Ukraine Krieg

Bestseller – Ukraine und Politik

Ich habe wirklich wenig Ahnung von Politik und neige durch meinen Standortbias – liiert mit meinem ukrainischen Falken dazu voreilig die Partei zu ergreifen. Mein festes Ziel ist es, meine intuitiven Urteile faktisch untermauern zu können. Denn eigentlich finden in den historischen und politischen Wendungen die größten Dramen und spannendsten Thriller unserer Zeit statt.
Wann würde es sich besser anbieten, diesen Entschluss in die Tat umzusetzen als kurz vor Weihnachten, wenn alle Leute auf der Suche nach Geschenken sind, ganze Verlagsgruppen mit ihren Bestsellerautoren um die Gunst der Käufer buhlen.
Also statt dieses Jahr zu Rosamunde Pilcher und wahllos Autoren irgendwelcher Spiegel Bestsellerlisten an der Supermarktkasse zu greifen, umfasst meine Buchliste zu Weihnachten weniger Millionenseller sondern eher Exemplare aus dem Bereich Sachbücher und einige wenige Werke aus dem Bereich Belletristik. Letztere um die Stimmungen eines Landes, oder persönliche Geschichten nachvollziehen zu können und aus den Schicksalen von Menschen Inspiration zu schöpfen. Die Amazon Links und die mit *markierten Links sind Affiliated Links für die ich eine kleine Provision erhalte die mir hilft den Blog weiter zu betreiben.

-DIE LINKS WERDEN ZUR ZEIT ÜBERARBEITET-

Bücher Ukraine Konflikt – Rolle des Westens

„Wie der Westen den Krieg in die Ukraine Brachte“ oder „Die Ukraine und wir: Deutschlands Versagen und die Lehren für die Zukunft“ als Buch oder Hörbuch behandeln die Rolle des Westens in der Entstehung des Ukraine-Kriegs. Oder kostenfrei lesen mit *Kindle unlimited. Tatsächlich von der SPIEGEL Bestseller Autorin Gabriele Krone-Schmalz ist das Werk „Russland verstehen? Der Kampf der Ukraine und die Arroganz des Westens“ das sich selbst als Orientierungshilfe sieht. Mit der Schriftsammlung “Alles ist teurer als ukrainisches Leben“- Texte über Westsplaining und den Krieg (2023), beziehen über 30 Schriftsteller und Politiker Stellung zu der oft herablassenden Haltung gegenüber den sogenannten „kleinen Nationen“. Eine interessante Möglichkeit die eigenen Privilegien und Denkmuster zu hinterfragen. Wer wirklich tief in die Verflechtungen und Beziehungen zwischen West und Ost eintauchen möchte, dem sei das Format „ZEIT Geschichte“ an Herz gelegt. In gewohnter „Die ZEIT“ Qualität beginnt das Themenheft bereits im Mittelalter und zieht sich in journalistischer Schärfe bis ins 20.Jahrhundert.
 

Biografien kaufen, schenke, lesen!

Biografie Putin

Ich finde Putins Biografie höchst spannend und frei nach Sun Tzu sollte man seine Feinde noch besser kennen als sich selbst. Hier gibt es eine kleine Auswahl an Putin Biografien, auch zum Teil als *Audible Hörbuch, was ich aus Zeitgründen immer sehr schätze!“ In „Vladimir Putin: Seht Ihr, was Ihr angerichtet habt“ verfolgt der Autor Thomas Röper den Ansatz Putin zu vielen Fragen selbst durch Zitate zu Wort kommen zu lassen, was ich angesichts der Vorwürfe von „Westsplaining“ und einem häufig geforderten aber politisch selten praktizierten Perspektivenwechsel sehr interessant finde! 

Biografie Selenskyj

Als Gegenpart, sozusagen um beide Seiten zu verstehen finden sich hervorragende Biografien des ukrainischen Präsidenten Selenskyj, den vor wenigen Jahren noch niemand im Westen kannte und dem wirklich niemand, auch nicht aus den eigenen Reihen, ein so langes und staatsmännisches Durchhalten zugetraut hätte. Auch hier verlinke ich (wenn verfügbar) auch wieder die *Audible Hörbuch, Version. Im *kostenfreien 30 Tages Probezeitraum kannst du das *Hörbuch kostenfrei hören! Denke nur rechtzeitig daran zu kündigen, falls du kein kostenpflichtiges Abo danach wünscht.

Erfahrungsberichte aus dem Krieg

Mit Briefen von 38 Frauen stellen die Autorinnen die weibliche Perspektive des Ukraine Kriegs ins Zentrum ihres außergewöhnlichen Buches „“Wie ein Lichtstrahl in der Finsternis“: Briefe von Frauen aus der Ukraine an die freie Welt (Aurelie Bros et al.2023)“. „Schützenhilfe: Für die Ukraine im Krieg- Ein Deutscher Soldat berichtet von der Front“ ist ein Erlebnisbericht aus der Perspektive eines deutschen Soldats im Ukraine Krieg. Andrej Kurkow verleiht mit seinem „Tagebuch einer Invasion“ den alltäglichen Geschichten der Ukrainer im kriegsgebeutelten Land eine bewegende Stimme. 

Wenn dich Erfahrungsberichte und persönliche Schicksale bewegen, dann schau auch mal in meine ausführlichen Interviews mit Volodymyr (64, Kiew) und  Galina (60, Zentralukraine) .

Ich hoffe dich motivieren die oben aufgestellten Werke zu einer etwas anderen Wunschzettel dieses Jahr. Schreib mir doch gerne in die Kommentare, welche Bücher dich zu dem Thema noch interessieren und welches ich auf jeden Fall lesen sollte! Ich hoffe ich kann in ein paar Monaten ein fundiertes Feedback geben, wenn ich mich durch etliche Seiten gearbeitet bzw. gehört habe 🙂 

Ukraine Krieg – News aktuell: Schock

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine tobt nun seit über 220 Tagen. Ein halbes Jahr Angst und Schrecken. Sorgen um eine nukleare Katastrophe durch einen russischen Atomschlag oder kriegsbedingt durch den Angriff russischer Truppen ein Super-GAU, auf ukrainischem Boden, eine globale Katastrophe durch ein Reaktor- Unglück der besetzten ukrainischen Kernkraftwerke. Zwischendurch Memes und Satire, die mich zum Nachdenken, Schmunzeln und auch Lachen bringen, eine Berg und Talfahrt und auch Schuldgefühle. 

Angst um Soldaten und Zivilisten, verheerende Zerstörungen, Bilder von Flucht, Tod, Folter, nicht ermessbarem Leid, die wir selbst hier, im noch sicheren Deutschland vermutlich unser Leben lang nicht wieder aus unserem Gedächtnis löschen können.

Ich erlebe ein Wechselbad der Gefühle, beobachte geschockt, wie ich als nun ehemalige Pazifistin Waffenlieferungen und militärische Hilfe jeder Art befürworte und fordere! Es war so leicht Pazifistin zu sein, solange meine Familie von den weltweiten Kriegen nie direkt betroffen war!

Der Krieg betrifft uns alle!

Es wechselten sich Phasen ab, in denen wir zusammen Nächte vor den Handys verbracht haben, in Angst vor Kontaktabbruch mit Angehörigen. Jeden Einschlag, jede Detonation aus den sozialen Netzwerken mit uns bekannten Landmarken, Karten verglichen und gehofft und gebangt haben, dass es nicht „unsere“ trifft. Aber es trifft „unsere“. Jeden Tag. Nach Wochen und Monaten im Kriegszustand- selbst hier in Dortmund über den persönlichen Kontakt in die Ukraine, die Nachrichten und die geflüchteten Menschen bei uns, kann ich von Herzen sagen: Jeder Ukrainer, jede Ukrainerin, jedes ukrainische Kind, die getötet, verwundet, geschändet, traumatisiert werden, jedes ukrainische Baby was nicht geboren werden wird, alle der Ukraine zur Unterstützung geeilten Helfer, Militärs aus der ganzen Welt, Männer und Frauen aus den USA, Schottland, Litauen, Polen, Weißrussland ja sogar russische Kämpfer auf Seiten der Ukraine, jeder dieser Menschen ist einer der „unseren“.

Meine Gebete, meine Hoffnung, mein Dank gelten ihnen allen. Zwischendurch war meine Angst, mein Bangen, mein Zweifel so groß, dass es Phasen gab, in denen ich tagelang versuchte, mich von den Nachrichten abzuschirmen. Nichts mehr wahrzunehmen. Die Menschen in den Kriegsgebieten haben diese Option nicht. Ich schämte mich, satt, mit einem kleinen Teil der Ukrainer*innen bei uns in Sicherheit lebend, nicht mal die Bilder, die Nachrichten aus der Ukraine aufnehmen zu können. Betrieb ich so nicht Verrat an den Zivilisten und tapferen Kämpfern? Als die Soldaten und Soldatinnen im Asow-Stahlwerk eingekesselt waren, wurde ich fast wahnsinnig vor Hilflosigkeit. Nun die Sorge um Schauprozesse zum Tag der Unabhängigkeit der Ukraine in Mariupol. Was kann man dagegen tun? Es ist zum verrückt werden. Da helfen auch kein Digital-Detox, keine Katzenvideos und kein Ausdauersport.

Kriegstrauma 

Als die Nachricht der Folter, der Genitalverstümmelung durch russische Soldaten an ukrainischen POW (Kriegsgefangenen) trotz selbst auferlegter Nachrichtensperre an mich drang, spürte mein ehemaliges Pazifistenherz den heißen, lodernden Wunsch der Vergeltung. Den Drang nach Rache. Vielleicht auch Hass auf die abgestumpften, kalten Menschen, die so etwas an wehrlosen Gefangen verüben können. Mehr noch Hass auf die Troll – gewordenen Menschen, die so etwas kaltschnäuzig in „lustigen“ Memes verarbeiten und in den sozialen Netzwerken teilen. Die Beiläufigkeit, mit der Ukrainer*innen das Mensch sein, das Recht auf Selbstbestimmung, auf ein eigenes Land abgesprochen wird schockiert mich. Die nicht enden wollenden Funde von Folterkammern der russischen Armee in befreiten Gebieten. Die Bilder von Kisten mit Zahnimplantaten, die mich doch erschreckend an den Holocaust  erinnern. Das zynische Abwiegen zwischen wirtschaftlichen Notwendigkeiten der Industriestaaten und dem Überlebenskampf eines Volkes, einer Nation. Die Gefühle, die ich durchlebe, die Gedanken, die ich denke, schockieren mich. Und immer noch: Ich sitze bei absoluter Meinungsfreiheit so sicher wie eine Made im Käse im fernen Deutschland. Die Menschen in der Ukraine haben den Luxus des räumlichen Abstands nicht. Sie sind mitten drin. Was macht das mit ihrer Psyche?

Die Nachrichten, wie selbst Amnesty International mit ihrem in die Kritik (bzw. Shitstorm) geratenen Bericht Verständnis für Russland zeigt, dass 61.000 getötete russische Soldaten noch nicht ausreichen, um den Nachschub an menschlichem Kanonenfutter aus Russland zu unterbinden, dass die ganze Zerstörung und der zersetzende Gestank des Todes nicht ausreichen, russische Touristen vom Urlaub auf der Krim abzuhalten. Das alles schockiert mich!

Prorussische Hetze

Harmlos anfangende Gespräche mit Menschen auf der Straße schockieren mich. Da war dieser Mann, dessen Hund mich an einem sonnigen Morgen als ich auf die U-Bahn wartete, herzerwärmend begrüßte. Nach flauschigem Smalltalk über Hund und dem Wetter fing er unvermittelt an über die Politik herzuziehen, wie spätestens im Winter alles vor die Hunde gehen werde, weil die Ukrainer uns wirtschaftlich so sehr schaden würden und die Politik nicht zu Putin halten würde, wie es seiner Ansicht nach „vernünftig“ wäre. Es wäre doch jahrzehntelang alles gut gegangen und jetzt würde man für ein paar Ukrainer alles aufs Spiel setzen. Wenn diese Uneinsichtigen doch einfach das Stückchen Erde aufgeben würden und sich Russland anschließen würden, wäre allen geholfen.

Ich bin bis jetzt schockiert, vor allem wenn ich mir annähernd vorstelle, dass er mit seiner Meinung leider absolut nicht allein ist.

Mir hilft nur das Schreiben, Kontakt mit den Ukrainer*innen, die wir in Sicherheit bei uns bringen konnten, Ablenkung wann immer möglich und mit meinem Gewissen vereinbar und seit kurzem auch gezielt selektive Wahrnehmung. Ich suche mir Erfolge der ukrainischen Armee raus, scanne die Nachrichten nach jedem optimistischen Beitrag, feiere kleine Siege, raffinierte Schachzüge der Armee, der Partisanen und versuche den Abzug, die Niederlage des russischen Militärs aus der Krim, aus der Ukraine zu visualisieren. Während weitestgehend ungestört die International Armee Games die russische „Kriegs-Olympiade“ in Russland stattfindet, stimmt es mich optimistisch, dass Putin sich nun erneut den seit 2016 durch Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko im Raum stehenden Anschuldigungen der Pädophilie stellen muss. Der aktuelle Twitter-Trend #PedoPutin vermag vielleicht das letzte Zünglein an der Waage zu sein, um das russische Volk endlich gegen den verehrten Diktator auf die Barrikaden zu bringen und den Zerfall des Putin- Regimes von innen auszulösen.

Kriegsfolgen

Ich weiß, dass es damit nicht getan ist. Ich weiß, dass trotz der Tapferkeit, der unfassbaren Stärke der unterschätzten Ukraine und ihrer Bewohner*innen auch nach einem Abzug der russischen Armee noch 100 Jahre Arbeit und Aufarbeitung auf die Ukraine warten. In Deutschland führen immer noch Funde von Weltkriegsbomben bei Bauarbeiten zur temporären Evakuierung zehntausender Menschen. Die Ukrainer*innen die bei uns sind, bekommen das aus den Nachrichten mit. Das intellektuelle Verständnis für die Langwierigkeit der Situation ist bei allen da, aber ich merke selbst, dass es trotzdem unmöglich ist, das Ausmaß wirklich zu begreifen.

Shitstorm für Elon Musk

Aktuell befreit die Ukraine Dorf um Dorf in der Region Kherson. Währenddessen rollt Putins Atomzug auf die Ukraine zu. Elon Musk, im Frühling noch wegen seine scheinbar selbstlosen Überlassung der „Starlink“ – Satelliten gefeiert, hat sich dick in die Nesseln gesetzt, als er sinngemäß twitterte, eine faire Abstimmung und ggf. die Überlassung der annektierten Gebiete an Russland könnten den Frieden wieder herstellen. Das man mit Putin nicht verhandeln kann, haben die letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gezeigt. Es ist tragisch, wenn selbst als Genie bezeichnete Menschen wie Elon Musk das nicht verstehen. Vielleicht sollte er lieber bei der Auto-Herstellung bleiben.

Tschechien „annektiert“ Kaliningrad

Nach dem niederländischen Vorschlag den Russ*innen per Referendum eine Angliederung an die Niederlande zu ermöglichen, wagt nun auch Tschechien einen geschichtlich einwandfreien Vorschlag! Tschechien fordert kurzerhand die Annexion Kaliningrads und beschert dem russischen Volk damit echte Paranoia. Das als Satire gestarteten Projekt, Kaliningrad unter 97,6 % Zustimmung in einem „freien Referendum“ zu annektieren und zur tschechischen Stadt Kralovec umzubenennen, haben einige russische Medien als ernstgemeinten Fakt missverstanden. Die ganzen eigenen Fake-News haben scheinbar die Hirne der Redakteure und Journalisten weich gekocht. Jedoch ist das Projekt wirklich gut gemacht und unter dem Hashtag #VisitKralovec findet sich bereits die Touristen Homepage des neuen „tschechischen“ Touristenmagnets – natürlich in tschechischer Sprache 🙂 
 

Der Schock, das Trauma wird noch lange da sein. Doch es gibt auch viel Hoffnung. Die Welt rückt auch irgendwie näher zusammen. Besinnt sich auf demokratische Werte. Zeigt Solidarität. Eine neue Art von Humor entsteht. Die Ukrainer zeigen mit dieser Art von Humor, dass sie sich nicht klein kriegen lassen. Das Interview von einem befreiten ukrainischen Soldaten aus Mariupol hat mich schwer beeindruckt. Er erzählte eine Geschichte aus seiner Kindheit. Wie sein Vater ihn lehrte, dass es nichts bringt den Kopf hängen zu lassen. Und auf die Frage, wie er die Zeit, die Folter in russischer Gefangenschaft ausgehalten habe antwortete er schlicht: „Man sucht sich Gleichgesinnte (unter den Gefangenen). Optimisten. Man erzählt sich Witze. Und dann geht das so.“ Misere gäbe es ja schließlich schon genug, ohne dass man mit seiner inneren Haltung noch dazu beitrüge. Ich habe größten Respekt und wünsche diese Stärke, diese innere Haltung uns allen. Slava Ukraini! 

Tierschutz- Haustiere im Krieg

Was passiert mit den ganzen Tieren (Haustieren, Zootieren) in der Ukraine?

