Putins Landgrabbing in der Ukraine -Lebensmittelkrise und Hungersnöte









Einige munkeln im Zusammenhang mit der Einberufungstaktik Moskaus von einer ethnischen Säuberung. Auffallend häufig werden die Einberufungen fernab von Moskaus und St. Petersburgs Eliten durchgeführt. So sollen Proteste durch die Zivilbevölkerung vermieden werden, da es überwiegend nicht-russische Minderheiten trifft, die als Kanonenfutter bei schlechter Ausrüstung, zweifelhafter Eignung und mangelhafter Vorbereitung an die Front geschickt werden. „Es häufen sich Berichte darüber, dass in den Republiken Burjatien, Tuwa, Dagestan, Kalmückien, Tatarstan, Altai oder Jakutien sämtliche Männer Einberufungsbefehle erhalten haben sollen.“ (taz, 26.09.2022) So werde bei der Einberufung weder auf das Alter der Männer, noch auf die gesundheitliche Eignung geachtet. Bei der Todesstatistik der gefallenen russisch-stämmigen Soldaten zeigt sich das eindeutig: Auf „einen gefallenen Moskauer kommen 87,5 Dagestaner, 275 Burjaten und 350 Tuviner“(taz, 26.09.2022) . Auch bei der Mobilisierung auf der durch Russland annektierten Krim, zeigt sich dieses Vorgehen. Von 5000 mobilisierten Zivilisten seien rund 80 Prozent der Bevölkerungsminderheit der Krimtartaren zuzuordnen (ebd.). Russland scheint also beim Kampf gegen den „Neofaschismus in der Ukraine“ selbst das Leben ethnischer Minderheiten geringer zu schätzen, als das Leben der ethnisch-russischen Bevölkerung. Auch zeigen sich bezüglich der Klassen deutliche Unterschiede, da viele Einberufene aus sehr armen Gebieten kommen. Ein noch größerer Hohn, dass Putins Regime dann ausgerechnet den Menschen den versprochenen Soldaten-Lohn verweigert, die mit ihren Angehörigen am meisten darauf angewiesen wären.

Ihre Aktion scheint zu rufen: ”Seht her, wenn ich, bisher Teil des Systems mich gegen die Propaganda stellen kann, dann könnt ihr das auch!”
-UPDATE: Ungeachtet möglicher Repressionen hat sich Marina Owsjannikowa erneut mit einer Protestaktion gegen das russische Regime gestellt (Juli 2022). Mit Plakaten auf denen „Putin ist ein Mörder“, stand und „Seine Soldaten sind Faschisten.“, sowie „Wie viele Kinder müssen noch sterben, bis ihr aufhört?“ stand sie wohl in Sichtweite des Kremls in Moskau auf der Straße. Owsjannikowa wurde daraufhin von der Moskauer Polizei verhaftet. Seit dem Vorkommnis im Juli stand sie unter Hausarrest und durfte keine Kommunikationsmittel verwenden. Ihr drohte eine Anklage wegen „Verbreitung von Falschinformationen“ über die russische Armee auf die bis zu 10 Jahre Haft stehen. Ende Oktober 2022 schaffte sie auf bisher unbekanntem Weg die gemeinsame Flucht aus Russland mit ihrer Tochter.
Weiterführende Links zum SPIEGEL, ZEIT und mdr:




Ich möchte hier nach langer Pause weiter berichten. Mich bewegen die Schicksale. Für mich sind das nicht Nachrichten die mich schockieren, so wie die Bilder aus Kriegsgebieten wo ich die Länder noch nicht selbst bereist habe, vielleicht nicht einmal Menschen kenne die dort her kommen. Das ist schon schlimm und man spendet und überlegt sich Hilfsangebote. Doch irgendwie ist es abstrakter. Diesmal ist es für mich ein persönlicher Angriff auf meine Familie auf meine Werte. Putin hat die Heimat meines Falkens, das zweite Heimatland meiner Küken angegriffen. Städte und Menschen zerstört und getötet die ich kennen und lieben lernen durfte.

