Die Ukraine vor dem Krieg

Kriegsbeginn in der Ukraine





Hier in Deutschland umarme ich die meisten meiner Freunde, indem wir beide den rechten Arm dazu nutzen unser Gegenüber leicht an uns zu drücken und je nach Situation und Grad des Vermissens langsam oder schnell wieder loslassen. Die Gesichter werden dabei ebenfalls auf der rechten Wangenseite aneinander vorbeigeführt, wobei es Freunde und Freundinnen gibt, die mir bei dieser Gelegenheit ein dickes Bussi aufdrücken. Ich gehe deshalb ins Detail, weil es mich total irritiert, wenn mich jemand “gegen die Konvention” mit dem linken Arm umarmen will, da ich dann nicht vorhersehen kann wo er sein Gesicht an meinem Vorbeiführen wird. Ich mag solche Momente, weil mir erst bewusst wird, wie homogen die meisten meiner Kontakte und Begrüßungen verlaufen, wenn es zu kleinen Unterbrechungen kommt. Beim Reisen in anderen Ländern wird vielen das “typisch japanische” Verbeugen ein Bild vor Augen rufen oder die traditionell indische Handgeste der vor der Brust aufrecht aneinander gefalteten Hände zum “Namasté”.

Normalerweise informiere ich mich vor einer Reise über kulturelle Besonderheiten, um zumindest die fiesesten kulturellen Fauxpas zu vermeiden. Ich möchte stets, dass mein Besuch auch den Menschen der gastgebenden Kultur möglichst positiv in Erinnerung bleibt. Nun fühlte ich mich der ukrainischen Kultur durch meine Prägung und meinen Falken bereits so verbunden, dass ich es schlicht und einfach versäumte, diese kleine Information vor unseren ersten Ukraine- Reisen einzuholen. Irgendwie dachte ich auch stillschweigend, dass er mir wohl alles notwendige mitteilen würde. Wie wir später feststellten, ging er davon aus, das ich schon intuitiv alles richtig machen würde und er wollte nicht bereits im Vorfeld “zensieren” und mir wertvolle kulturelle Erfahrungen rauben.
So verlief der erste Kontakt mit einer Ukrainerin – einer guten Kindergartenfreundin von ihm- einwandfrei. Sie zog uns beide nacheinander an sich, er bekam ein Küsschen, ich gleich drei. Ich bin bei Küsschen immer irritiert, da ich nicht weiß wie viele traditionell kommen (1,2,3 oder sogar 4 ??) und wie laut das “Schmatz”-Geräusch zu sein hat, ob der Kuss berührungsfrei in die Luft erfolgt oder ich die Wangen dabei berühren oder sogar echte Küsse erfolgen. Als ihre Mutter dann hinter ihr auftauchte war ich weiterhin irritiert, da ich zwar merkte, dass mein Falke sie mit Vor- und Vatersnamen (also Elena Petrowna) anredete, was immer ein Zeichen von Respekt und manchmal auch höflicher Distanz ist, die angesprochene ihn dennoch herzlich umarmte. Ich traute mich das bei ihr nicht und hielt ihr meinerseits höflich die Hand hin. Diese wurde auch entgegengenommen und artig geschüttelt. Nun verstand ich im Nachhinein, es hier mit einem weitgereisten und kulturell sehr vielseitigen Mutter- und Tochter Gespann zu tun zu haben. Elena Petrowna war direkt nach dem Fall der Sowjetunion in Deutschland zum arbeiten gewesen und sprach sogar noch recht gut deutsch! Lydia, ist Stewardess für High-Class-Privatjets und dementsprechend mit der absoluten Creme-de-la-Creme weltweit unterwegs gewesen. Manieren und interkulturelle Verständigung? Ein Klacks!

Unhöflich wäre das Verhalten und überhaupt, irgendwie zeige das doch erstaunlich wenig Respekt vor Frauen, dafür dass er immer behauptet, die Ukraine sei einst das einzige Matriarchat Europas gewesen! Er denkt nach und lässt mich meine Anklagepunkte mit Beispielen untermauern. Dann muss er schmunzeln! “Du bist halt meine deutsche Frau und ich finde es in Ordnung wenn du jemandem die Hand geben willst. Deshalb lasse ich dich machen! Grundsätzlich würde dir als Frau hier, gerade im ländlichen Bereich aus Respekt niemand von sich aus die Hand hinhalten! Du weißt ja nicht, wo er die vorher hatte! Und spätestens wenn du deinen Partner oder Gatten dabei hast, wird sich jeder anständige Mann hüten dich physisch zu begrüßen oder gar aufmerksam freundlich anzuschauen wenn er dich begrüßt. Das könnte zusätzlich bei mir als deinem Mann den Eindruck erwecken, dass er sich zu sehr für dich interessiert oder sogar bereits kennt und dann hätten wir einen ernsthaften Klärungsbedarf.” Ich muss lachen. Ich kann mir nun erklären, warum meine wohlgemeinte Höflichkeits-Offensive in einigen Fällen zu verschämten Seitenblicken zu meinem Falken geführt haben. Vermutlich wollten sich die betreffenden Männer einfach nur rückversichern, dass die Initiative von mir, der Frau ausgegangen war und nun bitte bitte kein Klärungsbedarf zwischen ihnen und meinem Falken entstanden ist.
Nach diesem “Aha”-Erlebnis habe ich immer wieder Begrüßungsmomente auch bei fremden Menschen, z.B. auf der Straße oder im Restaurant beobachtet und hinsichtlich des Beziehungsstatus der Protagonisten analysiert. Nun meistere ich die Mehrzahl der Begrüßungssituationen in der Ukraine mit fremden Menschen, in dem ich minimal Lächle und dezent mit dem Kopf in die Richtung des Begrüßten nicke. Meine Hände halten derweil vorsichtshalber meine Handtasche fest um nicht in Versuchung zu kommen. Seitdem bekomme ich erstaunlich oft mit, wie diese Personen meinen Falken neugierig fragen ob ich auch Ukrainerin sei. Die Integration ist gelungen! Für mich stellt sich da jedoch die Frage ob so ein direktes Nachfragen nach der Herkunft der Partnerin nicht auch irgendwie unangemessen ist und Klärungsbedarf entstehen müsste 🙂

Die orthodoxen Kirchen sind absolut allgegenwärtig und auch wenn viele sichtlich leer stehen und nur schön von außen sind, so locken gerade in den größeren Städten auch sehr geschichtsträchtige und uralte Kirchen und Klöster in denen eine Vielzahl von Klerikern, Mönchen und Gläubigen für ein geschäftiges Treiben sorgt. Trotz einiger Touristen steht hier der gelebte orthodoxe Glauben im Mittelpunkt.