Der gnadenlose Krieg in der Ukraine zerstört Leben, Hoffnungen, Infrastruktur. Menschen werden von ihren Liebsten weggerissen, müssen unfassbares Leid ertragen. Oft sind es gerade die Haustiere, die mutige Ukrainer*innen dazu bewegen in zerstörten Wohnblocks im Kriegsgebiet auszuharren, um die zahlreichen, nun herrenlosen Katzen, Hunde und anderen Tiere zu versorgen. Auch geflüchtete Ukrainer*innen hängen oft an ihren Haustieren. Zum Weltkatzentag 2022 möchte ich diesen trostspendenden Vierbeinern und den anderen Haustieren der Ukraine einen eigenen Artikel widmen. 
Bereits Mitte April 2022 ging die Nachricht um, dass mit den Flüchtlingen aus der Ukraine über 28.000 Haustiere nach Deutschland gebracht wurden. Nach damaligem Kenntnisstand waren das rund 8 Prozent der Geflüchteten, die meist mit Hund oder Katze, aber auch mit Ziervögeln oder einem Leguan geflohen sind. Bei uns in der Wohnung trudelten im März 6 geflüchtete Ukrainer*innen ein. Auch sie brachten eine Katze (Babula) und einen kleinen Hund (Nonna) mit zu uns. 
Tatsächlich wäre eine Unterbringung in einer Flüchtlingsunterkunft mit den Tieren schwierig geworden. Immer noch gestaltet sich die Wohnungssuche für Olena und ihre kleine Hündin Nonna wegen des Mischlings schwierig. Viele Vermieter*innen möchten keine Hunde oder möglichst überhaupt keine Tiere in ihren Mietwohnungen haben und machen auch für Flüchtlinge keine Ausnahme. 

Forderungen nach Haustier- gerechten Flüchtlingsunterkünften wurden seitens Menschenrechts- und Tierschutzorganisationen bereits im März laut. Den Aspekten der Trauer- und Traumabewältigung, Trost-, Halt- und Ankerfunktionen der Tiere stehen seitens der Flüchtlingsunterkünfte Sicherheits-, Seuchenschutz und Hygieneaspekte gegenüber. Dazu äußerte sich Anfang April bereits das Bundesinnenministerium. Die Menschen stehen bei Rettungsaktionen in der Ukraine und bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme ganz klar im Vordergrund, jedoch werden sowohl an den Grenzen Futter, Wasser und medizinische Hilfen für geflüchtete Haustiere bereitgestellt als auch Hilfe in Deutschland selber organisiert. 
Die Tierheime haben vielerorts weitere Kapazitäten aufgemacht, um die von ukrainischen Flüchtlingen mitgebrachten Katzen und Hunde vorübergehend aufzunehmen und zu versorgen. Die Tierhalter, können die Tiere zu sich holen, sobald sie eine Wohnung gefunden haben. 
Weltkatzentag Ukrainischen Haustieren helfen - Spenden für Hunde und Katzen

Tierschutz

Viele Ehrenamtliche haben Tierpatenschaften übernommen. Aus meinem Bekanntenkreis ist mir der Fall von vier Hunden bekannt, die mit einem ausgeklügelten “Staffel-System” von Tierfreunden quer durch Deutschland transportiert wurden. Die vier Hunde stammten von derselben ukrainischen Halterin, welche als Flüchtling vorübergehend in Süddeutschland in einer Flüchtlingsunterkunft untergekommen war, ohne die Möglichkeit sich um die Tiere zu kümmern. Damit die Hunde zusammen bleiben konnten, haben die Helfer keine Kosten und Mühen gescheut und eine geeignete Pflegestelle in Norddeutschland gefunden und den etappenweisen Transport organisiert.  Normalerweise müssen Haustiere bei der Einreise nach Deutschland geimpft und gechipt sein, für diese humanitäre Krise im Kriegsfall wurden Ausnahmen gewährt. An den meisten Grenzen können Haustiere ohne Weiteres passieren und werden dann in Deutschland nachträglich in Anbindung an die Tierheime oder Veterinärämter geimpft, entwurmt und gechipt. Auch bieten viele Tierheime, der Tierschutzbund, Tierärzte oder Veterinärämter eine kostenfreie medizinische Versorgung der geflüchteten Haustiere an. Die Seite des IFAW (International Fund for Animal Welfare) bietet auf Deutsch und Ukrainisch eine Liste der Tierärzte, die kostenfreie Behandlungen anbieten und viele weiterführende Informationen für ukrainische Haustierhalter.

Was passiert mit Tieren in ukrainischen Zoos und Tierheimen?

Es gibt Retter und Tierschutzorganisationen, die sich auf die Versorgung und Evakuation von Katzen, Hunden und anderen Haustieren aus ukrainischen Tierheimen spezialisiert haben (s. Bericht DW, Oliver Pieper, März 2022). Helfer fahren Tonnenweise Tierfutter in die Ukraine und bringen dann die Tiere nach Ungarn, wo sie vor der weiterreise nach Deutschland in eine 30-tägige Quarantäne müssen, da die Ukraine als Tollwut Gebiet gilt. Auch in der Ukraine harren viele Menschen in ihren zerstörten Wohnblöcken aus und versorgen nicht nur eigene, sondern auch die zurückgebliebenen Tiere der ganzen Nachbarschaft- oft weit über die eigene Belastungsgrenze hinaus. 

Dieser Twitter Tweet von Radio Free Europe/ Radio Liberty über eine ukrainische Tierpflegerin (Viktoria Sluzhenko) im Kiewer Zoo hat mich sehr berührt. Sie schildert, wie sie statt dem Dienst an der Waffe beschlossen hat, sich weiter um “ihre” Elefanten zu kümmern, da niemand ihre Aufgabe sonst bewältigen kann. Sie schildert auch die komplizierten Umstände, die einen Transport der Dickhäuter bzw. eine Flucht mit Elefanten unmöglich machen. 

Giraffe vor blauem Himmel - Symbolbild für Tierschutz im Ukraine Krieg

Mittlerweile kämpft vor allem der Kiewer Zoo mit großen logistischen Problemen: Zum einen sind kriegsbedingt die Lebensmittelpreise in die Höhe geschossen, so dass auch die Versorgung der Tiere mit Futtermitteln immer teurer wird. Außerdem benötigen gerade die Exoten unter den Tieren ein warmes Plätzchen um den anstehenden Winter zu überstehen, während die russischen Terrorattacken auf die ukrainische Infrastruktur konstant andauern. Zur Zeit sind rund 40 Prozent der ukrainischen Infrastruktur von den als „Energieterror“ bezeichneten Attacken betroffen (Stand 1.November 2022). Während die Versorgung der Bevölkerung Vorrang genießt, bangen die Zoos um ihr Überleben. Eine Notschlachtung der Tiere kommt für die Mitarbeiter nicht in Frage. Abgesehen vom Tierschutzaspekt und der emotionalen Verbindung mit „ihren“ Tieren, bemessen sie auch den Stellenwert ihrer tierischen Schützlinge groß, wenn es z.B. darum geht auch für die Kinder die die Zoos besuchen ein Stück Normalität und Ablenkung vom Kriegsgeschehen zu schaffen. Die ukrainische Bevölkerung unterstützt die Zoos durch private Spenden, so werden z.B. in Kiew am Zoo auch immer wieder frisch gefangene Fische aus der Dnepr und anderen Flüssen abgegeben, um bei der Fütterung zu unterstützen. 
Hier habe ich die Seite des Kiewer Zoos verlinkt, auf der auch alle Möglichkeiten zur Geldspende aufgelistet sind. Damit können wir einen entscheidenden Beitrag zur Versorgung der Tiere mit Wärme und Futter leisten und sichern dadurch neben dem Schutz der Tiere auch die Arbeitsplätze der Zoomitarbeiter und vielleicht das ein oder andere Kinderlachen, beim Besuch des Zoos. 

Wie kann ich Menschen mit Tieren aus der Ukraine helfen? 

Eine ausführliche Übersicht bietet die Seite der VETO, der Vereinigung europäischer Tierschutzorganisationen . Die benötigten Hilfen reichen von dem Transport der Haustiere über Futter-, Sach- und Geldspenden für Katzen und Hunde bis hin zu Pflegestellen für die Haustiere oder Wohnungsangebote und Unterkünfte für ukrainische Flüchtlinge mit Katzen oder Hunden. 

Geflüchtete Hunde und Katzen geben den ukrainischen Flüchtlingen Halt und Sicherheit

Viele Hunde dienen im übrigen auch zur Unterstützung der Bodentruppen bei der Minensuche an der Front. Die sozialen Netzwerke sind überdies nicht nur zum Weltkatzentag voll von Bildern ukrainischer Soldat*innen mit Katzen und Hunden. Der psychologische Effekt eines kleinen flauschigen Vierbeiners in diesen erschütternden Zeiten ist nicht zu unterschätzen. Auch wenn ich im Zweifelsfall dafür bin, dass Leben von Menschen zuerst zu schützen, tue ich alles um „unseren“ geflüchteten ukrainischen Tieren, Babula der Katze und Nonna dem Hund, allen möglichen Komfort zu ermöglichen.  Nicht nur weil ich Tiere mag sondern ich außerdem sehe, wie unfassbar gut es „ihren“ Menschen geht, wenn sie sie bei sich haben. Ein Stückchen Heimat auf vier Pfoten. Der Weltkatzentag ist nur eine freundliche Erinnerung an alle Tiere zu denken, landwirtschaftliche Nutztiere, Wildtiere in ihren nun zerbombten Habitaten, Tiere in Zoos und eben Haustiere.

Galina (60, Kropyvnytskyi) – Flüchtlinge aus der Ukraine berichten ihr Schicksal

Teil 2: Interviewreihe mit ukrainischen Flüchtlingen

Dies ist das zweite Interview unserer neuen Reihe, die in Kooperation mit dem Dortmunder Künstler und Fotografen Klaus Pfeiffer (www.klauspfeiffer.com) entstanden ist. Gemeinsam möchten wir den geflüchteten Menschen aus der Ukraine ein Gesicht und eine Stimme geben, ihnen die Möglichkeit geben ihre Erlebnisse zu teilen und den Leser*innen neue Blickwinkel zu eröffnen! Weiter unten findest du den Text in der russischen Version. Вы можете найти русский перевод ниже!  (Danke an Galina für das Interview und an Lisa B. für die Übersetzung!)

Galina, 60, Kropyvnytskyi (Zentralukraine) über ihr Leben zwischen Moskau und der Ukraine

Mir gegenüber sitzt Galina. Funkelnde wache Augen bringen Bewegung in das ebenmäßige, ruhige Gesicht mit dem perfekten Teint. Galina ist Grenzgängerin. Beruflich zwischen der langjährigen Tätigkeit im Strafvollzug und der Erziehung von Kindern sowohl in der Ukraine als auch als Kindermädchen in Moskau bei russischen Familien. Im Ukraine-Konflikt kennt sie beide Kriegsparteien, die Länder, deren Kultur und deren Kinder. Galina ist nun 60 geworden. Ihre Mutter stammt aus Sibirien. Ihre teilweise russische Abstammung reibt sie nun zwischen den Brudervölkern auf, wird gegen sie ausgelegt. Nachdem sie ihr Leben lang nie vor etwas Angst hatte, fürchtet sie sich nun vor dem Gefühl der absoluten Verständnislosigkeit, des Nicht-Begreifen-Könnens, der Fassungslosigkeit angesichts des Schreckens, der in der Ukraine passiert. Nach einem aufrüttelnden Schlüsselmoment während der ersten Kriegstage, verlässt sie trotz aller Bedenken die Ukraine…

Galina, Ukrainische Flüchtlinge erzählen vom Krieg

Galinas Arbeit im Strafvollzug während der sowjetischen Zeit und danach

Nach Schule und Ausbildung arbeitete Galina als Erzieherin in einem Kindergarten ihres Wohnortes in Kropyvnytskyi in der Zentral-Ukraine. Durch den Mangel an Wohnraum in dem damals sowjetischen System, wechselte sie umständehalber in den Strafvollzug. Die Stelle als Verwaltungsmitarbeiterin im Strafvollzug lockte mit einer dazugehörigen Arbeitswohnung. Zu einer Zeit, in der es gang und gäbe war, dass sich ganze Familien ein 12 m² großes Zimmer teilen und Sanitäranlagen sowie Küche gemeinschaftlich mit den Nachbarn im Haus genutzt werden, war dies ein unschätzbares Privileg. Galina hat 4 Kinder. 3 Töchter und einen Sohn. Sie sagte der Kontrast beim Jobwechsel ins Gefängnis sei einprägsam gewesen. Dennoch sei sie im Umgang mit den Menschen selbst vorrangig menschlich geblieben, gleichwohl ob sie einem Kind im Kindergarten oder einem Häftling in seiner Zelle gegenübergestanden habe. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt lag im wirtschaftlichen Teil der Haftanstalt. Ihr oblag der Einkauf des benötigten Inventars und die dazu notwendigen Bestandsprüfungen führten sie täglich durch die Zellen, in denen sie z.B. die Matratzen inspizierte, um die Anzahl der notwendigen Neukäufe zu berechnen.

Sie machte dort viele Bekanntschaften und lernte fürs Leben. Die größte Herausforderung war die ständige Wachsamkeit und das vorausschauende Denken, welche sie sich für ihr Überleben an ihrer Arbeitsstelle antrainieren musste.

In der Untersuchungshaft belegten 4-25 Häftlinge eine Sammelzelle. Ein Wärter bewachte die Zellentür, während sie umgeben von Dieben, Vergewaltigern, Mördern und Menschen die Kinderfleisch gegessen hatten, das Inventar inspizierte.
Die Insassen hatten viel Zeit und enorme Kreativität. In mühsamer Arbeit wurden Aluminiumlöffel auf den Betonböden der Zellen zu Waffen geschliffen. Obwohl sie selbst miterlebte, wie Mitarbeiter des Gefängnisses Opfer blutiger Angriffe durch Häftlinge wurden und so auch einer dieser Löffel aus der Nierengegend ihres Kollegen ragte, während er in Sicherheit getragen wurde, spürte sie nie Angst oder erlaubte es sich vielleicht nicht, darüber nachzudenken.  Aber immer und überall musste sie höchst wachsam sein.
Bestechungsversuche aller Art waren an der Tagesordnung. Dem Personal war lebhaft bewusst, dass nur ein angenommenes „Geschenk“ oder auch nur ein herausgeschmuggelter Liebesbrief sie umgehend selbst zu Inhaftierten in ebendieser Haftanstalt werden lassen könnte. Mitarbeiter die „die Seite wechseln“ sind in keiner Strafanstalt der Welt vor ihren Mithäftlingen sicher.

Galina, 60, Ukrainische Flüchtlinge erzählen vom Krieg

Galina ging, wie sie sagt auch mit Kompromittierungsversuchen „frech“ und geradeheraus um. Als den Häftlingen klar war, dass sie keine Bestechungen würde annehmen, gingen sie dazu über ihr heimlich Schmuck und Geld als „umgedrehten“ Taschendiebstahl in die Kleidung zu stecken. Leicht wäre es dann für die Häftlinge sie später wegen der vermeintlich angenommenen Güter beim Direktorat zu melden und darauf zu hoffen, dass sie zukünftig durch kooperativere Mitarbeiter ersetzt werden würde. Doch Galina erkannte das gefährliche Spiel und gewöhnte sich an, beim Verlassen jeder Zelle an sich selbst eine Leibesvisitation durchzuführen und jegliche „Geschenke“ mit einem freundlichen Lachen und einem scherzhaften „Hier, sortiert euren Plunder selber“ zurück in die Zelle zu werfen.

Die letzten 9 Jahre arbeitete sie in Moskau und betreute dort russische Kinder als privates Kindermädchen in deren Familien. Sie schildert viele schöne Momente mit den Kindern, die sie liebgewonnen hat und scheint ihre Tätigkeit dort gerne ausgeübt zu haben. Jeweils drei Monate verbrachte sie in Moskau, bevor sie für jeweils 3 Monate in die Ukraine zurückkehrte. So habe sie ihr halbes Leben der letzten Dekade in Russland gelebt.

Kriegsbeginn in der Ukraine und der Entschluss zu fliehen

Der Kriegsbeginn fiel in einen ihrer 3-monatigen Aufenthalten zu Hause. Eine der höchsten Fliegerschulen der Ukraine befindet sich in Kropyvnytskyi, ihrer Heimatstadt, die bekannt ist für den militärischen Ausbildungsstützpunkt. Wie kampfbereite Hornissen schwärmten alle verfügbaren Flugzeuge zur Verteidigung aus. Galina erinnert sich vor allem an den ohrenbetäubenden Lärm dieser Flugzeuge, das Dröhnen, dass jegliche Gedanken betäubte und das Beben im frühen Morgen, das sie zunächst glauben lies es sei ein Erdbeben.

Eine russische Militärkolonne mit Panzern sollte auf dem Weg in die Stadt sein, die wegen des elitären militären Ausbildungszentrums ein primäres Ziel der Russen darstellt. Sie macht sich mit ihrer Tochter, dem Schwiegersohn und ihrem 4-jährigen Enkel auf den Weg in ein privates Haus, dessen Keller als Schutzraum zur Verfügung gestellt wurde. Dort ereignete sich ein Erlebnis, dass ihre Einstellung zur Flucht grundlegend änderte: Dicht zusammengekauert warten sie unter dem Dröhnen der Flugzeuge im dunklen Keller auf das Eintreffen der feindlichen Panzer in wenigen Stunden. Ihr Schwiegersohn hatte mit einer Axt bewaffnet Posten an der Kellertür bezogen, um jeglichen Aggressor, der seiner Familie Leid zuzuführen gedenkt, rechtzeitig zu töten. Die Absurdität und Unverhältnismäßigkeit dieser Situation ließ etwas in Galina zerbrechen. Ihr wurde klar, dass er trotz seines eisernen Willens keine Chance hätte seine Familie mit dieser Axt zu schützen, würde die es die russische Kolonne nach Kropyvnytskyi schaffen. Sie fasste den Entschluss zu fliehen, würde sie diesen Keller lebend verlassen können.
Galina, Zentralukraine, Ukrainische Flüchtlinge im Interview zum Ukraine Krieg

Das Schicksal war ihr gnädig, der ukrainische Hornissenschwarm hatte es mit Hilfe von Bodentruppen geschafft den Vormarsch der russischen Panzer ein, zwei Stunden vor Erreichen der Stadt zu vereiteln. Sie floh mit Tochter und Enkel nach Deutschland, in Dortmund arbeitet eine weitere Tochter von ihr, die sie überglücklich in Empfang nahm.
In Deutschland fühlt sie sich durch die Sprachbarriere noch nicht richtig frei, überhaupt hat sie Schwierigkeiten die Situation in Gänze zu begreifen. Es fühlt sich immer noch unwirklich an. Nur wenn ihre Tochter bei ihr ist, fühlt sich für den Moment ungezwungen und kann es genießen spazieren zu gehen, zu bummeln, sich abzulenken. Sie hat endlich eine eigene kleine Wohnung bezogen. Eher ein Studio mit 20m², aber sie sagt es reiche ihr, um ein wenig zur Ruhe zu kommen und die Dinge zu verarbeiten soweit das überhaupt möglich sei. An Deutschland fasziniert sie, dass „bis in die tiefste Seele Menschlichkeit“ herrsche, sogar im Verwaltungsapparat sei man ihr als Mensch auf Augenhöhe begegnet, während sie in der Ukraine oft familiäre Beziehung hätte nutzen müssen um Dinge überhaupt geregelt zu bekommen.

