst war. Abgekocht und abgekühlt, könnt ihr sie auf einem Tablett einfrieren (klben sonst aneinander) und wenn sie gefroren sind in einem Gefrierbeutel rund 6 Monate tiefgekühlt aufbewahren. 

Orthodox Fasten – Gesundheit und ein langes Leben

Gesundheitliche Vorteile vom Fasten und spirituelles Fasten

In fast allen Religionen spielt das Fasten eine große Rolle. Hauptziele des Fastens sind dabei vor allem die spirituelle und körperliche Reinigung durch den Verzicht, eine größere Nähe zu Gott, Stärkung der Widerstandskraft gegenüber Versuchungen durch Verzicht, Vorbereitung auf heilige Sakramente oder Buße. Weil der spirituelle Aspekt schwerer wiegt als der Physische, gibt es bei den Ernährungsregeln Ausnahmen für Schwangere, Stillende, Alte, Kinder und Kranke während der Fastenzeit. In den letzten Jahren sind jedoch immer mehr die gesundheitlichen Vorzüge des Fastens bekannt geworden. Wie und wann gefastet wird, ist abhängig von der Religion. Studien legen jedoch nahe, dass gerade das traditionelle orthodoxe Fasten viel gesundheitliches Potential birgt. 

Fasten aus gesundheitlicher Sicht gewinnt auch in Deutschland religionsunabhängig durch alle Gesellschaftsschichten an Bedeutung wie eine aktuelle Umfrage von Statista von Anfang diesen Jahres zeigt: 
Knapp ein Viertel der Befragten halten Fasten vor allem aus gesundheitlicher Sicht für wertvoll. Vor allem auf Alkohol und Süßigkeiten verzichten die meisten. Der Verzicht auf Fleisch steht immerhin an dritter Stelle. In Deutschland fasten die meisten Menschen in der rund 40 tägigen Fastenzeit vor Ostern. Viele wissen gar nicht, dass es auch im westlich christlichen Glauben noch andere Fastenzeiten gibt, die Fastenzeiten im orthodoxen Glauben jedoch besonders stark ausgeprägt sind. 

Orthodoxer Geistlicher in der Fastenzeit

Christliche Fastenzeit

So dauert die orthodoxe Fastenzeit mit insgesamt rund 180 Tagen fast ein halbes Jahr! Orthodoxe Gläubige verzichten in dieser Zeit vor allem auf Fleisch, Eier und Milchprodukte. 

Zusätzlich wird (wie ursprünglich in allen christlichen Kirchen) an jedem Mittwoch und Freitag gefastet. Mittwochs, um an den Verrat durch Judas an Jesus Christus zu erinnern, der an einem Mittwoch stattgefunden haben soll und freitags um an Karfreitag zu erinnern. An strengen Fastentagen wird zusätzlich auch auf Fisch, Wein und Öl verzichtet. 

Im orthodoxen Griechenland erlebt vor allem die “Große Fastenzeit” also die vorösterliche Fastenzeit gerade ein Comeback. Viele Jugendliche nutzen diese gemeinschaftliche Erfahrung um sich an ihre kulturelle Identität und ihren Glauben zu erinnern, der ihnen gerade in wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten Halt gibt. Aktuelle medizinische Studien aus Griechenland, wo das Fasten seit Jahren auch wissenschaftlich erforscht wird, zeigen jedoch auch die positiven gesundheitlichen Aspekte, die mit dem, über Jahre wiederholten Fasten, einhergehen. So stellten die Studien heraus, dass Menschen die seit ihrer Kindheit regelmäßig nach orthodoxen Richtlinien fasten, ein deutlich reduziertes Risiko haben an Krankheiten wie Osteoporose zu erkranken, einen Hirnschlag oder Herzinfarkt zu erleiden. Das Risiko an Depressionen zu erkranken sei bei Fastenden zudem um fast 40 Prozent reduziert, wobei dem Glauben an sich dabei eine große positive Rolle zukommen dürfte (s. auch Rodothea Seralidou “Wer fastet lebt länger”). 
Eine sehr interessante Dissertation von Daniela Liebscher aus dem Jahr 2012, die wissenschaftliche Studien zu verschiedenen religiösen Fastenarten vergleicht, beschreibt vor allem die Senkung des LDL-Cholesterols im Blut der Fastenden und nennt die vergleichsweise lange Dauer und Häufigkeit des orthodoxen Fastens als Hauptfaktor für die herzschützende Wirkung des Fastens. Auch zeigten sich Tendenzen, dass der Körperfettanteil mit zunehmender Fastendauer sinkt, ohne dass ein Rebound-Effekt (umgangssprachlich auch “Jojo-Effekt”) zu beobachten wäre. 

Ist Fasten gesund?

Hierzu ist natürlich auch eine ausgewogene Ernährung an den übrigen Tagen im Jahr wichtig. Die Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn beschreibt in ihrem Bestseller “Die Entschlüsselung des Alterns- Der Telomer Effekt (2019)” die Funktion der Telomere und wie man die Alterung der Telomere (und damit das eigene Altern) nicht zur verzögern, sondern sogar umkehren kann! Neben Erkenntnissen, die nach normalem Menschenverstand einfach Sinn ergeben, wie Verzicht auf Rauchen und Alkohol, regelmäßige Bewegung, Stressabbau (vor allem Auflösung von Traumata, also massiven psychischen Belastungen aber auch “Alltagsstress”) durch Yoga, Meditation etc., Reduktion des Bauchumfangs und ausreichend Schlaf. Eine entscheidende Stellschraube dabei ist jedoch eine Ernährung, die sich überwiegend frisch, vollwertig und eben höchst pflanzlich gestaltet, aber mit einem hohen Anteil von Omega-3-Fettsäuren, wie er in Seefisch, Meeresfrüchten, Saaten, Nüssen und in besonders günstigem Omega-6 zu Omega-3 Fettsäuren auch in Wildkräutern und Kresse anzutreffen ist (vgl. hierzu Carina Reberg: “Omega-3-Bedarf vegan decken”).   Telomer Bluttest zum Thema Orthodox Fasten und Gesundheit
Diese Untersuchungen und Ergebnisse ergeben aus meiner Sicht Sinn, wenn man sich die traditionelle Ernährung und Lebensgewohnheiten der “ältesten” Nationen anschaut. Hier fallen mir vor allem Japan und Südkorea ein. Beide Länder verzehren traditionell sehr wenig Fleisch, achten sehr stark auf Mäßigung und Vielfalt beim Essen (Essen sobald der Bauch 80 Prozent gefüllt ist), praktizieren traditionell Achtsamkeit im Alltag und haben einen hohen Anteil Omega-3-Fettsäuren in ihrer Ernährung. Auch fermentierte Nahrung wird hier sehr geschätzt, wobei mir die traditionelle buddhistische Klosterküche vorschwebt. 

Die Ähnlichkeiten zur orthodoxen Ernährung während des Fastens ist aus meiner Sicht frappierend. An tierischen Lebensmitteln sind nur Honig, Fisch und Meeresfrüchte erlaubt. Die Fastenden sollen sich auf zwei Mahlzeiten am Tag beschränken und auch auf andere Gelüste verzichten, nicht lügen und seinen Zorn zähmen. Das Gebet dürfte hier vom kontemplativen Effekt einer Meditation ähnlich sein, das repetitive Aufsagen von Gebeten kann wirklich einer Atemübung gleichen. 

Vegan Fasten 

Letztes Jahr haben mein Falke und ich die Fastenzeit vegan verbracht, einfach weil unser Fleischkonsum allmählich intolerabel hoch wurde. Beim Reisen in der Ukraine stellten wir fest, wie viel und ausgesprochen köstliches “veganes” Essen wir plötzlich in Restaurants serviert bekamen, sobald mein Falke nicht den völlig unbekannten Begriff “vegan” verwendete, sondern einfach klar stellte, wir würden “fasten” und zudem keinen Fisch essen wollen (s. Beitrag “Vegan leben und essen in der Ukraine”). 

Nun, mit “meinen” z.T. streng gläubigen Ukrainern kriegsbedingt hier vor Ort, möchte ich gerne die orthodoxen Fastenzeiten bewusst wahrnehmen. Den Fleischkonsum generell einzuschränken halte ich aus zahlreichen Gründen ohnehin für höchst angebracht und die spirituellen und körperlichen reinigenden Effekte des Fastens kämen mir in diesen Zeiten, in denen ich mich auch nach Frieden, Halt und Kraft sehne gerade recht. 

Was denkst du über das (orthodoxe) Fasten? Wirst du Fasten ausprobieren?

Wenn dich die Themen gesund altern und Fastenküche interessieren, dann habe ich dir hier ein paar weiterführende Bücher verlinkt. Orthodoxe Rezepte findest du ja immer wieder aktuell hier aus dem Blog, daher unten „nur“ die buddhistische Tempelküche 🙂 Dies sind Affiliate Links. Wenn du über diesen Link bei Amazon kaufst, entstehen dir dadurch keine zusätzlichen Kosten, aber ich bekomme eine kleine Provision, die mir hilft den Blog weiter zu betreiben (und vielleicht eines fernen Tages im überkrassen Luxus zu schwelgen- Wer weiß 🙂 Wie Putin und der „heilige“ Moskauer Patriarch Kyrill unter einer Decke stecken ist übrigens im Kontext des Ukraine-Kriegs höchst spannend! Wirf einen Blick in das unten bei Amazon verlinkte Buch – Es lohnt sich!

Juden in der Ukraine – Jiddische Sprache und jüdische Kultur

Ukrainische Juden im Ukraine Krieg

Es ist mehr als Zynismus, dass bereits mit den Unruhen 2014 die jüdischen Gemeinden der Ukraine gezielt von der russischen Propaganda missbraucht wurden, um das antisemitische und faschistische Narrativ gegen die ukrainische Regierung aufzubauen. Damals häuften sich Angriffe auf Juden und Synagogen vor allem in Kiew und im Osten der Ukraine. Die jüdischen Gemeinden bauten z.T. Selbstschutzgruppen auf. Viele Juden vermuteten damals schon, dass die Übergriffe planmäßig durch pro-russische Separatisten ausgeführt wurden, um der ukrainische Regierung die antisemitischen Übergriffe vorwerfen zu können. Tatsächlich unterstützten die ukrainischen Behörden damals jedoch bereits den Aufbau der Selbstschutzgruppen wie der Deutschlandfunk 2014 berichtete. 
Traurige Ironie, dass der russische Angriffskrieg nun viele ukrainische Juden ausgerechnet nach Deutschland in die Flucht treibt, dem Land, dass den millionenfachen faschistischen Mord an Juden während des zweiten Weltkriegs zu verantworten hatte…

Laut der vereinten Nationen floh seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs jeder 10. Jude aus der Ukraine. Knapp 30.000 der geschätzt 300.000 ukrainischen Juden sollen seit Kriegsbeginn ausgereist sein. Israel sei laut Aron Schuster, Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) das Zielland Nummer eins der fliehenden Juden, wobei Deutschland seiner Schätzung nach sehr dicht daran sei (vgl. Süddeutsche Zeitung, “Viele ukrainische Juden fliehen nach Deutschland”, 15.04.2022).  Einige der jüdischen Flüchtlinge sind noch Überlebende der Shoah, dementsprechend sind sie sehr alt und benötigen besondere Unterstützung. 

Holocaust Denkmal Berlin, Blogbeitrag  jüdische Flüchtlinge aus der Ukraine

Die Ukraine war einer der Hauptschauplätze jüdischen Leids während des zweiten Weltkriegs. Traurige Berühmtheit erlangte die Schlucht von Babyn Jar in Kiew. In einem 2 tägigen Massaker wurden mehr als 33.000 Jüdinnen und Juden grauenvoll ermordet. Während des gesamten Russlandfeldzugs der Nazis wurden über 1,5 Millionen ukrainische Juden Opfer des Holocausts. Dies entsprach rund 60 Prozent der jüdischen Vorkriegsbevölkerung. 

Schätzungen zur Folge haben 45-50 Prozent der heute in Deutschland lebenden Juden ukrainische Wurzeln. Verständlich also, wenn Deutschland trotz der faschistischen Vergangenheit ein Zielort für ukrainische Juden ist. Die über 100 jüdischen Gemeinden in Deutschland sind gut mit den Ukrainischen vernetzt und die Hilfsbereitschaft ist groß. Hinzu kommt für jüdische Flüchtlinge die Möglichkeit, als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland einzureisen und damit das Recht zu erhalten, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. 

