Ukraine Krieg

Ukraine Krieg- Landwirtschaft im Kriegszustand

Putins Landgrabbing in der Ukraine -Lebensmittelkrise und Hungersnöte

In meinem früheren Leben habe ich tatsächlich Agrarwissenschaften studiert. Ökologische Agrarwissenschaften um genau zu sein. Ich erinnere mich, dass vor rund 15 Jahren ein starker Diskurs um das sogenannte “Land-Grabbing” anfing. Einem Prozess, bei dem zunehmend reiche Länder bzw. Konzerne und stark im Wachstum befindliche Länder fruchtbare Regionen, ja ganze Landstriche in ärmeren Ländern aufkaufen oder für lange Zeiträume pachten, um so die Ernährungssituation der eigenen Bevölkerung zu sichern oder / und von steigenden Lebensmittelpreisen, vor allem in Krisenzeiten zu profitieren. 
Teil dieser Problematik waren immer schon Patente auf Saatgut, die Nutzung von gentechnisch veränderten Organismen, die Zulassung von bestimmten Pestiziden und Düngemitteln und die generelle Frage: Wem gehört eigentlich die Erde und wem das, was darauf wächst?

Symbolbild Planet Erde auf der Hand getragen

Was Putins Armee in der Ukraine betreibt, kann als Land-Grabbing im ganz großen Stil betrachtet werden. Unter dem Vorwand des “Entnazifizierungs”- Narrativs werden ganze Landstriche entvölkert und unbewohnbar gemacht. Die Absicht ist mir angesichts des Ausmaßes der Zerstörung unbegreiflich. Angriffe der russischen Armee zielen immer wieder auf die zivile Infrastruktur ab. Was hat Putin von leeren, unbewohnbaren Landstrichen? Russland erstreckt sich über solche Weiten, dass Putin es in Generationen nicht schaffen würde sein eigenes Land zu besiedeln wenn er es denn wollte. Wenn es um Land-Grabbing im Sinne der Ernährungssicherung der eigenen Bevölkerung und dem Profit aus steigenden Lebensmittelpreisen geht, warum zerstört er dann die Agrar-Infrastruktur, ja zielt sogar auf das genetische Saatgut Erbe der Ukraine ab (Angriff auf Saatgut Bank bei Charkiw)? Das Angebot, den Überfluss der Ukraine zerstören, damit die russischen Waren im Wert steigern? Krieg und Chaos in Ländern schaffen, die von ukrainischen Exporten stark abhängig sind und Russland mit seinen Exporten als Retter in der Not präsentieren? Schon jetzt sind die Gedanken an verhungernde Kindern und deren ebenfalls hungrige aber absolut machtlosen Eltern z.B. im stark betroffenen Jemen unerträglich. Unvorstellbar, dass dies erst der Anfang einer globalen Ernährungskrise ist. Putin und seine Schergen klauen jetzt schon tonnenweise ukrainisches Getreide und schleusen es unter Verschleierung der Herkunft zu Wucherpreisen auf dem Weltmarkt ein – Sarkasmus pur! Ukrainisches Getreide finanziert das Bombardement ukrainischer Städte! – Wir in Deutschland werden in absehbarer Zeit “nur” unter stark gestiegenen Preisen leiden. Grundsätzlich ist Deutschland durch die eigene landwirtschaftliche Produktion weitestgehend souverän, aber Experten schätzen bereits jetzt, dass weltweit rund 100 Millionen Menschen zusätzlich hungern werden!  Ein großer Teil dieser Menschen wird sich aus reiner Existenznot auf die Flucht begeben müssen um zu überleben. Wenn der Krieg in der Ukraine nicht zügigst gestoppt wird, erleben wir gerade erst die Spitze des Eisbergs!

Weizenfeld Ukraine

Die Ukraine verfügte zumindest vor dem Krieg über rund 41 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche (Acker- und Grünland), davon rund 32 Millionen Hektar Ackerland. Wegen des günstigen Klimas und der fruchtbaren und mächtigen Schwarzerde Vorkommen wurde die Ukraine in der Vergangenheit bereits die “Kornkammer der Sowjetunion” bzw. “Kornkammer Europas” genannt. Sie ist unter den 5 größten Weizenexporteuren (EU, Russland, Australien, Ukraine, USA) weltweit angesiedelt. Zahlreiche Länder sind auf den Import ausländischen Weizens angewiesen, Hauptabnehmer sind Länder wie Ägypten und Indonesien. Der hohe Nährwert bei gleichzeitig hervorragenden Lagereigenschaften und vielseitigen Zubereitungsmöglichkeiten macht Weizen unentbehrlich in der weltweiten Ernährungssicherung. 

Ölsaaten wie Raps und Sonnenblumen Knappheit durch Ukrainekrieg

Im Bereich der Ölsaaten wie Raps und vor allem Sonnenblumen ist die Ukraine Weltmarktführer, was sich tatsächlich allmählich auch in den hiesigen Supermärkten bemerkbar macht. War Sonnenblumenöl vor dem Krieg ein Artikel, der im Discounter preiswert für unter 1 € / Liter erworben werden konnte, so wurde mir letztens in demselben Discounter 750 ml Sonnenblumenöl für 4,99 € angeboten.  Ich kann auf andere Rezepte ausweichen, im Notfall auch auf Annehmlichkeiten verzichten, um mehr Geld für Lebensmittel zur Verfügung zu haben –  Millionen Menschen weltweit haben dieses Privileg nicht. 
Vor dem russischen Angriff arbeiteten rund ein Viertel der ukrainischen Bevölkerung in der Landwirtschaft auf schätzungsweise 90.000 landwirtschaftlichen Betrieben. Davon sind fast die Hälfte Pachtbetriebe mit durchschnittlich 1200 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche und rund 40% Subsistenz-Betriebe unter 1 Hektar Größe, die statistisch schwierig zu erfassen sind. Der Rest verteilt sich auf Groß-, Mittlere- und Kleinbetriebe. Alle diese Betriebe eint nun die Angst. 