Ihre Kinder seien nun alle im Ausland, ihr Sohn hatte zum Glück schon vor dem Krieg im Ausland gearbeitet, so dass er nun in Sicherheit sei. Durch engen Kontakt mit Familie und Freunden in der Ukraine bekommt sie jedoch weiterhin täglich den Schrecken des Kriegs und den Verlauf der Kampfhandlungen hautnah mit. Der Mann ihrer Schwester wurde von einer Granate schwer verwundet und ihre Hilflosigkeit angesichts dieses Leides macht ihr schwer zu schaffen.

Mitten in unserem Gespräch erreicht uns über die sozialen Netzwerke die Nachricht, dass entgegen allen Befürchtungen, einige der Kämpfer des Asow-Stahlwerks in einem Gefangenenaustausch in die Ukraine zurückgekehrt sind. Nach der langen Sorge um die tapferen Kämpfer, Angst vor Folter, lebenslanger Kriegsgefangenschaft oder möglicher Exekutionen in Russland, brachte diese Nachricht eine Wendung in unser Interview.

Reaktionen aus Russland – Auswirkungen Putins Kriegs Propaganda

Galina seufzt, dass das Militär, dass Putin so einen schrecklichen Fehler mit dem Angriff der Ukraine begangen habe. Niemand in Russland würde bis jetzt begreifen, dass der Punkt der Unumkehrbarkeit längst überschritten sei. Über 100 Jahre würde die russischen Schreckenstaten niemand auf der Welt verzeihen können.

Viele Gedanken steigen in ihr hoch. Bilder, wie die Eltern der Kinder die sie half großzuziehen und die Großeltern zombiert vor ihren Fernsehern sitzen und trinken. Sie habe sich immer gewundert, wie diese privilegierten Familien, die sich ein privates ukrainisches Kindermädchen leisten können, so wenig reflektiert auf die Welt schauen würden. In Moskau sei das kulturelle Angebot riesig, was sie jedoch beobachtet habe sei, dass vor allem die über 40-jährigen dem Wodka verfallen seien und ihre Freizeit vor dem Fernseher zubrächten. Später wenn die Protagonisten angetrunken genug gewesen seien, habe sie häufig Lobreden auf das alte Zarenreich und Phantasien über ein Großrussland mitbekommen.

Selbst mit einer sibirischen Mutter teilweise russischstämmig, habe sie jeher verletzt, dass die Russen den Ukrainern wie „Menschen zweiter Klasse“ begegnen würden. Ukrainern werde die volle Menschenwürde abgesprochen, sie seien gut genug, um für die Russen die niederen Arbeiten zu erledigen, sonst würde ihnen jede Kompetenz abgesprochen.
Als Galina Bilder von der Zerstörung und dem Krieg in der Ukraine in den sozialen Netzwerken hochlud und versuchte ein Bewusstsein für das geschehene Unrecht zu schaffen, brachen sogar Verwandte in Usbekistan den Kontakt mit ihr ab. Immer stehe der Vorwurf im Raum, sie als „zumindest“ halb-Russin wäre eine Nestbeschmutzerin, nachdem Russland ihr durch ihre Arbeitsstelle und Herkunft ihrer Mutter aus Sibirien so viel gegeben habe. Unverständnis, wieso sie zwischen Russland und der Ukraine, die Ukraine wählt, wenn sie per Abstammung doch die Möglichkeit hätte „etwas Besseres (im Sinne von „eine Russin“)“ zu sein.
 
Auch die Familien, die sie in Russland durch die Arbeit kennen gelernt hatte versuchte sie zu informieren und ihnen Bilder der aktuellen ukrainischen Realität zu vermitteln. Dabei ist sie sich ganz sicher, dass zumindest die jüngere Generation „ganz genau“ wisse und verstehe, was sich unter dem Vorwand der „Spezialoperation“ abspiele.
 
Doch von all den Familien, mit denen sie über die Jahre guten Kontakt aufgebaut hat, deren Kinder sie jahrelang liebevoll begleitet hat, hat sich keine einzige ihr gegenüber in irgendeiner Weise geäußert, zurückgemeldet, erkundigt. Alles was als Antwort auf ihre Nachrichten kam war tiefes, unaushaltbares Schweigen. 
Ich spüre tiefe Trauer bei Galina über so viel Ungerechtigkeit, mangelnde Empathie und Ignoranz.
Einzig ihr Vermieter aus Moskau meldete sich nach Wochen der Stille. Nach unzähligen Versuchen ihm Bilder des Kriegs, Zerstörung und Butscha zuzuschicken (etliche Bilder werden nach Galinas Aussage auch durch die russische Medienüberwachung und Algorhythmen abgefangen, so dass es nur ein Bruchteil der gesendeten Bilder zum Empfänger schaffe) reagierte er endlich auf ein Bild vom Borussiastadion in Dortmund, vor dem Galina mit ihrem kleinen Enkel posiert. Sie erhält eine kurze Nachricht aufrichtigen Bedauerns und der Klarheit: „Sehr beruhigt, dass Sie in Sicherheit sind. Es schmerzt mein Herz, dass mein Land als Aggressor auftritt.“

Endlich zumindest ein Mensch in Moskau, der die Situation in Galinas Sinne einzuschätzen weiß. Dennoch übermannt sie die Wut der Verzweiflung. Parallelen zum Zweiten Weltkrieg und dem „Nicht-Gewusst-haben“ der Bevölkerung kommen mir in den Sinn, vielleicht verstärkt, weil Galinas Familie jüdisch ist und mich das Paradoxon an den Rand der Hirnschmelze treibt, dass Putin in der Ukraine vorgeblich die „Entnazifizierung“ vorantreibt.

Galina 60 flieht vor Putins Krieg

Galina beschreibt Schicksale des Kriegs: „Ein Mann ging in Odessa Milch holen und muss bei der Rückkehr feststellen, dass sein Haus mit Frau, Schwiegermutter und seiner 3-monatigen Tochter einfach einem riesigen Krater gewichen ist.“ Galina ist rasend über die Feigheit der Vergewaltiger und Mörder von Butscha, die ihren Opfern noch die Hände verbanden, bevor sie ihre Gräueltaten an ihren verrichteten und sie töteten. Auch wenn sie daran zweifelt, selbst die Kraft zu haben einen anderen Menschen umzubringen, so wünscht sich Galina doch zumindest „den Feiglingen und Bestien die Babys und Kinder getötet haben, stellvertretend für die Mütter, die ihre Kinder nicht schützen konnten, die Augen auszukratzen“. Sie kann sich nach allem was sie gesehen und mitbekommen hat, nicht immer gegen den in ihr aufsteigenden Hass schützen, einem Hass der phasenweise so groß werde, dass sie in ihrer Verzweiflung „manchmal am liebsten das ganze Volk beerdigen würde“.

Das historische Unverständnis und der Vorwurf der Russen an die Ukrainer „die Ukrainer seien immer unter der Herrschaft von Polen, Zaren oder irgendjemanden gewesen und wüssten überhaupt nicht, was Freiheit sei“, während sie selbst in Russland im Spinnennetz einer fingierten Nachrichten-Landschaft mit totalitären politischen Strukturen in Unfreiheit lebten, empfindet Galina umso mehr als Anmaßung gegenüber den Ukrainern.

Galina erlebt die Ukrainer im Gegensatz zu den Russen als durch und durch freies Volk und ist überzeugt von der einigenden Wirkung des Krieges auf die Ukrainer. Diese manifestierten sich gerade zu nie dagewesener Einigkeit und Stärke. Sie ist sich sicher, dass es für die russischen Soldaten, die in der Ukraine waren, kein Leben in Frieden mehr geben wird. So viele ukrainische Männer und Soldaten hätten ihre Frauen, Kinder, Kameraden, einfach alles verloren und nicht nur einer habe geschworen, den Rest seines Lebens damit zu verbringen jeden einzelnen Kriegsverbrecher und auch die Verräter unter den Ukrainern zu finden. Jedem werde sein persönliches Urteil überbracht werden. Kein Befehlshaber, kein Kollaborateur, kein Rädchen im Getriebe des Aggressors werde zu unbedeutend sein um von der Rache der Überlenden verschont zu bleiben und die einzige Möglichkeit vor dieser Rache verschont zu bleiben, sei es jetzt auf Seite der Ukrainer zu kämpfen.

Die Ukraine sei wie ein Wespenvolk gewesen, das friedlich vor sich hin gelebt habe, bis die russische Armee es angegriffen habe.

Vom Westen würde sie sich schnellere und umfassendere Waffenlieferungen wünschen. Gerade Waffen mit Reichweite könnten aus Galinas Sicht helfen, zumindest strategische Stützpunkte der Russen außer Gefecht zu setzen und Nachschub zu unterbinden und damit den Krieg zu verkürzen.

Nach dem russischen Angriff bleibt Angst und Hilflosigkeit

Nachdem sie ihr Leben lang nie vor etwas Angst hatte, steht Galina nun vor der Angst des Nicht-Begreifen-Könnens, dem Abgrund der Hilflosigkeit angesichts einer Situation die sich jeglicher Kontrolle entzieht. Sie erschrickt selbst vor ihrem Hass, nachdem sie wirklich jedem noch so brutalen Straftäter in ihrem Beruf mit Menschlichkeit begegnet sei. Jedoch sagt sie dieser Hass, sei ja von den Russen durch ihre Taten und ihre Ignoranz selbst in den Ukrainern erzeugt worden. Vorher sei dort ja seitens der Ukrainer Brüderlichkeit gewesen.
Galina führt an, dass auf ukrainischer Seite rund 7 Millionen Menschen geflohen sein, vor allem Mütter mit Kindern. Auf russischer Seite seien rund 5 Millionen Menschen geflohen. Sie hätte sich gewünscht, dass diese Menschen in Russland auf die Straße gegangen wären. Putin hätte sie nicht alle verhaften können.

Sinnbildlich für die ihrer Meinung nach komplette Unterschätzung der Ukrainer durch die Russen und ein absolutes Armutszeugnis für Russland seien Bilder von den Plünderungen ukrainischer Dörfer durch russische Soldaten gewesen. Selbst in den ärmsten ukrainischen Ortschaften wären noch die ältesten Kloschüsseln, Waschmaschinen und sogar Hundehütten geklaut worden und die russischen Besatzer hätten sich verwundert darüber aufgeregt „Warum leben die hier besser als wir ???“

Das stehe symbolisch dafür wie wenig Wissensvermittlung über den Tellerrand und Aufarbeitung in Russland auch seit dem Zweiten Weltkrieg und der Sowjetzeit stattgefunden haben. Seit Stalin habe sich wenig verändert „Wer seine Meinung kundtut wird niedergeknüppelt“. Es habe historisch immer nur die Darstellung als Siegermacht gegeben, eigene Fehler und auch Verbrechen seien durch die nachfolgende Politik nie eingeräumt und aufgearbeitet worden.

Die Ukraine hingegen habe durch Selenskyi den alle, auch das eigene Volk  unterschätzt haben eine echte Chance bekommen. Galina wagt einen optimistischen Blick in die Zukunft. Sie denkt, dass Russland durch die eigene Ignoranz selbst zerfallen könnte und unser aller Kinder eine Verschiebung der Grenzen wahrnehmen können.

Als ich Galina frage, ob sie noch eine Botschaft habe, die sie den Lesern abschließend mit auf den Weg geben wolle, überlegt sie kurz. „Fernsehen ist ein Narkosemittel. Die Menschen müssen weniger Fernsehen und mehr Nachdenken.“


Галина, 60 лет, Кропивницкий 

(Русскоязычную версию можно найти здесь. Если вы можете предложить украинский перевод, пожалуйста, свяжитесь со мной. Даже если вы знаете кого-то, кто хотел бы дать интервью. Я буду счастлив)

Галина садится напротив меня. Сверкающие, настороженные глаза привносят движение в ровное, спокойное лицо с идеальным цветом. Галина пересекает границу. Профессионально между многолетней работой в СИЗО и воспитанием детей как в Украине, так и няней в Москве в русских семьях.
 
В украинском конфликте она знает обе противостоящие стороны страны, их культуру и их детей.
 
Галине исполнилось 60 лет. Ее мать из Сибири. Ее частичное русское происхождение теперь утомляет  и используется против нее. Никогда в жизни ничего не боявшаяся, теперь она боится ощущений совершенной непонятности, что сбивает с толку от ужасов происходящих в Украине.
 
После ключевого момента первых дней войны она уехала из Украины, несмотря навсе свои опасения…
 
После получения образования,  Галина работала воспитателем в детском саду в своем родном городе Кропивницкий (центральная Украина). Из-за нехватки жизненного пространства в тогдашней советской системе она в силу обстоятельств перешла работать в уголовно-исполнительную систему.  Должность административного работника в СИЗО манила сопутствующим получением квартиры.
 
В то время, когда целые семьи делили комнату площадью 12 м², а санузел и кухню делили с соседями по дому, это было бесценной привилегией.
 
У Галины четверо детей. 3 дочери и сын. Она сказала, что контраст между сменой работы и тюрьмой был незабываемым. Тем не менее, она оставалась прежде всего человеком при общении с людьми, независимо от того, сталкивалась ли она с ребенком в детском саду или с заключенной в его камере.
 
В тюрьме она отвечала за хоз. часть. В ее обязанности входили покупка необходимого инвентаря, и необходимые инвентарные проверки, которые она проводила каждый день в камерах заключенных.  Например, наличие матрасов в камере, чтобы подсчитать количество необходимых новых покупок. На работе она завела много знакомств и выучилась на всю жизнь.
 
Самой большой проблемой была постоянная бдительность и дальновидность, которые ей приходилось тренировать, чтобы выжить. В СИЗО от 4 до 25 заключенных занимали общую камеру. Во время ее обходов, обычно охранник оставался у двери, а она заходила сама в камеры с совершенно разнообразным контингентом.
 
У заключенных было много времени и огромный творческий потенциал. Алюминиевые ложки кропотливо перемалывались в оружие на бетонных полах камер. Однажды она стала свидетелем того, как одного из ее коллег вынесли из камеры с торчащей ложкой в области почек.
 
Она никогда не боялась или, возможно, не позволяла себе думать об этом, но всегда и везде ей приходилось быть очень бдительной. Попытки подкупа всех видов были в порядке вещей. Персонал был в курсе что всего лишь принятый «подарок» или даже любовное письмо, вывезенное контрабандой, может привести к тому, что их мгновенно посадят в ту же самую тюрьму. Сотрудники, которые «переходят на другую сторону», не защищены от своих сокамерников ни в одной тюрьме мира. Галина, по ее словам, была «дерзкой» и прямолинейной в попытках пойти на компромисс. Как только сокамерники поняли, что она не будет брать взяток, они стали тайно засовывать драгоценности и деньги в ее одежду в качестве «обратного» карманника. Тогда заключенным было бы легко сообщить о них в управление позже из-за якобы принятых товаров и надеяться, что в будущем их заменят более сговорчивыми сотрудниками. Но Галина распознала опасную игру и при выходе из камеры отдавала все, что находила с дружеским смехом и словами: “Вот, забирайте свое барахло сами!”.
 
Последние 9 лет она работала в Москве, заботясь о русских детях в качестве частной няни в их семьях. Она описывает много прекрасных моментов с детьми, которых она полюбила и, кажется, наслаждалась своей работой там. Она проводила три месяца в Москве, возвращаясь  в Украину на три месяца. Так она прожила последние 10 лет.
 
Начало войны совпало с одним из 3-х месячных пребываний дома. Одна из высших авиационных школ Украины находится в Кропивницком, в ее родном городе, который известен военной тренировочной базой. В начале войны вся имевшаяся авиация готовилась к обороне, как готовые к бою шершни. Галина больше всего
 
помнит оглушительный шум этих самолетов, грохот, от которого онемели все мысли, и утреннюю дрожь, которая сначала заставила ее поверить в то, что это землетрясение.
 
Чтобы она не оставалась одна, ее зять забрал в частный дом, чтобы держаться всем вместе, для чего оборудовал там подвал, чтобы прятаться во время воздушной тревоги. Там произошел случай, в корне изменивший ее отношение к побегу. Из новостей они узнали, что к городу движется колонна российских танков, которая должна была проходить мимо их дома. Галина вместе с дочерью, зятем и 4-х летним
внуком, решили переждать в подвале.
 
Они жались друг к другу в темном подвале под рев самолетов, ожидая прибытия вражеских танков через несколько часов. Ее зять дежурил у дверей подвала, вооруженный топором, готовый убить любого агрессора, планирующего причинить вред его семье. Абсурдность и непропорциональность этой ситуации что-то надломила в Галине. Она понимала, что, несмотря на его железную волю, у него не будет шансов защитить этим топором свою семью, если русская колонна доберется до Кропивницкого. Именно в тот момент, она решила уехать, если сможет выбраться из этого подвала живой.
 