Ich finde es unfassbar traurig, dass in diesem ohnehin schon sinnlosen, propagandistisch verdrehten Krieg nun neben allen anderen Kriegsverbrechen die stattfinden, auch noch ein weltweit einzigartiger Ort jüdischen Lebens und Kultur vor allem der jiddischen Sprache zu sterben droht. Das weltweit einst von rund 12 Millionen Menschen, heute nur noch von rund 1,5 Millionen Menschen gesprochene Jiddisch, war und ist eine der wichtigsten Volkssprachen der in Mittel- und Osteuropa beheimateten bzw. stämmigen Juden. Die aschkenasischen Juden (mittel-, nord- und osteuropäische Juden) sprechen Jiddisch bis heute als Gruppen verbindende Sprache in der Diaspora. Muttersprachlich wird es heute zwar fast nur noch in ultra-orthodoxen Gemeinden z.B. in New York, London oder Antwerpen gesprochen. In Israel setzte man bei der Staatsgründung 1948 auf das moderne Hebräisch um das Jiddisch, das mit Verfolgung und Unterdrückung verbunden wurde hinter sich zu lassen. 

Synagoge

Jiddische Sprache in Osteuropa – Jiddische Kultur in der Ukraine

Dennoch blieb Jiddisch gerade in Osteuropa verhältnismäßig lebendig, weil die Juden Osteuropas Jiddisch als Muttersprache schätzten und damit ihre kulturelle Verbundenheit auch in der Literatur, Politik und Presse zum Ausdruck brachten. Bereits auf der Czernowitzer Jiddischen Konferenz im Jahr 1908 erklärten sie Ostjiddisch zur Nationalsprache der Juden. Durch die Shoah wurde die Zahl der jiddisch sprechenden Menschen drastisch reduziert. Unter Stalin wurde die jiddische Sprache und Kultur zunächst gefördert, später dann, wie in Odessa, russifiziert oder ganz verdrängt und vergessen. Etliche jiddische Kulturschaffende und religiöse Funktionäre wurden im Auftrag Stalins hingerichtet. Die absolute Assimilation der Juden in allen kommunistischen Nationalrepubliken wurde forciert.

Jiddische Wörter im der deutschen Sprache

Trotz allem blieben Bukowina, rund um die kulturell bedeutsame Stadt Czernowitz und Ostgalizien, rund um Lemberg / Lwiw, bedeutende Zentren für die jiddische Kultur und die jiddische Sprache. Hier wurde historisch und geographisch bedingt immer schon eine Mischform der Dialekte gesprochen, die sowohl Südost- und Zentraljiddisch umfasste und damit ein wichtiges verbindendes Element darstellte.

Seit 1993 fanden in Czernowitz mehrere der jiddischen Sprache gewidmete Konferenzen statt, vor allem mit dem Ziel “den Platz und die Bedeutung des Jiddischen unter den anderen Sprachen der Welt festzustellen und auf die besondere Identifikation der Bukowina-Juden zu achten, welche tolerant, distinktiv religiös und deutschsprachig sind” (Erzehna Dorzhieva, “Die Jiddische Sprachkultur in der Ukraine”, Uni Augsburg). 
In Lemberg fand das Festival “Tage der jiddischen Sprache und der ostjüdischen Kultur” und wissenschaftlich kulturelle Veranstaltungen wie “Die Perlen der jüdischen Kultur”statt. Über 600 jüdische Organisationen sind in der Ukraine registriert und die Veranstaltungen erfreuen sich nicht nur großer Beliebtheit innerhalb Lembergs und Czernowitz, sondern ziehen aufgrund ihrer überregionalen Bedeutung auch internationale Gäste und Förderer an. 

Entgegen des russischen Narrativs einer Juden und Minderheitenunterdrückung in der Ukraine, wurde Jiddisch zusammen mit anderen Minderheitensprachen wie Polnisch, Rumänisch, Bulgarisch, Deutsch (etc.) im Jahr 2010 als offizielle staatliche Minderheitensprache anerkannt. Damit ist es offiziell erlaubt, offizielle Veranstaltungen in eigener Sprache zu führen. Auch wird die jiddische Kultur breit öffentlich gefördert, in dem es z.B. Jiddistik-Kurse und Studiengänge Jiddistik an ukrainischen Universitäten gibt und zahlreiche Wiederbelebungsversuche der Jiddischen Sprache durch Festivals, Ausstellungen, Jüdische Wochen, methodische Bücher, jiddisch-ukrainische Wörterbücher, Romane und Zeitungen auf Jiddisch und die Übersetzung der ukrainischen Nationalhymne auf Jiddisch unternommen werden. 

Auch im musikalischen Bereich erlebt Jiddisch z.B. durch moderne Klezmar Musik ein Come-Back, wie z.B. das Chor Ensemble Varnitchkes-Folk oder das Orchester der jüdischen Musik um Lew Feldmann. 

Einige der berühmtesten jüdischen Schriftsteller kommen aus dem Gebiet der heutigen Ukraine. Der “jüdische Mark Twain” Scholem Alejchem zum Beispiel, der in der Nähe von Kiew geboren wurde. 

Jiddische Wörter die antisemitisch verwendet werden

Jüdische Schriftsteller aus der Ukraine

Aus den Regionen Bukowina und Galizien stammen sogar so überraschend viele hochkarätige deutschsprachige, überwiegend jüdische Schriftsteller, dass das Projekt “Bukowinisch-Galizische Literaturstraße” sie an ihren Lebensorten bekannt machen will (vgl. Jüdische Allgemeine “Zwischen Brody und Czernowitz”, Eugen El, 28.01.2021) . Schriftsteller*innen wie Paul Celan (geboren 1920 in Czernowitz, “Todesfuge”), Joseph Roth (geboren 1892 in Brody, 90 km von Lwiw, “Radetzkymarsch”, “Die Legende vom heiligen Trinker”) oder Rose Ausländer (geboren 1901 in Czernowitz, “Blinder Sommer”) sollen so sukzessive mit Denkmälern und Ausstellungen geehrt werden, damit die Bevölkerung darüber ins Gespräch kommt, die Werke liest und die großartige und reiche Kultur wieder lebendig wird. 

In Czernowitz und Lemberg sind die jiddischen Wurzeln überall ersichtlich. Aktuell kämpft mit Wolodymyr Selenskyj heldenhaft ein jüdischer Präsident, um das Bestehen seines Landes und des ukrainischen Volkes. Der antisemitische, faschischtische Vorwurf gegenüber der ukrainischen Regierung erschien nie zynischer als jetzt. Wieder Juden auf der Flucht, ein jüdisches Staatsoberhaupt ganz persönlich unter Beschuss. Auf dem Spiel steht die freie Ukraine, das freie ukrainische Volk. Aber diese Ukraine, dieses ukrainische Volk stand in den letzten Jahren, mehr als jedes andere Volk für ein Aufblühen eines inklusiven Nationalstolzes, der eben nicht durch Grenzen erstarkt, sondern durch das Aufweichen von Grenzen, durch das einander Umarmen und Miteinander für positive Veränderungen kämpfen. So wie jüdische und orthodoxe Ukrainer auf dem Maidan gemeinsam gegen Janukowitsch protestiert haben. Nun kämpfen Ukrainer*innen ungeachtet aller Glaubensrichtungen, sozialer Schichten und ethnischer Zugehörigkeit für eine freie demokratische Ukraine. Ich glaube und hoffe, dass dieser Krieg neben all dem Leid und der unfassbaren Zerstörung eine ganz große Einigkeit unter den Ukrainern bringen wird. Vielleicht hat die Ukraine die Chance, ein wahrhaft geeintes Land zu werden und stärker denn je aus dem Krieg hervorzugehen. Egal zu welchem Gott, aber ich bete genau dafür.

“Ще не вмерла України і слава, і воля,
Ще нам, браття молодії, усміхнеться доля.
Згинуть наші воріженьки, як роса на сонці.
Запануєм і ми, браття, у своїй сторонці…” 
(1. Strophe, Ukrainische Nationalhymne, ukrainisch)

אוקריינא ס כבוד און פרייהייט זענען נישט טויט נאָך,
דער גורל וועט אונדז שמייכלען, יונגע ברידער.
אונדזערע שונאים וועלן אומקומען ווי טוי אין דער זון.
לאָמיר, ברידער, הערשן אויף אונדזער זייַט.

aukreyna s khbud aun freyheyt zenen nisht toyt nokh,
der gurl vet aundz shmeykhlen, iunge brider.
aundzere shunim veln aumkumen vi toy in der zun.
lomir, brider, hershn aoyf aundzer zayt.
(1. Strophe, Ukrainische Nationalhymne, Jiddisch / 
Hebräische Schrift, darunter lateinische Transliteration)
 
“Ruhm und Wille der Ukraine sind noch nicht tot,
das Schicksal wird uns zulächeln, junge Brüder;
unsere Feinde werden wie Tau in der Sonne zugrunde gehen,
wir, Brüder, werden im eigenen Lande herrschen…”
(1. Strophe, Ukrainische Nationalhymne, Deutsch) 

Wenn du dich weiterführend mit Antisemitismus in der Sprache beschäftigen möchtest, oder direkt richtig Jiddisch lernen möchtest, dann habe ich dir hier ein paar weiterführende Bücher verlinkt. Dies sind Affiliate Links. Wenn du über diesen Link bei Amazon kaufst, entstehen dir dadurch keine zusätzlichen Kosten, aber ich bekomme eine kleine Provision, die mir hilft den Blog weiter zu betreiben (und vielleicht eines fernen Tages im überkrassen Luxus zu schwelgen- Wer weiß 🙂 Hier gibt es auch einen spannenden Schreibtrainer für Hebräisch, da Jiddisch ja auf Hebräisch geschrieben wird: 

 

Brombeer Sahne Torte – Brombeerkuchen Rezepte im Test!

Bromberzeit- Brombeerrezepte- Oh du schöne Brombeerzeit!! 

Es ist wieder soweit, beim Spazieren, beim Radfahren überall erblicken meine Augen liebliche kleine Früchte. Schwarz-Violett glänzen sie mir appetitlich entgegen und scheinen “Friss mich!” zu schreien! Lange schon ist es mir eine ernste Angelegenheit geworden ein paar Zip-Lock Beutel in jeder Fahrradtasche, dem Kinderwagen und meinem Rucksack dabeizuhaben. Ein paar Erfrischungstücher habe ich zumeist von irgendeinem unvermeidlichen Sharma- Heißhungeranfall immer im Portemonnaie stecken, dennoch bewahrt mich diese notdürftige Reinigung nicht davor mit lilanen, zerkratzten Händen auf der Arbeit zu erscheinen, wo ich dann die auf dem Radweg im Morgengrauen gesammelten Brombeeren gierig zum Kaffee verzehre. Auf dem Rückweg habe ich naturgemäß mehr Zeit und fülle meine Zip-Lock Beutel mit den üppigen Gaben des Sommers. Mittlerweile kenne ich die Brombeersträucher bei uns in der Gegend sehr genau und beobachte sie bereits ab dem Erscheinen der ersten grünen Früchtchen Anfang Juni. Besonders lieb sind mir natürlich die dicken saftigen Sträucher, die eine andere Sorte darzustellen scheinen. Die weit verbreiteten Brombeeren sind meist etwas “knorpeliger” mit mehr Feststoffanteil und weniger Saft. Sie bewahren im Beutel besser die Form, sind aber nicht ganz so zart zu verzehren wie ihre dickfleischigen Verwandten. Letztes Jahr haben wir rund 5 Kilo geerntet (bzw. eingefroren, der Rest ist zuvor in unsere Bäuche gewandert). 
Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen mindestens 5 Brombeer- Kuchen und -torten Rezepte auszuprobieren, bevor ich wieder “nur” alles einfriere und portionsweise zum Obstsalat, in Smoothies oder meinen Kompott (s. Rezept für Ukrainisch / Russisches Kompott) gebe.
 