Treibstoff zum Betrieb der landwirtschaftlichen Maschinen ist knapp oder überhaupt nicht mehr verfügbar, viele Mitarbeiter sind geflohen oder arbeiten nun an der Verteidigung der Ukraine, die Sorge ist groß die Tiere nicht mehr versorgen zu können. Wo nicht gesät und geerntet wird fehlt Geld für Saatgut, Dünger, Pestizide und Lohnzahlungen. Es gibt bislang noch keine Auskünfte und Kartierungen über den Niedergang von Blindgängern aus Artillerie, Raketen und Landminen, welche die Arbeit und das Leben von Mensch und Tier über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gefährden werden. Millionen Tieren steht die Notschlachtung bzw. in Ermangelung an Schlachthof Kapazitäten und Personal, der langsame Hungertod bevor. Es ist eine Abwärtsspirale biblischen Ausmaßes und so sehr ich nachdenke, ich kann keinen Sinn darin finden.

Errosion - unfruchtbarer Boden

Hinzu kommt, dass nun angesichts der Ernährungskrise wieder alte Forderungen aus dem Agrarlobby Bereich laut werden: Trotz aller Risiken soll wieder auf gentechnisch veränderte Organismen gesetzt werden, nicht zugelassene oder bereits verbotene Pestizide sollen die Ernten vor Schädlingen retten, der Anteil des Ökolandbaus soll verringert werden, da er angeblich weniger Erträge abwirft! Alles Diskussionen, die angesichts der unabschätzbaren Risiken und Umweltfolgen wie schnellere Erderwärmung, Auskreuzung der GMOs, mögliche und nachgewiesene Gesundheitsrisiken, Verlust der Biodiversität und Bienensterben, Verschlechterung der Bodenqualität im konventionellen Landbau, meiner Ansicht nach tabu sind! Das einzige, was uns langfristig als Menschheit das Überleben sichern kann, ist der menschliche Zusammenhalt, Solidarität über Landesgrenzen hinweg und Landwirtschaft im Einklang mit der Natur, im Sinne einer Kreislaufwirtschaft, die ohne chemischen Dünger und über weite Strecken transportierter Futtermittel auskommt. Dafür müssten wir alle unsere Ernährungsgewohnheiten überdenken, aber ich bin der Meinung, dass es sich lohnt und dass genau das ein Stückchen gelebte Solidarität wäre. Mit den Menschen der Ukraine, dem Jemen, den zukünftigen Generationen und ein ganz großer Stinkefinger in Putins Richtung. 
 

Sind die Russen für oder gegen den Ukraine Krieg?

Nazis, Neonazis & Faschisten

Bei der ganzen durch Putins Propaganda stattfindenden Geschichtsverdrehung und den vorherrschenden Fake-News in russischen Medien, finde ich es insbesondere im Hinblick auf Putins “Ukraine-Entnazifizierungs-Narrativ” sehr symbolträchtig, dass viele Ukrainer in Deutschland aufgenommen und gut versorgt werden. Die Ukraine hatte im Zweiten Weltkrieg extrem hohe Opfer, Verluste und Zerstörungen (Sewastopol u.a.) durch die Nazis zu beklagen, auf der anderen Seite jedoch einige der bekanntesten Kriegshelden der damaligen Sowjetunion hervorgebracht. Jetzt werden Ukrainer*innen unter dem wahnwitzigen Vorwand der “Entnazifizierung” getötet, gefoltert, vergewaltigt und vertrieben und landen hier in Deutschland im ehemaligen Nazi-Hotspot, während Putins Regime hierzulande durch die Linke und vor allem die Rechte besondere Unterstützung zu erfahren scheint. Währenddessen sind aus der Ukraine auch besonders viele jüdisch-ukrainische Flüchtlinge auf der Flucht vor Putins Krieg. Seit Jahrhunderten spielte die Ukraine als Zentrum der „Ostjüdischen Kultur“ eine große Rolle. Auch gab es in den letzten Jahren ein großes Bemühen die jiddische Sprache und die jüdische Kultur zu stärken (s. auch Juden in der Ukraine).