Судьба была к ней благосклонна, украинской армии с помощью наземных войск удалось остановить наступление русских танков, после чего она забрала дочь с внуком и уехала. Выбор пал на Германию, т.к. там жила ее старшая дочь (г. Дортмунд).
 
Находясь в Германии Галина не чувствует себя по-настоящему свободной из-за языкового барьера, ей сложно до конца разобраться в ситуации. Это все еще кажется нереальным. Только когда ее старшая дочь с ней, она чувствует себя спокойно на данный момент и может наслаждаться прогулкой по городу и отвлекаться. Наконец-то она получила свою маленькую квартиру. Больше похоже на студию площадью 20 м², но она говорит, что ей этого достаточно, чтобы немного успокоиться и обработать все, насколько это возможно.
 
Что ее очаровывает в Германии, так это то, что «человечность преобладает до самой глубины души», даже в административном аппарате к ней относились как к человеку на равных, а на Украине ей часто приходилось использовать родственные связи, чтобы решить хоть малейшую проблему. Ее дети сейчас все за границей, к счастью, ее сын работал за границей до войны, так что теперь он в безопасности. Однако, благодаря тесному общению с семьей и друзьями в Украине, она продолжает ежедневно переживать ужасы военных и боевых действий.
 
Свекр ее дочери был контужен и ей больно за все, что там происходит дома. В середине нашей беседы через социальные сети до нас дошла новость, что, вопреки всем опасениям, часть бойцов Азовского металлургического комбината вернулась в Украину в рамках обмена пленными. После долгого беспокойства за отважных бойцов, страха перед пытками, пожизненным заключением или возможными
 
расстрелами в России эта новость внесла изюминку в наше интервью. Галина вздыхает, что такую ужасную ошибку совершили военные и Путин, напав на Украину. Никто в России еще не осознал, что точка необратимости давно пройдена. Более 100 лет никто в мире не смог бы простить зверства русских. В ней возникает множество мыслей. Фотографии родителей детей, которых она помогла воспитать, а также бабушек и дедушек, сидящих зомбированными перед своими телевизорами и постоянно пьющих. Она всегда задавалась вопросом, как эти привилегированные семьи кто может позволить себе частную украинскую няню, смотрят на мир настолько ограниченно.
 
Большинство людей старше 40, проводят вечера с алкоголем и смотря бесконечные новости. Очень часто она слышала совершенно не правдивые факты о истории России, которые рассказывали ей в России.  Даже мать-сибирячка, частично русского происхождения, всегда обижалась на то, что русские относятся к украинцам как к
«людям второго сорта». Украинцам отказывают в полном человеческом достоинстве, они достаточно хороши, чтобы выполнять черную работу за русских, иначе они были бы лишены всякой компетенции. Когда Галина выкладывала в социальные сети фотографии разрушений и войны в Украине и пыталась привлечь внимание к случившейся несправедливости, с ней разорвали связь даже родственники в Узбекистане. Обвинение в том, что она «как минимум» наполовину русская, что Россия дала ей так много благодаря ее работе и сибирскому происхождению ее матери. 
 
Они не понимали, почему Галина поддерживает Украину, когда у нее есть возможность быть чем-то лучше (в смысле русской); из-за ее происхождения. Она также пыталась информировать семьи, с которыми познакомилась по работе в России, и дать им представление о нынешней украинской действительности. При этом она уверена что хотя бы молодое поколение знает и понимает точно, что происходит под предлогом “спецопераций”. Но из всех семей, с которыми у нее установился хороший контакт за эти годы, о детях которых она с любовью заботилась на протяжении многих лет, никто не написал и даже не спросил как она.  Все, что приходило в ответ на ее сообщения, было глубокой, невыносимой тишиной.
 
Я чувствую глубокую печаль в Галине из-за такой несправедливости, отсутствия сочувствия и невежества. Только ее арендодатель из Москвы вышел на связь после нескольких недель молчания. После бесчисленных попыток прислать ему снимки войны, разрушений и Бучи (по словам Галины, несколько снимков также перехвачены слежкой и алгоритмами российских СМИ, так что до адресата
 
доходит лишь часть присланных снимков) наконец-то он отреагировал на снимок стадиона «Боруссия» в Дортмунде, на фоне которого Галина позировала с маленьким внуком. Она получила от него краткое сообщение искреннего сожаления и ясности: «Я очень рад, что вы в безопасности. У меня болит сердце, что моя страна выступает в роли агрессора». Наконец-то хоть один человек в Москве, к которому она пыталась достучаться, понял все. Тем не менее, ее одолевает ярость отчаяния. На ум приходят параллели со Второй мировой войной и парадокс ситуации доводит ее  до грани расплавления мозга. Что в голове у Путина, что он якобы продвигает «денацификацию» в Украине.
 
Галина описывает судьбы войны: «Мужчина в Одессе вышел за молоком, а вернувшись, обнаружил, что его дом с женой, свекровью и 3-месячной дочерью разрушен. Или сколько замученных и искалеченных людей с перевязанными руками просто валяются на улицах городов. Хотя она сомневается, что у нее хватит сил убить хоть одного человека, Галина желает хотя бы «выцарапать глаза трусам и зверям, убивающим младенцев и детей, особенно на глазах матерей, не сумевших защитить своих детей». После всего увиденного и услышанного она не всегда может защитить себя от поднимающейся в ней ненависти. 
 
Ненависть, которая временами растет так сильно что в своем отчаянии она «хочет иногда похоронить весь (русский) народ».
 
Историческое непонимание и обвинение русских в адрес украинцев, в то время как вся Россия сидит в паутине фейковых новостей с тоталитарными политическими структурами, живущими в рабстве. Глядя на это все, Галина тем более ощущает высокомерие по отношению к украинцам.
 
В отличие от русских Галина видит в украинцах вполне свободный народ и убеждена в объединяющем влиянии войны на украинцев. Они проявились в беспрецедентном единстве и силе. Она уверена, что для российских солдат, которые были в Украине, спокойной жизни больше не будет. Столько украинских мужчин и солдат потеряли своих жен, детей, товарищей. Многие поклялись провести остаток своей жизни, отыскивая каждого военного преступника и предателя среди украинцев. Каждому из них будет дана личная оценка. Ни один командир, ни коллаборационист, ни один винтик в машине агрессора не были бы слишком незначительными, чтобы избежать мести выживших, и единственный способ избежать этой мести – сражаться на стороне украинцев сейчас.
 
Украина была как счастливый народ, который мирно жил, пока на них не напала российская армия. Она хотела бы видеть более быстрые и масштабные поставки оружия с Запада. С точки зрения Галины, именно оружие большой дальности могло бы помочь вывести из строя российские стратегические базы и перекрыть снабжение, тем самым сократив войну. Никогда в жизни ничего не боясь, Галина сейчас сталкивается со страхом непонимания, бездной беспомощности перед
лицом сложившейся ситуации. Она потрясена собственной ненавистью после того, как гуманно относилась к каждому преступнику в своей профессии, каким бы жестоким он ни был. Однако, по ее словам, эта ненависть в конечном счете была создана русскими своими действиями. До этого было братство со стороны украинцев.
 
Галина говорит, что с украинской стороны бежало около 7 миллионов человек, в основном матери с детьми. С российской стороны бежало около 5 миллионов человек.
 
Ей бы эти люди  вышли на улицы в России, этого ужаса могло и не быть. Она также задается вопросом, как некоторые мальчики, которых она с любовью воспитывала почти 10 лет назад, теперь относятся к войне. Сейчас они молодые люди.
 
Помнят ли они свою украинскую няню, прекрасные моменты, песни, рассказы? Или они тоже маршировали в сторону Украины, Бучи, бомбили, насиловали, грабили?
 
Фотографии разграбления украинских сел русскими солдатами символизировали то, что она считала полной недооценкой украинцев русскими. Даже в самых бедных украинских городах стоят самые обычные унитазы. Были украдены стиральные машины и даже собачьи конуры, чему русские оккупанты были удивлены: «Почему они
здесь живут лучше, чем мы???»
 
Абсолютный признак бедности для России. Это символизирует о том, что со времен Сталина мало что изменилось: «Всякий, кто выскажет свое мнение, будет забит дубинкой». Исторически всегда было только изображение победоносной державы, собственные ошибки и преступления никогда не признавались и не разбирались с последующей политикой. Украине же реальный шанс дал Зеленский, которого недооценили все, в том числе и его собственный народ. Галина смеет смотреть в будущее с оптимизмом. Она думает, что сама
Россия может распасться по собственному невежеству и что все наши дети могут почувствовать изменение границ. Когда я спрашиваю Галину, есть ли у нее последнее сообщение, которое она хотела бы передать читателям, она на мгновение задумывается. «Телевидение — это наркотик. Люди должны меньше смотреть телевизор и больше думать».

Спасибо Галине за интервью и Спасибо Елизавете Б. за перевод!

Putins Propaganda – „Großrussland“, Zarenreich und Orthodoxie

Neurussland

Putin führt seinen Krieg mit allen Mitteln. Auf dem Territorium der Ukraine mit Waffen und aller dazugehöriger Brutalität wie auch systematischen Vergewaltigungen, Folter und Plünderungen. Bei sich zu Hause in Russland und gegenüber allen im Ausland sitzenden Zuschauern der russischen Medien, gehört die umfassende Propaganda zur Kriegstreiberei seines Machtapparats. Fake-News, Geschichtsverdrehung und Weglassen von Informationen gehören -unter anderem- zu seinem Repertoire. Besonders das Narrativ der Zugehörigkeit der Ukraine zu Russland und das konstante Negieren eines souveränen ukrainischen Staates haben es ihm angetan. 

Putins Propaganda

Die Russen identifizieren sich, trotz des langen Religionsverbots während der sowjetischen Zeit, stark mit dem orthodoxen Glauben. Mindestens 75 % der Russen geben an orthodox zu sein, wobei es vor allem für viele Jüngere eher eine Frage der kulturellen Identität, als eine Frage des Glaubens ist (Bundeszentrale f. politische Bildung, Rolle der Religion in Russland, 2011).

Russisches Zarenreich

Dass die Orthodoxie während der Sowjetzeit als Stütze des Zarismus und zu bekämpfen galt, macht sich Putin in seinem Propagandakrieg nun nach Kräften zu nutzen. Er knüpft mit seiner Rhetorik immer wieder an zaristische Zeiten an und versucht in den Russen Bilder und vor allem Sehnsüchte nach alter Stärke und Größe (“Groß-Russland”) zu schüren. Dabei stilisiert er sein Image bereits seit Beginn seiner Amtszeit zum Alleinherrscher und “starken Mann”. Unbedingt Willens, ein politisches Erbe zu hinterlassen.

Wie die Recherchen des derzeit inhaftierten oppositionellen Journalisten und Regimekritikers Alexander Nawalny  bereits eindrucksvoll gezeigt haben, scheint sich Putin in der direkten Nachfolge der Zaren zu sehen, was er eindrucksvoll durch den größenwahnsinnigen Bau seines eigenen Palastes im zaristischen Stil in Sotschi unterstrichen hat (Der Spiegel, 2021). Diese These hat Putin durch den selbstgezogenen Vergleich  seiner Politik, mit der des Zaren Peters des Großen, bewahrheitet (09. Juni 2022, anlässlich des 350. Geburtstags Peters des Großen).
Dieser eroberte die Vorläufer von St. Petersburg unter schweren Verlusten von den Schweden zurück, um sich einen Zugang zur Ostsee als “Fenster zu Europa” zu sichern und baute es zur präsentablen Millionenstadt auf. Seinem Vorbild gleich, will Putin das Schwarze Meer durch die Annexion der Krim und nun dem Ukraine-Krieg zu einem “russischen Binnenmeer” machen(Welt, 2021)!

Russisch Orthodoxe Kirche 

Damit die Bevölkerung bei seinem verheerenden Plan mitmacht, muss sich Putin ja starker Bilder bedienen. Bei der riesigen Anzahl an “Kultur- Orthodoxen” in Russland, sind diese natürlich eine lohnenswerte Zielgruppe, bei denen sich Orthodoxie als Türöffner für weitere Themen anbietet. Interessant ist, dass in den letzten 20 Jahren Kirchen in Russland wie Pilze aus dem Boden schießen. Unnötig zu erwähnen, dass die Gläubigen viel Geld in den zahlreichen Kirchen lassen, im Opferstock, beim Kerzenkauf, Erwerb von Ikonen und so weiter. Kyrill I. als oberster Geistlicher, ist ein langjähriger Vertrauter Putins mit einem geschätzten Privatvermögen von mittlerweile rund 4 Milliarden Euro. Und auch so ein Angriffs-Krieg ist verdammt teuer! Ein Schelm wer Böses dabei denkt! 

Kirchenspenden und Patriarch Kyrill I.

Kyrill ist Patriarch von Moskau und der ganzen Rus. Nun ist die “Rus” aber geographisch und historisch aus der “Kiewer Rus”, die Verbreitung der Orthodoxie aus der “Taufe der Rus”, im Zuge der Taufe des Kiewer Großfürsten Wladimir am 28.Juli 988 n.Chr. entstanden (s. Artikel zum umstrittenen Gedenktag “Tag der Taufe der Rus”)).

Neurussland 

Dieser Gründungsmythos spielt seit der Annexion der ukrainischen Krim (vermeintlicher Ort der Taufe Wladimirs) und jetzt im Ukraine-Krieg eine wichtige Rolle für Putins Propaganda. Auch wenn die damaligen Landes- bzw. Reichsgrenzen sich nicht mit den heutigen vergleichen lassen, leitet seine Propaganda daraus die Zugehörigkeit der Ukraine und vor allem der Krim zu einem “Großrussischen Reich” ab, wofür er nun die Ukraine mit aller Brutalität zu erobern und unterwerfen versucht. Ziel: Neurussland (russisch Новороссия Noworossija) Die Kiewer Rus sieht er als “Ur-Zelle” der slawisch-orthodoxen Kultur und beschreibt die “Wiederherstellung des Großrussischen Reichs” mit einer “Dreieinigkeit, bestehend aus Russland, Weißrussland und Kleinrussland” (Russlandverstehen, 2022). 

Das “Kleinrussland” sich dabei auf die Ukraine bezieht, spricht für sich und die Nennung in der Dreieinigkeit sollte den Weißrussen gehörig Angst machen. Was die vermeintliche Abtrünnigkeit vom “Großrussischen Reich” für Putin bedeutet, haben wir schließlich alle auf Bildern der zerstörten Landstriche und Gräbern getöteter Kinder aus der Ukraine gesehen. Dabei bekommt er für seine „Noworossija“ Pläne, einem einheitlichen Kulturraum für slawisch-orthodoxe Russen, Unterstützung von rechtsradikalen Ideologen wie Alexander Dugin und dessen Tochter Darja Dugina, die nun bei einer Autoexplosion getötet wurde. 

Weißrussland - Bald Teil von Groß Russland ?

Ukrainisch orthodoxe Kirche 

Seit 2018 bis zu diesem Jahr, gab es in der Ukraine zwei orthodoxe Hauptkirchen: die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche, die dem Moskauer Patriarchat unterstellt war und die Orthodoxe Kirche der Ukraine, die seit 2018 dem Patriarchen von Konstantinopel zugehörig ist. Im Jahr 2018 emanzipierte sich die Orthodoxe Kirche der Ukraine (UOK) von der russisch-orthodoxen Kirche (ROK) und schrieb damit Kirchengeschichte. Die Autokephalie, also die kirchliche Unabhängigkeit der UOK als Nationalkirche wurde am 6. Januar 2019 erstmals durch den Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., Ehrenoberhaupt der Welt-Orthodoxie, anerkannt. Es folgte die Anerkennung durch andere Kirchen, nur seitens der ROK gab es bisher keine Bewegung. 
Bis zu diesem Jahr existierten die beide Kirchen in der Ukraine nebeneinander. Insgesamt ist die Frage nach einer von der ROK unabhängigen UOK höchst politisch und aktueller den je. Umso interessanter und so begrüßenswerter daher die kürzliche Wendung, der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats! Während des russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Ukrainisch-orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats gründete sich bereits nach dem Zerfall der Sowjetunion fast zeitgleich (1990) mit der Unabhängigkeit der Ukraine (1991).  Am 27. Mai 2022 sagte sich diese Kirche nun vom Moskauer Patriarchat los und nennt sich seither nur noch Ukrainisch-Orthodoxe Kirche (UOK). Das Kiewer Oberhaupt, Metropolit Onufrij und seine Kirchen Genoss*innen aus dem Gebiet des Weltkulturerbes des Kiewer Höhlenklosters, waren unzufrieden. Sowohl mit der Haltung des Moskauer Patriarchen Kyrill I., als auch mit Putins Einmarsch in die Ukraine und zogen mit diesem Schritt die logische (und meiner Ansicht nach überfällige) Konsequenz.  
 
Es bleibt nach wie vor zu hoffen, dass auch die orthodoxen Gläubigen und “kulturell”-Orthodoxen Russlands aufwachen, erkennen und für den Frieden beten, auf die eigenen Straßen gehen bzw. falls militärisch einberufen, zu Hause bleiben. Auch im orthodoxen Glauben gelten die alt bekannten 10 Gebote.