Vorab: Das Rezept ist für eine Springform mit einem Durchmesser von 26 cm konzipiert und eine abgewandelte Version eines Rezepts meines liebsten Ernährungfachsarztes: Dr. Oetker 🙂 Da das ganze Rezept hauptsächlich auf Eischnee basiert empfehle ich euch zunächst die Eier zu trennen, den Ofen bereits vorzuheizen und dann zügig zu arbeiten, damit der Eischnee nicht direkt wieder zusammenfällt. Bei diesem Rezept verwende ich super gerne meine vorgeformte Dauerbackfolie für Springformen. Da verschwende ich keine Zeit mit dem Einfetten und es backt garantiert nichts fest! Wenn du so etwas Raffiniertes noch nicht hast, empfehle ich es dir wärmstens, ein Game Changer für Menschen die gerne backen! Und nie wieder ist das Backpapier alle 🙂
 
Achtung: Ihr backt dreimal einen dünnen Boden mit einer zarten Baiser-Schicht, die ihr dann im Anschluss mit Creme füllt und aufeinander stapelt! Kein Zerschneiden eines kompletten Bodens !! 

Zutaten für Brombeer Sahne Torte: 

Rührteig für Tortenböden:

4 Eiweiß (M)
1 Prise Salz
250 g weiche Butter / Margarine
170 g  Zucker 
1 Msp. gem. Vanille oder 1 Pck. Vanillin-Zucker
7 Eigelb
250 g Mehl (helles Weizen- oder Dinkelmehl)
1 Pck. Backpulver 

Eiweißmasse:
3 Eiweiß (M)
1 Prise Salz
100 g Zucker
1 Zitrone, unbehandelt, Abrieb (oder ein Päckchen Zitronenschale)
150 g Haselnüsse fein gehackt
½ TL Zimt 

Füllung für Brombeer Sahne Torte: 

500g Brombeeren
2 EL Zucker
750 g kalte Schlagsahne
4 Pck. Sahnesteif
¼ TL gemahlene Vanille oder 2 Pck.Vanillin-Zucker

Dekoration: 
12 Brombeeren
100 g Mandelblättchen

Zubereitung von Brombeer Sahne Torte

Ober-/Unterhitze etwa 200 °C
Heißluft etwa 180 °C

1.Rührteig
Springform fetten/ mit Dauerbackfolie auslegen. Eiweiß mit Salz sehr steif schlagen. In einer anderen Schüssel die weiche Butter mit Zucker und Vanille schaumig rühren. Mehl und Backpulver vermischen und zur Buttermischung hinzufügen. Ein Drittel des Teiges in die Springform geben.

2.Eiweißmasse

Eiweiß mit Salz sehr steif schlagen. Währenddessen Nüsse in der Pfanne goldbraun rösten. Nach und nach Zucker unterschlagen. Zitronenschale, abgekühlte Nüsse und Zimt kurz unterheben. Ein Drittel der Eiweißmasse auf dem Drittel des Teigs in der Springform geben und für 10-15 Minuten auf mittlerer Schiene goldbraun backen.

3.Insgesamt 3 Böden backen

Boden auf Rost abkühlen lassen, wieder ein Drittel Rührteig und ein Drittel Eiweißmasse auf die Dauerbackfolie in der Springform geben und so insgesamt 3 Böden backen.

4.Mandelblättchen in der Pfanne goldbraun rösten und abkühlen lassen

5.Füllung
Brombeeren mit Zucker vermischen. Sahne mit Sahnesteif und Vanille steif schlagen. 500 g Sahne mit den Brombeeren vermischen. Einen Boden auf eine Platte legen und mit einem Drittel der Füllung bestreichen. Zweiten Boden auflegen, etwas andrücken und wieder ein Drittel Füllung darauf verstreichen. Letzten Boden auflegen, etwas andrücken und mit Füllung bestreichen. Die Torte ringsum mit der übrigen Sahne bestreichen und mit den gebräunten Mandeln verzieren.

Gitler kaputt! Können Russen kein „H“ aussprechen?

Aussprache im Russischen – Wie spricht man auf Russisch das H aus?

“Gitler kaput” – Гитлер капут! Eine bekannte Komödie aus dem Jahr 2008, hat ungewollt eine Eigenschaft der russischen Aussprache bekannt gemacht: Können Russen wirklich kein “H” aussprechen? Tatsache ist, sie sprechen es entweder als “g” oder “ch”. 

Mit ist das bei “meinen” russischsprachigen Ukrainer bereits häufig aufgefallen, dass sie hartnäckig Wörter, die mit “H” beginnen “falsch” aussprechen.  
Wer kennt nicht die Geschichte von Gänsel und Gretel? Nein, es handelt sich hierbei nicht um die kleine Gretel die einen Gänserich spazieren führt, sondern um die russische Version des bekannten Grimm´schen Klassikers “Hänsel und Gretel”. Tatsächlich wird das Märchen im Russischen auch so geschrieben: „Гензель и Гретель“. Mit einem dicken, fetten kyrillischen “G”.
Nun bin ich keine Muttersprachlerin, also wer bin ich zu urteilen? Allerdings sehe ich mich zumindest bei deutschen Märchen in der Deutungshoheit und Hänsel heißt nunmal Hänsel. Mit einem mehr oder wenig zärtlich dahingehauchten “H”. 

Auch die schöne Stadt Hamburg und analog dazu den Genuss eines Hamburgers verhöhnen meine russisch- Sprachler, indem sie von Gamburg “Гамбург” und Gamburger “Гамбургeр” sprechen. 
Dafür nennen sie unsere Freundin Hanna “Channa” Ханна oder lassen jegliches H einfach weg und nennen sie direkt Anna, als ob ihr ihre Eltern das “H” nie gegeben hätten… Auch unseren Freund Hecke (Hektor) nennen sie kratzig “Checke”  Хекке und wenn ich dies verwirrt anmerke witzeln sie, sie könnten ihn auch Gektor “Гектoр” oder Gecke “Гекке” nennen, wenn mir das lieber wäre. Dann kichern sie boshaft und amüsieren sich königlich. 
Ich merkte schnell, dass ich bei der Klärung dieser sprachlichen Verwirrung auf mich selbst gestellt sein würde und machte mich ans Recherchieren.  Irgendwo zwischen “Wikipedia” und “Russland Journal” lernte ich, dass Г bis ins 17. Jahrhundert auf zwei Arten ausgesprochen werden konnte. Wie [g] und wie [ɣ] in z.B. Che Guevara (hinten im Hals, nicht vorne ;). Von che [ɣ] zu Х [cha]  war es dann wohl nicht mehr allzu weit. Es ist denkbar, dass die Aussprache der Wörter mit “G” sich dadurch in zwei Richtungen entwickelt hat. Bis ins 20. Jahrhundert setzte sich dann russlandweit die Norm durch, das “G” und Г wie [g] ausgesprochen werden sollten, wobei heute in südrussischen Dialekten wohl immer noch gerne X [cha] verwendet wird. Auch im ukrainischen Russisch wird sehr gerne Г wie X ausgesprochen. Beste Beispiele dafür sind голова (Kopf), welches “meine” Ukrainer wie “xолова” aussprechen, oder der berühmte ukrainische Schnaps горилка, welcher ebenfalls mit X, also als “xорилка” ausgesprochen wird. Übrigens erkennen unsere russischen Freunde daran recht leicht die Herkunft meines Mannes obwohl er muttersprachlich Russisch spricht 🙂

Ukrainerin mit Flag Art Design Shirt Borschtsch und Horilka und kleiner Junge

Das coole T-Shirt kannst du übrigens hier in meinem Spreadshop in verschiedenen Varianten kaufen- Danke, dass du unseren Blog unterstützt!

Im 20.Jahrhundert setzte sich dann eine neue Norm durch, die bis heute aktuell ist: fremdsprachige geographische und Eigennamen sollen nun im Russischen nach Möglichkeit so wiederzugeben sein, wie sie in der Originalsprache klingen. Demnach seien fremdsprachige “H”s mit dem russischen Buchstaben X wiederzugeben und sollten in etwa mit [ch] ausgesprochen werden.  

Daraufhin wurden einige geographische Namen der neuen Norm angepasst, wie z.B. Hildesheim = Хильдесхайм welches früher Гильдесгейм geschrieben wurde. 
Bei einigen, seit langer Zeit bekannten und bereits zu geläufigen Namen und Orten wie z.B. der Stadt Hamburg (=Гамбург), dem Name des deutschen Dichters Heinrich Heine (= Генрих Гейне), dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl (= Гельмут Коль), dem allseits bekannten deutschen Diktators Adolf Hilter (=Адольф Гитлер) und wohl eben auch unserem armen Hänsel (= Гензель) nutzte diese Norm jedoch gar nichts, da sich die “alte” Schreibweise und Aussprache bereits zu tief in die Köpfe eingebrannt hat. 
Was bleibt uns Russisch Lernenden also übrig? Wie meistens bei der unüberschaubaren Vielzahl russischer Besonderheiten, das allseits bekannte Lenin Zitat beherzigen: “Учиться, учиться и учиться!!” (Lernen, Lernen und nochmals Lernen!!) und einmal mehr tieeeef in die Bücher schauen 😉 
 

Ukrainischen Flüchtlingen helfen – Bürokratie-Frust beim Jobcenter

Ukrainische Flüchtlinge beim Sozialamt anmelden- Hilfsbereitschaft und Frust

Vor 3 Monaten trafen “unsere” ersten Ukrainer ein. Die Stiefschwester meines Falkens mit ihrer 5-Jährigen Tochter kam abends am 10. März 2022, mein Falke hatte sie persönlich an der polnischen Grenze eingesammelt. Einen Tag später, morgens um 4 Uhr kamen der Vater meines Falkens mit seiner jetzigen Frau und einer kleinen, recht verstörten Katze, nach 1800 Kilometern Fahrt im eigenen Auto bei uns an. Zu müde zum Schlafen. Um 6:00 Uhr sind wir direkt zur “Anmeldung bzw. Registrierung” der vier zu uns geflüchteten Menschen zum Sozialamt an der Leopoldstraße gefahren. Da wütete der Krieg bereits 3 Wochen. Wir stellten uns in eine Schlange von über 120 Menschen und hatten das Glück unsere Ukrainer abends vor Geschäftsschluss nach rund 11 Stunden Warterei noch angemeldet zu bekommen. Helfer stellten Bänke, Kaffee, Snacks und Kinderspielzeug und die Solidarität war groß. Auf Anraten der Mitarbeiter richtete ich für alle Ukrainer, die über biometrische Pässe verfügten Girokonten ein, damit zukünftig Gänge zum Amt entfallen sollten. Die Sozialhilfe sollte bereits ab April direkt überwiesen werden, um weitere “Menschenschlangen” zu vermeiden. 

Ukrainische Flüchtlinge in Dortmund Menschenschlange vor dem Sozialamt

In der Zwischenzeit kam noch die Patentante der 5-Jährigen “Stiefnichte” meines Falken zu uns, eine energiegeladene Frau Anfang 40, die er aus dem Kiewer Freundes- und Bekanntenkreis kannte und die eine bemerkenswerte Fluchtgeschichte hinter sich gebracht hatte. Auch kam noch die 23- Freundin eines Kiewer Freundes meines Falken, der aufgrund der Ausreisebestimmungen nicht mitkommen konnte und uns per Telefon, den Tränen nahe, bat uns gut um sie zu kümmern. Die Beziehung war wohl verhältnismäßig frisch, so dass wir sie bei den letzten Besuchen in der Ukraine noch nicht kennen lernen konnten.

So wohnten wir zur “Höchstphase” kurzfristig zu zehnt, plus Katze bzw. später Hund in einer 4-Zimmer Wohnung. Aus dem russisch-/ ukrainischsprachigen Bekanntenkreis bekamen wir ähnliche Wohnverhältnisse im März / April mit. Neben den zahllosen Telefonaten und Besichtigungsterminen wegen Wohnungen, Amtsgängen kamen schließlich auch Einkäufe, um fehlende Kleidungsstücke und andere Notwendigkeiten zu besorgen hinzu und der Haushalt wollte unter fleißiger Mithilfe der Ukrainer auch noch erledigt werden.

Die 23-Jährige konnten wir nach kurzer Telefon- Odyssee im Bekannten- und Freundeskreis in ein gerade freigezogenes WG-Zimmer bei einer guten Freundin vermitteln. Meine Schwiegereltern konnten wir dank des Entgegenkommens unserer Nachbarn, in einer freien Wohnung direkt neben unserer unterbringen. Es folgten zahllose Autofahrten und Termine um die Wohnung auszustatten, Papiere auszufüllen, Strom anzumelden, die beiden von mir auf die neue Wohnung umzumelden etc. Alle brauchten Deutschkurse. Auch hier schafften wir es durch Anrufe, Mails und zusätzlich persönliches Erscheinen, alle in den sich rasch füllenden Kursen unterzubringen. Für die 5-Jährige Nichte meines Falken fanden wir auf die Schnelle einen Kindergartenplatz. Später über Kontakte eine möblierte Wohnung für sie und die Mutter. Ein absoluter Glücksfall nach über 40 Anfragen bei Vermietern. Eine engagierte Dortmunderin „übernahm“ die Amtsgänge für die Mutter mit Tochter, so dass wir später „nur“ noch vier Menschen dabei begleiteten.