Ukraine Krieg Bilder zweiter Weltkrieg und Panzer

Putins Nazi-Narrativ

Schlimm ist es außerdem, wenn ein Feiertag wie der Sieg über Nazi-Deutschland am 9. Mai dazu missbraucht wird, um die aktuell stattfindende gezielte Zerstörung der zivilen Infrastruktur und Folterung, Vergewaltigung und Tötung von ukrainischen Militärs und Zivilisten medial zu Beschönigen. Es werden durch den russischen Angriff doch auch die Kinder und Enkel der Kameraden getötet, die einst beim Sieg über den Faschismus Seite an Seite kämpften, ungeachtet ihrer Herkunft! Ich denke bei den Kriegshelden des zweiten Weltkriegs z.B. an die weltbekannte Scharfschützin Ljudmila Pawlitschenko (*1916 Bila Zerkwa bei Kiew -1974 Moskau), deren beeindruckende Geschichte und Freundschaft mit Eleanor Roosevelt in dem Kriegsfilm “Red Sniper- Die Todesschützin” verfilmt wurde (2015, Werbung-Affiliate Link: Hier bei Amazon -Prime kannst du den Film während des Probezeitraums kostenfrei anschauen!). Der Film war eine gefeierte Koproduktion zwischen der Ukraine und Russland und hat Zuschauer in beiden Ländern gleichermaßen begeistert! Umso perfider ist die Propaganda-Strategie, alle Ukrainer als Nationalisten und Faschisten darzustellen, die “Ausrottung” aller Ukrainer zu verlangen, den Russen Maulkörbe durch das Verbot des Wortes “Krieg” anzulegen und Pazifisten pauschal als “Verräter” anzuprangern.

Wie kann innerhalb weniger Jahre dafür das Bewusstsein verloren gehen, dass die Großmütter und -väter einst zusammen erfolgreich gegen den Faschismus gekämpft haben! 

Wie sehr unterstützen die Russen den Ukraine Krieg?

Putin bediente sich des Nazi-Narrativs bisher sehr erfolgreich. Noch im März 2022 standen einer  SPIEGEL-Recherche zur Folge stehen rund 80% der Russen hinter Putins “Spezialoperation”, rund 50% der Russen gaben an, “Stolz” als dominierendes Gefühl in Bezug auf die russische Invasion zu empfinden. Nur 14% der Russen positionierten sich klar gegen den Krieg bzw. Putin, rund 6% sahen sich unentschlossen. Wir hatten und haben viel Kontakt zu russisch stämmigen Menschen und bis auf zwei traurige Ausnahmen, die uns tatsächlich zum Kriegsbeginn im Februar 2022 wortgewaltig zur „Entnazifizierung der Ukraine“ gratuliert haben, waren die anderen genauso entsetzt und hilflos wie wir. Es häufen sich Berichte, dass aufgeklärte Russen wegen der Repressionen scharenweise Russland verlassen. Mittlerweile, vor allem seit Beginn der Teilmobilisierung am 21. September 2022 bröckelt die Unterstützung für Putin in der russischen Bevölkerung. Ich befürworte jeglichen Protest gegen das Putinregime, allerdings wäre mir insgesamt wohler, wenn sich die Proteste der Bevölkerung gegen die russischen Politiker, die russischen Medien und den Angriffskrieg selbst richten würden. Statt dessen gilt der Protest und ein großer Teil der russischen Flüchtlingsbewegung von Kriegsdienstverweigerern vor allem den nicht-bezahlten Löhnen der frisch Rekrutierten, der schlechten Ausstattung, den fehlenden Waffen, den alten Armeefahrzeugen, dem schlechten Training und der mangelhaften Verpflegung der russischen Truppen. Dies bedeutet für mich im Umkehrschluss, dass diese „Protestler“ nichts gegen den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg einzuwenden hätten, wenn ihnen der russische Sieg durch eine bessere Ausstattung und Training gewiss wären.

Ethnische Säuberung im Ukraine-Krieg

Einige munkeln im Zusammenhang mit der Einberufungstaktik Moskaus von einer ethnischen Säuberung. Auffallend häufig werden die Einberufungen fernab von Moskaus und St. Petersburgs Eliten durchgeführt. So sollen Proteste durch die Zivilbevölkerung vermieden werden, da es überwiegend nicht-russische Minderheiten trifft, die als Kanonenfutter bei schlechter Ausrüstung, zweifelhafter Eignung und mangelhafter Vorbereitung an die Front geschickt werden. „Es häufen sich Berichte darüber, dass in den Republiken Burjatien, Tuwa, Dagestan, Kalmückien, Tatarstan, Altai oder Jakutien sämtliche Männer Einberufungsbefehle erhalten haben sollen.“ (taz, 26.09.2022) So werde bei der Einberufung weder auf das Alter der Männer, noch auf die gesundheitliche Eignung geachtet. Bei der Todesstatistik der gefallenen russisch-stämmigen Soldaten zeigt sich das eindeutig: Auf „einen gefallenen Moskauer kommen 87,5 Dagestaner, 275 Burjaten und 350 Tuviner“(taz, 26.09.2022) . Auch bei der Mobilisierung auf der durch Russland annektierten Krim, zeigt sich dieses Vorgehen. Von 5000 mobilisierten Zivilisten seien rund 80 Prozent der Bevölkerungsminderheit der Krimtartaren zuzuordnen (ebd.). Russland scheint also beim Kampf gegen den „Neofaschismus in der Ukraine“ selbst das Leben ethnischer Minderheiten geringer zu schätzen, als das Leben der ethnisch-russischen Bevölkerung. Auch zeigen sich bezüglich der Klassen deutliche Unterschiede, da viele Einberufene aus sehr armen Gebieten kommen. Ein noch größerer Hohn, dass Putins Regime dann ausgerechnet den Menschen den versprochenen Soldaten-Lohn verweigert, die mit ihren Angehörigen am meisten darauf angewiesen wären. 