Ich habe mir in Ermangelung einer orthodoxen Bibel erlaubt, diese von der Homepage der Russisch-Orthodoxen Kirche Krefeld, Stand 2022  zu kopieren: 
 
“Die zehn Gebote des Herrn“
(Exodus 20, 1-17)
  1. Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!
  2. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was in den Wassern, unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!
  3. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen!
  4. Gedenke des siebten Tages und heilige ihn! Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun; aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun.
  5. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!
  6. Du sollst nicht töten!
  7. Du sollst nicht ehebrechen!
  8. Du sollst nicht stehlen!
  9. Du sollst kein falsches Zeugnis reden gegen deinen Nächsten!
  10. Du sollst nicht begehren das Haus deines Nächsten Hab und Gut!” (Stand: 2022 Russische Orthodoxe Kirche Krefeld)
 
Auch wenn ich keine Geistliche bin, finde ich der Name des Herrn wird durch die Segnung von Panzern und anderen Waffen zu Angriffs-Zwecken durch Kyrill I. massiv missbraucht. Auch denke ich, dass das 6. Gebot ebenso eindeutig gegen einen Angriffs-Krieg spricht, wie auch die übrigen Gebote nicht mit Vergewaltigungen, Plünderungen und Verbreitungen von Fake-News konform gehen. Ich bin dankbar, dass die beiden großen Kirchen der Ukraine sich nun endlich beide vom Moskauer Patriarchat losgelöst haben. Ich hoffe und bete für einen Sieg der Ukraine über den Aggressor. Als souveräner Staat und freies Volk! Amen ?!?
Amen - Hände zum Gebet

Hier sind zwei Bücher die ich zum Verständnis des jetzigen Russlands sehr lesenswert finde! Affiliate-Links verschaffen mir eine kleine Provision, ohne dass dir zusätzliche Kosten entstehen 🙂

 

28.Juli -Taufe Kiewer Rus + Tag der Staatlichkeit der Ukraine

Zunächst wollte ich diesen Beitrag unter “Kulturelles” listen, wie auch andere Feier- und Gedenktage. Nachdem ich mich ausführlich mit den Hintergründen auseinandergesetzt habe, bin ich der Meinung, dass er in die Spalte Ukraine-Krieg gehört. Entscheide selbst: 

Welchem Anlass wird am „Tag der Taufe der Rus“ gedacht?

Am 28. Juli wird in der Ukraine und Russland dem Tag der Taufe der Rus gedacht. Auf Bestreben der russisch-orthodoxen Kirche 2008 in der Ukraine (День хрещення Київської Русі) und 2010 in Russland (День Крещения Руси) als Gedenktag eingeführt, soll der Tag vor allem der Christianisierung der bis dahin heidnischen Reiche gedenken. 
Seinen Ursprung hat der Gedenktag in der Taufe des Kiewer Großfürsten Wladimir I., der sich am 28.Juli 988 n. Chr.  nach byzantinischem Ritus in Chersones, Krim, hatte christlich Taufen lassen. Um die Taufe ranken sich viele Legenden, am wahrscheinlichsten ist, dass die Vermählung mit der christlichen Prinzessin Anna von Byzanz den Anlass zum Konfessionswechsel gab. 

Wladimir I. Statue in Kiew, Ukraine

Warum ist der Gedenktag Taufe der Kiewer Rus problematisch?

Seit Jahrhunderten gibt die Kiewer Rus Anlass zu Streitigkeiten, vor allem zwischen der heutigen Ukraine und dem heutigen Russland. Aus der Rus, die ursprünglich im 9. Jahrhundert von normannischen Kriegern aufgebaut wurde, entstanden später die Reiche, welche man heute als Weißrussland, Russland und Ukraine kennt. Russland hat vor allem in jüngster Zeit stets betont, dass Kiew damit die Wiege Russlands sei und insbesondere der Ukraine damit stets ihr unabhängiges Existenzrecht abgesprochen. Russland sieht Kiew und die Ukraine als Teil der russischen Nationalgeschichte. Wenn wir uns Äußerungen von Putin im Verlauf der letzten Jahre anschauen und diese im Kontext der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim und vor allem des verheerenden Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine seit dem 24.Februar 2022 sehen, wird klar, dass Putin die “Vereinigung eines Groß- Russlands” seit langer Hand angestrebt und geplant hat. 

Die Ukraine erhebt Anspruch auf eine eigene, von Russland getrennte Geschichte. Dadurch, dass das Territorium der heutigen Ukraine seit jeher begehrt war (Fruchtbarkeit, geopolitische Lage, Bodenschätze) und es durch zahlreiche Angriffe, Macht- und Herrscherwechsel keinen kontinuierlichen ukrainischen Nationalstaat gab, ist die Kiewer Rus als Ausgangspunkt der heutigen Ukraine umso wichtiger für die ukrainische Staatssymbolik. Seit 1991 ist die Ukraine unabhängig und schafft eine starke Identifizierung der heutigen Ukraine mit der Kiewer Rus! So mit dem Verweis auf die “tausendjährige Staatlichkeit” (seit der Kiewer Rus), der Nationalwährung Hrywnja, deren Namen von der alten Währung der Kiewer Rus stammt und den Bildern der Kiewer Rus Fürsten Wolodymyr und Jaroslaw auf den Geldnoten, sowie dem “Dreizack” als Wappen der bereits im 11.Jahrhundert gebräuchliches Symbol der Kiewer Rus darstellte. 

Hryvna / Grivna mit Wladimir I. und Jaroslaw dem Weisen

Die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) hat einen sehr lesenswerten Artikel über das schwierige Erbe der Kiewer Rus veröffentlicht. Eine Kernthese des Artikels fand ich besonders erwähnenswert, nämlich das Streitigkeiten um die “Nationalzugehörigkeit” der Kiewer Rus insofern keinen Sinn machen, da heutige Grenzen, Nationalitäten und auch Bezeichnungen wie “Ukrainer” oder “Russen” auf mittelalterliche Gegebenheiten nicht anwendbar sind, da es nach damaligen Kategorien weder “Ukrainer” noch “Russen” gab.  
Hinzu kommt der Konflikt um die religiösen Stätten Kiews. Das Kiewer Höhlenkloster (ukrainisch Києво-Печерська лавра; russisch Киево-Печерская лавра) ist eine der bedeutendsten Ansammlungen von orthodoxen Kirchen, Klöstern und Kapellen seit 1990 UNESCO Weltkulturerbe und am Westufer der Dnepr beheimatet. Hier streiten sich die Ukrainische Orthodoxe Kirche,die dem Moskauer Patriarchat unterstellt ist  und die Orthodoxe Kirche der Ukraine, die dem Patriarchen von Konstantinopel unterstellt ist, um die Zugehörigkeit der Glaubensstätten. 

Dies ist insbesondere relevant, da durch die Spenden der Gläubigen und die Zugänglichkeit für Touristen ein nicht unerheblicher Geldfluss entsteht. Spitze Zungen behaupteten seit jeher, dass ganze Geld der Ukrainisch Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, fließe nach Russland. 

Dazu gibt es übrigens ein super spannendes Buch, welches die engen Machenschaften des “Heiligen” Milliardärs, Hasspredigers, ehemaligem KGB Agent  und oberstem Patriarch Moskaus, Kyrill I. und Putin offenlegt (s. Link* unten). 

Statue Wladimir I., Taufe der Rus Denkmal in Russland, Moskau

Dekoder-Lab, ein Projekt der Universität Basel und der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, hat dazu einen hervorragenden analytischen Beitrag (kremlin.dekoder.org) veröffentlicht. Das Projekt untersuchte genau, wie Fürst Wladimir I. welcher bis vor Kurzem absolut keine Rolle im russischen Bewusstsein gespielt hat, gezielt von Putin und seinem Machtumfeld in den Jahren vor und während der Annexion der Krim dazu genutzt wurde, eine Zwangseingliederung der Ukraine an “Groß-Russland” vorzubereiten. Die Annexion der Krim, versuchte Putin dadurch zu begründen, dass die Krim durch die Taufe des Fürsten Wladimir in der antiken Stadt Chersones, ähnlichen “sakralen Charakter” habe, wie der Tempelberg in Jerusalem für Juden und Muslime. Während Fürst Wladimir I. es bei Umfragen in Russland im Jahr 2008 nicht mal unter die Top 50 wichtigsten Persönlichkeiten der russischen Geschichte schaffte, forcierte Putin vor allem seit 2014 gezielt mit Briefmarken, Ausstellungen, Historienfilme und populärwissenschaftlichen Geschichtsbüchern die Allgegenwart seines Namensvetters im russischen Bewusstsein. Zum 1000. Todestags Wladimir I. ließ Putin ein umfangreiches und kostspieliges Festprogramm auffahren. Eine imposante Skulptur des Fürsten wurde in Auftrag geben, die nun seit 2016 auf dem Borowitzki-Platz in Moskau steht. In ganz Russland entstehen seit 2013/2014 (Annexion der Krim) Wladimir I.- Monumente am Fließband. 2017 kam eine neue 200 Rubel Banknote in Umlauf, die die antike Stadt Chersones und die annektierte ukrainische (!) Halbinsel Krim zeigen! Die Russen sollten unter Berufung auf den weit verbreiteten orthodoxen Glauben auf die Rechtmäßigkeit der Annexion eingeschworen werden und nachträglich betrachtet, wohl auch auf den Angriffskrieg auf die Ukraine mit dem Ziel der “Wiedervereinigung” vorbereitet werden. 
Russische Briefmarken zum Gedenken der Taufe der Kiewer Rus

Putin nutzt die mangelnde Kontinuität der ukrainischen Nationalstaatlichkeit bewusst als Argument für seinen Angriffskrieg, mit dem Ziel der “Wiedervereinigung”. Angrenzende Staaten, in denen Putin ebenfalls durch gezielte Propaganda seinen Keil eingeschlagen hat, wie z.B. Moldawien (Transnistrien) oder Georgien (Süd Abschasien und Ossetien) wissen, was dieser Narrativ für die Sicherheit ihrer Nationalstaatlichkeit bedeuten kann. Mit dem Narrativ eines Großrusslands oder einer neuen “Sowjetunion” könnte er zahlreiche Länder angreifen und sich auf alte Landesgrenzen und Zusammengehörigkeit berufen. 

Zu glauben, Putin würde nach einer gegebenenfalls erfolgreichen Eroberung der Ukraine einfach zufrieden aufgeben, halte ich für brandgefährlich und naiv. 

Als ich “meine” Ukrainer fragte, ob sie den Tag der Taufe der Rus zu feiern gedächten, wurden sie nachdenklich. Insbesondere in diesem Jahr sei es schwieriger denn je. Der Angriff auf Kiew durch die Russen wurde zwar bisher erfolgreich abgewehrt, aber was will man feiern? Der eigentliche Anlass, die Taufe Wladimirs, hatte die  Zwangschristianisierung der slawischen und bis dahin “heidnischen” Bevölkerung zum Anlass. Chronisten berichten, dass die Dnepr, der riesige Fluss der durch Russland, Weißrussland, die Ukraine und die Stadt Kiew fließt, tagelang rot vom Blut der Heiden gefärbt war. So oder so steht dieser Gedenktag also nicht gerade für Toleranz, Völkerverständigung und Einigkeit. “Meine” Ukrainer sagten, als reiner Gedenktag (im Gegensatz zu einem “Feiertag”) sei der Tag dennoch sehr wichtig, eher im Sinne eines Karfreitags, um sich der Geschichte bewusst zu sein und aus ihr zu lernen. 

Hier sind zwei Bücher die ich zum Verständnis des jetzigen Russlands sehr lesenswert finde! Affiliate-Links verschaffen mir eine kleine Provision, ohne dass dir zusätzliche Kosten entstehen 🙂

 

Juden in der Ukraine – Jiddische Sprache und jüdische Kultur

Ukrainische Juden im Ukraine Krieg

Es ist mehr als Zynismus, dass bereits mit den Unruhen 2014 die jüdischen Gemeinden der Ukraine gezielt von der russischen Propaganda missbraucht wurden, um das antisemitische und faschistische Narrativ gegen die ukrainische Regierung aufzubauen. Damals häuften sich Angriffe auf Juden und Synagogen vor allem in Kiew und im Osten der Ukraine. Die jüdischen Gemeinden bauten z.T. Selbstschutzgruppen auf. Viele Juden vermuteten damals schon, dass die Übergriffe planmäßig durch pro-russische Separatisten ausgeführt wurden, um der ukrainische Regierung die antisemitischen Übergriffe vorwerfen zu können. Tatsächlich unterstützten die ukrainischen Behörden damals jedoch bereits den Aufbau der Selbstschutzgruppen wie der Deutschlandfunk 2014 berichtete. 
Traurige Ironie, dass der russische Angriffskrieg nun viele ukrainische Juden ausgerechnet nach Deutschland in die Flucht treibt, dem Land, dass den millionenfachen faschistischen Mord an Juden während des zweiten Weltkriegs zu verantworten hatte…

Laut der vereinten Nationen floh seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs jeder 10. Jude aus der Ukraine. Knapp 30.000 der geschätzt 300.000 ukrainischen Juden sollen seit Kriegsbeginn ausgereist sein. Israel sei laut Aron Schuster, Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) das Zielland Nummer eins der fliehenden Juden, wobei Deutschland seiner Schätzung nach sehr dicht daran sei (vgl. Süddeutsche Zeitung, “Viele ukrainische Juden fliehen nach Deutschland”, 15.04.2022).  Einige der jüdischen Flüchtlinge sind noch Überlebende der Shoah, dementsprechend sind sie sehr alt und benötigen besondere Unterstützung. 

Holocaust Denkmal Berlin, Blogbeitrag  jüdische Flüchtlinge aus der Ukraine

Die Ukraine war einer der Hauptschauplätze jüdischen Leids während des zweiten Weltkriegs. Traurige Berühmtheit erlangte die Schlucht von Babyn Jar in Kiew. In einem 2 tägigen Massaker wurden mehr als 33.000 Jüdinnen und Juden grauenvoll ermordet. Während des gesamten Russlandfeldzugs der Nazis wurden über 1,5 Millionen ukrainische Juden Opfer des Holocausts. Dies entsprach rund 60 Prozent der jüdischen Vorkriegsbevölkerung. 

Schätzungen zur Folge haben 45-50 Prozent der heute in Deutschland lebenden Juden ukrainische Wurzeln. Verständlich also, wenn Deutschland trotz der faschistischen Vergangenheit ein Zielort für ukrainische Juden ist. Die über 100 jüdischen Gemeinden in Deutschland sind gut mit den Ukrainischen vernetzt und die Hilfsbereitschaft ist groß. Hinzu kommt für jüdische Flüchtlinge die Möglichkeit, als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland einzureisen und damit das Recht zu erhalten, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. 

Ich finde es unfassbar traurig, dass in diesem ohnehin schon sinnlosen, propagandistisch verdrehten Krieg nun neben allen anderen Kriegsverbrechen die stattfinden, auch noch ein weltweit einzigartiger Ort jüdischen Lebens und Kultur vor allem der jiddischen Sprache zu sterben droht. Das weltweit einst von rund 12 Millionen Menschen, heute nur noch von rund 1,5 Millionen Menschen gesprochene Jiddisch, war und ist eine der wichtigsten Volkssprachen der in Mittel- und Osteuropa beheimateten bzw. stämmigen Juden. Die aschkenasischen Juden (mittel-, nord- und osteuropäische Juden) sprechen Jiddisch bis heute als Gruppen verbindende Sprache in der Diaspora. Muttersprachlich wird es heute zwar fast nur noch in ultra-orthodoxen Gemeinden z.B. in New York, London oder Antwerpen gesprochen. In Israel setzte man bei der Staatsgründung 1948 auf das moderne Hebräisch um das Jiddisch, das mit Verfolgung und Unterdrückung verbunden wurde hinter sich zu lassen. 

Synagoge

Jiddische Sprache in Osteuropa – Jiddische Kultur in der Ukraine

Dennoch blieb Jiddisch gerade in Osteuropa verhältnismäßig lebendig, weil die Juden Osteuropas Jiddisch als Muttersprache schätzten und damit ihre kulturelle Verbundenheit auch in der Literatur, Politik und Presse zum Ausdruck brachten. Bereits auf der Czernowitzer Jiddischen Konferenz im Jahr 1908 erklärten sie Ostjiddisch zur Nationalsprache der Juden. Durch die Shoah wurde die Zahl der jiddisch sprechenden Menschen drastisch reduziert. Unter Stalin wurde die jiddische Sprache und Kultur zunächst gefördert, später dann, wie in Odessa, russifiziert oder ganz verdrängt und vergessen. Etliche jiddische Kulturschaffende und religiöse Funktionäre wurden im Auftrag Stalins hingerichtet. Die absolute Assimilation der Juden in allen kommunistischen Nationalrepubliken wurde forciert.

Jiddische Wörter im der deutschen Sprache

Trotz allem blieben Bukowina, rund um die kulturell bedeutsame Stadt Czernowitz und Ostgalizien, rund um Lemberg / Lwiw, bedeutende Zentren für die jiddische Kultur und die jiddische Sprache. Hier wurde historisch und geographisch bedingt immer schon eine Mischform der Dialekte gesprochen, die sowohl Südost- und Zentraljiddisch umfasste und damit ein wichtiges verbindendes Element darstellte.

Seit 1993 fanden in Czernowitz mehrere der jiddischen Sprache gewidmete Konferenzen statt, vor allem mit dem Ziel “den Platz und die Bedeutung des Jiddischen unter den anderen Sprachen der Welt festzustellen und auf die besondere Identifikation der Bukowina-Juden zu achten, welche tolerant, distinktiv religiös und deutschsprachig sind” (Erzehna Dorzhieva, “Die Jiddische Sprachkultur in der Ukraine”, Uni Augsburg). 
In Lemberg fand das Festival “Tage der jiddischen Sprache und der ostjüdischen Kultur” und wissenschaftlich kulturelle Veranstaltungen wie “Die Perlen der jüdischen Kultur”statt. Über 600 jüdische Organisationen sind in der Ukraine registriert und die Veranstaltungen erfreuen sich nicht nur großer Beliebtheit innerhalb Lembergs und Czernowitz, sondern ziehen aufgrund ihrer überregionalen Bedeutung auch internationale Gäste und Förderer an. 