In Kiew fallen mir das sehenswerte Höhlen-Kloster Lawra Petschersk oder die Andreaskirche (Андріївська церква) ein. Es ist absolut unhöflich und daneben mit aufreizender Kleidung ein ukrainisches, orthodoxes Gotteshaus zu betreten. Die Beine und den Oberkörper zu bedecken, gilt beim Besuch vom orthodoxen Gottesdienst als schicklich für beide Geschlechter. Ich möchte zwar meinen, dass dies für alle Kirchen weltweit gilt, jedoch sind alle orthodoxen Gläubigen nun mal per Definition rechtgläubig. So wird jedem der sich unangemessen verhält, sehr schnell eine Lektion seitens der gläubigen Besucher erteilt. Z.B. wurde ein angetrunkener Mann von einem anderen Besucher per Arschtritt aus der Kathedrale befördert und dem armen Kerl wurden zudem noch Prügel angedroht, wenn er nicht verschwindet. Bei der orthodoxen Andacht hört Vergebung und die Nächstenliebe definitiv auf!
Männer müssen Kirchen barhäuptig betreten – für Frauen gehört sich eine Kopfbedeckung. Eine Mütze oder Kapuze ist voll ok, die ultimative Entscheidung ist jedoch ein Tuch, das locker über das Haar gelegt wird. Ich habe mit einem geblümten Dreieckstuch, sehr typisch für Osteuropa, das Kompliment bekommen: „Ganz besonders orthodox auszusehen.“ Zudem konnte ich beobachten, dass es scheinbar als unhöflich gilt, eine Kirche einfach zu verlassen. Es ist Sitte sich rückwärts und oftmals unter Verbeugung bekreuzigend zu entfernen, mindestens einmal -falls man in Eile ist- um den Anschein zu wahren. Übrigens bekreuzigt man sich in der Ukraine „andersrum“, ob es grundsätzlich für Orthodoxe gilt, weiß ich leider nicht, aber in der Ukraine entdeckt man einen Katholiken oder Evangelen sehr leicht auf 100 Meter Entfernung an der Art wie er sich bekreuzigt (Oben-unten-links-rechts). Die ukrainisch orthodoxen bekreuzigen sich oben- tief unten – rechts und dann erst links. Aufhören, wo das Herz schlägt. Seitdem ich zusätzlich zu meinem orthodoxen Auftreten auch noch darauf achte, stehen mir in den Klöstern alle Türen offen.

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Es ist grundsätzlich eine gute Idee, Blumen zu einer Einladung oder als Dank mitzubringen. Blumen haben in der Ukraine einen hohen Stellenwert, was sich allein dadurch zeigt, dass Blumengeschäfte („Kwiti“) omnipräsent und wie viele Läden in Kiew 24 Stunden geöffnet sind. Kleine Kinder (vor allem Mädchen) werden liebevoll als „Kwietetschki“ (Blümchen) bezeichnet. Es gibt einige Tage, an denen die Straßen voll sind mit Blumenständen und Blumen-Käufern. In Erinnerung geblieben ist mir besonders der 8. März, der Internationale Weltfrauentag, an dem nicht nur Männer und Kinder ihren Frauen bzw. Müttern Blumen mitbringen.

Mein Falke berichtete, dass in seiner Kindheit im Kiew der Sowjetunion die Jungen den Mädchen und Erzieherinnen am Internationalen Frauentag bereits Blumen und Gedichte überreichten. Die Jungen und Männer hingegen wurden in der Sowjetunion traditionell am Tag des Heimatbeschützers am 23. Februar geehrt. Statt Blumen gab es für die männliche Bevölkerung jedoch zumeist Socken, wer schon Bartwuchs aufwies erhielt einen Rasierer. Am 8. März ist es eine gute Idee jeder Frau (von Kollegin, Hausverwalterin, Oma, Schwester…) zumindest ein kleines Blümchen zu überreichen. Wir waren vor einigen Jahren zur Zeit des Weltfrauentags in Lemberg und wohnten bei den Eltern einer langjährigen guten Freundin meines Falken. Ich war überrascht, dass der Frauentag in der Ukraine ausgiebig gefeiert wird. Die Dame des Hauses pflegte sich erst porentief zu Hause, ging dann zum Friseur und anschließend mit einer Freundin flanieren & dinieren. Alles bestgelaunt mit einem Lied auf den Lippen, während sich die wunderschöne Lemberger Altstadt kaum noch von einer holländischen Tulpenfarm unterscheiden ließ. Bereits früh morgens kämpften wir uns auf der Mission Blumen für sie zu kaufen durch die Blütenpracht und ich war höchst erstaunt, als wir für 30 Tulpen rund 35 Euro hinblätterten. Da zeigten sich die Zölle der EU-Außengrenzen, bekommt man doch bei jedem Discounter in Deutschland 10 Tulpen für knappe 2 Euro „hinterhergeschmissen“.
Ich schlussfolgerte, dass es hierbei neben der netten Geste auch wirklich um den Ausdruck der Wertschätzung (Wertigkeit) ging. Unser Strauß kam bei unserer Gastgeberin wirklich gut an, sie überschlug sich vor Freude und nahm den Strauß in jedes Zimmer mit, in dem sie sich aufhielt. Das war ihre Wertschätzung uns gegenüber, dem Geschenk Respekt zu zollen. Absolut wichtig ist es übrigens, bei der Auswahl der Blumen auf die Anzahl zu achten. Ungerade Anzahlen an Blumen sind für Tote, z.B. zum Gedenken an Gräbern, Denkmälern oder Unfallstätten. Wenn du also lebende Menschen beschenken willst, solltest du also peinlichst genau auf eine gerade Anzahl achten. Bei der Art der Blumen lässt sich streiten. Wie in Deutschland auch, kämen rote Rosen verdächtig rüber, wenn du sie als Mann z.B. der Mutter deines besten Freundes schenkst. Tulpen sind grundsätzlich unverfänglich und beliebt ebenso wie die klassischen Nelken. Übrigens werden Blumen in der Ukraine, wie auch im übrigen Osteuropa, meist mit den Blüten nach unten getragen und nicht aufrecht in der Hand. So werden sie beim Transport geschont.