Russen fliehen nach Georgien

Georgien ist wegen der erleichterten Einreisebestimmungen ein bevorzugtes Ziel der Russen. Im Gegensatz zu vielen Ländern, die die Einreise von Russen deutlich erschwert haben, bekommen Russen in Visa ohne Probleme ein einjähriges Visa. Obwohl unter den fliehenden Russen auch einige Oppositionelle sind, die in ihrer Heimat bereits nach Kräften gegen den Krieg mobilisiert und informiert haben, stehen die Georgier den einwandernden Russen insgesamt ablehnend gegenüber. Vermieter wollen nicht an Russen vermieten und viele Georgier regen sich über junge Russen auf, die sich „wie im Urlaub“ benehmen, offensichtlich Geld haben und den Krieg und die Verantwortung im Ausland aussitzen, statt zu Hause ihre Stimme gegen Putin zu erheben. Nach dem Georgien Krieg 2008 sind immer noch Teile Georgiens durch Pro-Russische Separatisten besetzt und die meisten Georgier befürchten ein Szenario wie nun in der Ukraine. Hinzu kommt, dass vor allem seit der Verkündung der Teilmobilisierung durch Putin am 21. September mittlerweile rund 250.000 russische Flüchtlinge, zumeist Männer, die Grenze nach Georgien überquert haben. Dadurch sind die Preise in kürzester Zeit um rund 40 Prozent in die Höhe geschossen, vor allem Mieten, Energie und Lebensmittel sind seitdem für viele Georgier unerschwinglich. 

zerstörtes ukrainisches Haus im Ukraine Krieg

Nur soll sich bitte niemand in Russland von den daheimgebliebenen (nach der hoffentlich erfolgenden, vernichtenden Niederlage des russischen Militärs) des anderen Weltkriegs-Narrativs berufen. Dem, “Wir haben von Nichts gewusst!”- Narrativ der Mitläufer und Ignoranten! Was damals schon unglaubwürdig erschien, ist im 21. Jahrhundert, im digitalen Zeitalter, in dem Informationen omnipräsent und überall verfügbar sind und die Ukrainer, westliche Länder und auch einige mutige Russen verifizierte Nachrichten rund um die Uhr online stellen, einfach unmöglich nachzuvollziehen. Es kann beim besten Willen kein Russe hinterher behaupten: “Wir haben von Nichts gewusst”. 80% der Russen stehen hinter Putins “Spezialoperation”. Ich kann nur hoffen und beten, dass die 14% der Russen, die sich klar gegen den Krieg bzw. Putin positionieren, die übrigen Russen aufwecken und von ihrer Mittäterschaft abbringen! Mir tut es in der Seele weh, wie in einer absurden Reality-Show live zu verfolgen, wie zwei Brüder-Völker durch Massen-Manipulation der russischen Medien für Jahrzehnte, wenn nicht über Generationen hinweg zu Feinden werden. 

Ein für mich herausragendes Beispiel für innerrussischen Protest ist die russische Journalistin Marina Owsjannikowa. Sie selbst hat vor dem Hintergrund des Tschetschenienkriegs als Kind eine Flucht miterleben müssen. Trotz jahrelanger Arbeit als “gut funktionierendes Rädchen der russischen Propagandamaschine” als Journalistin beim Kreml-treuen Sender “Perwy kanal” (erster Kanal) sei beim russischen Angriff auf die Ukraine bei ihr endlich der Punkt erreicht gewesen, an dem sie sich vor lauter Scham, so lange Teil dieses Lügensystems gewesen zu sein, aufraffte und beschloss in einer Live-Sendung zu protestieren. Die Bilder von ihr, wie sie ein Plakat mit den Worten “NOWAR – Остановите войну –  не верьте пропаганде – здесь вам врут – RUSSIANS AGAINST WAR” („Kein Krieg – Beenden Sie den Krieg – Glauben Sie der Propaganda nicht – Hier werden Sie belogen – Russen gegen den Krieg“) hochhielt, gingen um die ganze Welt. Sie ist für mich das Beispiel von einer Person, die persönlich und wider besseren Wissens zum Bestehen und Wachsen des System Putins beigetragen hat. Dennoch hat sie angesichts der Ungeheuerlichkeit dieses Krieges den Mut geschöpft alle Sicherheiten, Vorteile und Annehmlichkeiten, die ihre Arbeit ihr, als alleinerziehende Mutter, gegeben hat aufzugeben. Gerade vor dem Hintergrund der verschärften Strafen (neues Mediengesetz- bis zu 15 Jahre Haft), Blockierung ausländischer Medieninhalte und dem Wissen um in der Vergangenheit getötete kritische Journalist*innen (Anna Politkowskaja 2006, Anastassija Baburowa 2009) und des beinahe getöteten, mittlerweile inhaftierten Kreml-Kritikers Alexei Nawalny, finde ich ihren Protest bemerkenswert.

Ihre Aktion scheint zu rufen: ”Seht her, wenn ich, bisher Teil des Systems mich gegen die Propaganda stellen kann, dann könnt ihr das auch!” 

-UPDATE: Ungeachtet möglicher Repressionen hat sich Marina Owsjannikowa erneut mit einer Protestaktion gegen das russische Regime gestellt (Juli 2022). Mit Plakaten auf denen „Putin ist ein Mörder“, stand und „Seine Soldaten sind Faschisten.“, sowie „Wie viele Kinder müssen noch sterben, bis ihr aufhört?“ stand sie wohl in Sichtweite des Kremls in Moskau auf der Straße. Owsjannikowa wurde daraufhin von der Moskauer Polizei verhaftet. Seit dem Vorkommnis im Juli stand sie unter Hausarrest und durfte keine Kommunikationsmittel verwenden. Ihr drohte eine Anklage wegen „Verbreitung von Falschinformationen“ über die russische Armee auf die bis zu 10 Jahre Haft stehen. Ende Oktober 2022 schaffte sie auf bisher unbekanntem Weg die gemeinsame Flucht aus Russland mit ihrer Tochter. 