Entgegen des russischen Narrativs einer Juden und Minderheitenunterdrückung in der Ukraine, wurde Jiddisch zusammen mit anderen Minderheitensprachen wie Polnisch, Rumänisch, Bulgarisch, Deutsch (etc.) im Jahr 2010 als offizielle staatliche Minderheitensprache anerkannt. Damit ist es offiziell erlaubt, offizielle Veranstaltungen in eigener Sprache zu führen. Auch wird die jiddische Kultur breit öffentlich gefördert, in dem es z.B. Jiddistik-Kurse und Studiengänge Jiddistik an ukrainischen Universitäten gibt und zahlreiche Wiederbelebungsversuche der Jiddischen Sprache durch Festivals, Ausstellungen, Jüdische Wochen, methodische Bücher, jiddisch-ukrainische Wörterbücher, Romane und Zeitungen auf Jiddisch und die Übersetzung der ukrainischen Nationalhymne auf Jiddisch unternommen werden. 

Auch im musikalischen Bereich erlebt Jiddisch z.B. durch moderne Klezmar Musik ein Come-Back, wie z.B. das Chor Ensemble Varnitchkes-Folk oder das Orchester der jüdischen Musik um Lew Feldmann. 

Einige der berühmtesten jüdischen Schriftsteller kommen aus dem Gebiet der heutigen Ukraine. Der “jüdische Mark Twain” Scholem Alejchem zum Beispiel, der in der Nähe von Kiew geboren wurde. 

Jiddische Wörter die antisemitisch verwendet werden

Jüdische Schriftsteller aus der Ukraine

Aus den Regionen Bukowina und Galizien stammen sogar so überraschend viele hochkarätige deutschsprachige, überwiegend jüdische Schriftsteller, dass das Projekt “Bukowinisch-Galizische Literaturstraße” sie an ihren Lebensorten bekannt machen will (vgl. Jüdische Allgemeine “Zwischen Brody und Czernowitz”, Eugen El, 28.01.2021) . Schriftsteller*innen wie Paul Celan (geboren 1920 in Czernowitz, “Todesfuge”), Joseph Roth (geboren 1892 in Brody, 90 km von Lwiw, “Radetzkymarsch”, “Die Legende vom heiligen Trinker”) oder Rose Ausländer (geboren 1901 in Czernowitz, “Blinder Sommer”) sollen so sukzessive mit Denkmälern und Ausstellungen geehrt werden, damit die Bevölkerung darüber ins Gespräch kommt, die Werke liest und die großartige und reiche Kultur wieder lebendig wird. 

In Czernowitz und Lemberg sind die jiddischen Wurzeln überall ersichtlich. Aktuell kämpft mit Wolodymyr Selenskyj heldenhaft ein jüdischer Präsident, um das Bestehen seines Landes und des ukrainischen Volkes. Der antisemitische, faschischtische Vorwurf gegenüber der ukrainischen Regierung erschien nie zynischer als jetzt. Wieder Juden auf der Flucht, ein jüdisches Staatsoberhaupt ganz persönlich unter Beschuss. Auf dem Spiel steht die freie Ukraine, das freie ukrainische Volk. Aber diese Ukraine, dieses ukrainische Volk stand in den letzten Jahren, mehr als jedes andere Volk für ein Aufblühen eines inklusiven Nationalstolzes, der eben nicht durch Grenzen erstarkt, sondern durch das Aufweichen von Grenzen, durch das einander Umarmen und Miteinander für positive Veränderungen kämpfen. So wie jüdische und orthodoxe Ukrainer auf dem Maidan gemeinsam gegen Janukowitsch protestiert haben. Nun kämpfen Ukrainer*innen ungeachtet aller Glaubensrichtungen, sozialer Schichten und ethnischer Zugehörigkeit für eine freie demokratische Ukraine. Ich glaube und hoffe, dass dieser Krieg neben all dem Leid und der unfassbaren Zerstörung eine ganz große Einigkeit unter den Ukrainern bringen wird. Vielleicht hat die Ukraine die Chance, ein wahrhaft geeintes Land zu werden und stärker denn je aus dem Krieg hervorzugehen. Egal zu welchem Gott, aber ich bete genau dafür.

“Ще не вмерла України і слава, і воля,
Ще нам, браття молодії, усміхнеться доля.
Згинуть наші воріженьки, як роса на сонці.
Запануєм і ми, браття, у своїй сторонці…” 
(1. Strophe, Ukrainische Nationalhymne, ukrainisch)

אוקריינא ס כבוד און פרייהייט זענען נישט טויט נאָך,
דער גורל וועט אונדז שמייכלען, יונגע ברידער.
אונדזערע שונאים וועלן אומקומען ווי טוי אין דער זון.
לאָמיר, ברידער, הערשן אויף אונדזער זייַט.

aukreyna s khbud aun freyheyt zenen nisht toyt nokh,
der gurl vet aundz shmeykhlen, iunge brider.
aundzere shunim veln aumkumen vi toy in der zun.
lomir, brider, hershn aoyf aundzer zayt.
(1. Strophe, Ukrainische Nationalhymne, Jiddisch / 
Hebräische Schrift, darunter lateinische Transliteration)
 
“Ruhm und Wille der Ukraine sind noch nicht tot,
das Schicksal wird uns zulächeln, junge Brüder;
unsere Feinde werden wie Tau in der Sonne zugrunde gehen,
wir, Brüder, werden im eigenen Lande herrschen…”
(1. Strophe, Ukrainische Nationalhymne, Deutsch) 

Wenn du dich weiterführend mit Antisemitismus in der Sprache beschäftigen möchtest, oder direkt richtig Jiddisch lernen möchtest, dann habe ich dir hier ein paar weiterführende Bücher verlinkt. Dies sind Affiliate Links. Wenn du über diesen Link bei Amazon kaufst, entstehen dir dadurch keine zusätzlichen Kosten, aber ich bekomme eine kleine Provision, die mir hilft den Blog weiter zu betreiben (und vielleicht eines fernen Tages im überkrassen Luxus zu schwelgen- Wer weiß 🙂 Hier gibt es auch einen spannenden Schreibtrainer für Hebräisch, da Jiddisch ja auf Hebräisch geschrieben wird: 

 

Ukrainischen Flüchtlingen helfen – Bürokratie-Frust beim Jobcenter

Ukrainische Flüchtlinge beim Sozialamt anmelden- Hilfsbereitschaft und Frust

Vor 3 Monaten trafen “unsere” ersten Ukrainer ein. Die Stiefschwester meines Falkens mit ihrer 5-Jährigen Tochter kam abends am 10. März 2022, mein Falke hatte sie persönlich an der polnischen Grenze eingesammelt. Einen Tag später, morgens um 4 Uhr kamen der Vater meines Falkens mit seiner jetzigen Frau und einer kleinen, recht verstörten Katze, nach 1800 Kilometern Fahrt im eigenen Auto bei uns an. Zu müde zum Schlafen. Um 6:00 Uhr sind wir direkt zur “Anmeldung bzw. Registrierung” der vier zu uns geflüchteten Menschen zum Sozialamt an der Leopoldstraße gefahren. Da wütete der Krieg bereits 3 Wochen. Wir stellten uns in eine Schlange von über 120 Menschen und hatten das Glück unsere Ukrainer abends vor Geschäftsschluss nach rund 11 Stunden Warterei noch angemeldet zu bekommen. Helfer stellten Bänke, Kaffee, Snacks und Kinderspielzeug und die Solidarität war groß. Auf Anraten der Mitarbeiter richtete ich für alle Ukrainer, die über biometrische Pässe verfügten Girokonten ein, damit zukünftig Gänge zum Amt entfallen sollten. Die Sozialhilfe sollte bereits ab April direkt überwiesen werden, um weitere “Menschenschlangen” zu vermeiden. 

Ukrainische Flüchtlinge in Dortmund Menschenschlange vor dem Sozialamt

In der Zwischenzeit kam noch die Patentante der 5-Jährigen “Stiefnichte” meines Falken zu uns, eine energiegeladene Frau Anfang 40, die er aus dem Kiewer Freundes- und Bekanntenkreis kannte und die eine bemerkenswerte Fluchtgeschichte hinter sich gebracht hatte. Auch kam noch die 23- Freundin eines Kiewer Freundes meines Falken, der aufgrund der Ausreisebestimmungen nicht mitkommen konnte und uns per Telefon, den Tränen nahe, bat uns gut um sie zu kümmern. Die Beziehung war wohl verhältnismäßig frisch, so dass wir sie bei den letzten Besuchen in der Ukraine noch nicht kennen lernen konnten.

So wohnten wir zur “Höchstphase” kurzfristig zu zehnt, plus Katze bzw. später Hund in einer 4-Zimmer Wohnung. Aus dem russisch-/ ukrainischsprachigen Bekanntenkreis bekamen wir ähnliche Wohnverhältnisse im März / April mit. Neben den zahllosen Telefonaten und Besichtigungsterminen wegen Wohnungen, Amtsgängen kamen schließlich auch Einkäufe, um fehlende Kleidungsstücke und andere Notwendigkeiten zu besorgen hinzu und der Haushalt wollte unter fleißiger Mithilfe der Ukrainer auch noch erledigt werden.

Die 23-Jährige konnten wir nach kurzer Telefon- Odyssee im Bekannten- und Freundeskreis in ein gerade freigezogenes WG-Zimmer bei einer guten Freundin vermitteln. Meine Schwiegereltern konnten wir dank des Entgegenkommens unserer Nachbarn, in einer freien Wohnung direkt neben unserer unterbringen. Es folgten zahllose Autofahrten und Termine um die Wohnung auszustatten, Papiere auszufüllen, Strom anzumelden, die beiden von mir auf die neue Wohnung umzumelden etc. Alle brauchten Deutschkurse. Auch hier schafften wir es durch Anrufe, Mails und zusätzlich persönliches Erscheinen, alle in den sich rasch füllenden Kursen unterzubringen. Für die 5-Jährige Nichte meines Falken fanden wir auf die Schnelle einen Kindergartenplatz. Später über Kontakte eine möblierte Wohnung für sie und die Mutter. Ein absoluter Glücksfall nach über 40 Anfragen bei Vermietern. Eine engagierte Dortmunderin „übernahm“ die Amtsgänge für die Mutter mit Tochter, so dass wir später „nur“ noch vier Menschen dabei begleiteten.

Unterbringung ukrainischer Flüchtlinge in Dortmund gleicht Langstreckenlauf im Sprint

Ich verbrauchte meine kompletten 11 Tage Resturlaub vom vergangenen Jahr bei Ämtern, Ebay-Kleinanzeigen und Wohnungsbesichtigungen. Ich muss zugeben, dass meine Arbeit trotzdem darunter litt. Etliche Anrufe und dringende Mails ließen sich nur während meiner Arbeitszeit erledigen. Chef und Kollegen zunächst sehr verständnisvoll, später genervt, da ich durch den ganzen Stress nicht nur geistig abwesend war, sondern auch ungewohnt anfällig wurde und krankheitsbedingt ausfiel. 

Die Nachmittage und Abende versuchte ich meinen Kindern gerecht zu werden, die absolut keine Lust auf die ganzen Menschen bei uns in der Wohnung hatten. Wir versuchten die Situation durch ausgiebige Spielplatz Besuche und Ausflüge zu entzerren. Trotzdem zofften sich sowohl Kinder, als auch irgendwann die Erwachsenen. Lagerkoller. Wir nahmen abwechselnd alle mit in Zoo, Zirkus, Schwimmbad, Theater, Eis, Pommes, Planetarium, Spritgeld, die ganzen Kleinigkeiten gingen ins Geld. Ich streckte meinen Nachbarn Miete und Kaution für die Schwiegereltern vor, da ich nicht wusste ob und wann das Amt zahlen würde. Mir wurden auch direkt die Nebenkosten erhöht, als im Haus bekannt wurde wie viele Menschen sich bei uns tummelten und voraussichtlich auch bleiben wollten. Bekannte und Familie halfen uns großzügig aus. 

Frust und Verwirrung beim Sozialamt, Ausländerbehörde und Jobcenter

Frustriert stellte ich fest, dass ich telefonisch mehrere Wochen nicht beim Sozialamt durchkam, Zahlungen auf die Konten nicht erfolgten und auch Termine bei der Ausländerbehörde erst nach mehrmaligem Nachfragen für Mitte Juli 2022 vergeben wurden. 
Bei der Anmeldung von Olena, der Patentante, verweigerte mir eine Mitarbeiterin des Sozialamts Dortmund den einzigen noch freien Stuhl im Gebäude, mit den Worten: “Wo soll ich denn dann meine Handtasche hinlegen??” Als ich zynisch fragte, wer von uns Dreien (Geflüchtete, Dolmetscherin oder Wohnungsgeberin) denn jetzt nach über 8 Stunden Wartezeit weiterhin stehen oder auf dem Boden sitzen sollte, damit es ihrer Handtasche gut ginge, rauschte sie mit wütendem Blick an mir vorbei, schnappte sich dramatisch ihre Tasche vom Stuhl, öffnete einen zu meiner Überraschung komplett leeren Schrank und pfefferte die Tasche dort in ein geräumiges Ablagefach. Das Gespräch wurde in exakt dieser Manier weiter fortgeführt und jede Nachfrage meinerseits mit genervtem Augenrollen abgewiesen. Nachdem ich nachbohrte, warum seit Wochen keine Miete für meine Schwiegereltern gezahlt wurde, fanden wir gemeinsam raus, dass die physischen Akten noch exakt an derselben Stelle in demselben Büro auf demselben Schreibtisch lagen, wo ich sie gemeinsam mit ihnen einige Wochen zuvor abgegeben hatte. Immerhin versprach sie mir sich nun “persönlich” darum zu kümmern und die Akte ins System einzupflegen. Die Miete erhielt meine Nachbarin dennoch erst Anfang Juni, nachdem ich irgendwann drohend: “Mietzahlung – Sonst Obdachlosigkeit!!!” in den Betreff ans Sozialamt geschrieben habe.

Eindrücke Anmeldung Flüchtlinge Wenn ich mal jemanden am Telefon hatte wurde stets Geduld gepredigt und auf die immer gleichbleibende Website der Stadt Dortmund verwiesen, auf der sich wirklich gar keine Neuigkeiten fanden. Als ich mich irgendwann einmal zu beschweren wagte, ich habe nun über 7 Mails pro geflüchteter Person geschrieben ohne Antwort auf meine Fragen zu erhalten, höhnte eine Dame des Amtes: “Es gibt Leute die haben 15 Mails geschrieben und noch keine Antwort erhalten!” Ich weiß nicht, in welcher Welt mich das trösten soll, komme ich bei 6 Leuten mal 7 Mails doch immerhin auf 42 Mails, plus ungezählte Anrufe und persönliche Vorsprachen!! 

Lange Wartezeiten beim Sozialamt, Papierkrieg und Passierschein B-36

Die 23-Jährige die zu uns kam, ist eine Physikstudentin, die sich gerne auf Quantenphysik spezialisieren möchte. Nach umfangreichen Bemühungen und der absolut umwerfenden Unterstützung durch die hiesige Universität und dem persönlichen Engagement durch den zuständigen Professor, hätten wir sie bereits zum vergangenen Sommersemester (04/22) parallel zum Deutschkurs an den englischsprachigen Vorlesungen als Programmstudierende einschreiben können. Als einziger Hinderungsgrund wurde das Fehlen der Bescheinigung über eine Krankenversicherung angesehen! Über das Sozialamt bekamen die Geflüchteten nur Scheine für das jeweilige Quartal die sie beim Arzt vorzeigen mussten. Diese hatten keine Gültigkeit für die Universitäts- Anmeldung. Die Anmeldung für die Krankenversicherung kommt vom Jobcenter. Der Wechsel vom Sozialamt zum Jobcenter erfolgte jetzt erst zum Anfang Juni und war wiederum mit zahllosen Anrufen, Gurkerei und Warterei verbunden, so dass sie jetzt mit etwas Glück immerhin zum Wintersemester 2022/23 mit dem Studium starten kann. 

Der für Juni geplante Wechsel der geflüchteten “Kunden” vom Sozialamt zum Jobcenter war konfus. Telefonisch erhielt ich Ende Mai die Auskunft vom Jobcenter, wir müssten die ausgefüllten Dokumente online hochladen um einen Termin zu erhalten und sollten bitte jeweils einen Dolmetscher mit zu den Terminen bringen. Die Seite auf der man die Dokumente (alle auf Deutsch!) hochladen sollte, funktionierte über eine Woche nicht. Die Hotline drei Tage dauerhaft besetzt, nach 10 Minuten flog ich jedesmal aus der Warteschleife. Am Jobcenter überall der Hinweis: “Persönliche Vorsprachen ohne Termin wegen Corona zur Zeit nicht möglich!” Termin aber nur nach Anruf (besetzt) oder Hochladen der Dokumente (Seite funktioniert nicht). Ich sprang im Dreieck. Ich probierte es etliche Male, jeden Tag. Als wir Dokumente beim Sozialamt in Dortmund-Hörde einreichten, sahen wir zufällig, dass dort binnen kürzester Zeit scheinbar eine neue “Jobcenter-Filiale” nur für Geflüchtete entstanden war. Davon wusste man in der Innenstadt aber eine Woche zuvor noch nichts, auf den Websiten war davon auch nichts zu lesen! Wenn ich als Einheimische Schwierigkeiten habe bei der Vielzahl von Ämtern und Dokumenten durchzublicken, wie soll es dann ein Ukrainer schaffen?