Nach fast drei Wochen der Ungewissheit, des Hoffens und Bangens hatten wir endlich die (Stief-)Schwester meines Falkens zur Flucht “überreden” können. Sie war noch nie in Deutschland gewesen, ihr einziger Auslandsaufenthalt, in Tschechien bei einer Tante, war ihr schlecht in Erinnerung geblieben und zudem groß ihre Heimatverbundenheit und das Unrechtsempfinden, dass mit diesem Überfall auf ihr Zuhause einhergeht. Irgendwann überwog vermutlich die rationale Überlegung, dass Deutschland für sie und ihre Tochter der sicherere Ort ist. “Dort können wir nichts für dich tun!- Idi ka me (komm zu mir)!” Dieser verzweifelte Satz unter Tränen brach in einem Gespräch aus meinem Falken raus zusammen mit dem Versprechen ihre Flucht zu organisieren und sie in Polen abzuholen.
Mit finanzieller Unterstützung aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis konnten wir in kürzester Zeit einen 9 Sitzer organisieren und mein Falke fuhr mit seinem Schwiegervater los. Durch einige – im Nachhinein unglückliche – Entscheidungen war auch meine in Deutschland wohnende Schwiegermutter zum Zeit des Kriegsbeginns in Kiew zu Besuch bei ihren Freundinnen.
Ich organisierte in Windeseile die Küken zu meinen Eltern und fing wie manisch an, weiter aufzuräumen, Bettwäsche von Bekannten und Nachbarn zu erfragen, die neuen Gästezimmer herzurichten und einige Kleinmöbel- wie Kommoden zu kaufen. Mein Falke fuhr in dem Moment los, als Schwester, Mutter und seine 5-jährige Nichte nach 8 stündiger nervenaufreibender Fahrt von Kiev in Lemberg angekommen waren und erwarteten, sich Richtung polnischer Grenze zu begeben. Wie durch ein Wunder kamen sie schnell durch die Grenze und keine 25 Stunden nach dem Losfahren, kam der Sprinter voller Ukrainer wieder zurück nach Dortmund. Es war sogar noch Platz für eine weitere ukrainische Mutter mit ihren zwei Söhnen (8 und 16 Jahre alt) gewesen. Sie fuhren direkt weiter, um erstmal bei der Mutter meines Falken und seinem Stiefvater, ihrem Mann, unterzukommen.
Kaum hatten wir Schwester und Nichte die Dusche gezeigt, sie gefüttert und mit dem Nötigsten versorgt, fielen die beiden und mein Falke in einen tiefen Schlaf. Groß war die Erschöpfung und die ganze Aufregung. Das war Donnerstag Abend. In der Zwischenzeit hatte sich für uns recht überraschend mein Schwiegervater mit seiner jetzigen Frau inklusive kleinem Kätzchen („Babulka“) angekündigt. Sie kamen nachts im eigenen Auto jedoch ohne Navi, ohne Internet irgendwo in Dortmund an und mussten bis zum Morgen warten, bis sie in Erfahrung bringen konnten, wo genau sie sich befanden, so dass wir sie endlich einsammeln konnten. Freitag morgens, im Morgengrauen, tranken wir ein wenig Tee zusammen und machten uns nachdem Schwester und Nichte wach waren, direkt auf um sie als Geflüchtete zu registrieren.
Unsere Wohnung war nun quasi über Nacht das Zuhause einer Großfamilie im Patchwork Stil geworden.

Groß die Wiedersehensfreude, ein riesen Stück Erleichterung, schlechtes Gewissen den Zurückgebliebenen gegenüber, Unsicherheit im Umgang und Nachfrage mit den traumatisierenden Erlebnissen, die Sorge uns zur Last zu fallen – ein Potpourri der Gefühle und Gedanken. Stellvertretend für unsere Gehirne brachen erstmal sämtliche Rohrleitungen in unserer Wohnung zusammen. Alle Leitungen verstopften abwechselnd, das Treppengeländer brach ab und zeigte sinnbildlich unseren persönlichen Zustand.
Wir haben -im Gegensatz zu anderen- das unfassbare Glück unsere Familie größtenteils nun hier zu haben. Es ist schön, laut, traurig und lustig, entlastend und anstrengend. Herzzerreißend und von wahnsinniger Ohnmacht, wenn neue Nachrichten eintreffen und wieder jemand aus dem Bekanntenkreis von diesem sinnlosen Krieg aus dem Leben gerissen oder schwer verwundet wird. Es bleibt das unumstößlichen Versprechen, dass wir alles in unserer Macht stehende tun werden, um den Menschen zumindest hier zu helfen.
UPDATE: Nach über 4 Monaten ist „unsere letzte“ Ukrainerin ausgezogen. Nun haben wir wieder mehr Privatsphäre, Zeit für uns und wie mein Küken betont „mehr Platz“. Trotz nervlicher Überbelastung bin ich froh, dass wir helfen konnten, auch wenn die Enge und blank liegenden Nerven zum Hochkochen einiger alter Konflikte geführt hat. Wir haben für 6 Menschen ein komplett neues Leben eingerichtet. Eine möblierte Wohnung für zwei gefunden, eine weitere Wohnung die wir selbst komplett eingerichtet haben, eine Dame ist mittlerweile zu Verwandten nach Tschechien weitergereist, eine Dame hat eine neue Liebe gefunden und ist bei dem sympathischen Herrn den wir uns genau angesehen haben eingezogen, eine jüngere Studentin haben wir in einer befreundeten WG untergebracht wo sie sich wohl fühlt und bereits die komplette Konversation (nach 4 Monaten Sprachkurs und täglichem exzessiven Lernens!) auf Deutsch führen kann. Es ist eine Erleichterung weitestgehend den Behördenkram abgearbeitet zu haben und zu sehen, wie die Ukrainer mittlerweile recht selbstständig in unserer Stadt unterwegs sind und sich trotz der Nachrichten aus der Heimat weitestgehend eingelebt haben.