Flaggen Russland und der UkraineWeiterführende Links zum SPIEGEL, ZEIT und mdr:


Putins Ukraine Krieg – Vorboten und Nachwirkungen

Ukraine Krieg – Die Vorboten.


2013 formten sich unter der Euromaidan- Bewegung Proteste in der Ukraine gegen die damalige Regierung. Auslöser war die überraschende Erklärung der damaligen Kabinetts Asarow II, das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen. Am 18.März 2014 hat Putin völkerrechtswidrig die ukrainische Halbinsel Krim annektiert. Am 15.Februar 2015 wurde das Minsker Abkommen (Minsk II) geschlossen, mit dem die Unruhen in der Ostukraine beschwichtigt werden sollten. Nach mehreren Übergriffen der russischen Küstenwache auf ukrainische Schiffe und der Sorge vor einer russischen Invasion wegen massivem Truppenaufgebot an der Grenze zur Ukraine, wurde in der Ukraine ab dem 26.November 2018 ein 30-tägiger Ausnahmezustand verhängt. Am 21.Februar 2022 unterzeichnete Putin ein Dekret, womit er die Unabhängigkeit der besetzten ukrainischen Gebiete anerkannte. Am 24.Februar 2022 griff Russland die Ukraine dann völkerrechtswidrig an.
Eurpoa Euromaidan Ukraine Kiew

Jetzt ist Krieg.

Hätten wir es aus den Ereignissen vorhersehen können? Hätten unsere Politiker es verhindern können? Hat die Welt zu lange weggeschaut? Die Ukraine, die vielen Deutschen nicht oder nur bislang nur vage bekannt ist, von den wenigsten jemals als Reiseziel in Betracht gezogen und sogar oft wegen der verbreiteten russischen Sprache in einen Topf geworfene, wunderschöne Ukraine, ist heute so nah an Deutschland gerückt wie nie zuvor. Jeder kennt direkt oder um ein paar Ecken Ukrainer, plötzlich erzählt der Arzt mit belegter Stimme, das sein Schwager Ukrainer ist, die IT-Studentin die das Tutorium leitet kommt doch auch aus Kiew, Omas Fußpflegerin, bringt doch immer Speck aus der Ukraine mit, der Postmann liefert das Paket am Tag des Kriegsbeginns mit geröteten Augen und gesenktem Blick ab, höre ich da nicht einen vertrauten Akzent?
Krieg Ukraine

Wir sind alle betroffen.

Und auch die, die niemanden aus der Ukraine, auch nicht um ein paar Ecken kennen sehen die Bilder und sind – sprachlos, entsetzt, berührt und hilflos. Die Angst um Angehörige, Bekannte, Freunde. Die Angst um Menschen, die man nicht mal kennt. Die Wut auf einen so sinnlosen und grausamen Krieg. Das Bewusstsein, dass alles endlich ist. Ein Stück unserer Normalität unseres Selbstverständnisses ist weggebrochen. Die Sicherheit und Souveränität Europas bedroht. Eine humanitäre Katastrophe globalen Ausmaßes: Tote, Verwundete, Waisen, verwaiste Eltern, entwurzelte Menschen auf der Flucht und im erbitterten Kampf. Drohende Hungersnöte, weil die Weizenpreise explodieren. Angst vor einer nuklearen Katastrophe. Die Ohnmacht.
Flüchtlinge Ukraine Kind auf Koffern
Die Hilfsbereitschaft. 

Von der Lähmung zur Handlung. Viele Menschen organisierten bereits in den ersten Kriegstagen private Hilfskonvois, sammelten Geld- und Sachspenden, räumten vorausschauend Zimmer leer, registrierten diese bei Organisationen und Stadtverwaltungen und fuhren z.T. sogar selbst an die überfüllten Grenzen, um Menschen mit Bussen und PKWs abzuholen. Einige organisierten Deutsch-Kurse oder Vernetzungstreffen, einige Menschen gingen auch soweit, sich bis an die Zähne bewaffnet ins Kriegsgebiet zu begeben und dort auf der Seite der Ukrainer zu kämpfen. Die deutsche Bundesregierung schickt Geld, Hilfsgüter und mittlerweile auch (schwere) Waffen. Insgesamt ist wirklich eine Solidarität und Einigkeit auf allen vorstellbaren Ebenen zu spüren, die ich so noch nicht erlebt habe. 