Unterbringung ukrainischer Flüchtlinge in Dortmund gleicht Langstreckenlauf im Sprint

Ich verbrauchte meine kompletten 11 Tage Resturlaub vom vergangenen Jahr bei Ämtern, Ebay-Kleinanzeigen und Wohnungsbesichtigungen. Ich muss zugeben, dass meine Arbeit trotzdem darunter litt. Etliche Anrufe und dringende Mails ließen sich nur während meiner Arbeitszeit erledigen. Chef und Kollegen zunächst sehr verständnisvoll, später genervt, da ich durch den ganzen Stress nicht nur geistig abwesend war, sondern auch ungewohnt anfällig wurde und krankheitsbedingt ausfiel. 

Die Nachmittage und Abende versuchte ich meinen Kindern gerecht zu werden, die absolut keine Lust auf die ganzen Menschen bei uns in der Wohnung hatten. Wir versuchten die Situation durch ausgiebige Spielplatz Besuche und Ausflüge zu entzerren. Trotzdem zofften sich sowohl Kinder, als auch irgendwann die Erwachsenen. Lagerkoller. Wir nahmen abwechselnd alle mit in Zoo, Zirkus, Schwimmbad, Theater, Eis, Pommes, Planetarium, Spritgeld, die ganzen Kleinigkeiten gingen ins Geld. Ich streckte meinen Nachbarn Miete und Kaution für die Schwiegereltern vor, da ich nicht wusste ob und wann das Amt zahlen würde. Mir wurden auch direkt die Nebenkosten erhöht, als im Haus bekannt wurde wie viele Menschen sich bei uns tummelten und voraussichtlich auch bleiben wollten. Bekannte und Familie halfen uns großzügig aus. 

Frust und Verwirrung beim Sozialamt, Ausländerbehörde und Jobcenter

Frustriert stellte ich fest, dass ich telefonisch mehrere Wochen nicht beim Sozialamt durchkam, Zahlungen auf die Konten nicht erfolgten und auch Termine bei der Ausländerbehörde erst nach mehrmaligem Nachfragen für Mitte Juli 2022 vergeben wurden. 
Bei der Anmeldung von Olena, der Patentante, verweigerte mir eine Mitarbeiterin des Sozialamts Dortmund den einzigen noch freien Stuhl im Gebäude, mit den Worten: “Wo soll ich denn dann meine Handtasche hinlegen??” Als ich zynisch fragte, wer von uns Dreien (Geflüchtete, Dolmetscherin oder Wohnungsgeberin) denn jetzt nach über 8 Stunden Wartezeit weiterhin stehen oder auf dem Boden sitzen sollte, damit es ihrer Handtasche gut ginge, rauschte sie mit wütendem Blick an mir vorbei, schnappte sich dramatisch ihre Tasche vom Stuhl, öffnete einen zu meiner Überraschung komplett leeren Schrank und pfefferte die Tasche dort in ein geräumiges Ablagefach. Das Gespräch wurde in exakt dieser Manier weiter fortgeführt und jede Nachfrage meinerseits mit genervtem Augenrollen abgewiesen. Nachdem ich nachbohrte, warum seit Wochen keine Miete für meine Schwiegereltern gezahlt wurde, fanden wir gemeinsam raus, dass die physischen Akten noch exakt an derselben Stelle in demselben Büro auf demselben Schreibtisch lagen, wo ich sie gemeinsam mit ihnen einige Wochen zuvor abgegeben hatte. Immerhin versprach sie mir sich nun “persönlich” darum zu kümmern und die Akte ins System einzupflegen. Die Miete erhielt meine Nachbarin dennoch erst Anfang Juni, nachdem ich irgendwann drohend: “Mietzahlung – Sonst Obdachlosigkeit!!!” in den Betreff ans Sozialamt geschrieben habe.

Eindrücke Anmeldung Flüchtlinge Wenn ich mal jemanden am Telefon hatte wurde stets Geduld gepredigt und auf die immer gleichbleibende Website der Stadt Dortmund verwiesen, auf der sich wirklich gar keine Neuigkeiten fanden. Als ich mich irgendwann einmal zu beschweren wagte, ich habe nun über 7 Mails pro geflüchteter Person geschrieben ohne Antwort auf meine Fragen zu erhalten, höhnte eine Dame des Amtes: “Es gibt Leute die haben 15 Mails geschrieben und noch keine Antwort erhalten!” Ich weiß nicht, in welcher Welt mich das trösten soll, komme ich bei 6 Leuten mal 7 Mails doch immerhin auf 42 Mails, plus ungezählte Anrufe und persönliche Vorsprachen!! 

Lange Wartezeiten beim Sozialamt, Papierkrieg und Passierschein B-36

Die 23-Jährige die zu uns kam, ist eine Physikstudentin, die sich gerne auf Quantenphysik spezialisieren möchte. Nach umfangreichen Bemühungen und der absolut umwerfenden Unterstützung durch die hiesige Universität und dem persönlichen Engagement durch den zuständigen Professor, hätten wir sie bereits zum vergangenen Sommersemester (04/22) parallel zum Deutschkurs an den englischsprachigen Vorlesungen als Programmstudierende einschreiben können. Als einziger Hinderungsgrund wurde das Fehlen der Bescheinigung über eine Krankenversicherung angesehen! Über das Sozialamt bekamen die Geflüchteten nur Scheine für das jeweilige Quartal die sie beim Arzt vorzeigen mussten. Diese hatten keine Gültigkeit für die Universitäts- Anmeldung. Die Anmeldung für die Krankenversicherung kommt vom Jobcenter. Der Wechsel vom Sozialamt zum Jobcenter erfolgte jetzt erst zum Anfang Juni und war wiederum mit zahllosen Anrufen, Gurkerei und Warterei verbunden, so dass sie jetzt mit etwas Glück immerhin zum Wintersemester 2022/23 mit dem Studium starten kann. 

Der für Juni geplante Wechsel der geflüchteten “Kunden” vom Sozialamt zum Jobcenter war konfus. Telefonisch erhielt ich Ende Mai die Auskunft vom Jobcenter, wir müssten die ausgefüllten Dokumente online hochladen um einen Termin zu erhalten und sollten bitte jeweils einen Dolmetscher mit zu den Terminen bringen. Die Seite auf der man die Dokumente (alle auf Deutsch!) hochladen sollte, funktionierte über eine Woche nicht. Die Hotline drei Tage dauerhaft besetzt, nach 10 Minuten flog ich jedesmal aus der Warteschleife. Am Jobcenter überall der Hinweis: “Persönliche Vorsprachen ohne Termin wegen Corona zur Zeit nicht möglich!” Termin aber nur nach Anruf (besetzt) oder Hochladen der Dokumente (Seite funktioniert nicht). Ich sprang im Dreieck. Ich probierte es etliche Male, jeden Tag. Als wir Dokumente beim Sozialamt in Dortmund-Hörde einreichten, sahen wir zufällig, dass dort binnen kürzester Zeit scheinbar eine neue “Jobcenter-Filiale” nur für Geflüchtete entstanden war. Davon wusste man in der Innenstadt aber eine Woche zuvor noch nichts, auf den Websiten war davon auch nichts zu lesen! Wenn ich als Einheimische Schwierigkeiten habe bei der Vielzahl von Ämtern und Dokumenten durchzublicken, wie soll es dann ein Ukrainer schaffen?

Willkür bei den Behörden

Zeitgleich wurde seitens der Ausländerbehörde in Gutsherrenart innerhalb von kürzester Zeit alle zur Anmeldung bei der Ausländerbehörde beordert! Ich bekam kurz vor dem Wochenende eine Mail, alle Ukrainer, die sich in einem bestimmten Zeitraum in Dortmund registriert hätten, müssten in der Zeit von Montag bis Mittwoch in der Berswordthalle mit ihren Dokumenten erscheinen, der Termin im Juli sei ersatzlos gestrichen, die Anmeldung bei der Ausländerbehörde fände ausschließlich Montag bis Mittwoch statt. Wer nicht kommt hat Pech gehabt. Man machte sich auch auf konkrete Nachfrage meinerseits nicht mal die Mühe mir die Namen der Menschen um die es ging mitzuteilen und überließ es mir herauszufinden, auf wen der 6 Leute dies zutreffen würde. Die Geflüchteten um die es ging, erhielten überhaupt keine persönliche Nachricht darüber, obwohl zu allen Personen Dortmunder Adressen vorlagen, die Ausländerbehörde verließ sich einfach darauf, dass ich kurz vor dem Wochenende in schönster Urlaubszeit noch meine Mails checken und den betroffenen Personen kurzfristig Bescheid geben würde. In einer Angelegenheit in der es um Bleiben oder nicht Bleiben, also eigentlich um Leben und Tod geht, war ich absolut von der Kurzfristigkeit und “Friss oder Stirb” Mentalität der Behörde und dem herablassenden Umgangston in der Mail geschockt. Es gab -wie immer- bei der Ausländerbehörde keine Durchwahl für Rückfragen, nicht mal eine Hotline, keine Adresse für die persönliche Fürsprache. 

Durch den Einsatz weiterer Urlaubstage und irgendwann, notgedrungen der Bitte an die Ukrainer nun alles möglichst selbstständig zu erledigen, saßen sie dann abends nach diversen Amtsgängen bei uns in der Wohnung vereint, wo wir erklären mussten, was sie da eigentlich tagsüber unterschrieben hatten und welche Auswirkungen das für sie haben würde. 
Ja, es gibt ein paar Dolmetscher bei den Ämtern, ja, einige Dokumente wurden zumindest auf Ukrainisch übersetzt. Ich habe auch wirklich gute Erfahrungen mit Mitarbeiter*innen des Sozialamtes machen dürfen, die für die Kostenübernahme des Krankenhausaufenthalts für meinen schwer krebskranken Schwiegervater zuständig waren. Hier erkannten die Damen, dass es faktisch um Wochen, wenn nicht Tage geht und setzten alle Hebel in Bewegung die Bewilligung mit dem Umweg übers Gesundheitsamt innerhalb von 2 Tagen auf den Weg zu bringen. Als ich doch mal tagelang niemanden erreichen konnte, wählte ich irgendwann einfach die Tuberkulose-Hotline der Stadt Dortmund. Dort ging man sofort an den Apparat und ich bat inständig nicht abgewimmelt zu werden, da es wirklich dringlich war. Die freundliche Dame verstand die Ausweglosigkeit und machte sich mit dem Hörer in der Hand auf die Suche nach der zuständigen Kollegin im Dschungel des Amtes. 

Flüchtlinge in Dortmund beim Sozialamt
Gebrochene Versprechungen

Einer Dame vom Sozialamt an deren direkte Durchwahl ich per Zufall gelangt bin, da die allgemeine Hotline seit Wochen nicht besetzt war, schilderte ich irgendwann wortreich meine komplette verzwickte Lage in der Hoffnung, sie würde endlich die Zahlung von Miete bzw. Heizkosten rückwirkend veranlassen. Sie erzählte mir, sie müssten ganz dringend noch alle Daten transferieren, es stünde ein interner Systemwechsel an, danach werde sie mich priorisiert “bearbeiten”. Ich dankte ihr überschwänglich. Dies war vor drei Wochen. Seit über 3 Monaten warte ich nun auf irgendeine finanzielle Unterstützung durch die Stadt, während ich gesundheitliche Auswirkungen spüre, Vollzeit arbeite und mein bisher sehr guter Ruf auf meiner Arbeit durch die ganze Bürokratie und die Zeit, die sie vor allem im Vormittagsbereich, während der Öffnungszeiten der Ämter frisst, echt angekratzt ist. 

Wie kann man denn seitens der Stadt erwarten, dass Vermieter überhaupt bereit sind Flüchtlinge bei sich wohnen zu lassen, wenn die Miete 3 Monate nicht gezahlt wird und man nicht einmal Bescheid bekommt, ob überhaupt Kosten übernommen werden?
Die freiwilligen Helfer tragen einen Großteil der Arbeit und dürfen sich von einzelnen Mitarbeitern noch höhnische Bemerkungen anhören. Wenn einzelne Mitarbeiter unfreundlich oder arbeitsscheu sind, wirft das ein schlechtes Bild auf die ganze Behörde, die im Großen und Ganzen ja wirklich unglaubliches leistet. 