Willkür bei den Behörden

Zeitgleich wurde seitens der Ausländerbehörde in Gutsherrenart innerhalb von kürzester Zeit alle zur Anmeldung bei der Ausländerbehörde beordert! Ich bekam kurz vor dem Wochenende eine Mail, alle Ukrainer, die sich in einem bestimmten Zeitraum in Dortmund registriert hätten, müssten in der Zeit von Montag bis Mittwoch in der Berswordthalle mit ihren Dokumenten erscheinen, der Termin im Juli sei ersatzlos gestrichen, die Anmeldung bei der Ausländerbehörde fände ausschließlich Montag bis Mittwoch statt. Wer nicht kommt hat Pech gehabt. Man machte sich auch auf konkrete Nachfrage meinerseits nicht mal die Mühe mir die Namen der Menschen um die es ging mitzuteilen und überließ es mir herauszufinden, auf wen der 6 Leute dies zutreffen würde. Die Geflüchteten um die es ging, erhielten überhaupt keine persönliche Nachricht darüber, obwohl zu allen Personen Dortmunder Adressen vorlagen, die Ausländerbehörde verließ sich einfach darauf, dass ich kurz vor dem Wochenende in schönster Urlaubszeit noch meine Mails checken und den betroffenen Personen kurzfristig Bescheid geben würde. In einer Angelegenheit in der es um Bleiben oder nicht Bleiben, also eigentlich um Leben und Tod geht, war ich absolut von der Kurzfristigkeit und “Friss oder Stirb” Mentalität der Behörde und dem herablassenden Umgangston in der Mail geschockt. Es gab -wie immer- bei der Ausländerbehörde keine Durchwahl für Rückfragen, nicht mal eine Hotline, keine Adresse für die persönliche Fürsprache. 

Durch den Einsatz weiterer Urlaubstage und irgendwann, notgedrungen der Bitte an die Ukrainer nun alles möglichst selbstständig zu erledigen, saßen sie dann abends nach diversen Amtsgängen bei uns in der Wohnung vereint, wo wir erklären mussten, was sie da eigentlich tagsüber unterschrieben hatten und welche Auswirkungen das für sie haben würde. 
Ja, es gibt ein paar Dolmetscher bei den Ämtern, ja, einige Dokumente wurden zumindest auf Ukrainisch übersetzt. Ich habe auch wirklich gute Erfahrungen mit Mitarbeiter*innen des Sozialamtes machen dürfen, die für die Kostenübernahme des Krankenhausaufenthalts für meinen schwer krebskranken Schwiegervater zuständig waren. Hier erkannten die Damen, dass es faktisch um Wochen, wenn nicht Tage geht und setzten alle Hebel in Bewegung die Bewilligung mit dem Umweg übers Gesundheitsamt innerhalb von 2 Tagen auf den Weg zu bringen. Als ich doch mal tagelang niemanden erreichen konnte, wählte ich irgendwann einfach die Tuberkulose-Hotline der Stadt Dortmund. Dort ging man sofort an den Apparat und ich bat inständig nicht abgewimmelt zu werden, da es wirklich dringlich war. Die freundliche Dame verstand die Ausweglosigkeit und machte sich mit dem Hörer in der Hand auf die Suche nach der zuständigen Kollegin im Dschungel des Amtes. 

Flüchtlinge in Dortmund beim Sozialamt
Gebrochene Versprechungen

Einer Dame vom Sozialamt an deren direkte Durchwahl ich per Zufall gelangt bin, da die allgemeine Hotline seit Wochen nicht besetzt war, schilderte ich irgendwann wortreich meine komplette verzwickte Lage in der Hoffnung, sie würde endlich die Zahlung von Miete bzw. Heizkosten rückwirkend veranlassen. Sie erzählte mir, sie müssten ganz dringend noch alle Daten transferieren, es stünde ein interner Systemwechsel an, danach werde sie mich priorisiert “bearbeiten”. Ich dankte ihr überschwänglich. Dies war vor drei Wochen. Seit über 3 Monaten warte ich nun auf irgendeine finanzielle Unterstützung durch die Stadt, während ich gesundheitliche Auswirkungen spüre, Vollzeit arbeite und mein bisher sehr guter Ruf auf meiner Arbeit durch die ganze Bürokratie und die Zeit, die sie vor allem im Vormittagsbereich, während der Öffnungszeiten der Ämter frisst, echt angekratzt ist. 

Wie kann man denn seitens der Stadt erwarten, dass Vermieter überhaupt bereit sind Flüchtlinge bei sich wohnen zu lassen, wenn die Miete 3 Monate nicht gezahlt wird und man nicht einmal Bescheid bekommt, ob überhaupt Kosten übernommen werden?
Die freiwilligen Helfer tragen einen Großteil der Arbeit und dürfen sich von einzelnen Mitarbeitern noch höhnische Bemerkungen anhören. Wenn einzelne Mitarbeiter unfreundlich oder arbeitsscheu sind, wirft das ein schlechtes Bild auf die ganze Behörde, die im Großen und Ganzen ja wirklich unglaubliches leistet. 

Mich wundert es halt nur, dass trotz der großen Flüchtlingskrise in der Vergangenheit die Strukturen nicht nennenswert hinterfragt und optimiert wurden und die deutsche Bürokratie nach allem was ich mitbekomme wieder dasteht wie “Ochs am Berge, 1,2,3”.  Ich würde mir für Deutschland ein souveräneres Bild der Ämter im Jahr 2022 wünschen. Vielleicht mehr Digitalisierung: Jemand der die Homepages der Stadt mit den wochenaktuellen FAQs füttert (Achtung das SOZIALAMT ist einfach mal umgezogen!!!) würde bestimmt den Druck von der städtischen Hotline nehmen! 
Ich hoffe weiterhin, dass die bisherigen Erfahrungen freiwillige Helfer in Zukunft nicht abschrecken. Kriege wird es immer geben. Lasst uns beten, dass es uns nicht trifft. Trotz allem, würde ich jederzeit wieder helfen, einfach weil ich auch will, dass mir oder meiner Familie im Ernstfall geholfen wird und man Menschen in Not ja nunmal einfach nicht im Stich lässt. 

Was sind wir Menschen mehr als Fleischklumpen, wenn wir unsere Werte und Solidarität vergessen? Lasst und weiter Helfen! 

UPDATE (Mitte September): Irgendwie haben wir Zeit bis zu den Zahlungen der Ämter überbrücken können, manche Leistungen wurden jedoch bis heute nicht übernommen, weil die Anträge (alles in Papierform ohne Durchschrift für die Antragssteller) beim Sozialamt verschwunden sind. Ich denke, dass die Gesamtleistung des deutschen Sozialsystems für die ukrainischen Flüchtlinge wirklich umfassend und großartig sind und dafür möchte ich mich herzlich bei allen Steuerzahlern bedanken! So vielen Menschen ein würdiges Ankommen und Leben zu ermöglichen ist wirklich eine humanitäre Leistung. Dennoch: Bitte, bitte treibt die Digitalisierung der Ämter voran, stellt auch mal Menschen ein, die bereit sind nach 12:00 Uhr mittags zu arbeiten und vielleicht teilt ihr die Schichten mal so ein, dass nicht alle gleichzeitig in die Kaffee – und Rauchpause verschwinden. Die Bürger werden es euch danken. DANKE!!! 

Kinderbild von ukrainischem Flüchtlingskind und Katze aus der Ukraine

Ukrainische Flüchtlinge in Deutschland – Weltflüchtlingstag 2022

Flüchtlinge in Deutschland: Ukraine und weltweit

Jedes Jahr am 20. Juni findet seit dem Jahr 2001 ein internationaler Tag für Menschen auf der Flucht statt: Der Weltflüchtlingstag!

Im Jahr 2020 belegten Ukrainer in Deutschland mit rund 145.500 ukrainischen Staatsbürger*innen noch den 21. Platz der ausländischen Bevölkerungsgruppen in Deutschland.

Ukrainische Flüchtlinge besteigen Zug

Doch bereits zwischen Ende Februar bis Ende Mai sind durch den russischen Angriffskrieg weit über 800.000 Personen aus der Ukraine nach Deutschland geflohen und im deutschen Ausländerzentralregister (AZR) registriert worden. Die absolute Mehrheit davon (98 Prozent) sind ukrainische Staatsbürger*innen. Durch das Ausreisegesetz, dass Männern zwischen 18 und 60 verbietet auszureisen, sind mit rund 67 Prozent Frauen überdurchschnittlich vertreten. Stand 12.Juli erfasste die UN 9,1 Millionen Ukrainer*innen, die ihre Heimat kriegsbedingt verlassen mussten (https://data.unhcr.org/en/situations/ukraine).Auch Kinder und Jugendliche bilden mit -je nach Quelle- rund 40 Prozent einen großen Anteil am Flüchtlingsstrom. Schließlich kommt es durch den Krieg in der Ukraine auch zur Zuspitzung von Hungersnöten auf dem afrikanischen Kontinent und die Menschen die irgendwie können, werden in eine bessere Zukunft fliehen! Diese Fluchtbewegungen und Richtung dieser Flüchtlingsströme können wir noch nicht benennen! Die UNO schätzt für das Jahr 2022, dass 100 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Für mich sind das unfassbare Zahlen, ahne ich doch, dass hinter dieser Zahl 100 Millionen Einzelschicksale stehen. 

Symbolbild Weltflüchtlingstag

Zahl der Flüchtlinge weltweit steigt rasant an

Bereits für das Jahr 2020 schätze das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR), dass über 82,4 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht waren. Alarmierend sei laut UN-Flüchtlingshochkommissar Filippo Grandi vor allem, dass die Zahl der Flüchtlinge rasant ansteige, aber auch, dass die Flüchtlinge durch länger andauernde Krisen (sowohl bewaffnete Konflikte und Kriege aber auch Klimakatastrophen) dauerhaft vertrieben würden. Ein entscheidender Ansatzpunkt neben schneller und unbürokratischer Hilfe sei vor allem entschlossenes politisches Bestreben danach, die ursächlichen Konflikte zu lösen. 

Eine friedliche Lösung wünschen sich in Bezug auf den Krieg in der Ukraine vermutlich die allermeisten. Fraglich ist nur welche Kompromisse die Politiker beider Länder bereit sind einzugehen. Putin bereitet sich scheinbar weiterhin auf einen lange andauernden zermürbenden “Abnutzungskrieg” vor und seine Angriffe sind vor allem im Osten des Landes an Brutalität und Verachtung auch gegenüber zivilen Zielen kaum zu übertreffen. In tragischer Umdeutung historischer Fakten spricht seine Propagandamaschine von der “Rückholung russischer Landesteile”. Selenskyj – anfänglich grundsätzlich zu Kompromissen, vor allem per Volksentscheid bereit- ist sich absolut im Klaren darüber, dass ein russisches Autonomiegebiet im Donbass auch auf lange Sicht keinen Frieden schaffen würde. Zu den vor allem zu Kriegsbeginn durchgeführten Verhandlungen erschienen jedoch von russischer Seite nur zweitrangige Politiker ohne ausreichende Entscheidungsbefugnisse, so dass sich die Verhandlungen von russischer Seite als Farce erwiesen. 

Putin wird sich so lange nicht in ernsthafte Verhandlungen verwickeln lassen, bis er bzw. seine Armee eine verheerende Niederlage befürchten muss. Im Augenblick läuft es an der Front zudem gut für Putin, nachdem die russische Armee ihre Taktik geändert hat und die Streitkräfte im Osten konzentriert hat. Putins Versprechungen ist keine handbreit zu trauen. Bis sein Militär nicht vernichtend geschlagen wird, wird es weiter Gräueltaten wie in Butscha geben, werden weiterhin Geburtskliniken zerstört, Frauen und Kinder vergewaltigt und getötet. Unklar ist bisher auch der Verbleib der Kriegsgefangenen aus Mariupol zu denen lange keine Nachrichten mehr veröffentlicht wurden. Menschenrechtsorganisationen befürchten Demütigungen, Folterungen und auch Tötungen entgegen jeder Genfer Konvention! Nach allem was wir bisher in diesem Krieg über die russische Armee lernen konnten, dann dass es für sie keine Menschenrechte gibt, nicht mal gegenüber den eigenen Soldaten. 

Asowstahlwerk in Mariupol vor dem russischen Angriffskrieg

Ukrainische und russische Flüchtlinge in Georgien

Das einzige was meiner Ansicht nach diesen sinnlosen Krieg beenden kann, ist die unverzügliche Lieferung schwerer Waffen, jegliche denkbare wirtschaftliche Sanktion gegen Russland, die seit langem überfällige Schließung des Luftraums über der Ukraine und die absolute Geschlossenheit Europas gegenüber Russland als Aggressor. Jedes Land, das jetzt zögert macht sich der Kriegsverbrechen mitschuldig. Ich schreibe das als ehemalige überzeugte Pazifizistin. Es war so lange so einfach für mich gegen jegliche Gewalt und Krieg zu sein, bis ich miterleben musste, wie dieser Krieg unsere Familie, Freunde und durch deren Flucht auch mich ganz direkt betrifft. Vor allem weiß ich, dass Putin nach der Ukraine nicht halt machen wird. Es ist absolute Augenwischerei zu glauben, dass Putin nach einem Sieg dort stoppen wird. Hat er nicht bereits mit Transnistrien einen Keil in Moldawien eingetrieben? Sind nicht bereits besorgniserregende Parallelen zwischen der Kaukasuskrieg 2008 in Georgien und der Ukraine bekannt? Auch in Georgien bereitete Russland von langer Hand einen Angriffskrieg vor in dem es z.B. Unfrieden zwischen den ethnischen Gruppen schürte und russische Pässe an Abchasier und Ossetier verteilte. Viele Ukrainer*innen, aber vor allem auch zahlreiche Russen und Russinnen sind nach Georgien geflohen. Letztere werden von der georgischen Bevölkerung zunehmend kritisch betrachtet und z.T. zunehmend angefeindet. Der Vorwurf, sich ausgelassen feiernd wie „im Urlaub“ zu benehmen, während ihr Präsident unter breiter Zustimmung der russischen Bevölkerung einen Genozid vorantreibt, ist weit verbreitet.

Georgien Landkarte vor dem Hintergrund des Kaukasuskriegs

Nun sind bereits 35.000 Russen, die gegen den Krieg sind, nach Georgien geflüchtet (Stand Ende April 2022). Nur ob und wie lange sie dort sicher sind kann niemand wissen. 

Berufliche Perspektiven von Flüchtlingen in Deutschland

Das einzige was wir mit Bestimmtheit sagen können ist, dass es durch diesen Krieg weiterhin zu massiven Fluchtbewegungen kommen wird und den Menschen nur durch die Schaffung echter Perspektiven geholfen werden kann. Immer wieder höre ich im Radio Moderatoren voll des Lobs davon sprechen, wie gut ausgebildet die ukrainischen Flüchtlinge seien. Nur befürchte ich, dass es an der Bürokratie scheitern wird, diese Menschen hier schnell in ihre erlernten Berufe zu integrieren. Es muss ein radikales Umdenken und unkomplizierte Nachprüfungsverfahren geben, um die ukrainischen Qualifikationen und Abschlüsse zu verifizieren und Anzuerkennen. Sonst besteht die Gefahr, dass qualifizierte Fachkräfte im Niedriglohnsektor „hängen“ bleiben oder mangels vernünftiger Perspektiven erst gar keine Arbeit aufnehmen. Der Vater einer Jugendfreundin von mir, ein politisch ungewollter, vom Regime gefolterter Physiker, der aus dem Iran nach Deutschland geflohen war, musste hier in Deutschland zusammen mit seinen Kollegen den Rest seines Berufslebens Taxi fahren. Seine Frau, einst anerkannte Ärztin im Iran, konnte zumindest mit einer hier nachträglich absolvierten Ausbildung zur Krankenschwester annähernd in ihrem beruflichen Kontext weiterarbeiten, auch wenn es mir wie ein bitterer Hohn vorkommt. 

Symbolbild Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt, Qualifikationen prüfen

Ich denke Deutschland kann es sich nicht erlauben, Talente, Qualifikationen, Lebenszeit und das persönliche Glück von Menschen weiterhin so zu verschwenden. Alle stöhnen vom Fachkräftemangel: Hier sind Fachkräfte gekommen! Zeit sie zu integrieren!  Mein Ideal wäre es den Menschen die nicht in absehbarer Zeit zurück können oder wollen hier die besten Chancen auf schnelle Integration (sowohl im sozialen Umfeld als auch auf dem Arbeitsmarkt) zu ermöglichen. Win win für alle: Deutschland hat weniger Ausgaben für Sozialleistungen (auch ein super Argument gegen rechte Trolle) und kann durch die Arbeitskraft der Menschen profitieren. Die Menschen können in ihrem Beruf arbeiten, ihre Selbstwirksamkeit entfalten und entweder Geld beiseite legen, es ihrer Familie schicken und irgendwann hoffentlich ihre zerstörten Häuser wieder aufbauen gehen oder sich zumindest ein Leben in Frieden aufbauen. Wenn sie sich entscheiden sollten zurückzukehren, dann werden sie die beste Werbung für Deutschland als Arbeitsstandort für Fachkräfte werden. Aber eben nur, wenn wir die Chance jetzt nutzen und schnell und flexibel Lösungen anbieten. Nur so können aus Flüchtlingen Bürger, Nachbarn, Kollegen und Freunde auf Augenhöhe, frei von Abhängigkeitsbeziehungen werden und nebenbei Steuergelder sinnvoll eingesetzt werden.
Go Deutschland, go!
Zusammenarbeit für Integration International

Volodymyr (64, Kiew) – Flüchtlinge aus der Ukraine berichten ihr Schicksal

Teil 1: Interviewreihe mit ukrainischen Flüchtlingen

Dies ist das erste Interview unserer neuen Reihe, die in Kooperation mit dem Dortmunder Künstler und Fotografen Klaus Pfeiffer (www.klauspfeiffer.com) entstanden ist. Gemeinsam möchten wir den geflüchteten Menschen aus der Ukraine ein Gesicht und eine Stimme geben, ihnen die Möglichkeit geben ihre Erlebnisse zu teilen und den Leser*innen neue Blickwinkel zu eröffnen! Weiter unten findest du den Text in der russischen Version. Вы можете найти русский перевод ниже!