Demo für Frieden in der Ukraine

Selbst in diesem furchtbaren Krieg mitten in Europa und trotz persönlicher Betroffenheit, staune ich, wie standhaft die ukrainische Armee und Bevölkerung ist, versuche mich über schöne Momente mit den Menschen, die jetzt bei uns sind zu freuen und versuche die Zeit trotz Heim-bzw. Fernweh für alle so gut zu gestalten, wie es nur irgend möglich ist. 
Ich verfolge die Nachrichten, die Verschiebungen der Gebiete unter ukrainischer bzw. russischer Kontrolle, die Anzahl der Getöteten auf beiden Seiten, die “Friedensgespräche” der Politiker und die Anzahl der zerstörten russischen Panzer, Flugzeuge und Schiffe. Als ob das irgendetwas ändert, oder ob man ab einer bestimmten Zahl zerstörter Waffen und Fahrzeuge oder getöteter Soldaten ein sicheres, baldiges Ende dieses Krieges abschätzen kann! Meine Seele zerspringt beim Gedanken an die gefolterten Menschen in Butscha, mein an Herz zerreißt, sobald mir die Bilder der eingeschlossenen Kämpfer im Stahlwerk bei Mariupol in den Sinn kommen. Ich möchte mich ablenken, denke jedoch, dass wir diesen verzweifelten Soldaten zumindest ein paar Gebete schuldig sind. Es ist dieser Zynismus des Krieges, der mich auffrisst.
Ukrainischer Soldat verzweifelt vor ukrainischer Flagge
Die moralische Unvereinbarkeit “dabeizustehen” während man live durch die Nachrichten mitverfolgen kann, wie diese Menschen einem gewaltsamen Tod ins Auge blicken und gleichzeitig über Belanglosigkeiten reden, mich an einem leckeren Brokkolisalat erfreuen, meine Küken in der Sonne spielen und aufwachsen sehen dürfen. Es ist zum Verzweifeln und ich hoffe einfach nur mit jeder Faser meinen Leibes auf ein schnelles Ende des Kriegs und bete für Souveränität und den Wiederaufbau der Ukraine!
 

Ukraine Krieg und Flucht – Plötzlich Großfamilie

Ukraine Krieg bring ukrainische Verwandte und Freunde nach Deutschland

Ich möchte hier nach langer Pause weiter berichten. Mich bewegen die Schicksale. Für mich sind das nicht Nachrichten die mich schockieren, so wie die Bilder aus Kriegsgebieten wo ich die Länder noch nicht selbst bereist habe, vielleicht nicht einmal Menschen kenne die dort her kommen. Das ist schon schlimm und man spendet und überlegt sich Hilfsangebote. Doch irgendwie ist es abstrakter. Diesmal ist es für mich ein persönlicher Angriff auf meine Familie auf meine Werte. Putin hat die Heimat meines Falkens, das zweite Heimatland meiner Küken angegriffen. Städte und Menschen zerstört und getötet die ich kennen und lieben lernen durfte. 

Symbolbild Russland Ukraine Krieg und Flucht

Nach fast drei Wochen der Ungewissheit, des Hoffens und Bangens hatten wir endlich die (Stief-)Schwester meines Falkens zur Flucht “überreden” können. Sie war noch nie in Deutschland gewesen, ihr einziger Auslandsaufenthalt, in Tschechien bei einer Tante, war ihr schlecht in Erinnerung geblieben und zudem groß ihre Heimatverbundenheit und das Unrechtsempfinden, dass mit diesem Überfall auf ihr Zuhause einhergeht. Irgendwann überwog vermutlich die rationale Überlegung, dass Deutschland für sie und ihre Tochter der sicherere Ort ist. “Dort können wir nichts für dich tun!- Idi ka me (komm zu mir)!” Dieser verzweifelte Satz unter Tränen brach in einem Gespräch aus meinem Falken raus zusammen mit dem Versprechen ihre Flucht zu organisieren und sie in Polen abzuholen. 

Mit finanzieller Unterstützung aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis konnten wir in kürzester Zeit einen 9 Sitzer organisieren und mein Falke fuhr mit seinem Schwiegervater los. Durch einige – im Nachhinein unglückliche – Entscheidungen war auch meine in Deutschland wohnende Schwiegermutter zum Zeit des Kriegsbeginns in Kiew zu Besuch bei ihren Freundinnen. 

Ich organisierte in Windeseile die Küken zu meinen Eltern und fing wie manisch an, weiter aufzuräumen, Bettwäsche von Bekannten und Nachbarn zu erfragen, die neuen Gästezimmer herzurichten und einige Kleinmöbel- wie Kommoden zu kaufen. Mein Falke fuhr in dem Moment los, als Schwester, Mutter und seine 5-jährige Nichte nach 8 stündiger nervenaufreibender Fahrt von Kiev in Lemberg angekommen waren und erwarteten, sich Richtung polnischer Grenze zu begeben. Wie durch ein Wunder kamen sie schnell durch die Grenze und keine 25 Stunden nach dem Losfahren, kam der Sprinter voller Ukrainer wieder zurück nach Dortmund. Es war sogar noch Platz für eine weitere ukrainische Mutter mit ihren zwei Söhnen (8 und 16 Jahre alt) gewesen. Sie fuhren direkt weiter, um erstmal bei der Mutter meines Falken und seinem Stiefvater, ihrem Mann, unterzukommen. 

Kaum hatten wir Schwester und Nichte die Dusche gezeigt, sie gefüttert und mit dem Nötigsten versorgt, fielen die beiden und mein Falke in einen tiefen Schlaf. Groß war die Erschöpfung und die ganze Aufregung. Das war Donnerstag Abend. In der Zwischenzeit hatte sich für uns recht überraschend mein Schwiegervater mit seiner jetzigen Frau inklusive kleinem Kätzchen („Babulka“) angekündigt. Sie kamen nachts im eigenen Auto jedoch ohne Navi, ohne Internet irgendwo in Dortmund an und mussten bis zum Morgen warten, bis sie in Erfahrung bringen konnten, wo genau sie sich befanden, so dass wir sie endlich einsammeln konnten. Freitag morgens, im Morgengrauen, tranken wir ein wenig Tee zusammen und machten uns nachdem Schwester und Nichte wach waren, direkt auf um sie als Geflüchtete zu registrieren. 