Mich wundert es halt nur, dass trotz der großen Flüchtlingskrise in der Vergangenheit die Strukturen nicht nennenswert hinterfragt und optimiert wurden und die deutsche Bürokratie nach allem was ich mitbekomme wieder dasteht wie “Ochs am Berge, 1,2,3”.  Ich würde mir für Deutschland ein souveräneres Bild der Ämter im Jahr 2022 wünschen. Vielleicht mehr Digitalisierung: Jemand der die Homepages der Stadt mit den wochenaktuellen FAQs füttert (Achtung das SOZIALAMT ist einfach mal umgezogen!!!) würde bestimmt den Druck von der städtischen Hotline nehmen! 
Ich hoffe weiterhin, dass die bisherigen Erfahrungen freiwillige Helfer in Zukunft nicht abschrecken. Kriege wird es immer geben. Lasst uns beten, dass es uns nicht trifft. Trotz allem, würde ich jederzeit wieder helfen, einfach weil ich auch will, dass mir oder meiner Familie im Ernstfall geholfen wird und man Menschen in Not ja nunmal einfach nicht im Stich lässt. 

Was sind wir Menschen mehr als Fleischklumpen, wenn wir unsere Werte und Solidarität vergessen? Lasst und weiter Helfen! 

UPDATE (Mitte September): Irgendwie haben wir Zeit bis zu den Zahlungen der Ämter überbrücken können, manche Leistungen wurden jedoch bis heute nicht übernommen, weil die Anträge (alles in Papierform ohne Durchschrift für die Antragssteller) beim Sozialamt verschwunden sind. Ich denke, dass die Gesamtleistung des deutschen Sozialsystems für die ukrainischen Flüchtlinge wirklich umfassend und großartig sind und dafür möchte ich mich herzlich bei allen Steuerzahlern bedanken! So vielen Menschen ein würdiges Ankommen und Leben zu ermöglichen ist wirklich eine humanitäre Leistung. Dennoch: Bitte, bitte treibt die Digitalisierung der Ämter voran, stellt auch mal Menschen ein, die bereit sind nach 12:00 Uhr mittags zu arbeiten und vielleicht teilt ihr die Schichten mal so ein, dass nicht alle gleichzeitig in die Kaffee – und Rauchpause verschwinden. Die Bürger werden es euch danken. DANKE!!! 

Kinderbild von ukrainischem Flüchtlingskind und Katze aus der Ukraine

Bulli Glamping an der Ostsee

Campingurlaub im VW Bus- Endlich Vorzelt für unseren T3

Campen am Strand – Endlich ist es soweit! Nachdem dieser Saisonstart echt brutal verlief und wir wirklich gefühlt einmal alles am Bus ausbauen (lassen) und reparieren (lassen) mussten und dadurch peinlicherweise kurzfristig zwei Vermietungen absagen mussten, sind wir endlich nach einer durchfahrenen Nacht an unserem Campingplatz in Sichtweite der Ostsee angekommen. Urlaub, Strand – Meck-Pom! Ich kann mein Glück kaum fassen. Mit einem frischen Kaffee aus unserer treuen 12 Volt Reisekaffeemaschine sitze ich unter dem grünen Blätterdach, genieße vielfältiges Vogelgezwitscher, dass auf eine sehr artenreiche Vogelpopulation schließen lässt und erfreue mich an dem großartigen Setting. Dieses Mal ist nämlich ein absoluter “Glamping” – Faktor zu unserem ohnehin schon hübschen Bulli hinzugekommen und ich bin so glücklich darüber, dass ich meine Freude direkt ein bisschen teilen möchte 🙂 

Altes Bulli Vorzelt ohne Anleitung – Aufbau

Bisher hatten wir unseren Cosmos vorrangig als Reisemobil benutzt, um unsere Fahrten in die Ukraine so unkompliziert wie möglich zu gestalten, also stets dann anhalten und schlafen zu können, wenn unsere Küken so viel Terror auf ihren Sitzen veranstalten, dass eine gewaltfreie Weiterfahrt unmöglich wird und Schlaf für alle die sicherste Option ist. 

Dadurch sind selten mehrere Tage an einem Ort geblieben und haben nie das Vorzelt aufgebaut, welches uns beim Kauf unseres Bullis mit den wenig vielversprechenden Worten übergeben wurde: “Wir hatten das damals beim Kauf auch mit dazu bekommen, aber nie aufgebaut, ich gebs euch mal mit, vielleicht könnt ihr ein paar Teile davon als Ersatz verkaufen oder so…”.

Dummerweise war ich davon so abgeschreckt (und dem Fakt das es damals, beim Kauf vor 4 Jahren auch eine echt alte und ziemlich lebensgefährliche Gas-Ersatzheizung mit “dabei” gab und haufenweise anderen Schrott den wir nachher mühsam sortieren und entsorgen durften, dass wir das Zelt nur einmal im Innenhof versucht haben aufzubauen. Als dann keine Anleitung dabei war, wir nicht mal ein Modell irgendwo ablesen konnten und irgendwie ein Sammelsurium verschiedenfarbiger Stangen dabei war, welche wir partout nicht zuordnen konnten, hatten wir bei beginnendem Nieselregen die Schnauze voll, packten alles ein und beließen es bis heute dabei. 

Nun hatte sich mein Falke angesichts des ersten geplanten Urlaubs auf einem “richtigen, deutschen Campingplatz” vorgenommen, dieses Vorzelt mitzunehmen und zumindest rauszufinden, was davon brauchbar sein würde. “Da haben wir doch Zeit und sonst können wir die ganze Sche*ße immer noch einfach in die Ostsee schmeißen.” Ich drehte mich weg, damit er mein Augenrollen nicht bemerken würde. Meine kostbare Zeit würde ich nicht mit kaputten Zeltstangen und ekeligen Schrauben verbringen wollen. Aber alles kam anders. 

Als wir im Morgengrauen auf den Campingplatz auffuhren, fielen mir sofort die großartigen verschiedensten Dachzelte, Vorzelte, Planenkonstruktionen und Zeltstädte der Camping – Gemeinde auf. Irgendwie wollte ich dann doch auch ein bisschen mehr Glamour, also  “Glamping” haben. Wir suchten uns einen wunderschönen Platz direkt unter Kiefern und Eichen aus. Kaum geparkt wachten die Küken auf und fingen lautstark an sich über “Urlaaaaaaaub” zu freuen. Aus Rücksicht gegenüber unseren neuen Nachbarn, die den leeren Schnapsflaschen neben den Zelten nach zu urteilen noch einen kleinen Ausnüchterungs – Schlaf nötig hatten, schnappten Olena und mein Falke sich die beiden kleinen Racker und brachten sie leise und schnell zum örtlichen Spielplatz. Dort konnten sie sich artgerecht austoben und eine Nacht Zwangshaltung in Kindersitzen von sich abschütteln. 

Ich betrachtete die bunte Zelt und Camping-Mobile Landschaft und spuckte in die Hände. Mein Ehrgeiz war geweckt: Wir würden ein Vorzelt haben und wenn ich fehlende Zeltstangen mit den Zähnen aus Stöcken schnitzen und ersetzen würde! 

Zunächst entleerte ich die beiden riesigen und schweren Säcke. Der Orangene enthielt eine kackbraune Zeltplane, die mich zunächst etwas abstieß. Der Inhalt des Gestreiften entpuppte sich als die Zeltstangen die mich beim letzten Versuch in den Wahnsinn getrieben hatten. Zudem hatte eine Freundin sie nach dem gescheiterten Aufbau mit Klebeband “ordentlich” zusammengeschnürt, damit nichts verloren geht. Das Klebeband war mit der Zeit brüchig geworden und es kostete mich 30 Minuten friemelige Kleinstarbeit bis ich die Stangen endlich alle befreit und nach Farbe und Größe sortiert hatte. Ich ging sämtliche positiven Affirmationen in meinem Kopf durch und dachte: “Was würde Chuck Norris tun?”

Zeltstangen für Vorzelt beim Campen im T3 Oldtimer

Schließlich aß ich erstmal abwesend eine halbe Tüte Chips auf, während ich das “Bulliforum” nach einer möglichen Anleitung durchsuchte! Das Glück war mir hold. Irgendein verpixeltes Foto aus den 80er Jahren erschien vor meinem übernächtigten Auge und mit einem Hallelujah fügten sich die Stangen zu einer Form zusammen. Mir fiel zudem auf, dass die ganzen andersfarbigen Stangen vermutlich Zubehör von dem ebenfalls damals mitgegebenen “Paulchen”-Fahrrad-Gepäckträger waren und noch ein bisschen Zeug von was auch immer. 
Als ich gerade dachte, jetzt bräuchte ich eine helfende Hand kamen gleichzeitig “der Gärtner” des Campingplatzes und meine Sippe zurück. Die Kinder hatten Hunger und wurden vom mitfühlenden Gärtner, der gerade beim Laden gewesen war versorgt: Glücklich mit Doughnuts und frischen Weintrauben in den fettigen kleinen Händchen liefen sie hastig zurück zum Spielplatz. Mein Falke beäugte fachmännisch meine bisherige Konstruktion, sah den gereiften Plan und meine Entschlusskraft und stimmte mir zu: “Sieht aus, als könnten wir ein Vorzelt haben.” 

Wir arbeiteten zügig und zielstrebig. Als wir zu der Zeltplane kamen musste ich wieder kurz tief durchatmen und affimieren. Nachdem wir die Plane ausgepackt hatten, wusch ich mir einen Schwall “braunen Kleb” von den Händen ab. Ich denke das Imprägniermitteln aus den 80ern oder das Flammschutzmittel waren als fettiger Rückstand zu spüren. Oder die Vor-vorbesitzer hatten eine kleine Fritteuse im Zelt betrieben. Ich wischte energisch die letzten Zweifel beiseite und stülpte mit meinem Falken sorgfältig die Plane über das Gestänge. Nun mussten wir vor und zurück alle Zeltfüße ausrichten, alle Flügelschrauben mehrmals adjustieren und zu unserer absoluten Überraschung und Verzückung fehlte nur eine einzige Schraube und aus der kackbraunen Plane wurde ein edler Palast in warmen Erdtönen. 

Aufbauanleitung T3 Vorzelt Westfalia mit Foto von den Zeltstangen

Mehr Platz beim Campen durch Vorzelt

Die Werkstatt auf dem Campingplatz (hier gibt es einfach alles!) half uns mit einer Schraube aus und Dankbarkeit durchströmte mich, als 3 Tropfen Nieselregen auf den Frühstückstisch runtertropften. “Lass es regnen, wir haben ein Vorzelt!” rief ich Richtung Wolken. Da packte mich mein Falke und schüttelte mich zärtlich “Tbi balnaja, da? Solnze wyjdet detjam nujschno v more” (Bist du bekloppt, ja? Lass die Sonne rauskommen, die Kinder wollen ins Meer!).

Mir egal ob Regenschutz, Sonnenschutz oder Oldschool -Status – Symbol! Unser Lebensraum während der Urlaubszeit hat sich spontan um 9 m² vergrößert und der Retro- Schick des alten Schätzchens passt zu unserem Cosmos wie *rsch auf Eimer!  Ich bin einfach nur froh darüber, dass mein Falke darauf bestanden hat diese zwei siffig anmutenden Säcke mitzuschleppen und endlich und endgültig herauszufinden ob das Zelt top oder flop ist. Das schönste an dem Vorzelt (übrigens ein altes Westfalia wie wir dank des Forums wissen), finde ich, dass es zwar mit dem Bus verbunden ist, aber “auf eigenen Beinen steht”. Man kann also gegebenenfalls auch mit dem Bulli wegfahren und das Zelt mit Stand-Up Paddel, Kochsachen etc. selbstständig zurücklassen. 

Nun sitze ich hier, glücklich mit Laptop und Kaffee und Tagträume von möglichen Gestaltungsmöglichkeiten meines neuen Territoriums, mit festigenden Heringen und einer passenden Picknickdecke zum Beispiel. Home Sweet Home – ich bin angekommen:)
Oldschool Bulli, T3 mit Vorzelt Einfach ein Traum in braun 🙂
Vorzelt T3 Westfalia Retro Camping

Ukrainische Flüchtlinge in Deutschland – Weltflüchtlingstag 2022

Flüchtlinge in Deutschland: Ukraine und weltweit

Jedes Jahr am 20. Juni findet seit dem Jahr 2001 ein internationaler Tag für Menschen auf der Flucht statt: Der Weltflüchtlingstag!