Disclaimer: Dieser Artikel ist größtenteils vor dem ukraineweiten russischen Angriffskrieg verfasst worden und bezieht sich auf meine persönlichen Reise- und Besuchserfahrungen. Natürlich wohnen auch in der Ukraine Menschen höchst unterschiedlich zwischen Hütten, Plattenbauten und Palästen!
Im ländlichen Bereich trifft man auf eine schier unüberschaubare Vielfalt von Häusern. Eine strikte Bebauungsordnung wie in Deutschland gibt es in der Ukraine nicht. Erlaubt ist mal wieder was gefällt. Ich liebe die bunten Anstriche, üppigen Mosaike aus Metallplatten, bemalten Hölzern oder alten Fliesen die oft im Sockelbereich angebracht sind, Wintergärten und glasüberdachte Eingangsbereiche und Verandas. Holzschindeldächer neben asbesthaltigen Welleternit-Dächern. Und fast immer ein Selbstversorgergarten zur Straße hin, in dem ich gerne ein Bienchen wäre. Selbst im Winter erahnt man die Fruchtbarkeit wenn alles kuschelig mit Frost und Schnee überzogen ist und die Kamine rauchen. Fotos im Frühling zu machen ist fast unmöglich, weil die Blüten der Obstbäume alles verdecken. Auch die Hütten, die erkennen lassen, dass die Bewohner eher zur untersten Einkommensschicht zählen, werden im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten meist liebevoll farblich gestaltet. Oft finden sich die Häuser rechts und links von den Landstraßen, so dass es kein eigentliches „Dorfzentrum“ gibt, sondern eher ein Spalier aus Häusern, Gärten und Geschäften direkt an der Straße, so dass ich meine Neugier aus dem Autofenster blickend hemmungslos befriedigen kann. Einige Dörfer sind jedoch auch sehr verlassen und ich vermute, dass mangelnde wirtschaftliche Perspektiven und Überalterung eine große Rolle spielen.
Ein Besuch im Kiewer „Museum für Volksarchitektur und Brauchtum der Ukraine“ ist absolut empfehlenswert. Auf einem riesigen Freiluftgelände unweit von Kiew, wurden im großen Stil Häuser aus sämtlichen Epochen der ukrainischen Geschichte und Bauweisen originalgetreu aufgebaut. Jedes Häuschen hat einen blumenübersähten Garten und einen „Paten“ der sich um die Instandhaltung, Einrichtung und Pflege des Häuschens kümmert. So haben wir einmal eine absolut süße Babuschka getroffen, die uns „ihr“ Häuschen in und auswendig gezeigt und erklärt hat. Sie erntet aus dem Garten sogar Getreide und nutzt das Stroh, um die Strohbetten auf dem Kachelofen in dem Museumshäuschen jedes Jahr aufs neue frisch zu bestücken. Im Winter brennt in den Häusern teilweise sogar Feuer, so dass man stets das Gefühl hat, man ist zur Besuch und die Bewohner aus einer anderen Zeit seien nur kurz im Garten. Nachdem wir diese Einblicke in die Zeitalter und Bauweisen, sowie die Regionen bekommen hatten, war es umso interessanter die ländlichen Gegenden der Ukraine auf unseren Road Trips zu erkunden und die Häuser und Baustile zuzuordnen.
Es ist sehr normal die Wohnsituation von Bekannten nicht genau zu kennen. In der Ukraine, besonders in Kiew leben viele Erwachsene noch mit 40 bei ihren Eltern. Das hat den Hintergrund, dass die Löhne niedrig, die Lebenshaltungskosten aber vergleichsweise hoch sind. Wenn ein durchschnittlicher Lohn 420€ (in Kiew rund 620€) im Monat beträgt, bedeutet es, dass unfassbar viele Menschen für weniger als diesen durchschnittlichen Lohn arbeiten, vor allem in Kiew, wo das durchschnittliche Einkommen, durch die Oligarchen und die Oberschicht stark verzerrt sein dürfte. Wenn eine abgerockte 2-Zimmer Wohnung, die wenigstens in der Nähe einer U-Bahn-Station liegt ab 300 Dollar aufwärts gemietet werden kann, dann ist es oftmals finanziell nicht machbar allein zu Leben. Die Kaufpreise für Wohnung liegen übrigens ähnlich hoch wie in deutschen Städten. Es gibt also keinen Grund beleidigt oder misstrauisch zu werden, wenn alle Verabredungen in Bars, Cafés oder Restaurants stattfinden. Es ist ganz üblich. Wenn sich die Situation im Gespräch ergibt, wird manchmal im Nebensatz erwähnt, dass jemand bei seinen Eltern wohnt.