Volodymyr (64 Jahre, Kiew) im Interview

Interview mit Ukrainern / Flüchtlingen Volodymyr aus Kiew berichtet

“In der schrecklichen Ironie des Krieges, während Putin so vielen Menschen Tod und Verderben gebracht hat, hat er mir vielleicht die Aussicht auf das Leben geschenkt.” 

Volodymyr ist vor wenigen Wochen 64 Jahre alt geworden. Seinen Geburtstag verbrachte er  im Kreis seiner Familie erstmals in Deutschland. Sein Sohn war bereits als Kind mit der Mutter nach Deutschland ausgewandert. Einen Tag nach der Familienfeier im Planetarium, passend, da er sich seinen Geburtstag mit dem Tag des sowjetischen Helden und Kosmonauten Juri Gagarin teilt, war die erste Operation angesetzt, musste er für mehrere Wochen ins Krankenhaus. 
Operiert wurde Darmkrebs im 4 Stadium. Dieser wurde Ende letzten Jahres bei Wowa, wie Familie und Freunde ihn nennen, festgestellt. In der Ukraine wurde ihm eine Chemotherapie in Aussicht gestellt. Geplanter Beginn: 24. Februar 2022. In der Ukraine genießen Chemotherapien einen höchst zweifelhaften Ruf. Die Selbstmordrate unter den Patienten ist gewaltig, da die Versorgung mit den benötigten Schmerzmedikamenten nicht gewährleistet ist und die wenigen verfügbaren Medikamente oft von so niedriger Qualität sind, dass viele Patienten vor schierem Schmerz ihre Erlösung im Tod sehen. Als Wowa sich am 24. Februar, dem Beginn des Angriffskriegs trotz der Nachrichten und deutlich vernehmbaren Sirenen und Detonationen auf den Weg zur Onkologie machte, wurde er abgewiesen: Die Onkologie war in der Kürze des Vormittags bereits in ein Militärkrankenhaus umfunktioniert worden. 

Die Ausweglosigkeit in der Ukraine bewog ihn zur Flucht. Er wusste, wenn er Leben wollte, musste er im Ausland medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Alle Kapazitäten der Ukraine würden im Rahmen der Versorgung militärischer und ziviler Kriegsopfer benötigt. An diesem rationalen Gedanken hielt er fest, während er sich von seinen Kollegen, Freunden und Kameraden verabschiedete und mit Ehefrau Viktoriia die nötigsten Güter und das Kätzchen Babula ins Auto packte. Die letzten Jahre hatte er als Leiter des Wachdienstes ein militärisches Lebensmittellabor, welches die Qualität der Versorgung der ukrainischen Streitkräfte sicherstellt, bewacht. Er ging mit den besten Wünschen der Kameraden und Kollegen, alle hatten Verständnis für die Situation. Würde er Leben wollen, musste er gehen. Besonders schwer fiel der Abschied von seinen loyalen vier deutschen Schäferhunden, sie verblieben zur Sicherung des Geländes. 

Volodymyr hält weiterhin täglich Kontakt in die Heimat. Es zerreißt ihm das Herz, mit Kameraden, Freunden und auch Familienmitgliedern zu sprechen, die beim Militär und zum Teil direkt an der östlichen Front dienen, ist ihm doch bewusst, dass es nur eine einzige Sekunde braucht, eine winzige Wendung des Schicksals, um die Angehörigen dieser Menschen zu Witwen und Waisen zu machen. 

Während seine zwei aufwendigen Operationen in Deutschland bereits gut verlaufen sind und alle gestreuten Krebsgeschwüre rein operativ und ohne Strahlung entfernt werden konnten, lässt ihn der Gedanke an eine 32 jährige Mutter von 3 Kindern nicht los. Diese wurde gemeinsam mit ihm am Tag des Kriegsbeginns von der Kiewer Onkologie abgewiesen, ebenfalls im 4. Stadium an Krebs erkrankt. Er muss oft an sie denken und fragt sich was aus ihr und ihrer Familie geworden ist. 

Wowa ist ein sehr gläubiger Mann. Er dankt Gott jeden Tag für sein Leben. Er sagt, er muss sich nun vor nichts mehr fürchten, er hat den größten Ängsten bereits ins Gesicht sehen müssen. Sein Leben war schon vor dem Krebs, dem Krieg und der Flucht von dem Ungewissen, der Unvorhersehbarkeit geprägt. 

Ausbildung und Wehrdienst in der Sowjetunion

Während seines dreijährigen Wehrdienstes, den er mit 19 begann, entschied er sich für die gefährliche Ausbildung zum Tiefsee-Taucher. Es reizte ihn das Ungewisse, die Unvorhersehbarkeit. Bildlich unvorhersehbar waren die Tiefen des Schwarzmeers, die Strömungen am Bosporus, die Wellen bei Gibraltar, sowie die schlammigen Gewässer der Barentssee. Mit seiner Ausrüstung, die bis zu 120 kg wog, versenkte er sich in Tiefen bis zu 160 Meter, wo er gemeinsam mit Kameraden aufwendige Projekte wie das Heben versunkener Schiffe realisierte. Jeder Fehler konnte fatale Folgen haben. Ein Kamerad verbrannte in der Tiefe, als durch ein Leck in der Gasleitung seiner Ausrüstung eine chemische Reaktion in Gang gesetzt wurde. Andere verloren durch die unberechenbaren Strömungen in der Tiefe den sicheren Halt an den schützenden Ringen der Steigleiter und wurden ohne Wiederkehr in die Dunkelheit gezogen. Ein falscher Handgriff bei der Dekompression, ein zu schnelles Auftauchen und die Druckschwankungen wären für den Körper tödlich. Einmal verloren sein Kamerad und er auf einem Einsatz den Funkkontakt zum rettenden Schiff. Sie saßen 16 Stunden ohne Nachricht auf einer Dekompressions – Plattform in 60 Meter Tiefe ohne zu wissen, ob das Schiff überhaupt noch auf sie wartete oder sie bereits aufgegeben hatte. Die Stunden alleine bei den zahllosen Dekompressions- Vorgängen in der Tiefe, in absoluter Stille haben Wowa viel Zeit zum Nachdenken gegeben. 

Das Meer

Aufgrund der Gefahren und der hohen körperlichen Anforderungen des Berufs hätte er als Taucher bereits nach 10 Jahren in Rente gehen können. Nach dem Wehrdienst heuerte er als ziviler Industrietaucher auf einem Schiff der Dnepr an. Insgesamt tauchte er leidenschaftlich über 15 Jahre. 
  
Mit dem Fall der Sowjetunion begann eine neue Zeit der Ungewissheit. Es gab kein Geld mehr, Löhne wurden nicht mehr gezahlt. Im Endeffekt war jeder auf sich allein gestellt und musste zusehen, wie er an Geld kam. Wowa erinnert sich, dass für ihn während der 2000er Jahre wieder Ruhe und so etwas wie Stabilität einkehrte. 

Sein Verhältnis zum jetzigen Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, war anfänglich erst von Skepsis geprägt. Die Absage des Präsidenten an ein Fluchtangebot der USA, er und die Ukraine bräuchten keine “Mitfahrgelegenheit sondern Waffen”, habe ihn schwer beeindruckt. Selenskyj kämpfe wie kein anderer Präsident für sein Land, sein Volk und habe die Ukraine und die Ukrainer wahrhaft in einer noch nie dagewesenen Form vereint. 

Was bleibt ist Dankbarkeit. Dankbarkeit für sein Leben, seine Familie, die ihm Kraft gibt und die Unterstützung im Ausland. Was ihn in Deutschland am meisten überrascht hat war die Qualität der medizinischen Versorgung und der empathische Umgang des Klinikpersonals mit ihm als Patienten. Er hätte sich nie vorstellen können, dass es diese Art medizinischer Versorgung überhaupt gibt. In Dortmund haben ihn die “knotigen” Bäume am Borsigplatz amüsiert. Über die Moral der Deutschen sei es noch zu früh für ihn sich ein Bild zu machen, außerdem: “Gehe man nicht mit eigener Satzung in ein fremdes Kloster”. 

Ukrainischer Flüchtling Volodymyr erzählt was er an seiner Heimat am meisten vermisst: Baden im Wald
Wowas Badestätte in Kiew: Frühling, Sommer, Herbst und Winter (Bilder zur Nutzung von Volodymyr überlassen)

An der Heimat vermisst er vor allem seine tägliche Spazier- und Baderoute auf einem waldigen Klostergelände in Kiew. Unbeirrt von Wetter und Jahreszeit spazierte oder joggte er dort jeden Tag und badete unbeeindruckt von Temperaturen zwischen plus und minus 25 Grad in den Wasserbecken neben den kleinen Kapellen. Märchenhaft sei es dort unter den gewachsenen Hallen der Bäume gewesen. Dort war sein Kopf frei und unbeschwert, dort tankte er Kraft und seine Seele konnte atmen.

Schon als Kind war die Natur für ihn wichtigster Anker. Seine Augen strahlen als er davon spricht wie er bei Besuchen und Sommerferien im Dorf die Natur erlebte, die unendlichen Felder, die bunte Vielzahl der Augenweiden, die Weite vom Himmel, wenn der Weizen wächst.

Auf die Frage, was er dem russischen Volk sagen würde, wenn er die Gelegenheit dazu hätte zuckt Wowa die Schultern. Er glaubt nicht, dass sie etwas verstehen, oder etwas des Gesagten annehmen könnten, da sie durch die manipulierten Medien “zombiert” seien. Vom russischen Militär hingegen wünscht er sich, dass sie “zur Besinnung” kommen. Sein Verhältnis zur russischen Sprache habe sich durch den russischen Angriffskrieg nicht geändert. Sowohl Russisch als auch Ukrainisch sind für ihn geliebte Muttersprachen, die er jeweils täglich spricht. 

Der Krieg hat Wowa wieder einmal gezeigt, welche Unvorhersehbarkeiten und unerwarteten Wendungen das Leben birgt. Er betet in Dankbarkeit zu Gott und wünscht allen Menschen von Herzen Glück, Gesundheit und Zufriedenheit. 

-Wenn du deine Geschichte ebenfalls gerne teilen und hier veröffentlichen möchtest oder jemanden kennst, der Interesse haben könnte, freu ich mich auf deine Mail an falkenundadler@gmail.com-


Это первое интервью из нашей новой серии, созданной в сотрудничестве с художником и фотографом из Дортмунда Клаусом Пфайффером (www.klauspfeiffer.com). Вместе мы хотим дать беженцам из Украины лицо и голос, дать им возможность поделиться своим опытом и открыть новые перспективы для читателей. Здесь вы можете найти текст в предварительной, автоматически переведенной русской версии:

Владимир (64 года, Киев)

«По ужасной иронии войны, хотя Путин принес стольким смерть и разорение,возможно, он дал мне перспективу к жизни».

Несколько недель назад Владимиру исполнилось 64 года. Он впервые провелсвой день рождения с семьей в Германии, ведь его сын еще в детстве эмигрировал в Германию с матерью. На следующий день после семейного праздника в планетарии, соответствующего тому, что его день рождения совпадает с днем рождения советского героя и космонавта Юрия Гагарина, Владимиру была назначена первая операция, и его пришлось госпитализировать на несколько недель.

Вова (как его называют семья и друзья), был прооперирован, ведь ему диагностировали рак толстой кишки 4 стадии. Это было обнаружено в конце прошлого года, когда он еще был в Украине. Там же, ему пообещали химиотерапию, старт которой был запланирован на 24 февраля 2022 года.

В Украине у химиотерапии очень сомнительная репутация. Уровень самоубийств среди пациентов огромен, потому что поставка необходимых обезболивающих препаратов не гарантирована, а немногочисленные доступные лекарства часто имеют такое низкое качество, что многие пациенты воспринимают смерть как избавление от сильной боли. Когда 24 февраля, в начале военного вторжения в Украину,Вова добрался в онкологическое отделение, несмотря на новости и отчетливо слышимые сирены и детонации, его прогнали, ведь все отделение еще до полудня уже было переоборудовано в военный госпиталь.

Безысходность в Украине заставила его бежать.Он знал, что если он хочет жить, ему придется обратиться за медицинской помощью за границей.  Все возможности Украины будут направлены на военных и

пострадавших от войны гражданских лиц. Этой мысли он придерживался, пока прощался с коллегами, друзьями и товарищами и вместе с женой Викторией упаковывал в машину самое необходимое и особенно котенка Бабулу.

Последние несколько лет Владимир работал в должности начальника службы безопасности, охраняя военную пищевую лабораторию, которая обеспечивала качество продуктов питания для Вооруженных сил Украины. Он ушел с наилучшими пожеланиями товарищей и коллег, все поняли ситуацию. Если он хотел жить, то он должен был уехать.

Прощание с его четырьмя верными немецкими овчарками было особенно трудным; они остались, чтобы охранять это место.

Несмотря на переезд, Владимир продолжает ежедневно поддерживать связь с родиной. У него каждый раз разрывается сердце, когда он разговаривает с товарищами, друзьями и даже членами их семей, которые служат в армии, а некоторые из них непосредственно на Восточном фронте. Он понимает, что требуется всего одна секунда, крошечный поворот судьбы, чтобы сделать этих людей вдовами или сиротами.

В то время как он перенес две сложные операции без хирургического вмешательства, он не может перестать думать о 32-х летней матери троих детей, которой тоже отказали в госпитализации в Киевском онкологическом центре. Женщине, как и ему, был диагностирован рак 4 степени. Вспоминая ее он постоянно задается вопросом, что же стало с ней и ее семьей. Вова очень религиозный человек и он каждый день благодарит Бога за свою жизнь. Он говорит, что ему больше не нужно ничего бояться, ему уже приходилось сталкиваться с самыми большими страхами. Еще до рака, войны и переезда, его жизнь была наполнена неопределенностью и непредсказуемостью.

Во время своей трехлетней военной службы, которую он начал в возрасте 19 лет, он решил пройти опасную подготовку глубоководного ныряльщика. Его тянуло к неизвестности, непредсказуемости. Глубины Черного моря, течения на Босфоре, волны у Гибралтара и мутные воды Баренцева моря были визуально непредсказуемы. Со своим снаряжением, которое весило около 120 кг, он погружался на глубину до 160 метров, где вместе с товарищами реализовывал такие сложные проекты, как подъем затонувших кораблей. Любая ошибка могла иметь фатальные последствия. Один товарищ сгорел на глубине, когда из-за утечки газа из его оборудования началась химическая реакция. Другие потеряли надежную хватку за защитные кольца вертикальной лестницы из-за сильных течений внизу и пропали без вести.

Неправильный маневр во время декомпрессии, слишком быстрый подъем и колебания давления были бы фатальными для организма. Однажды он и его товарищ потеряли радиосвязь со спасательным кораблем, выполнявшим задание. Они просидели 16 часов на декомпрессионной платформе на глубине 60 метров, не зная, ждет ли их еще корабль или они уже сдались. Часы наедине с бесчисленными декомпрессионными процедурами на дне, в абсолютной тишине дали Вове много времени на размышления.

Из-за опасностей и высоких физических требований к работе он мог уйти с работы водолаза всего через 10 лет. После службы в армии его наняли гражданским водолазом-промышленником на корабль на Днепре. В общей сложности он увлеченно нырял более 15 лет.

С распадом Советского Союза началась новая эра неопределенности.

Денег больше не было, зарплату перестали платить. В конце концов, каждый был предоставлен сам себе и должен был где-то находить деньги. Вова вспоминает, что в 2000-е к нему вернулось спокойствие и чувство стабильности.

Его отношения с действующим президентом Украины Владимиром Зеленским изначально характеризовались скептицизмом. Отказ президента от предложения бежать из США, заявив, что ему и Украине нужна не «поездка, а оружие», произвел на него большое впечатление. Зеленский борется, как никакой другой президент, за свою страну, свой народ и действительно беспрецедентным образом объединил Украину и украинцев.

Все, что теперь остается – это бесконечная благодарность. Благодарность за его жизнь, его семью, которая дает ему силу и поддержку за границей. Больше всего его удивило в Германии, так это качество медицинского обслуживания и чуткое отношение персонала клиники к нему как к пациенту. Он и представить себе не мог, что такой вид медицинской помощи вообще существует. В Дортмунде его

позабавили«сучковатые» деревья на Борзиг Плац. Ему еще рано иметь представление о нравственности немцев, а также: «Не ходи в чужой монастырь со своими уставами».

Больше всего в Германии он скучает по своим ежедневным прогулкам и купаниям на территории лесистого монастыря в Киеве. Невозмутимый погодой и временем года, он каждый день ходил туда пешком или бегал трусцой и купался в бассейнах рядом с небольшими часовнями. Его не смущала температурой от плюс до минус 25 градусов. Там, под выросшими чертогами деревьев, было как в сказке. Там его голова была свободна и беззаботна, там он перезаряжал свою

внутреннюю батарейку и его душа могла дышать. Еще в детстве природа была для него самой важной. Его глаза сияют, когда он рассказывает о том, как он наслаждался природой во время визитов и

етних каникул в деревне. Когда он говорит о бескрайних полях, о пестром множестве угощений для глаз, о необъятности неба, когда растет пшеница. 

На вопрос, что бы он сказал русскому народу, если бы ему представилась такая возможность, Вова пожимает плечами. Он не думает, что они могут что-то понять или извлечь из сказанного, потому что они «зомбированы» манипулируемыми СМИ. С другой стороны, он хотел бы, чтобы российские военные «опомнились». Его отношение к русскому языку не изменилось в результате агрессивной войны России. И русский, и украинский — его родные языки, на которых он говорит ежедневно.

Война еще раз показала Вове непредсказуемость и неожиданные повороты жизни. Он благодарно молится Богу и искренне желает всем счастья, здоровья и довольства.

-Если вы также хотите поделиться своей историей и опубликовать ее здесь или знаете кого-то, кто может быть заинтересован, я с нетерпением жду вашего ответа по адресу falkenundadler@gmail.com-