Im Jahr 2020 belegten Ukrainer in Deutschland mit rund 145.500 ukrainischen Staatsbürger*innen noch den 21. Platz der ausländischen Bevölkerungsgruppen in Deutschland.

Ukrainische Flüchtlinge besteigen Zug

Doch bereits zwischen Ende Februar bis Ende Mai sind durch den russischen Angriffskrieg weit über 800.000 Personen aus der Ukraine nach Deutschland geflohen und im deutschen Ausländerzentralregister (AZR) registriert worden. Die absolute Mehrheit davon (98 Prozent) sind ukrainische Staatsbürger*innen. Durch das Ausreisegesetz, dass Männern zwischen 18 und 60 verbietet auszureisen, sind mit rund 67 Prozent Frauen überdurchschnittlich vertreten. Stand 12.Juli erfasste die UN 9,1 Millionen Ukrainer*innen, die ihre Heimat kriegsbedingt verlassen mussten (https://data.unhcr.org/en/situations/ukraine).Auch Kinder und Jugendliche bilden mit -je nach Quelle- rund 40 Prozent einen großen Anteil am Flüchtlingsstrom. Schließlich kommt es durch den Krieg in der Ukraine auch zur Zuspitzung von Hungersnöten auf dem afrikanischen Kontinent und die Menschen die irgendwie können, werden in eine bessere Zukunft fliehen! Diese Fluchtbewegungen und Richtung dieser Flüchtlingsströme können wir noch nicht benennen! Die UNO schätzt für das Jahr 2022, dass 100 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Für mich sind das unfassbare Zahlen, ahne ich doch, dass hinter dieser Zahl 100 Millionen Einzelschicksale stehen. 

Symbolbild Weltflüchtlingstag

Zahl der Flüchtlinge weltweit steigt rasant an

Bereits für das Jahr 2020 schätze das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR), dass über 82,4 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht waren. Alarmierend sei laut UN-Flüchtlingshochkommissar Filippo Grandi vor allem, dass die Zahl der Flüchtlinge rasant ansteige, aber auch, dass die Flüchtlinge durch länger andauernde Krisen (sowohl bewaffnete Konflikte und Kriege aber auch Klimakatastrophen) dauerhaft vertrieben würden. Ein entscheidender Ansatzpunkt neben schneller und unbürokratischer Hilfe sei vor allem entschlossenes politisches Bestreben danach, die ursächlichen Konflikte zu lösen. 

Eine friedliche Lösung wünschen sich in Bezug auf den Krieg in der Ukraine vermutlich die allermeisten. Fraglich ist nur welche Kompromisse die Politiker beider Länder bereit sind einzugehen. Putin bereitet sich scheinbar weiterhin auf einen lange andauernden zermürbenden “Abnutzungskrieg” vor und seine Angriffe sind vor allem im Osten des Landes an Brutalität und Verachtung auch gegenüber zivilen Zielen kaum zu übertreffen. In tragischer Umdeutung historischer Fakten spricht seine Propagandamaschine von der “Rückholung russischer Landesteile”. Selenskyj – anfänglich grundsätzlich zu Kompromissen, vor allem per Volksentscheid bereit- ist sich absolut im Klaren darüber, dass ein russisches Autonomiegebiet im Donbass auch auf lange Sicht keinen Frieden schaffen würde. Zu den vor allem zu Kriegsbeginn durchgeführten Verhandlungen erschienen jedoch von russischer Seite nur zweitrangige Politiker ohne ausreichende Entscheidungsbefugnisse, so dass sich die Verhandlungen von russischer Seite als Farce erwiesen. 

Putin wird sich so lange nicht in ernsthafte Verhandlungen verwickeln lassen, bis er bzw. seine Armee eine verheerende Niederlage befürchten muss. Im Augenblick läuft es an der Front zudem gut für Putin, nachdem die russische Armee ihre Taktik geändert hat und die Streitkräfte im Osten konzentriert hat. Putins Versprechungen ist keine handbreit zu trauen. Bis sein Militär nicht vernichtend geschlagen wird, wird es weiter Gräueltaten wie in Butscha geben, werden weiterhin Geburtskliniken zerstört, Frauen und Kinder vergewaltigt und getötet. Unklar ist bisher auch der Verbleib der Kriegsgefangenen aus Mariupol zu denen lange keine Nachrichten mehr veröffentlicht wurden. Menschenrechtsorganisationen befürchten Demütigungen, Folterungen und auch Tötungen entgegen jeder Genfer Konvention! Nach allem was wir bisher in diesem Krieg über die russische Armee lernen konnten, dann dass es für sie keine Menschenrechte gibt, nicht mal gegenüber den eigenen Soldaten. 

Asowstahlwerk in Mariupol vor dem russischen Angriffskrieg

Ukrainische und russische Flüchtlinge in Georgien

Das einzige was meiner Ansicht nach diesen sinnlosen Krieg beenden kann, ist die unverzügliche Lieferung schwerer Waffen, jegliche denkbare wirtschaftliche Sanktion gegen Russland, die seit langem überfällige Schließung des Luftraums über der Ukraine und die absolute Geschlossenheit Europas gegenüber Russland als Aggressor. Jedes Land, das jetzt zögert macht sich der Kriegsverbrechen mitschuldig. Ich schreibe das als ehemalige überzeugte Pazifizistin. Es war so lange so einfach für mich gegen jegliche Gewalt und Krieg zu sein, bis ich miterleben musste, wie dieser Krieg unsere Familie, Freunde und durch deren Flucht auch mich ganz direkt betrifft. Vor allem weiß ich, dass Putin nach der Ukraine nicht halt machen wird. Es ist absolute Augenwischerei zu glauben, dass Putin nach einem Sieg dort stoppen wird. Hat er nicht bereits mit Transnistrien einen Keil in Moldawien eingetrieben? Sind nicht bereits besorgniserregende Parallelen zwischen der Kaukasuskrieg 2008 in Georgien und der Ukraine bekannt? Auch in Georgien bereitete Russland von langer Hand einen Angriffskrieg vor in dem es z.B. Unfrieden zwischen den ethnischen Gruppen schürte und russische Pässe an Abchasier und Ossetier verteilte. Viele Ukrainer*innen, aber vor allem auch zahlreiche Russen und Russinnen sind nach Georgien geflohen. Letztere werden von der georgischen Bevölkerung zunehmend kritisch betrachtet und z.T. zunehmend angefeindet. Der Vorwurf, sich ausgelassen feiernd wie „im Urlaub“ zu benehmen, während ihr Präsident unter breiter Zustimmung der russischen Bevölkerung einen Genozid vorantreibt, ist weit verbreitet.

Georgien Landkarte vor dem Hintergrund des Kaukasuskriegs

Nun sind bereits 35.000 Russen, die gegen den Krieg sind, nach Georgien geflüchtet (Stand Ende April 2022). Nur ob und wie lange sie dort sicher sind kann niemand wissen. 

Berufliche Perspektiven von Flüchtlingen in Deutschland

Das einzige was wir mit Bestimmtheit sagen können ist, dass es durch diesen Krieg weiterhin zu massiven Fluchtbewegungen kommen wird und den Menschen nur durch die Schaffung echter Perspektiven geholfen werden kann. Immer wieder höre ich im Radio Moderatoren voll des Lobs davon sprechen, wie gut ausgebildet die ukrainischen Flüchtlinge seien. Nur befürchte ich, dass es an der Bürokratie scheitern wird, diese Menschen hier schnell in ihre erlernten Berufe zu integrieren. Es muss ein radikales Umdenken und unkomplizierte Nachprüfungsverfahren geben, um die ukrainischen Qualifikationen und Abschlüsse zu verifizieren und Anzuerkennen. Sonst besteht die Gefahr, dass qualifizierte Fachkräfte im Niedriglohnsektor „hängen“ bleiben oder mangels vernünftiger Perspektiven erst gar keine Arbeit aufnehmen. Der Vater einer Jugendfreundin von mir, ein politisch ungewollter, vom Regime gefolterter Physiker, der aus dem Iran nach Deutschland geflohen war, musste hier in Deutschland zusammen mit seinen Kollegen den Rest seines Berufslebens Taxi fahren. Seine Frau, einst anerkannte Ärztin im Iran, konnte zumindest mit einer hier nachträglich absolvierten Ausbildung zur Krankenschwester annähernd in ihrem beruflichen Kontext weiterarbeiten, auch wenn es mir wie ein bitterer Hohn vorkommt. 

Symbolbild Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt, Qualifikationen prüfen

Ich denke Deutschland kann es sich nicht erlauben, Talente, Qualifikationen, Lebenszeit und das persönliche Glück von Menschen weiterhin so zu verschwenden. Alle stöhnen vom Fachkräftemangel: Hier sind Fachkräfte gekommen! Zeit sie zu integrieren!  Mein Ideal wäre es den Menschen die nicht in absehbarer Zeit zurück können oder wollen hier die besten Chancen auf schnelle Integration (sowohl im sozialen Umfeld als auch auf dem Arbeitsmarkt) zu ermöglichen. Win win für alle: Deutschland hat weniger Ausgaben für Sozialleistungen (auch ein super Argument gegen rechte Trolle) und kann durch die Arbeitskraft der Menschen profitieren. Die Menschen können in ihrem Beruf arbeiten, ihre Selbstwirksamkeit entfalten und entweder Geld beiseite legen, es ihrer Familie schicken und irgendwann hoffentlich ihre zerstörten Häuser wieder aufbauen gehen oder sich zumindest ein Leben in Frieden aufbauen. Wenn sie sich entscheiden sollten zurückzukehren, dann werden sie die beste Werbung für Deutschland als Arbeitsstandort für Fachkräfte werden. Aber eben nur, wenn wir die Chance jetzt nutzen und schnell und flexibel Lösungen anbieten. Nur so können aus Flüchtlingen Bürger, Nachbarn, Kollegen und Freunde auf Augenhöhe, frei von Abhängigkeitsbeziehungen werden und nebenbei Steuergelder sinnvoll eingesetzt werden.
Go Deutschland, go!
Zusammenarbeit für Integration International

Volodymyr (64, Kiew) – Flüchtlinge aus der Ukraine berichten ihr Schicksal

Teil 1: Interviewreihe mit ukrainischen Flüchtlingen

Dies ist das erste Interview unserer neuen Reihe, die in Kooperation mit dem Dortmunder Künstler und Fotografen Klaus Pfeiffer (www.klauspfeiffer.com) entstanden ist. Gemeinsam möchten wir den geflüchteten Menschen aus der Ukraine ein Gesicht und eine Stimme geben, ihnen die Möglichkeit geben ihre Erlebnisse zu teilen und den Leser*innen neue Blickwinkel zu eröffnen! Weiter unten findest du den Text in der russischen Version. Вы можете найти русский перевод ниже!

Volodymyr (64 Jahre, Kiew) im Interview

Interview mit Ukrainern / Flüchtlingen Volodymyr aus Kiew berichtet

“In der schrecklichen Ironie des Krieges, während Putin so vielen Menschen Tod und Verderben gebracht hat, hat er mir vielleicht die Aussicht auf das Leben geschenkt.” 

Volodymyr ist vor wenigen Wochen 64 Jahre alt geworden. Seinen Geburtstag verbrachte er  im Kreis seiner Familie erstmals in Deutschland. Sein Sohn war bereits als Kind mit der Mutter nach Deutschland ausgewandert. Einen Tag nach der Familienfeier im Planetarium, passend, da er sich seinen Geburtstag mit dem Tag des sowjetischen Helden und Kosmonauten Juri Gagarin teilt, war die erste Operation angesetzt, musste er für mehrere Wochen ins Krankenhaus. 
Operiert wurde Darmkrebs im 4 Stadium. Dieser wurde Ende letzten Jahres bei Wowa, wie Familie und Freunde ihn nennen, festgestellt. In der Ukraine wurde ihm eine Chemotherapie in Aussicht gestellt. Geplanter Beginn: 24. Februar 2022. In der Ukraine genießen Chemotherapien einen höchst zweifelhaften Ruf. Die Selbstmordrate unter den Patienten ist gewaltig, da die Versorgung mit den benötigten Schmerzmedikamenten nicht gewährleistet ist und die wenigen verfügbaren Medikamente oft von so niedriger Qualität sind, dass viele Patienten vor schierem Schmerz ihre Erlösung im Tod sehen. Als Wowa sich am 24. Februar, dem Beginn des Angriffskriegs trotz der Nachrichten und deutlich vernehmbaren Sirenen und Detonationen auf den Weg zur Onkologie machte, wurde er abgewiesen: Die Onkologie war in der Kürze des Vormittags bereits in ein Militärkrankenhaus umfunktioniert worden. 