Viele der Generation 50+ konnten sich in den 90ern, als finanziell „alles möglich war“ und großer Umbruch herrschte eine eigene Wohnung oder Haus kaufen. Da die Zinsen für (Immobilien-)Kredite in der Ukraine meist um die 12 Prozent liegen ist es nicht wirtschaftlich, sich eine Wohnung oder ein Haus auf Kredit zu kaufen. Das heißt wenn Menschen in ihrem Eigentum leben, dann gehört es ihnen auch meistens wirklich. Wenn ein Deutscher dann erzählt, dass er als Investition eine Wohnung gekauft hat, hilft es hinzuzufügen, dass es in Deutschland reicht, das Geld für die Kaufnebenkosten und vielleicht 10% des Kaufpreises mitzubringen, um eine Wohnung dann z.B. über die Miete abzubezahlen. Auch zu erwähnen, dass die Zinsen hier historisch niedrig liegen (bzw. mittlerweile lagen? #Zinswende), sorgt für Verständnis. Ansonsten könnte schnell der Eindruck entstehen, das Geld wie Heu vorhanden ist, da Wohnungen in der Ukraine eben meist in Cash bezahlt werden.
Insgesamt sind mir einige Unterschiede bei den Lebenshaltungskosten zwischen der Ukraine und Deutschland aufgefallen. Gesundheitsvorsorge ist staatlich und für alle Bürger grundsätzlich kostenfrei. Dinge wie Hausgeld für Eigentumswohnungen, oder Grundsteuer fallen beim Besitz einer Immobilie nicht an. Die Häuser gehören oft dem Staat oder Investoren und die Menschen können die einzelnen Wohnungen ohne weitere Verpflichtungen kaufen. Dies führt oft zu dem für Deutsche merkwürdigen Bild, einen Wohnblock zu betreten, in dem der Fahrstuhl, die Treppen und alles Gemeinschaftliche original aus dem Jahr 1973 ist, die Wohnungstüren und Balkone aber alle den individuellen Geschmack und wirtschaftliche Situation der Besitzer widerspiegeln. So findet man Wohnungen, die direkt aus einer hippen Einrichtungszeitschrift stammen könnten in wenig vertrauenserweckenden Anlagen und palastähnliche Häuser, die im Inneren im Rohbauzustand sind, weil auf halber Strecke das Geld ausgegangen ist.
Im Speckgürtel von Kiew z.B. Irpin (welches es nun durch den Krieg praktisch nicht mehr gibt- Wir haben dort vor Jahren Familie besucht, die bereits schon dort wohnte, bevor die Stadt hip wurde und viele wohlhabende Kiewer Familien anzog) oder Krenychi, gibt es auch oft bewachte Wohnanlagen. Diese sind von riesigen Zäunen und Wachposten umgeben, edle Autos fahren ein und aus und man kann über die Einfriedung hinweg schicke Wohnhäuser mit kleinen, sterilen Gärten vermuten. Das sind oft die Rückzugsorte der Neureichen, die die Angst vor Einbruch haben. Mich erinnern diese Anlagen einfach nur an Gefängnisse, aber in der Ukraine genießen sie einen recht guten Ruf.
Manche Villen erwecken den Eindruck, dass sie reinen Eindruckscharakter haben. Viele Besitzer arbeiten im Ausland, legen ihr Geld über ihre Immobilie in der Ukraine fest und bewohnen sie nur wenige Wochen oder Monate im Jahr. Trotz der niedrigen Baukosten, müssen diese Anlagen unterhalten werden. Auch wenn Strom- und Gaskosten bisher niedrig waren, erschließt sich mir oft der Aufwand nicht. Aber das liebe ich an der Ukraine – Ich verstehe nicht alles, aber ich bin fasziniert und darf einfach mal staunen und mich immer wieder überraschen lassen wie ein Kind 🙂

Dies ist ein vertiefter Beitrag zu der kurzen Übersicht „10 Dinge die du vor deiner Reise in die Ukraine wissen solltest!“ den du auch hier im Blog findest.
Russisch als weit verbreitete und gemeinsame Sprache, kulturelle Ähnlichkeiten, geologische Nähe und das geschlossene Auftreten während fast 70 Jahren Sowjetunion, haben dazu beigetragen, dass die Ukraine und Ukrainer häufig mit Russland und Russen verwechselt haben. Dieses Schicksal teilen sie sich mit Kasachen, Weißrussen und Bürgern anderer ehemaligen Sowjetstaaten.
Ich habe die Ukrainer als sehr friedliebendes Volk erlebt. Auf unseren Reisen haben wir uns auf einem Campingplatz mit anderen „Voltzwagen T 3“ Fahrern angefreundet, wie sich herausstellte eine halbe Brigade spezialisierter Armee-Kommandeure. Trotz des seit Jahren schwelenden Ukraine-Konflikts und persönlichen Verlusten im Freundes- und Kameradenkreis, war kein schlechtes Wort über die Russen zu hören. Da alle aus Kiew kamen, fanden die Gespräche auch in Russisch statt. Bereits die Hymne der Ukraine ist meiner Ansicht nach defensiv und auf Frieden ausgerichtet, in dem es zärtlich auf Ukrainisch heißt: „Згинуть наші воріженьки, як роса на сонці. Запануєм і ми, браття, у своїй сторонці“ („Verschwinden werden unsere Feindchen wie Tau in der Sonne, und auch wir, Brüder, werden Herren im eigenen Land sein“).
Wegen ihrer unglaublich fruchtbaren Böden und der guten Klimabedingungen am Schwarzen Meer ist die Ukraine seit Jahrhunderten Spielball fremder Interessen und musste auch im Zweiten Weltkrieg schwere Verluste hinnehmen.