Unsere Wohnung war nun quasi über Nacht das Zuhause einer Großfamilie im Patchwork Stil geworden. 

Ukrainische Familie in Deutschland Flüchtlinge Ukraine

Zusammenleben mit geflüchteten Ukrainern

Groß die Wiedersehensfreude, ein riesen Stück Erleichterung, schlechtes Gewissen den Zurückgebliebenen gegenüber, Unsicherheit im Umgang und Nachfrage mit den traumatisierenden Erlebnissen, die Sorge uns zur Last zu fallen – ein Potpourri der Gefühle und Gedanken. Stellvertretend für unsere Gehirne brachen erstmal sämtliche Rohrleitungen in unserer Wohnung zusammen. Alle Leitungen verstopften abwechselnd, das Treppengeländer brach ab und zeigte sinnbildlich unseren persönlichen Zustand.

Wir haben -im Gegensatz zu anderen- das unfassbare Glück unsere Familie größtenteils nun hier zu haben. Es ist schön, laut, traurig und lustig, entlastend und anstrengend. Herzzerreißend und von wahnsinniger Ohnmacht, wenn neue Nachrichten eintreffen und wieder jemand aus dem Bekanntenkreis von diesem sinnlosen Krieg aus dem Leben gerissen oder schwer verwundet wird. Es bleibt das unumstößlichen Versprechen, dass wir alles in unserer Macht stehende tun werden, um den Menschen zumindest hier zu helfen. 

UPDATE: Nach über 4 Monaten ist „unsere letzte“ Ukrainerin ausgezogen. Nun haben wir wieder mehr Privatsphäre, Zeit für uns und wie mein Küken betont „mehr Platz“. Trotz nervlicher Überbelastung bin ich froh, dass wir helfen konnten, auch wenn die Enge und blank liegenden Nerven zum Hochkochen einiger alter Konflikte geführt hat. Wir haben für 6 Menschen ein komplett neues Leben eingerichtet. Eine möblierte Wohnung für zwei gefunden, eine weitere Wohnung die wir selbst komplett eingerichtet haben, eine Dame ist mittlerweile zu Verwandten nach Tschechien weitergereist, eine Dame hat eine neue Liebe gefunden und ist bei dem sympathischen Herrn den wir uns genau angesehen haben eingezogen, eine jüngere Studentin haben wir in einer befreundeten WG untergebracht wo sie sich wohl fühlt und bereits die komplette Konversation (nach 4 Monaten Sprachkurs und täglichem exzessiven Lernens!) auf Deutsch führen kann. Es ist eine Erleichterung weitestgehend den Behördenkram abgearbeitet zu haben und zu sehen, wie die Ukrainer mittlerweile recht selbstständig in unserer Stadt unterwegs sind und sich trotz der Nachrichten aus der Heimat weitestgehend eingelebt haben. 

Als Ukrainisch-Deutsche Familie den Kriegsbeginn erleben

Die Ukraine vor dem Krieg

Lange war es still auf unserem kleinen Blog. Erst im Herbst letzten Jahres hatte ich alle meine wenigen Computerkenntnisse zusammengenommen und endlich meinen Traum eines Kultur und Reiseblogs verwirklicht. Schwerpunkt als Ukrainisch-Deutsche Familie, natürlich Osteuropa und vor allem die Ukraine. Als die Deutsche in unserer Familie war es mir ein besonderes Anliegen, dass hier zu Lande oftmals vorherrschende Bild über die Ukraine aufzubessern. “Das ist doch ein furchtbar armes Land?”, “Ihr wollt da hinfahren, im 5. Monat schwanger? Was ist wenn du zum Arzt musst?”, “Ist es dort überhaupt sicher?”, “Die Straßen da sind doch katastrophal, wie wollt ihr da mit eurem alten T3 durchkommen?” “Ist das nicht ein Teil von Russland?”… Nach etlichen, zum Teil längeren Aufenthalten kann ich rückblickend sagen, dass die Ukraine für mich ein kleines Paradies war.

Natürlich gab es Korruption, vor allem die Grenzbeamten waren jedes Mal enttäuscht, wenn sie von uns keinen Beitrag zur “Teekasse” herauspressen konnten. Und ja die Straßen waren zum Teil schlecht, jedoch konnte man die letzten 5 Jahre merken, dass alle Anstrengungen unternommen wurden die Situation zu verbessern. Jedes Jahr aufs Neue fuhren wir zum Teil mehrmals in die Ukraine und erfreuten uns sowohl an den neuen Straßen, als auch an den löchrigen Rumpelpisten auf denen unser Bulli wie ein altes Dampfschiff ins Schaukeln geriet und unsere Küken zuverlässig einwog. Es gab viele arme Menschen, doch auf dem Land hatten zumindest viele ein eigenes Haus und konnten den Großteil ihrer Lebensmittel aus Subsistenzwirtschaft decken. In den Städten verdienten sich viele Menschen ihr Zubrot zur Rente durch Flohmärkte am Straßenrand und den vielfältigsten Handel. Die Ukraine war bestimmt noch nicht dort angekommen wo sie sein sollte und meiner Ansicht nach hatte sie auch noch lange nicht den Platz in der Welt eingenommen der ihr zusteht. Nun gab es den Konflikt in der Ukraine schon so lange ich meinen Falken kenne und in die Ukraine mit ihm reise. Der Anblick von Soldaten, Truppen und manchmal auch Kriegsversehrten war mir in diesem Kontext in der Ukraine vertraut, aber wir hatten stets den Gedanken an eine mögliche Zuspitzung des Konflikts beiseite geschoben. Das fiel angesichts der Gastlichkeit, des Wiedersehens mit Freunden und Familie, der schönen Ausblicke und Ausflüge nicht schwer. 