Die Ausweglosigkeit in der Ukraine bewog ihn zur Flucht. Er wusste, wenn er Leben wollte, musste er im Ausland medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Alle Kapazitäten der Ukraine würden im Rahmen der Versorgung militärischer und ziviler Kriegsopfer benötigt. An diesem rationalen Gedanken hielt er fest, während er sich von seinen Kollegen, Freunden und Kameraden verabschiedete und mit Ehefrau Viktoriia die nötigsten Güter und das Kätzchen Babula ins Auto packte. Die letzten Jahre hatte er als Leiter des Wachdienstes ein militärisches Lebensmittellabor, welches die Qualität der Versorgung der ukrainischen Streitkräfte sicherstellt, bewacht. Er ging mit den besten Wünschen der Kameraden und Kollegen, alle hatten Verständnis für die Situation. Würde er Leben wollen, musste er gehen. Besonders schwer fiel der Abschied von seinen loyalen vier deutschen Schäferhunden, sie verblieben zur Sicherung des Geländes. 

Volodymyr hält weiterhin täglich Kontakt in die Heimat. Es zerreißt ihm das Herz, mit Kameraden, Freunden und auch Familienmitgliedern zu sprechen, die beim Militär und zum Teil direkt an der östlichen Front dienen, ist ihm doch bewusst, dass es nur eine einzige Sekunde braucht, eine winzige Wendung des Schicksals, um die Angehörigen dieser Menschen zu Witwen und Waisen zu machen. 

Während seine zwei aufwendigen Operationen in Deutschland bereits gut verlaufen sind und alle gestreuten Krebsgeschwüre rein operativ und ohne Strahlung entfernt werden konnten, lässt ihn der Gedanke an eine 32 jährige Mutter von 3 Kindern nicht los. Diese wurde gemeinsam mit ihm am Tag des Kriegsbeginns von der Kiewer Onkologie abgewiesen, ebenfalls im 4. Stadium an Krebs erkrankt. Er muss oft an sie denken und fragt sich was aus ihr und ihrer Familie geworden ist. 

Wowa ist ein sehr gläubiger Mann. Er dankt Gott jeden Tag für sein Leben. Er sagt, er muss sich nun vor nichts mehr fürchten, er hat den größten Ängsten bereits ins Gesicht sehen müssen. Sein Leben war schon vor dem Krebs, dem Krieg und der Flucht von dem Ungewissen, der Unvorhersehbarkeit geprägt. 

Ausbildung und Wehrdienst in der Sowjetunion

Während seines dreijährigen Wehrdienstes, den er mit 19 begann, entschied er sich für die gefährliche Ausbildung zum Tiefsee-Taucher. Es reizte ihn das Ungewisse, die Unvorhersehbarkeit. Bildlich unvorhersehbar waren die Tiefen des Schwarzmeers, die Strömungen am Bosporus, die Wellen bei Gibraltar, sowie die schlammigen Gewässer der Barentssee. Mit seiner Ausrüstung, die bis zu 120 kg wog, versenkte er sich in Tiefen bis zu 160 Meter, wo er gemeinsam mit Kameraden aufwendige Projekte wie das Heben versunkener Schiffe realisierte. Jeder Fehler konnte fatale Folgen haben. Ein Kamerad verbrannte in der Tiefe, als durch ein Leck in der Gasleitung seiner Ausrüstung eine chemische Reaktion in Gang gesetzt wurde. Andere verloren durch die unberechenbaren Strömungen in der Tiefe den sicheren Halt an den schützenden Ringen der Steigleiter und wurden ohne Wiederkehr in die Dunkelheit gezogen. Ein falscher Handgriff bei der Dekompression, ein zu schnelles Auftauchen und die Druckschwankungen wären für den Körper tödlich. Einmal verloren sein Kamerad und er auf einem Einsatz den Funkkontakt zum rettenden Schiff. Sie saßen 16 Stunden ohne Nachricht auf einer Dekompressions – Plattform in 60 Meter Tiefe ohne zu wissen, ob das Schiff überhaupt noch auf sie wartete oder sie bereits aufgegeben hatte. Die Stunden alleine bei den zahllosen Dekompressions- Vorgängen in der Tiefe, in absoluter Stille haben Wowa viel Zeit zum Nachdenken gegeben. 

Das Meer

Aufgrund der Gefahren und der hohen körperlichen Anforderungen des Berufs hätte er als Taucher bereits nach 10 Jahren in Rente gehen können. Nach dem Wehrdienst heuerte er als ziviler Industrietaucher auf einem Schiff der Dnepr an. Insgesamt tauchte er leidenschaftlich über 15 Jahre. 
  
Mit dem Fall der Sowjetunion begann eine neue Zeit der Ungewissheit. Es gab kein Geld mehr, Löhne wurden nicht mehr gezahlt. Im Endeffekt war jeder auf sich allein gestellt und musste zusehen, wie er an Geld kam. Wowa erinnert sich, dass für ihn während der 2000er Jahre wieder Ruhe und so etwas wie Stabilität einkehrte. 

Sein Verhältnis zum jetzigen Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, war anfänglich erst von Skepsis geprägt. Die Absage des Präsidenten an ein Fluchtangebot der USA, er und die Ukraine bräuchten keine “Mitfahrgelegenheit sondern Waffen”, habe ihn schwer beeindruckt. Selenskyj kämpfe wie kein anderer Präsident für sein Land, sein Volk und habe die Ukraine und die Ukrainer wahrhaft in einer noch nie dagewesenen Form vereint. 

Was bleibt ist Dankbarkeit. Dankbarkeit für sein Leben, seine Familie, die ihm Kraft gibt und die Unterstützung im Ausland. Was ihn in Deutschland am meisten überrascht hat war die Qualität der medizinischen Versorgung und der empathische Umgang des Klinikpersonals mit ihm als Patienten. Er hätte sich nie vorstellen können, dass es diese Art medizinischer Versorgung überhaupt gibt. In Dortmund haben ihn die “knotigen” Bäume am Borsigplatz amüsiert. Über die Moral der Deutschen sei es noch zu früh für ihn sich ein Bild zu machen, außerdem: “Gehe man nicht mit eigener Satzung in ein fremdes Kloster”. 

Ukrainischer Flüchtling Volodymyr erzählt was er an seiner Heimat am meisten vermisst: Baden im Wald
Wowas Badestätte in Kiew: Frühling, Sommer, Herbst und Winter (Bilder zur Nutzung von Volodymyr überlassen)

An der Heimat vermisst er vor allem seine tägliche Spazier- und Baderoute auf einem waldigen Klostergelände in Kiew. Unbeirrt von Wetter und Jahreszeit spazierte oder joggte er dort jeden Tag und badete unbeeindruckt von Temperaturen zwischen plus und minus 25 Grad in den Wasserbecken neben den kleinen Kapellen. Märchenhaft sei es dort unter den gewachsenen Hallen der Bäume gewesen. Dort war sein Kopf frei und unbeschwert, dort tankte er Kraft und seine Seele konnte atmen.

Schon als Kind war die Natur für ihn wichtigster Anker. Seine Augen strahlen als er davon spricht wie er bei Besuchen und Sommerferien im Dorf die Natur erlebte, die unendlichen Felder, die bunte Vielzahl der Augenweiden, die Weite vom Himmel, wenn der Weizen wächst.

Auf die Frage, was er dem russischen Volk sagen würde, wenn er die Gelegenheit dazu hätte zuckt Wowa die Schultern. Er glaubt nicht, dass sie etwas verstehen, oder etwas des Gesagten annehmen könnten, da sie durch die manipulierten Medien “zombiert” seien. Vom russischen Militär hingegen wünscht er sich, dass sie “zur Besinnung” kommen. Sein Verhältnis zur russischen Sprache habe sich durch den russischen Angriffskrieg nicht geändert. Sowohl Russisch als auch Ukrainisch sind für ihn geliebte Muttersprachen, die er jeweils täglich spricht. 

Der Krieg hat Wowa wieder einmal gezeigt, welche Unvorhersehbarkeiten und unerwarteten Wendungen das Leben birgt. Er betet in Dankbarkeit zu Gott und wünscht allen Menschen von Herzen Glück, Gesundheit und Zufriedenheit. 

-Wenn du deine Geschichte ebenfalls gerne teilen und hier veröffentlichen möchtest oder jemanden kennst, der Interesse haben könnte, freu ich mich auf deine Mail an falkenundadler@gmail.com-


Это первое интервью из нашей новой серии, созданной в сотрудничестве с художником и фотографом из Дортмунда Клаусом Пфайффером (www.klauspfeiffer.com). Вместе мы хотим дать беженцам из Украины лицо и голос, дать им возможность поделиться своим опытом и открыть новые перспективы для читателей. Здесь вы можете найти текст в предварительной, автоматически переведенной русской версии:

Владимир (64 года, Киев)

«По ужасной иронии войны, хотя Путин принес стольким смерть и разорение,возможно, он дал мне перспективу к жизни».

Несколько недель назад Владимиру исполнилось 64 года. Он впервые провелсвой день рождения с семьей в Германии, ведь его сын еще в детстве эмигрировал в Германию с матерью. На следующий день после семейного праздника в планетарии, соответствующего тому, что его день рождения совпадает с днем рождения советского героя и космонавта Юрия Гагарина, Владимиру была назначена первая операция, и его пришлось госпитализировать на несколько недель.

Вова (как его называют семья и друзья), был прооперирован, ведь ему диагностировали рак толстой кишки 4 стадии. Это было обнаружено в конце прошлого года, когда он еще был в Украине. Там же, ему пообещали химиотерапию, старт которой был запланирован на 24 февраля 2022 года.

В Украине у химиотерапии очень сомнительная репутация. Уровень самоубийств среди пациентов огромен, потому что поставка необходимых обезболивающих препаратов не гарантирована, а немногочисленные доступные лекарства часто имеют такое низкое качество, что многие пациенты воспринимают смерть как избавление от сильной боли. Когда 24 февраля, в начале военного вторжения в Украину,Вова добрался в онкологическое отделение, несмотря на новости и отчетливо слышимые сирены и детонации, его прогнали, ведь все отделение еще до полудня уже было переоборудовано в военный госпиталь.

Безысходность в Украине заставила его бежать.Он знал, что если он хочет жить, ему придется обратиться за медицинской помощью за границей.  Все возможности Украины будут направлены на военных и

пострадавших от войны гражданских лиц. Этой мысли он придерживался, пока прощался с коллегами, друзьями и товарищами и вместе с женой Викторией упаковывал в машину самое необходимое и особенно котенка Бабулу.

Последние несколько лет Владимир работал в должности начальника службы безопасности, охраняя военную пищевую лабораторию, которая обеспечивала качество продуктов питания для Вооруженных сил Украины. Он ушел с наилучшими пожеланиями товарищей и коллег, все поняли ситуацию. Если он хотел жить, то он должен был уехать.

Прощание с его четырьмя верными немецкими овчарками было особенно трудным; они остались, чтобы охранять это место.

Несмотря на переезд, Владимир продолжает ежедневно поддерживать связь с родиной. У него каждый раз разрывается сердце, когда он разговаривает с товарищами, друзьями и даже членами их семей, которые служат в армии, а некоторые из них непосредственно на Восточном фронте. Он понимает, что требуется всего одна секунда, крошечный поворот судьбы, чтобы сделать этих людей вдовами или сиротами.

В то время как он перенес две сложные операции без хирургического вмешательства, он не может перестать думать о 32-х летней матери троих детей, которой тоже отказали в госпитализации в Киевском онкологическом центре. Женщине, как и ему, был диагностирован рак 4 степени. Вспоминая ее он постоянно задается вопросом, что же стало с ней и ее семьей. Вова очень религиозный человек и он каждый день благодарит Бога за свою жизнь. Он говорит, что ему больше не нужно ничего бояться, ему уже приходилось сталкиваться с самыми большими страхами. Еще до рака, войны и переезда, его жизнь была наполнена неопределенностью и непредсказуемостью.