Abb. 1 Denkmal der Luftwaffe und Soldaten im 2. Weltkrieg im Schützengraben
Dies konnte ich traurigerweise erst richtig begreifen, als ich in der Ukraine unterwegs war und mit eigenen Augen die Überbleibsel der alten Wehranlagen gegen die Faschisten und die beeindruckenden Mahnmale und Denkmäler gesehen habe.
In Kiew diente die gesamte, extra tief angelegte U-Bahn Anlage als Bunker und unterirdisches Transportsystem. Im Fall einer massiven Bedrohung der Stadt gab es Pläne die Stadt durch die Dnepr zu überfluten und mit der Bevölkerung in den Untergrund, die U-Bahn zu gehen. Bis heute hat sie eine Bedeutung für den Fall eines Krieges und Filmaufnahmen sind daher immer noch streng verboten. Es gibt jedoch auf YouTube großartige Dokumentationen über die Bedeutung der U-Bahnanlagen in der ehemaligen Sowjetunion und einige YouTuber dringen nehmen dich mit auf Touren durch stillgelegte Schächte und geheime Versammlungsräume. An der wunderschönen Dnepr, einem Fluss den sich Russland, Weißrussland und die Ukraine teilen, sind an den Kiewer Ufern immer wieder große Beton Hindernisse zu finden, die den Faschisten Einhalt gebieten sollten. Auch an den Schwarzmeerufern rund um Odessa finden sich diese verstörenden Zeitzeugen, die umspielt von warmem Wasser meinen Küken als Klettergelegenheit gedient haben.
Im Film „Red Sniper“, der auf der wahren Begebenheit der tödlichsten sowjetischen Scharfschützin, Lyudmila Pavlichenko, auch „Lady Death“ genannt, wird unter anderem sehr eindrucksvoll der lange und tragische Kampf um die in der heutigen Südukraine liegenden Stadt und den Seehafen Sewastopol gezeigt. Der Film ist ein beeindruckendes Portrait einer jungen Frau im Krieg und zeigt meiner Meinung nach, dass Kriege wie zurzeit in der Ostukraine nichts außer Tod und Leid bringen und auch noch die nachfolgenden Generationen mit Traumata und Verlusten belasten.
Durch die ehemalige Zugehörigkeit zur Sowjetunion und dem Umstand, dass viele Ukrainer sogar muttersprachlich Russisch sprechen, werden sie im Ausland, vor allen jedoch von Deutschen und Amerikanern oft mit Russen verwechselt, oder sogar wissentlich in einen Topf geworfen. Dies ist angesichts der aktuellen Entwicklungen in der Ostukraine besonders schmerzlich für die Ukrainer. Fühlen sich doch die meisten mit den Russen in Brüderlichkeit verbunden, vor allem da der Zweite Weltkrieg noch sehr präsent in den Köpfen ist und Großmütter und -väter aus allen Sowjetstaaten noch Seite an Seite gegen den gemeinsamen Feind, den Faschismus gekämpft haben. Ich empfehle also dringend auf die Wortwahl zu achten und die kulturellen Besonderheiten der Ukraine als ukrainische Kultur wahrzunehmen: Kokoschniks (Кокошник) tragen nur russische Frauen, auch wenn die ukrainische Tracht ansonsten Ähnlichkeiten aufweist. Auch wenn Pelmeni beliebt und weit verbreitet sind, sollte man sie nicht als ukrainische Spezialität bestellen, diese sind Wareniki. Wodka heißt in der Ukraine Horilka und wenn man ins Gespräch kommt, sollte man Fragen zum Konflikt, wenn überhaupt offen und neutral formulieren. Immerhin handelt es sich aus Sicht vieler Ukrainer um einen tragischen Kampf Bruder gegen Bruder.

Abb.2 Links Frau in russischer Tracht mit Kokoschnik, links Pelmeni, rechts Wareniki, unten Huzule mit Trembita, rechts Frau in ukrainischer Tracht mit typischer Stickerei
UPDATE: Dies ist einer der Artikel, die ich vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine (24.02.2022) geschrieben habe. Interessanterweise am 17.02.2022, als ob ich geahnt hätte, dass da was im Busch ist. – „Meine Ukrainer“ und ich sind immer noch hin und her gerissen. Natürlich will ich das russische Volk in Gänze nicht verurteilen, aber ich würde mir schon mehr Widerstand in den „eigenen Reihen“ wünschen. Einen Sturz des Putin Regimes. Mehr Solidarität mit der Ukraine. Auch wenn das hier in der deutschen Sicherheit und Meinungsfreiheit natürlich leicht gesagt und eingefordert ist, immerhin droht mir beim Tragen einer blau-gelben Haarschleife in der Öffentlichkeit weder Berufsverbot, noch Gefängnis, noch Wegnahme meiner Kinder. Dennoch macht mich das Rumgeheule und Opfergebaren mancher hier ansässiger und mir persönlich bekannter Russen und Russinen wütend. Es ginge in den Medien nur noch um die Ukraine und alle seien plötzlich „russophob“. Auch stimmt nicht, dass es nur „Putins Krieg“ ist. Die Soldaten, die die Ukraine angreifen, dort Frauen, Kinder und Männer schänden, verstümmeln und töten sind Russen. Die Nachrichtenreporter*innen, die das Putin Regime durch Propaganda aufgebaut haben und nun weiter stützen sind Russen und Russinen! Die Menschen, die die Nachrichten verfolgen, sich nicht weitergehend informieren, die z.T. noch auf die völkerrechtswidrig annektierte Krim in Urlaub (!!!) fahren sind russisch! Die Beamten, die Journalisten in Russland verfolgen sind russisch.
Mich erinnern diese ganzen Beteuerungen und Beschwichtigungen extrem an sämtliche Ausreden der deutschen Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg. „Opa war Elektriker, er hatte so zwei Strom- Blitze auf seinem Helm“, „Wir haben von nichts gewusst.“ „Der jüdische Schuster, der ist dann einfach irgendwann weggezogen.“ Meine zwei taubstummen Ur-Onkel, sind durch die Nazis auch lediglich in ein „Gesundheitszentrum“ eingeliefert worden. Schade nur, dass sie kurze Zeit später ganz unvermittelt an Lungenentzündung und Tuberkulose „gestorben worden“ sind. Man kann sich alles schön reden und die Schuld und Mitverantwortung von sich weisen. Aber im 21. Jahrhundert mit Zugang zu sämtlichen freien Nachrichten über das Internet wird keiner der Menschen in Russland später sagen können, er oder sie habe „von nichts gewusst“!
(Zu der Verwechslung mit den Russen hat der zweite Präsident der Ukraine ein interessantes Buch geschrieben: Leonid Kutschma, Die Ukraine ist nicht Russland, 2003)
So wie es “Hunde” – und “Katzen” – Menschen gibt, so gibt es meiner Meinung nach “Uzvar”- und “Kompott” – Menschen. Wenn du irgendjemandem aus dem russischen oder ukrainischen Raum fragst, was er oder sie lieber trinkt, so wirst du eine eindeutige und leidenschaftliche Antwort erhalten (“Wodka!”, bzw. “Horilka” 🙂
Mein Falke ist eindeutig ein “Kompott”- Mensch, während ich bekennender “Uzvar”-Mensch bin. In Deutschland kennt man Kompott meist als eingedicktes Früchte-Dessert. Ich habe den Unterschied zur “Roten-Grütze” nie genau verstanden und ich behaupte hier einfach mal, das es keinen Unterschied zwischen deutschem Kompott und Roter-Grütze gibt! Letzteres ist einfach die ehrlichere und korrekte Bezeichnung dessen, was da aufgetischt wird. Im Russischen und Ukrainischen hingegen wird unter der Bezeichnung “Kompott” (eher “Kampott” ausgesprochen) ein leichtes, nährstoffreiches Getränk aus gefrorenen oder frischen roten Früchten verstanden, die mit Wasser und Süßungsmitteln (meist Zucker oder Honig) aufgekocht werden. Im Sommer wird er kalt, im Winter warm serviert.
In jedem Restaurant kann man begleitend zu den Speisen und den etwaigen alkoholischen Getränken Kompott und Uzvar Glas- oder gleich Kannenweise bestellen. Da es so günstig in der Zubereitung ist, wird es meistens vor Ort in der Küche produziert (hausgemacht по-домашнему / po domaschnemu), so dass man genau nach den Zutaten fragen kann. Viele sagen, dass der hohe Anteil an Mineralstoffen und Spurenelementen in diesen Getränken den Effekt der alkoholischen Vergiftungserscheinungen mindert, sprich: viel Kompott trinken und der Kater verschwindet!
Kompott ist ein ideales Getränk um Überschüsse und Reste zu verwerten. Im Sommer bietet es sich an, alles Fallobst kleinzuschnippeln, mit Wasser aufzukochen und es nach dem abkühlen, leicht gesüßt und vielleicht sogar mit ein paar Eiswürfeln zu genießen.