Friedensdemo gegen Putins Krieg für Frieden in der Ukraine

Kriegsbeginn in der Ukraine

Als Putin am 24.02.2022 die Ukraine überfiel, stiegen in mir alle Bilder der letzten Jahre hoch. Die Nachrichten über Luhansk und Donezk. Soldaten und Panzer die Richtung Ostukraine zusammengezogen wurden. Die Einschusslöcher, die Gedenktafeln, die Blumen am Maidan in Kiew. Die beiden verwundeten Soldaten, die wir im Riesenrad in Kiew getroffen hatten. Ihr Blick. Die Verschärfung von Putins Wortwahl im vergangenen Jahr. Die Familien vom Bulli-Treffen in Odessa im Sommer. Die Familienväter, größtenteils der ukrainischen Armee zugehörig, selbst in der Sonne voll dunkler Vorahnung. Mein Gehirn mühte sich ab die alten und neuen Bilder in Einklang zu bringen. Völlig ungläubig ging ich mit meinem Falken die Neuigkeiten durch. Über russischsprachige und ukrainische Netzwerke bekommt er die Informationen rund 4-6 Stunden, bevor ich sie auf deutschen oder englischen Nachrichtenseiten finde. Bereits in den Wochen vor dem Krieg, als sich alles zuzuspitzen schien und wir unseren geplanten Besuch in Kiew vorsichtshalber absagten, gingen wir grob durch, wie wir Freunde und Familie im Zweifelsfall zu uns, nach Deutschland in Sicherheit bringen könnten. Zu dem Zeitpunkt glaubte von unseren Bekannten niemand ernsthaft, dass Putin und seine Berater einen offenen Krieg wagen würden. 

Karte der Ukraine mit russischen Panzern im Donbass

Als dann der Krieg in aller Brutalität und trotz etwaiger Vorzeichen völlig unvermittelt losging, setzte bei uns Fassungslosigkeit und eine absolute Hilflosigkeit, ja Ohnmacht ein. Wir versuchten alle Bekannten abzutelefonieren und herauszufinden, was wir tun könnten. 
Während die einen noch recht entspannt waren, auf Datschen fuhren, in der Hoffnung die Situation würde sich schnell beruhigen, waren andere schon längst im Zentrum der Gefechte, beantworteten Anrufe nur mit “Slava Ukraine- Schickt 4-Wheel-Drives und Munition”, waren andere bereits in Keller und Bunker geflüchtet, saßen andere in ihren Wohnzimmern und filmten scheinbar seelenruhig die Bombenangriffe auf den gegenüberliegenden Häuserblock. 
Es war aus der Ferne, hier aus dem sicheren Deutschland schon beinahe unerträglich sich Sorgen zu machen und so hilflos zusehen zu müssen. Wie Marionetten bewegten wir uns einige Tage wie ferngesteuert, versorgten unsere Kinder, redeten nur das Nötigste, erledigten irgendwie unsere Arbeit. Zwischendurch Nachrichten. Abends, die Kinder im Bett, kauerten wir uns auf dem Sofa zusammen, gingen weiter die Nachrichten durch, versuchten Kontakt mit Freunden und Familie aufzunehmen. Als ob man sie beschützen kann, indem man ihre Stimmen immer wieder hört. Die Nachrichten waren knapp. Krisenmodus, schlechter Empfang in den Kellern, keine nervlichen Kapazitäten zu reden. Geld konnte man schon keines mehr schicken um eine spätere Flucht vorzubereiten, die Banken und Geldgeschäfte waren- wie alles andere auch- geschlossen. Niemand wollte fliehen. “Das ist unser Zuhause!” – Diesen Satz hörten und lasen wir unzählige Male. 

Ukrainisches Mädchen in traditioneller ukrainischer Tracht

Menschen in und aus der Ukraine helfen

Ich weiß nicht wie lange diese unwirkliche Lähmung andauerte. Ich raffte mich irgendwann auf, ahnend, dass Menschen aus der Ukraine in Deutschland würden ankommen werden. Ich räumte das Rümpelzimmer auf dem Dachboden auf. Ich entschied, dass mein Arbeitszimmer (bestehend aus meinem Schreibtisch, etlichen Aktenordnern und einem unsortierten Haufen Papiere bestehend) eben so gut im Durchgangszimmer zum Flur aufgehoben wäre. Freunde meines Falkens halfen mir beim Möbelschleppen. 

Nun haben wir endlich ein paar Verwandte und Freunde zu uns holen können. Hier werden wir über ihre und unsere Erfahrungen berichten. Wir hoffen so weiter Mut machen zu können, einen Weg aus der Ohnmacht zu finden und weiter den Fokus auf das furchtbare Geschehen aus einem persönlichen Blickwinkel zu lenken und irgendwie Hilfe zu leisten, die ankommt.