Во время своей трехлетней военной службы, которую он начал в возрасте 19 лет, он решил пройти опасную подготовку глубоководного ныряльщика. Его тянуло к неизвестности, непредсказуемости. Глубины Черного моря, течения на Босфоре, волны у Гибралтара и мутные воды Баренцева моря были визуально непредсказуемы. Со своим снаряжением, которое весило около 120 кг, он погружался на глубину до 160 метров, где вместе с товарищами реализовывал такие сложные проекты, как подъем затонувших кораблей. Любая ошибка могла иметь фатальные последствия. Один товарищ сгорел на глубине, когда из-за утечки газа из его оборудования началась химическая реакция. Другие потеряли надежную хватку за защитные кольца вертикальной лестницы из-за сильных течений внизу и пропали без вести.

Неправильный маневр во время декомпрессии, слишком быстрый подъем и колебания давления были бы фатальными для организма. Однажды он и его товарищ потеряли радиосвязь со спасательным кораблем, выполнявшим задание. Они просидели 16 часов на декомпрессионной платформе на глубине 60 метров, не зная, ждет ли их еще корабль или они уже сдались. Часы наедине с бесчисленными декомпрессионными процедурами на дне, в абсолютной тишине дали Вове много времени на размышления.

Из-за опасностей и высоких физических требований к работе он мог уйти с работы водолаза всего через 10 лет. После службы в армии его наняли гражданским водолазом-промышленником на корабль на Днепре. В общей сложности он увлеченно нырял более 15 лет.

С распадом Советского Союза началась новая эра неопределенности.

Денег больше не было, зарплату перестали платить. В конце концов, каждый был предоставлен сам себе и должен был где-то находить деньги. Вова вспоминает, что в 2000-е к нему вернулось спокойствие и чувство стабильности.

Его отношения с действующим президентом Украины Владимиром Зеленским изначально характеризовались скептицизмом. Отказ президента от предложения бежать из США, заявив, что ему и Украине нужна не «поездка, а оружие», произвел на него большое впечатление. Зеленский борется, как никакой другой президент, за свою страну, свой народ и действительно беспрецедентным образом объединил Украину и украинцев.

Все, что теперь остается – это бесконечная благодарность. Благодарность за его жизнь, его семью, которая дает ему силу и поддержку за границей. Больше всего его удивило в Германии, так это качество медицинского обслуживания и чуткое отношение персонала клиники к нему как к пациенту. Он и представить себе не мог, что такой вид медицинской помощи вообще существует. В Дортмунде его

позабавили«сучковатые» деревья на Борзиг Плац. Ему еще рано иметь представление о нравственности немцев, а также: «Не ходи в чужой монастырь со своими уставами».

Больше всего в Германии он скучает по своим ежедневным прогулкам и купаниям на территории лесистого монастыря в Киеве. Невозмутимый погодой и временем года, он каждый день ходил туда пешком или бегал трусцой и купался в бассейнах рядом с небольшими часовнями. Его не смущала температурой от плюс до минус 25 градусов. Там, под выросшими чертогами деревьев, было как в сказке. Там его голова была свободна и беззаботна, там он перезаряжал свою

внутреннюю батарейку и его душа могла дышать. Еще в детстве природа была для него самой важной. Его глаза сияют, когда он рассказывает о том, как он наслаждался природой во время визитов и

етних каникул в деревне. Когда он говорит о бескрайних полях, о пестром множестве угощений для глаз, о необъятности неба, когда растет пшеница. 

На вопрос, что бы он сказал русскому народу, если бы ему представилась такая возможность, Вова пожимает плечами. Он не думает, что они могут что-то понять или извлечь из сказанного, потому что они «зомбированы» манипулируемыми СМИ. С другой стороны, он хотел бы, чтобы российские военные «опомнились». Его отношение к русскому языку не изменилось в результате агрессивной войны России. И русский, и украинский — его родные языки, на которых он говорит ежедневно.

Война еще раз показала Вове непредсказуемость и неожиданные повороты жизни. Он благодарно молится Богу и искренне желает всем счастья, здоровья и довольства.

-Если вы также хотите поделиться своей историей и опубликовать ее здесь или знаете кого-то, кто может быть заинтересован, я с нетерпением жду вашего ответа по адресу falkenundadler@gmail.com-

 
 

Ukraine Krieg- Landwirtschaft im Kriegszustand

Putins Landgrabbing in der Ukraine -Lebensmittelkrise und Hungersnöte

In meinem früheren Leben habe ich tatsächlich Agrarwissenschaften studiert. Ökologische Agrarwissenschaften um genau zu sein. Ich erinnere mich, dass vor rund 15 Jahren ein starker Diskurs um das sogenannte “Land-Grabbing” anfing. Einem Prozess, bei dem zunehmend reiche Länder bzw. Konzerne und stark im Wachstum befindliche Länder fruchtbare Regionen, ja ganze Landstriche in ärmeren Ländern aufkaufen oder für lange Zeiträume pachten, um so die Ernährungssituation der eigenen Bevölkerung zu sichern oder / und von steigenden Lebensmittelpreisen, vor allem in Krisenzeiten zu profitieren. 
Teil dieser Problematik waren immer schon Patente auf Saatgut, die Nutzung von gentechnisch veränderten Organismen, die Zulassung von bestimmten Pestiziden und Düngemitteln und die generelle Frage: Wem gehört eigentlich die Erde und wem das, was darauf wächst?

Symbolbild Planet Erde auf der Hand getragen

Was Putins Armee in der Ukraine betreibt, kann als Land-Grabbing im ganz großen Stil betrachtet werden. Unter dem Vorwand des “Entnazifizierungs”- Narrativs werden ganze Landstriche entvölkert und unbewohnbar gemacht. Die Absicht ist mir angesichts des Ausmaßes der Zerstörung unbegreiflich. Angriffe der russischen Armee zielen immer wieder auf die zivile Infrastruktur ab. Was hat Putin von leeren, unbewohnbaren Landstrichen? Russland erstreckt sich über solche Weiten, dass Putin es in Generationen nicht schaffen würde sein eigenes Land zu besiedeln wenn er es denn wollte. Wenn es um Land-Grabbing im Sinne der Ernährungssicherung der eigenen Bevölkerung und dem Profit aus steigenden Lebensmittelpreisen geht, warum zerstört er dann die Agrar-Infrastruktur, ja zielt sogar auf das genetische Saatgut Erbe der Ukraine ab (Angriff auf Saatgut Bank bei Charkiw)? Das Angebot, den Überfluss der Ukraine zerstören, damit die russischen Waren im Wert steigern? Krieg und Chaos in Ländern schaffen, die von ukrainischen Exporten stark abhängig sind und Russland mit seinen Exporten als Retter in der Not präsentieren? Schon jetzt sind die Gedanken an verhungernde Kindern und deren ebenfalls hungrige aber absolut machtlosen Eltern z.B. im stark betroffenen Jemen unerträglich. Unvorstellbar, dass dies erst der Anfang einer globalen Ernährungskrise ist. Putin und seine Schergen klauen jetzt schon tonnenweise ukrainisches Getreide und schleusen es unter Verschleierung der Herkunft zu Wucherpreisen auf dem Weltmarkt ein – Sarkasmus pur! Ukrainisches Getreide finanziert das Bombardement ukrainischer Städte! – Wir in Deutschland werden in absehbarer Zeit “nur” unter stark gestiegenen Preisen leiden. Grundsätzlich ist Deutschland durch die eigene landwirtschaftliche Produktion weitestgehend souverän, aber Experten schätzen bereits jetzt, dass weltweit rund 100 Millionen Menschen zusätzlich hungern werden!  Ein großer Teil dieser Menschen wird sich aus reiner Existenznot auf die Flucht begeben müssen um zu überleben. Wenn der Krieg in der Ukraine nicht zügigst gestoppt wird, erleben wir gerade erst die Spitze des Eisbergs!

Weizenfeld Ukraine

Die Ukraine verfügte zumindest vor dem Krieg über rund 41 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche (Acker- und Grünland), davon rund 32 Millionen Hektar Ackerland. Wegen des günstigen Klimas und der fruchtbaren und mächtigen Schwarzerde Vorkommen wurde die Ukraine in der Vergangenheit bereits die “Kornkammer der Sowjetunion” bzw. “Kornkammer Europas” genannt. Sie ist unter den 5 größten Weizenexporteuren (EU, Russland, Australien, Ukraine, USA) weltweit angesiedelt. Zahlreiche Länder sind auf den Import ausländischen Weizens angewiesen, Hauptabnehmer sind Länder wie Ägypten und Indonesien. Der hohe Nährwert bei gleichzeitig hervorragenden Lagereigenschaften und vielseitigen Zubereitungsmöglichkeiten macht Weizen unentbehrlich in der weltweiten Ernährungssicherung. 

Ölsaaten wie Raps und Sonnenblumen Knappheit durch Ukrainekrieg

Im Bereich der Ölsaaten wie Raps und vor allem Sonnenblumen ist die Ukraine Weltmarktführer, was sich tatsächlich allmählich auch in den hiesigen Supermärkten bemerkbar macht. War Sonnenblumenöl vor dem Krieg ein Artikel, der im Discounter preiswert für unter 1 € / Liter erworben werden konnte, so wurde mir letztens in demselben Discounter 750 ml Sonnenblumenöl für 4,99 € angeboten.  Ich kann auf andere Rezepte ausweichen, im Notfall auch auf Annehmlichkeiten verzichten, um mehr Geld für Lebensmittel zur Verfügung zu haben –  Millionen Menschen weltweit haben dieses Privileg nicht. 
Vor dem russischen Angriff arbeiteten rund ein Viertel der ukrainischen Bevölkerung in der Landwirtschaft auf schätzungsweise 90.000 landwirtschaftlichen Betrieben. Davon sind fast die Hälfte Pachtbetriebe mit durchschnittlich 1200 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche und rund 40% Subsistenz-Betriebe unter 1 Hektar Größe, die statistisch schwierig zu erfassen sind. Der Rest verteilt sich auf Groß-, Mittlere- und Kleinbetriebe. Alle diese Betriebe eint nun die Angst. 

Treibstoff zum Betrieb der landwirtschaftlichen Maschinen ist knapp oder überhaupt nicht mehr verfügbar, viele Mitarbeiter sind geflohen oder arbeiten nun an der Verteidigung der Ukraine, die Sorge ist groß die Tiere nicht mehr versorgen zu können. Wo nicht gesät und geerntet wird fehlt Geld für Saatgut, Dünger, Pestizide und Lohnzahlungen. Es gibt bislang noch keine Auskünfte und Kartierungen über den Niedergang von Blindgängern aus Artillerie, Raketen und Landminen, welche die Arbeit und das Leben von Mensch und Tier über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gefährden werden. Millionen Tieren steht die Notschlachtung bzw. in Ermangelung an Schlachthof Kapazitäten und Personal, der langsame Hungertod bevor. Es ist eine Abwärtsspirale biblischen Ausmaßes und so sehr ich nachdenke, ich kann keinen Sinn darin finden.

Errosion - unfruchtbarer Boden

Hinzu kommt, dass nun angesichts der Ernährungskrise wieder alte Forderungen aus dem Agrarlobby Bereich laut werden: Trotz aller Risiken soll wieder auf gentechnisch veränderte Organismen gesetzt werden, nicht zugelassene oder bereits verbotene Pestizide sollen die Ernten vor Schädlingen retten, der Anteil des Ökolandbaus soll verringert werden, da er angeblich weniger Erträge abwirft! Alles Diskussionen, die angesichts der unabschätzbaren Risiken und Umweltfolgen wie schnellere Erderwärmung, Auskreuzung der GMOs, mögliche und nachgewiesene Gesundheitsrisiken, Verlust der Biodiversität und Bienensterben, Verschlechterung der Bodenqualität im konventionellen Landbau, meiner Ansicht nach tabu sind! Das einzige, was uns langfristig als Menschheit das Überleben sichern kann, ist der menschliche Zusammenhalt, Solidarität über Landesgrenzen hinweg und Landwirtschaft im Einklang mit der Natur, im Sinne einer Kreislaufwirtschaft, die ohne chemischen Dünger und über weite Strecken transportierter Futtermittel auskommt. Dafür müssten wir alle unsere Ernährungsgewohnheiten überdenken, aber ich bin der Meinung, dass es sich lohnt und dass genau das ein Stückchen gelebte Solidarität wäre. Mit den Menschen der Ukraine, dem Jemen, den zukünftigen Generationen und ein ganz großer Stinkefinger in Putins Richtung.