Nun haben wir einen recht kleinen Garten und die paar Beeren und Äpfelchen, die sich darin finden werden direkt andächtig verzehrt. Meine Mutter hingegen hat einen absoluten Wunderbaum in ihrem Garten, der trotz seiner geringen Größe beachtliche Mengen Sauerkirschen produziert. Trotz etlicher Gläser Marmelade, Rumtopf, Roter Grütze, Kirschsuppe und Kirschkuchen die in der Nachbarschaft und unter den Verwandten verteilt werden, landen immer noch gut 10 Kilo des sauren Sommerglücks im Gefrierschrank.
Über den Winter sind wir dankbare Abnehmer. Einen Beutel (500-750 g) kochen wir mit 2-3 Litern Wasser auf und erhalten mit etwas Honig ein leckeres und gesundes Getränk, was auch den Kindern sehr gut schmeckt und nicht so intensiv und gehaltvoll ist wie Saft. Die ausgekochten Kirschen ist mein Falke sehr gerne zu körnigem Quark (der russisch/ukrainische Quark erinnert mich an ungesalzenen Hüttenkäse) mit etwas Rohrzucker oben drauf. So bleiben wirklich keine Reste.
Wer eine weihnachtliche Komponente schätzt, dem sei versichert, das ein wenig Bio-Orangenschale und ein paar Gewürze (Nelke, Zimt, Kardamom) dem ganzen direkt eine kleine “Kinder-Punsch” Note verleiht. Der Kompott, den ich in der Ukraine getrunken habe kam ohne solchen “Schnick-Schnack” aus. Er bestand meist aus Beeren und Kirschen, öfter hatte ich den Eindruck, dass er direkt mit Marmelade gesüßt worden war, was hinsichtlich der Vollmundigkeit des Geschmacks eine gute Idee ist.
Wie auch beim Uzvar ist erlaubt was gefällt und weg muss (von Bananen in frischer Form würde ich jedoch abraten). Ich koche ihn immer lieber etwas “dicker” bzw. komprimierter, denn verdünnen kann man ihn vor dem Genuss mit etwas Wasser und so lässt er sich leichter im Kühlschrank verstauen.
Alle Zutaten (außer den Honig) in einem großen Topf aufkochen und ein Stündchen bei niedriger Temperatur köcheln lassen. Nach dem abkühlen mit etwas Honig süßen. Den Kompott durch ein Sieb abseihen und in Kannen oder große Schraubdeckelgläser füllen. Im Kühlschrank hält er sich theoretisch bis zu 5 Tage, wir trinken ihn meistens schneller 🙂 Diese große Kanne gefällt mir bisher am besten, da sie einen Siebeinsatz hat, der die Früchte zurückhält, sie aber weiterhin Aroma in den Kompott abgeben können. Dies sind Affiliate Links bei denen dir keine zusätzlichen Kosten entstehen, mir aber eine kleine Provision übermittelt wird, die mir bei neuen Beiträgen hilft.


Das erste Mal mit meinem Falken in Kiew, in der Ukraine, war wie der Eintritt ins Schlaraffenland für mich: An jeder Ecke stehen Kakao und Kaffee-Stände mit hochfein baristertem Kaffee, Tee und Kakao bzw. richtiger heißer Schokolade. Alles für damals umgerechnet 80 Cent bis maximal 1 Euro. Tee schmeckt mir “To-Go” leider nie und bei Kaffee und Kakao ist meine Aufnahmegrenze nach maximal 2 Tassen erreicht.
Nahezu unlimitiert kann ich mich hingegen von Uswar ernähren. Wir sind nach einem 8- stündigen Spaziergang quer über alle Hügel Kiews (der Heimatstadt meines Falkens, in der er sich auskennt wie in seiner Westentasche) und etlichen Kakaos endlich in ein kleines Restaurant eingekehrt um mich nach dem langen Marsch bei 20 Grad minus und kniehoch Schnee endlich aufzuwärmen. Er bestellte einen Liter heißen Uswar. Ich nahm erst an, es würde sich um eine Art Tee handeln, aber meine Augen wurden groß als eine dampfende Glaskanne mit bernsteinfarbener Flüssigkeit serviert wurde. Es schwamm ein wenig Dörrobst darin herum, das Obst sah zwar nicht mehr wirklich hübsch aus, dafür duftete das Getränk aber herrlich: dezent süßlicher Obstgeruch und ein ganz zartes Rauch- und Honigaroma, so wie beim Imkern, wenn der Imker seinen Smoker bzw. seine Pfeife anmacht. Befriedigt nahm ich beim Einschenken die dickliche Konsistenz wahr. Nein, dieser Uswar hatte mehr Substanz als schnöder Tee, das sah ich sofort.

Der erste Schluck sollte eine bis heute andauernde Faszination für dieses Getränk bei mir loslösen: Fruchtig, rauchig und eine leichte Honignote mit diesem an Saft erinnernden Mundgefühl, beim genaueren Schmecken auch etwas Birne und Pflaume, ich war absolut verzückt. Mein Falke bekam von diesem Uzvar fast nichts ab. Er musste sich ukrainischen Horilka bestellen, den konnte ich ihm damals aufgrund meiner Schwangerschaft nicht weg süppeln.
Er erklärte mir, dass die überschüssige Obsternte im Sommer bzw. Herbst in der Sonne getrocknet wird. Die Sommer in der Ukraine sind super heiß und trocken und falls die Sonne genn Herbst hin nicht mehr reicht, so wird das Obst in Dörr-Hütten über dem Feuer gedörrt. Letzteres erklärte diese absolut fantastische Rauchnote im Uzvar!
Um Uzvar selber herzustellen kannst du dir das getrocknete Obst einfach kaufen. Am besten gehst du dazu in den “Russen”-Laden deines Vertrauens. Ich finde das getrocknete Obst sonst einfach unerschwinglich. In der Ukraine gibt es bereits fertige Uzvar-Mischungen zu kaufen, eine 300 g Tüte getrocknetes Obst im Anteil 1:1:1 (Apfel, Birne, Pflaume), ausreichend für ca. 2 Liter fertigen Uzvar gibt es im Supermarkt für 25 Hrivna (also ca. 0,80 €). In einem gut sortierten russischen Lebensmittelgeschäft gibt es ebenfalls günstige Produkte. Falls du eine fertige Trockenobst-Mischung findest, so musst du sie nur mit ca. 2-3 Litern Wasser aufkochen und 1-2 Stunden köcheln lassen. Mein Falke findet, dass ich den Uzvar zu “dick” koche- ich liebe das und wer es “dünner” mag, schüttet sich etwas kochendes Wasser in seiner Tasse dazu!
Hier das Grundrezept, falls du keinen “Russen”- Landen in der Nähe hast:
-100 g getrockneter Äpfel
-100 g getrocknete Birnen
-100 g getrocknete Pflaumen
-2-3 Liter Trinkwasser
-Süßungsmittel deiner Wahl, ich empfehle Honig
Das getrocknete Obst kurz unter fließendem Wasser in einem Sieb abspülen. Dann kannst du es mit 2-3 Litern Wasser im Topf aufgießen und aufkochen lassen. Ich lasse es danach immer noch 1-2 Stündchen auf kleiner Flamme köcheln. Danach lasse ich den Uzvar etwas abkühlen bevor ich ihn mit 1-2 Esslöffeln Honig süße. Ich koche den Uzvar absichtlich “dicker”, dann hat er ein stärkeres Raucharoma und ich benötige nicht so viel Honig, weil die Süße der Früchte komprimierter ist. Ursprünglich stand im Winter einfach immer ein Topf mit Uzvar auf dem Herd (der ja damals ohnehin brannte, wegen der Wärme im Haus) und köchelte mit. Der Uzvar hält sich einige Tage. Wir seihen ihn meistens ab, bewahren ihn in einer Kanne oder großem Schraubglas im Kühlschrank auf und erwärmen bei Bedarf eine Tasse in der Mikrowelle. Ich finde ihn super bei Erkältungen, bei Heißhunger auf etwas Süßes und absolut nicht Fehlen darf er beim Weihnachtsfest!
Du kannst natürlich super wild rumexperimentieren: Ich denke das ein Uzvar aus getrockneten Kiwis, Ananas und Feigen auch super schmackhaft wäre. Allerdings hätte diese Exotik dann weniger den regionalen Verwertungs- und Selbstversorger Aspekt und genau das gefällt mir an diesem bescheidenen und dennoch umwerfenden Getränk! Lies jetzt hier, welche Getränke man in der Ukraine noch gerne trinkt. Wetten, du kennst Varenukha nicht?

Meine Leidenschaft fürs Reisen und Bloggen ist bislang leider nur in meiner Freizeit möglich. Umso schöner, wenn die Arbeit zum eigentlichen Broterwerb auch noch Spaß macht! Ich habe das exquisite Glück, eine sinnstiftende Arbeit im Ingenieurswesen gefunden zu haben und bin dort zusätzlich Teil eines harmonischen und liebenswürdigen Teams (und nein, ich schreibe das nicht, weil ich sonst Konsequenzen befürchten müsste).
In meinem früheren Leben habe ich jedoch neben dem Studium eine ökologische Berufsimkerei mitaufgebaut und somit einige Erfahrungen in der professionellen Massentierhaltung (geschätzte 10 Millionen Tiere und mehr!) gesammelt.
Da mein Chef die Leidenschaft für Hautflügler, wenn auch „nur“ hobbymäßig mit mir teilt, war es kein Zufall, dass er heute mit einem scheinbar leeren Probenahmegefäß in meinem Büro erschien. „Sie müssten sich doch mit sowas auskennen!“ – Mit diesen Worten delegierte er die Fürsorge über das Glasgefäß samt Inhalt an mich. Erstaunt begutachtete ich das Gefäß und fand eine recht zierliche, ca. 20mm lange Wespe darin. Wer Bienenköniginnen mit ihrem prall-geschwollenen Hinterleib kennt, dürfte von der schmächtigen Erscheinung einer Wespenkönigin enttäuscht sein, doch allein das Fund-Datum (Mitte Januar!) ließ keinen anderen Schluss zu, als das diese kleine Dame royalen Ursprungs ist.
Anders als Bienen überwintern Wespen (und auch übrigens Hummeln!) nämlich mutterseelenallein und auf ihren schmalen Schultern lastet die ganze Arbeit das Volk im Frühjahr wieder aufzubauen. Nur die Alt- und Jungköniginnen überleben das große Sterben im Herbst. Sie fallen in eine Winterstarre und verharren selbst bei niedrigen Frostgraden in ihrem Versteck, dass z.B. ein Holzstapel sein kann.
Dieses arme Tierchen hatte sich scheinbar in unserem Probenahmematerial im kühlen Lager versteckt. Zwischen Schutzanzügen, Werkzeugkoffern und Gummistiefeln wollte die Kleine den Winter überdauern, um in einem günstigen Moment ab März durch ein geöffnetes Fenster Richtung Freiheit und Sonne zu entfliegen und sich der großen Aufgabe zu widmen ein neues Volk ins Leben zu rufen.
Nun wurde sie durch das energische Rumwühlen meines Chefs gestört. Immerhin hatte sie das Glück, das Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein in meiner Firma nicht nur Greenwashing sind. Manchmal fahren manche Mitarbeiter sogar mit dem Rad zur Arbeit- erzählt man sich zumindest . Als sie erwachte und träge anfing zum Licht zu schweben fing mein Chef die Dame behutsam ein und vertraute sie mir an.

Ich fühlte mich in meiner alten Imkerehre gepackt und befragte erstmal Google. Als Imker kennt man sich ja nicht automatisch mit allen Verwandten und Anverwandten der Honigbiene aus! Und leider sind immer noch viele Imker und auch andere Privatpersonen der Meinung, dass Wespen nicht schützenswert seien. Faktisch stehen sie ebenso unter dem Schutz des Bundesnaturschutzgesetzes wie andere Hautflügler auch. Ich lernte, dass die Dame erst einmal mit Zuckerwasser (Honig hatten wir leider nicht im Büro) versorgt werden muss, bevor man ihr Überwinterungsnest mit möglichst natürlichem Polstermaterial ausfüllt und sie in diesem, in einem trockenen, kühlen Raum/Schuppen mit Fluchtmöglichkeit ab März unterbringt. Ich fütterte sie, stopfte danach das Glas mit Küchenkrepp aus und brachte sie ins kühle Auto damit sie zurück in Winterstarre geht (Luftlöcher in den Deckel!). Zuhause wickelte ich das Glas in Noppenfolie und legte es in einen Karton, aus dem ich zuvor eine Flugöffnung ausgeschnitten hatte. Im Gartenschuppen angekommen öffnete ich das Glas, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass die Königin sich ins Innere des Krepps zurückgezogen hatte.
Nun konnte ich sie beruhigt zurücklassen und freue mich darauf, dass dieses anmutige starke Wesen in einem fabelhaften Frühling erwacht. Dennoch hoffe ich inständig, dass sie es mir dankt, indem sie ihr Nest in großer Entfernung zu unserem Garten baut!
UPDATE aus dem Sommer: Die Königin war zu Beginn des Frühlings tatsächlich nicht mehr in ihrer Box und Ende Juli haben wir im zugespannten Sonnenschirm ein zartes Wespennest gefunden. Zufall?

Abb.1 Olympe de Gouges (Quelle: Bearbeitet nach Wikimedia Commons)
Mein Falke beschrieb mit zynischem Grinsen und ähnlichen Worten wie de Gouges die Gleichberechtigung in der ehemaligen Sowjetunion: „Da durften auch Frauen im Straßenbau und als Soldatinnen arbeiten und fürs Vaterland knechten und sterben. Schon immer.“

Abb.2 v.l.n.r. Auguste Schmidt, Louise-Otto Peters und Clara Zetkin Statue Leipzig (Wikimedia Commons & Pixabay)
1910 brachte sie die Idee eines internationalen Frauentags auf der Zweiten Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen vor. Ziel war vor allem ein Kampftag, für die Gleichberechtigung für Frauen und Verwirklichung deren Wahlrechts. Die Kampfphase für das Frauenwahlrecht brach 1917, mitten im Ersten Weltkrieg aus, als der damalige Kaiser Wilhelm II in seiner Wahlrechtsreform kein Wort bezüglich der Frauenwahlrechte verlor. Damit brüskierte er die Frauenrechtlerinnen, die mit neuer Kraft die Stimmrechtsarbeit aufnahmen. Nach etlichen Demonstrationen und nach dem Sturz der Monarchie, proklamierte der Rat der Volksbeauftragten am 12. November 1918 die zukünftig gleichen Wahlrechte für Männer und Frauen und ebnete damit den Weg für die ersten offenen Wahlen am 19. Januar 1919.

Abb.3 Protestierende Frauen in St. Petersburg, Wera Nikolajewa Figner (Wikimedia Commons)
Als die Frauen bereits im Sommer und Herbst 1917 von ihrem neuen Recht Gebrauch machen wollten, kam es zu einer Vielzahl z.T. tätlicher Zwischenfälle, bei denen Männer versuchten die Ausübung des Frauenwahlrechts zu unterbinden.
Nach der Oktoberrevolution eroberten die Bolschewiki Kiew und gründeten die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik. Im Zuge der Verabschiedung der ersten Verfassung im März 1919 erhielten Frauen der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik am 10. März 1919 das allgemeine Wahlrecht.
Wenn dich die Unterschiede im Umgang Mann/Frau in der Ukraine bei der Begrüßung interessieren, kannst du dies hier nachlesen. Hier habe ich dir außerdem meine Erfahrungen zum Thema Blumen verschenken in der Ukraine zusammengefasst.